Harald Martenstein : Über die altmodische Idee, dass 2 + 2 immer 4 ist, und die Lehre aus dem Versuch, ein Dreieck auf einen Vanillepudding zu malen.

Dieser Artikel erschien am 09.06.2021 in DIE ZEIT
Harald Martenstein
Illustration: Ein Dreieck spiegelt sich in einem Pool
©Martin Fengel

In Mathematik war ich eher schwach. Deshalb begrüße ich politische Alternativen zu diesem Schulfach. Immer mehr Menschen halten Mathematik für ein zu bekämpfendes Symbol weißer Vorherrschaft.

Die Doktorandin Brittany Marshall aus Chicago scheint kurzfristig eine Art Greta Thunberg dieser Bewegung gewesen zu sein, inzwischen ist ihr Twitter-Account gelöscht. Berühmt wurde ihr Zitat: “Die Idee von 2 + 2 = 4 hat kulturelle Gründe.” Dass Millionen von Schülern seit Jahrhunderten bei der Aufgabenstellung “2 + 2” das Ergebnis “4” für alternativlos hielten, sei eine Folge von “westlichem Imperialismus/Kolonisierung.”

Über den unter Imperialismusverdacht stehenden Lehrsatz “Die Winkelsumme im ebenen Dreieck ist 180 Grad” sagte schon vor Jahren im Deutschlandfunk die Mathematikerin Susanne Prediger: “Sobald Sie ein Dreieck auf eine Orangenschale malen, stimmt das nicht mehr.” Wer ein Dreieck auf einen Vanillepudding gemalt hat, der anschließend in einer Zentrifuge geschleudert wurde, bekommt auch wieder eine andere Winkelsumme.

Predigers Kollege Jochen Brüning erklärte in derselben Sendung das Wort “Ethno-Mathematik” – so viele Völker, so viele Arten des Rechnens. Eine politisch unbelastete Alternative zu der Idee 2 + 2 = 4 hat zum Beispiel das Volk der Ute zu bieten, das im US-Staat Utah lebt. Statt Zahlen verwenden die Ute oft poetische Wendungen wie “Davon gibt es nichts mehr” (das heißt wohl “nichts oder sehr wenig”), “Es geht immer und immer weiter” (sehr viel) oder auch “ein paar”. Rechenbeispiel: Davon gibt es nichts mehr plus Davon gibt es nichts mehr ergeben ein paar. Rechnen funktioniert sogar ganz ohne Mengenbegriffe. Wenn man eine Schafherde durch ein kleines Tor treibt und für jedes Schaf ein Steinchen in einen Korb wirft, dann kann man auch ohne eine Verbeugung vor dem westlichen Kolonialismus herausfinden, ob am nächsten Tag noch alle Schafe da sind: Man nimmt für jedes Schaf wieder ein Steinchen aus dem Korb hinaus. Für Leute wie mich wäre diese Methode perfekt.

Die neue, antirassistische Mathematik hat inzwischen die Lehrpläne erreicht, zumindest in der Stadt Seattle, USA. Hier einige Fragen und Themen, die dort im Schulfach Mathe behandelt werden: Wie fühlt es sich an, Mathematiker zu sein? Wer bestimmt, was richtig ist? Analysiere, wie altes mathematisches Wissen von der westlichen Kultur angeeignet wurde. Untersuche, wie Mathe benutzt wird, People of Color zu unterdrücken. Welche Ängste haben wir vor Mathematik? Bei mir war es die Angst, Fehler zu machen. In Seattle heißt eines der Lernziele “Erkenne den mathematischen Wert von Fehlern”. Auf diese Weise werde Mathe “rehumanisiert”. Es hilft, damit Unterprivilegierte bessere Noten bekommen. Ob es auch im Arbeitsalltag und bei der Suche nach Jobs hilft, muss sich zeigen. Weil es fast immer so läuft, kommen Schulreformen dieser Art bestimmt bald auch in Deutschland an, zum Beispiel im SPD-Programm.

Seltsamerweise haben die Aktivisten den sexistischen Charakter von Mathematik noch gar nicht erkannt. Computer arbeiten meines Wissens mit dem binären System, also mit 1 und 0. Es gleicht dem überholten Geschlechterschema weiblich/männlich, etwas Drittes ist nicht vorgesehen. Erstaunlich finde ich, dass, obwohl Mathe ein westliches, weißes Unterdrückungskonzept sein soll, bei internationalen Vergleichen fast immer chinesische Kinder am besten abschneiden. Möglicherweise sind also auch die Himmelsrichtungen oder sogar das Land China eine fragwürdige, interessengesteuerte Konstruktion.