Toleranzfestival : Rassismus im Netz – eine Schule zeigt Flagge

Der Leiter der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim wird im Internet rassistisch beleidigt. René Mounajed lässt sich nicht einschüchtern und geht an die Öffentlichkeit. Der Vorfall löst eine Welle der Solidarität aus, die weit über Hildesheim, über Niedersachsen hinausreicht. Jetzt zeigt die Robert-Bosch-Gesamtschule mit einem Toleranzfestival Flagge. Bei der dreitägigen Veranstaltung gibt es mehr als 100 Workshops, Diskussionen und ein Konzert, bei dem der Musiker Jan Delay auftritt. Ein Besuch in der Schule kurz vor dem Festival.

Annette Kuhn / 19. September 2019
Lehrkräfte und Schüler vor der Schule in roten und blauen T-Shirts zum Toleranzfestival
#wirmiteinander: So lautet das Motto zum Toleranzfestival der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim. Es ist auch auf die roten und blauen T-Shirts gedruckt, die das Organsiationsteam trägt. In der Mitte (in blau) Schulleiter René Mounajed.
©Daniel Pilar
Schulleiter René Mounajed mit verschränkten Armen
Schulleiter René Mounajed hat sich durch die rassistischen Beleidigungen nicht einschüchtern lassen.
©Daniel Pilar
Foto im Flur der Robert-Bosch-Gesamtschule
Stein des Anstoßes: Das Foto entstand vor einem Jahr nach den Ausschreitungen in Chemnitz. Jetzt hängt es im Flur der Robert-Bosch-Gesamtschule. 1000 Lehrkräfte und ein großer Teil der Schülerschaft haben sich für die Aktion „Wir sind mehr" vor dem Schulgebäude fotografieren lassen.
©Daniel Pilar
Jugendliche auf Stufen vor dem Eingang der Robert-Bosch-Gesamtschule
Die Jugendlichen Morten, Nico, Johanna und Marie (v.l.) bei letzten Besprechungen vor dem Toleranzfestival.
©Daniel Pilar
orangefarbene Bändchen mit Schrift
Jeder Teilnehmer eines Workshops bekommt beim Toleranzfestival ein Einlassbändchen.
©Daniel Pilar

Auf dem ovalen Tisch im Büro des Schulleiters liegen Plakate, Flyer, ein Sack mit Einlassbändchen. Laptops. Es riecht nach Kaffee. Am Tisch sitzen der Schulleiter René Mounajed, drei Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und ein ehemaliger Abiturient. Hier geht es nicht um Lehrpläne oder Prüfungen, sondern um Sicherheitshinweise, Kartenverkauf und Moderationen.

Nur noch wenige Tage sind es bis zum Toleranzfestival, das die Robert-Bosch-Gesamtschule vom 19. bis 21. September in Hildesheim auf die Beine stellt, und es ist noch eine Menge zu organisieren. Und obwohl gerade große Pause ist, wird hier am Tisch weitergearbeitet. Mehr als 2.500 Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrkräften werden zum Toleranzfestival in Hildesheim erwartet. Sie kommen vor allem aus Hildesheim und der Region, aber auch aus Hannover, aus Braunschweig, aus ganz Niedersachsen.

Workshops zu Toleranz und Demokratie

Die Veranstaltung mit mehr als 100 Workshops und Podiumsdiskussion hat eine Dimension, die weit über das hinausgeht, was eine Schule für Feste, Wettbewerbe oder Tage der offenen Tür normalerweise organisieren muss. Die Beteiligten, die hier am ovalen Tisch sitzen, sind so etwas wie ehrenamtliche Eventmanagerinnen und -manager. Sogar ein Konzert stellen sie auf die Beine – und holen dafür einen der ganz großen Musiker nach Hildesheim: Jan Delay. Allerdings ist es ja auch kein normales Schulkonzert. Es gibt für das Toleranzfestival einen Anlass, der weit über die Stadt hinaus für Aufsehen und Empörung gesorgt hat.

Es waren Herbstferien, Schulleiter René Mounajed saß gerade im Zug, als er eine E-Mail vom Hildesheimer Oberbürgermeister Ingo Meyer bekam. Er erfuhr, dass die AfD eine Anfrage gestellt hatte, ob Mounajed „Minderjährige instrumentalisiert“ habe. Als Reaktion auf die Ausschreitungen in Chemnitz Ende August 2018 hatte der Schulleiter gemeinsam mit anderen Unesco-Schulen zu einer Fotoaktion aufgerufen: Etwa 1.000 Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte waren diesem Aufruf gefolgt und ließen sich vor der Schule mit dem auf Papptafeln geschriebenen Motto „Wir sind mehr“ fotografieren. Die AfD in Hildesheim hielt das für unzulässig. Das prüfte die Landesschulbehörde und kam zu dem Schluss: Die Fotoaktion war rechtmäßig, zumal die minderjährigen Schülerinnen und Schüler nur mit aufs Bild durften, wenn die Eltern zuvor zugestimmt hatten.

Ein ganzer Ordner voller Diffamierungen

Eigentlich hätte der Vorfall damit beendet sein können. War er aber nicht. In den folgenden Wochen wurde René Mounajed im Internet angegriffen und beleidigt. Inzwischen hat sich ein ganzer Ordner mit Diffamierungen gefüllt. Bis heute. „Ich lese das nicht mehr“, sagt der 43-Jährige. Er versucht, das alles ein Stück weit von sich zu halten. Vielleicht hat er auch schon genug gelesen. „Der Name dieses Schulleiters stinkt für mich förmlich nach Überfremdung und Islamisierung sowie Landnahme durch Fremdkultur“, schrieb zum Beispiel der Nutzer „Erbsensuppe mit fettem Schweinefleisch“ auf der Internetseite „PI-News“. Wegen seines Namens – sein Vater kam vor 50 Jahren zum Studium aus Syrien nach Deutschland – wurden Mounajed sogar Verbindungen zur Islamistenszene unterstellt, andere forderten seine Absetzung.

Irgendwann reichte es dem Pädagogen, der seit 2018 die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim leitet. Er erstattete Anzeige. „Es war an der Zeit, Flagge zu zeigen“, sagt er. Der Staatsschutz schaltete sich ein und ermittelte wegen Volksverhetzung und Beleidigung. Der Ermittlungserfolg blieb allerdings aus, weil unklar blieb, wer sich hinter Pseudonymen wie „Erbsensuppe“ verbirgt. Der Schulleiter ging auch an die Öffentlichkeit. Er schrieb an die Eltern seiner Schülerinnen und Schüler: „Wir dürfen uns solche Verbalentgleisungen nicht gefallen lassen.“

Es ist kein Festival gegen die AfD. Wir wollen einen Diskurs schaffen: Was ist Toleranz? Wie definiert jeder von uns Toleranz?
René Mounajed, Direktor der Robert-Bosch-Gesamtschule

Bald brachte die Schülervertretung die Idee für ein Toleranzfestival ein, und nach wenigen Tagen war es schon beschlossen. „Es ist kein Festival gegen die AfD. Wir wollen einen Diskurs schaffen. Was ist Toleranz? Wie definiert jeder von uns Toleranz?“, erklärt der Schulleiter das Ziel der dreitägigen Veranstaltung. Er will auch die Schülerinnen und Schüler motivieren, aus der Komfortzone zu treten, sich für demokratische Werte stark zu machen. Mounajed setzte selbst ein Zeichen, er ist inzwischen in die SPD eingetreten: „Ich muss Engagement doch vorleben.“

Schweigen würde zur Robert-Bosch-Gesamtschule – eine der größten Schulen in Niedersachsen – auch nicht passen. Sie zeichnet sich durch eine große Offenheit und soziales Engagement aus. In Afrika hat sie zum Beispiel eine Krankenstation aufgebaut, in der jedes Jahr einige Jugendliche der Schule ein Praktikum machen. Und sie ist eine der Unesco-Projektschulen, die sich besonders für Weltoffenheit einsetzen. 2007 hat die Schule den Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung erhalten.

Ministerpräsident und Kultusminister beim Toleranzfestival

In der Schulgemeinschaft stehen Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler in sehr engem Austausch. Darum verwundert es auch nicht, dass Eltern und Schülerschaft nach den Anfeindungen gemeinsam einen Brief an die AfD verfasst und sich geschlossen hinter René Mounajed gestellt haben. Und die Solidaritätsbewegung ging weit über die Schule hinaus. Auch der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) stellte sich hinter die Schule und ihren Direktor.

Tonne nimmt auch zusammen mit dem Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) zum Auftakt des Festivals am Donnerstagabend an einer Podiumsdiskussion teil. Im Vorfeld der Veranstaltung sagte Tonne dem Deutschen Schulportal: „Wir erwarten vermutlich das größte schulische Festival für Toleranz und Demokratiebildung in der Geschichte Niedersachsens.“ Ihm sei es wichtig, bei dem Festival dabei zu sein und den Schulen, die sich „im toleranten Miteinander für Demokratie und Partizipation und mit Intoleranz gegen Ausgrenzung und Menschenverachtung engagieren“, den Rücken zu stärken. „Es gibt keinen besseren Ort als die Schule, um diese tolerante Streitkultur zu leben“, so die Überzeugung des niedersächsischen Kultusministers.

Jan Delay kommt nach Hildesheim – ohne Gage

Der große Zuspruch beeindruckt René Mounajed. „Es gab Momente in den vergangenen Monaten, in denen ich sprachlos war“, sagt er. Zum Beispiel als sich sein Kollegium vor der Schule in der gleichen Aufstellung wie bei der Aktion „Wir sind mehr“ hat fotografieren lassen. Das Foto hängt jetzt in seinem Büro. Sprachlos war er auch, als 33 Schulleiterinnen und Schulleiter aus Hildesheim und der Region zur Robert-Bosch-Gesamtschule kamen, um ihre Solidarität zu bekunden. Und als der Manager von Jan Delay anrief und sagte, der Künstler würde nach Hildesheim kommen – ohne Gage.

Es war der Wunsch der Schülerinnen und Schüler, beim Toleranzfestival auch ein Konzert mit einem namhaften Künstler zu organisieren. Sie hatten viele angefragt, aber nur Absagen bekommen, wenn auch sehr freundliche. Auch Jan Delay hatte erst abgesagt. Aber dann hatte er es sich offenbar doch anders überlegt, er will ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit setzen. Im Vorprogramm spielt er gemeinsam mit Schülerbands.

Die Vorbereitung läuft ehrenamtlich neben dem normalen Schulbetrieb

In den letzten Tagen vor dem Festival wird noch die Werbetrommel für das Konzert gerührt. Am ovalen Tisch im Schulleiterbüro werden schnell Verkaufsstände für die großen Pausen organisiert. Schülervertreter Nico schreibt eine Nachricht in die Gruppe. Kurze Zeit später hat er schon das Verkaufspersonal zusammen. „Aber habt ihr überhaupt eine Kasse?“, fragt der Schulleiter.

Es sind viele kleine Bausteine und ein großer Einsatz, die so ein Festival überhaupt möglich machen. Zumal ja die ganze Vorbereitung neben dem normalen Schulbetrieb läuft – und das ehrenamtlich. Seit Monaten treffen sich Schulleiter Mounajed, einige Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und Ehemalige regelmäßig, um Workshops zu planen, Sicherheitsfragen zu klären, den Kartenverkauf zu organisieren oder Sponsoren anzufragen.

Plakat zum Toleranzfestival: Großaufnahme eines Auges

Der Erlös aus dem Kartenverkauf – fünf Euro pro Konzertkarte, 2,50 Euro für die Teilnahme an einem Workshop – reicht natürlich längst nicht aus, um das ganze Festival auf die Beine zu stellen. Das Echo war groß, viele Unternehmen aus der Region unterstützen das Vorhaben der Gesamtschule. Und an vielen Orten hängen jetzt die Plakate für das Toleranzfestival: die Großaufnahme eines Auges, auf den Wimpern bunter Farbstaub. „Er steht für die Vielfalt, das Auge für den offenen Blick“, so die Interpretation von Oberstufenschülerin Johanna.

Die große Pause ist fast vorbei. Alle müssen jetzt zum Unterricht. Schulleiter René Mounajed lässt eine Geschichtsklausur schreiben. Thema: Revolutionstheorien in der Auseinandersetzung mit Hannah Ahrendt, die einmal gesagt hat: „Politische Fragen sind viel zu ernst, um sie den Politikern zu überlassen.“ Die Worte klingen wie ein Motto für das Toleranzfestival. Und auch René Mounajed hat eine Vision: „Es wäre schön, wenn das Toleranzfestival über die Schule, über Hildesheim, ja, vielleicht über Niedersachsen hinaus Strahlkraft hat.“ Vielleicht wird es regelmäßig Toleranzfestivals an Schulen geben. Vielleicht wächst etwas anderes daraus. Der Anfang ist in Hildesheim gemacht.

Auf einen Blick

  • Das Programm zum Toleranzfestival, zu den Workshops und zum Konzert gibt es unter https://toleranzfestival.de/
  • Die Robert-Bosch-Gesamtschule ist mit 1.500 Schülerinnen und Schülern eine der größten Schulen in Niedersachsen. Sie wurde 2007 mit dem Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet.
  • Auf dem Schulportal gibt es Videos und Materialien zu den erfolgreichen Konzepten der Robert-Bosch-Gesamtschule: „Elternmitarbeit im Ganztag“ und „Schülerfeedback“.
  • Die Robert-Bosch-Gesamtschule ist eine von weltweit 11.500 Unesco-Projektschulen, von denen es 300 in Deutschland gibt. Sie setzen sich besonders für Frieden, Weltoffenheit und nachhaltige Entwicklung ein.