Desinformation im Krieg : „Lehrkräfte brauchen eine TikTok Literacy“

Schülerinnen und Schüler informieren sich über den Krieg in der Ukraine verstärkt auf der Video-App TikTok. Aber viele Videos enthalten Falschinformationen. Das Schulportal hat mit TikTok-Forscher Marcus Bösch darüber gesprochen, wie Lehrkräfte im Unterricht das Thema Fake News auf TikTok behandeln können und wieso die Plattform gerade auf junge Menschen eine so große Faszination ausübt.

Annette Kuhn 17. März 2022 Aktualisiert am 04. Mai 2022
TikTok App auf dem Smartphone
Vor allem junge Menschen nutzen TikTok. Auch über den Krieg in der Ukraine informieren sie sich auf der App.
©IMAGO

Deutsches Schulportal: Ein großer Teil der Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine findet zurzeit über TikTok statt. Wieso spielt die Plattform gerade jetzt so eine wichtige Rolle?
Marcus Bösch: TikTok war auch schon vorher sehr erfolgreich und relevant, aber das war medial noch nicht so durchgedrungen. Die Plattform hat immerhin weltweit eine Milliarde Nutzerinnen und Nutzer, die sie allein in den vergangenen drei bis vier Jahren gewonnen hat.

Woher kommt dieser Erfolg von TikTok?
TikTok ist derzeit eine der erfolgreichsten Video-Apps, mit der man sehr einfach und sehr schnell vertikale Videos anfertigen und konsumieren kann. Und vertikale Videos konsumieren inzwischen alle, die im Besitz eines Smartphones sind. YouTube war eher traditionell auf einem horizontalen Screen die dominierende App, und Instagram ist eine App, die weniger spezifisch ist. Ursprünglich hat sie sich auf Fotos konzentriert, dann kamen die Storys, jetzt werden auf Instagram auch TikTok-ähnliche Kurzvideos gepostet. TikTok ist da viel präziser. Hier dominieren kurze Videos – wobei TikTok die maximale Länge jetzt auf zehn Minuten hochgesetzt hat.

TikTok basiert auf rohem Quellmaterial

Wie und was wird auf TikTok über den Krieg in der Ukraine berichtet?
Auf TikTok finden wir ein fragmentiertes, chaotisches Bild der gegenwärtigen Situation. Das liegt daran, dass alle Menschen in der Region, die ein Smartphone haben, zunehmend auch auf TikTok publizieren. Zudem fühlen sich Nutzerinnen und Nutzer weltweit berufen, das, was sie irgendwo an Material zum Krieg oder an Solidaritätsbekundungen finden, auf TikTok ebenfalls zu teilen. Die Bandbreite reicht von Bildern, die Soldaten mitten in einem Gefecht anfertigen, über Videos, die Menschen schicken, die sich in einem Keller verschanzt haben, bis hin zu Berichten von der Flucht.

TikTok-Video von einer Flucht aus der Ukraine nach Polen

Solche Bilder können real sein. Aber es gibt auf TikTok auch viele Posts, die manipuliert, die fake sind. Wie kommt das?
Das Problem ist, dass jede und jeder auf der Plattform publizieren kann. Wir haben hier keine Gatekeeping-Funktion, wie sie Medien im 20. Jahrhundert hatten. Dort kamen die Informationen über den Agenturticker, und die Agentur hat vorher nach dem Quellen- oder dem Vier-Augen-Prinzip die Informationen überprüft.

Das alles gibt es auf TikTok nicht. Hier haben wir rohes Quellmaterial. Und wir haben auch viele Videos und Fotos, die überhaupt nicht aus der Ukraine stammen und die auch nicht neu sind. Da gibt es zum Beispiel das Video eines Fallschirmjägers, der sich filmt, während er angeblich über der Ukraine abspringt. Tatsächlich ist dieses Video aber bei einer Militärübung 2014 entstanden. So lassen sich auch leicht Desinformationskampagnen steuern.

TikTok-spezifisch ist außerdem das Remixen von Sounds. Es ist ganz einfach, einen Sound auf ein Video zu legen. Das hat jetzt dazu geführt, dass viele Menschen Sounds aus dem Kriegsgebiet oder auch aus einer anderen Quelle verwenden und mit Videos mixen. Das sieht dann aus wie ein realer, glaubhafter Augenzeugenbericht, ist aber eine Desinformation.

Manche Videos zum Krieg kommen gar nicht aus der Ukraine

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Es gibt einen Sound, der eigentlich von einem Fußballspiel stammt. Da ist Pyrotechnik und Geschrei zu hören. Diesen Sound legt ein User auf ein verwackeltes Video, das er aus einem Fenster heraus gedreht hat. Am Schluss des Videos lässt er das Handy fallen oder rennt weg und schreibt dazu: „Hier bei mir ist jetzt Krieg.“ Wenn man sich aber den Account anschaut, stellt man fest, dass dieser User gar nicht in der Ukraine, sondern zum Beispiel in Vilnius ist.

Wie lässt sich erkennen, ob ein Video auf TikTok echt oder gestellt ist?
Da gibt es einige Hilfsmittel, um festzustellen, ob die groben Parameter stimmen. Zum Beispiel lässt sich der Sound unter jedem Video antippen, und man kommt dann zum Originalvideo, also zumindest zu dem Video, zu dem er das erste Mal ausgespielt wurde.

Auf dem Video selbst gibt es keine Zeitmarke, aber man kann auf den Account gehen und schauen, ob das Video wirklich neu oder schon Wochen oder sogar Jahre alt ist und jetzt vom Algorithmus hochgespült wurde, nur weil auf dem Video ein Panzer zu sehen ist.

Man kann sich auf dem Account auch andere Videos anschauen, die in zeitlicher Nähe gepostet wurden. Wenn die Urheberin oder der Urheber sich am selben Tag in der Ukraine und in Deutschland filmen, passt das nicht zusammen.

Auch ein Blick in die Kommentare ist hilfreich. Vielleicht haben andere ein Video auf einem Account schon debunked, also als Fake entlarvt und darauf hingewiesen, dass das Material aus einer anderen Quelle stammt.

Faszinierend ist an TikTok auch, dass die Anzahl der Follower nicht mehr wichtig ist.

Unter vielen Beiträgen gibt es auch Spendenaufrufe – wie funktionieren die und was steckt dahinter?
Wie bei jedem Streaming-Dienst gibt es auch bei TikTok die Funktion des Live-Streamings. Andere Userinnen und User können die live gestreamten Videos kommentieren und auch sogenannte Micro-Donations vergeben. Dafür kann man sich digitale Abbildungen kaufen – zum Beispiel eine Rose oder eine Goldmünze. 100 Rosen oder Goldmünzen kosten ungefähr einen Euro oder einen Dollar. Die Symbole werden dann während des Live-Streams an die Creatorinnen und Creator des Live Streams verteilt. Wenn die Reichweite groß genug ist, kommen innerhalb einer Stunde durchaus 100 oder 1.000 Euro zusammen. Und bei geloopten Videos, also Videos, die in Dauerschleife automatisiert ausgespielt werden, kann die Summe noch viel größer sein. Dagegen geht TikTok aber inzwischen stärker vor als am Anfang des Krieges.

Nutzer von TikTok sind jünger als auf anderen Plattformen

Was macht TikTok für Kinder und Jugendliche so attraktiv?
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist TikTok eine sehr dialogische App. Es gibt zum Beispiel die Duett-Funktion, die es ermöglicht, auf ein Video mit einem anderen Video zu antworten. So können zwei Kinder zum Beispiel zusammen tanzen. Mit solchen Tanzvideos und Lipsing-Videos – also Videos, bei denen ein Song läuft und man mit seinen Lippenbewegungen so tut, als würde man ihn selbst singen – ist TikTok auch groß geworden.

Faszinierend ist an TikTok auch, dass die Anzahl der Follower nicht mehr wichtig ist. Anders als bei Twitter, Facebook oder Instagram beruht das Grundprinzip von TikTok darauf, dass jedes Video – und das kann auch das allererste Video eines neu aufgesetzten Accounts sein – immer an zehn fremde Nutzerinnen und Nutzer ausgespielt wird. Auf der Grundlage deren Reaktion entscheidet die App dann, ob das Video an weitere Leute ausgespielt wird oder ob es in diesem kleinen Radius bleibt. Wenn also viele das Video anschauen, kommentieren oder Donations vergeben, kann das Video schnell viral gehen, auch wenn der Account überhaupt keine Follower hat. Das ist ein viel größerer Anreiz, Inhalte zu produzieren.

Welche Altersgruppe ist vor allem auf TikTok unterwegs?
TikTok gibt dazu keine Zahlen raus, man fischt also ein bisschen im Trüben. Generell sind die Userinnen und User bei TikTok aber jünger im Vergleich zu anderen Plattformen. Die größte Gruppe ist wohl jünger als 24 Jahre. Allerdings altert die Plattform genau wie alle anderen rasant.

Lehrkräfte sollten die App selbst mal anschauen und sich mit ihr beschäftigen, um zu wissen, was da überhaupt passiert. Sonst landet man schnell wieder bei dieser Killerspieldebatte, die meistens von Menschen geführt wird, die noch nie in ihrem Leben selbst ein Computerspiel gespielt haben.

Ab welchem Alter ist die Nutzung von TikTok offiziell erlaubt?
Auf dem Papier ist TikTok sehr restriktiv. Man kann erst ab 13 Jahren einen Account erstellen, und bis zum Alter von 18 Jahren sind die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Zum Beispiel können Minderjährige keine öffentlichen Kommentare empfangen. Das Problem ist aber, dass keiner die Altersangabe bei einem neuen Account prüft.

Videos im Unterricht miteinander vergleichen und kritische Fragen stellen

In welcher Weise sollte Lehrkräfte im Unterricht TikTok behandeln?
Erst einmal brauchen sie eine entsprechende Digitalkompetenz, eine „TikTok Literacy“. Lehrkräfte sollten die App selbst mal anschauen und sich mit ihr beschäftigen, um zu wissen, was da überhaupt passiert. Sonst landet man schnell wieder bei dieser Killerspieldebatte, die meistens von Menschen geführt wird, die noch nie in ihrem Leben selbst ein Computerspiel gespielt haben.

Dann sollte man ins Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern kommen, sich von ihnen Videos zeigen lassen, die sie bewegen, die sie mögen und bei denen sie vielleicht auch selbst Zweifel haben.

So kann man im dritten Schritt einen kritischen Denkprozess anstoßen und kritische Fragen stellen: Was sehe ich hier eigentlich? Wer postet das? Mit welchem Interesse? Stimmt das überhaupt, was ich sehe? All diese Fragen lassen sich perfekt am „lebenden Objekt“ diskutieren.

Wie könnte eine Unterrichtsstunde aussehen, bei der Schülerinnen und Schüler lernen, in der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg Fake News auf TikTok zu erkennen?
Lehrerinnen und Lehrer könnten sich mit ihren Schülerinnen und Schülern drei oder fünf verschiedene Accounts anschauen, die über den Ukraine-Krieg Videos eingestellt haben, und sie wie oben beschrieben analysieren und herausfinden, wenn das Video oder der Sound ursprünglich in einem anderen Kontext genutzt wurde.

Man kann auch verschiedene Videos zu einem konkreten Vorfall miteinander vergleichen: Man nimmt zum Beispiel einen Augenzeugenbericht, ein Video von einem bekannten Nachrichtensender und ein Video von einem Account, der Desinformationen verbreitet. Die findet man zum Beispiel auf dem Account der Agentur „Red Fish“, bei der nachweislich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorher bei dem inzwischen gesperrten Sender „Russia Today“ (RT) gearbeitet haben und die klar prorussische Propaganda betreibt.

Man könnte auch über verschiedene Videos von Red Fish diskutieren und die Schülerinnen und Schüler dabei herausfiltern lassen, was daran Propaganda ist. Um sie unvoreingenommen an diese Aufgabe herangehen zu lassen, können Lehrkräfte den Urheber erst einmal abkleben.

Zur Person

  • Marcus Bösch publiziert, unterrichtet und berät als Researcher und zertifizierter Dozent.
  • Er veröffentlicht einen wöchentlichen TikTok-Newsletter.
  • An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg arbeitet Bösch als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Forschungsprojekt zum Thema Desinformation.
Marcus Bösch TikTok Forscher