Thomanerchor : Singen im Ausnahmezustand

Im März wurde es still bei den Thomanern. Singen im Chor war wegen der Corona-Pandemie untersagt – das galt auch für einen der berühmtesten Knabenchöre weltweit. Doch mit einem ausgeklügelten Hygienekonzept und einer Teilung des großen Chors in sechs Kantoreien kann der Thomanerchor wieder proben und auftreten – zumindest eingeschränkt. Wie das funktioniert, hat sich das Schulportal vor Ort angeschaut und angehört und die Jungen einen Tag lang begleitet – vom Biologieunterricht am Morgen bis zur Stimmbildung am Nachmittag.

Annette Kuhn / 14. September 2020
Thomanerchor Jungen bei der Probe
Draußen fühlt es sich zwar nicht ganz so an wie in der Thomaskirche, aber die Jungen im Thomanerchor sind froh, dass sie überhaupt wieder mal in größerer Besetzung singen können.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor
Zuletzt konnte der Thomanerchor Anfang März in voller Besetzung in der Thomaskirche auftreten.
©Thomanerchor

An diesem Montag Anfang September ist ein ganz besonderer Tag für die Thomaner: Seit Monaten, seit dem Shutdown im März, singt der berühmte Knabenchor aus Leipzig erstmals wieder in voller Stärke in einem Gottesdienst. Und doch ist an diesem Tag eine Woche nach Schulbeginn alles anders.

Die Jungen stehen nicht wie sonst in der Kirche, sondern draußen vor dem Fußballplatz des Internats, oder besser Alumnats, wie es hier mit der historischen Bezeichnung genannt wird. Vor ihrem Auftritt gab es auch keine Proben in voller Besetzung, sie singen jetzt vom Blatt. Und die „Kieler Blusen“, die Matrosenanzüge, die sie sonst bei ihren Auftritten tragen, sind in der Kleiderkammer geblieben.

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Und doch ist den Jungen die Freude anzusehen, als sie auf den Stufen vor dem Fußballplatz stehen und im Outdoor-Gottesdienst zum Schuljahresbeginn bei strahlender Sonne „Lobe den Herren“ und „Jesu, meine Freude“ anstimmen. Dabei lassen sich weder die Jungen noch ihr Kantor Gotthold Schwarz von der gleich neben dem Sportplatz vorbeischeppernden Straßenbahn ablenken.

Musik stiftet Gemeinschaft, hebt die Stimmung und sorgt für Struktur

Vielleicht hängt diese Ruhe auch damit zusammen, dass sie in den vergangenen Monaten längst gelernt haben, zu improvisieren, um überhaupt singen zu können. Denn während Chorgesang in den Schulen der meisten Bundesländer weiterhin verboten ist, durften die Thomaner schon vor den Sommerferien wieder singen. Zumindest ein bisschen. In kleiner Besetzung. Unter Beachtung strengster Sicherheitsvorkehrungen.

Thomanerchor zwei Schüler
Für die Jungen im Thomanerchor hat sich das Leben seit Beginn der Corona-Krise sehr verändert. Nur allmählich kehrt wieder Normalität in ihren Alltag ein.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor Jungen bei der Probe
Beim Gottesdienst zum Schuljahresbeginn singen die Jungen vom Blatt. Proben in großer Besetzung konnten sie wegen der Corona-Pandemie bislang nicht.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor
Kurze Probe für den Gottesdienst zum Schuljahresbeginn. Wegen der Corona-Pandemie singt der Thomanerchor in diesem Jahr vor dem Fußballplatz des Alumnats.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor Schule
Morgens beginnt der Tag für die Thomaner zum Beispiel mit Biologie in der Thomasschule, am Nachmittag dreht sich gegenüber im Alumnat alles um die Musik.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor Thomasschule
Auch in der Thomasschule, dem Gymnasium, das die Jungen besuchen, treffen sie schon im Eingangsbereich auf Johann Sebastian Bach. Die Musik des berühmtesten Thomaskantors steht im Mittelpunkt des Chores.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor Junge am Klavier
Am Nachmittag klingt aus allen Räumen des Alumnats Musik. Wenn gerade keine Probe ansteht, haben die Jungen Instrumentalunterricht oder Stimmbildung.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor Noten
Die Jungen im Thomanerchor müssen immer ihre Noten beieinander haben. Gesungen wird geistliche Musik, vor allem von Johann Sebastian Bach.
©Jasmin Zwick

Nach dem Shutdown waren auch die Thomasschule und das angeschlossene Internat zunächst geschlossen, die aktuell 97 Thomaner packten ihre Rucksäcke und Taschen und zogen wieder zurück in ihre Familien. Aber das war kein Zustand, der lange auszuhalten sein würde – das war allen Beteiligten schon am ersten Tag der Schulschließung klar.

Ohne Schule fehlt viel und ist das Lernen schwierig. Das haben Kinder, Eltern und Lehrkräfte überall seit Beginn der Corona-Krise schmerzlich festgestellt. Auch ohne Singen und gemeinsames Musizieren fehlt in allen Schulen viel. Musik stiftet Gemeinschaft, hebt die Stimmung und sorgt für Struktur.

Einen Tag ohne Singen gibt es im Thomanerchor nur, wenn man im Stimmbruch ist

Aber Thomaner ohne Singen – das ist unvorstellbar. Das ist so, als erteile man einem Leistungssportler Bewegungsverbot. Denn Singen ist hier die Basis für alles. Wer im Thomanerchor ist, singt schon seit Kindergartentagen und wird meist seitdem auch intensiv gefördert. Einen Tag ohne Singen gibt es eigentlich nur, wenn man im Stimmbruch ist.

Und die Thomaskirche ohne den hellen Klang der Knabenstimmen ist wiederum für die Leipziger unvorstellbar. Normalerweise singt der Chor dort fast jeden Freitag und Samstag eine Kantate. Meist von Johann Sebastian Bach. Der Komponist, der selbst einmal Thomaskantor war, ist hier omnipräsent. Und jetzt?

Man hört noch Bach, nur vielleicht etwas leiser. Der Chor ist kleiner. Dass das überhaupt geht, ist einem ausgeklügelten System zu verdanken, das das Team des Thomanerchors gleich vom ersten Tag der Schulschließung an entwickelt hat.

Thomanerchor Junge mit Mund-Nasen-Bedeckung
Die Thomaner haben Masken mit dem Logo des Chores. Die kommen bei den Jungen gut an.
©Jasmin Zwick

Eine Probe per Video verwandelt den Bach’schen Wohlklang in Katzenmusik

Die erste Idee war eine Chorprobe für alle per Konferenzschaltung, wenige Tage nach der Schulschließung. 70 Jungen waren dabei. Es blieb allerdings bei dem einen Versuch. Da reichte schon ein Bruchteil einer Sekunde Zeitverzögerung – schon wurde der Bach’sche Wohlklang zur Katzenmusik.

Stattdessen nahm der Thomaskantor Gotthold Schwarz Demo-Videos auf. „Und schon in der ersten Woche nach der Schulschließung haben wir mit Einzelunterricht per Tablet angefangen“, erklärt Alumnatsleiter Thoralf Schulze, der zugleich an der Thomasschule Latein unterrichtet. Das klappte offenbar besser.

Wir hatten den Ehrgeiz, dass jeder singende Thomaner bis zu den Sommerferien einmal auftreten kann.
Thoralf Schulze, Alumnatsleiter beim Thomanerchor

Als die Schulen dann wieder öffneten, wurde der Chor in sechs Kantoreien, also kleine Chöre, aufgeteilt, in denen jeweils etwa 14 Jungen waren. Entsprechend der Gruppentrennung sollten sich die Kantoreien nicht mischen. Das war Tüftelarbeit. In jeder Kantorei sollten ja alle Stimmen vertreten sein. Außerdem mussten die Jungen einer Kantorei auch den Gruppen entsprechen, die ab Mai wieder wechselweise in der Schule waren. Der Schulbetrieb wurde in A- und B-Wochen aufgeteilt, entsprechend mussten auch die Jungen einer Kantorei entweder zur A- oder B-Woche gehören, weil sie nur dann Präsenzunterricht hatten. Also gab es die Kantoreien A1, A2 und A3 sowie B1, B2 und B3. „Damit die Kantoreien aber nicht wie Autobahnen klingen, haben wir ihnen Ehrennamen gegeben – vor allem von früheren Thomaskantoren“, erklärt Schulze.

Thomanerchor Karl-Straube Kantorei
Wegen der Corona-Pandemie wurde der große Thomanerchor in sechs kleinere Kantoreien geteilt. Hier die Karl-Straube-Kantorei.
©Matthias Knoch
Thomanerchor
Normalerweise singt der Thomanerchor in der Thomaskriche in Leipzig, der Heimat des berühmten Knabenchores.
©Martin Freitag
Thomanerchor Thomaskantor Gotthold Schwarz
Seit vier Jahren ist Gotthold Schwarz Thomaskantor.
©Matthias Knoch

Probenpläne mussten nun nicht nur für einen, sondern für sechs Chöre gemacht werden

Im Mai, nach zweimonatiger Pause, ist die erste Kantorei zum ersten Mal wieder in der Thomaskirche aufgetreten. „Wir hatten den Ehrgeiz, dass jeder singende Thomaner bis zu den Sommerferien einmal auftreten kann“, so der Alumnatsleiter, und das habe auch geklappt. „Singender Thomaner“ heißt: ausgenommen die Jungen, die gerade im Stimmbruch sind.

Aber die Logistik hinter diesen Auftritten ist enorm. Probenpläne mussten nun nicht nur für einen, sondern für sechs Chöre gemacht werden. Das Hygienekonzept musste mit dem Gesundheitsamt abgestimmt werden. Jede Probensituation musste dafür dargelegt werden. Und dazu zählt auch, dass alle Mitglieder einer Kantorei 48 Stunden vor einem Auftritt einen Corona-Test machen. Nur wenn alle Tests negativ sind, darf der Chor auftreten. Schulze atmet tief durch: „Bislang gab es noch keinen positiven Test.“

Im Alumnat wird es abends still, nur ganz wenige Jungen übernachten zurzeit hier

Damit das so bleibt, gelten im Alumnat noch immer viele Vorsichtsmaßnahmen, auch wenn in der Thomasschule gegenüber nun fast wieder Regelbetrieb herrscht. So dürfen die Schüler aus Leipzig noch immer nicht im Alumnat wohnen. Nur die Auswärtigen, für die der Nachhauseweg am Abend zu lang wäre, bleiben da. Überall im Haus wird Maske getragen – auch beim Instrumental- und Gesangsunterricht behalten die Lehrkräfte sie auf. Die Jungen singen jetzt nicht neben dem Flügel, sondern auf Abstand vor einem Spiegel.

Thomanerchor Junge bei der Stimmbildung
Stimmbildung zu Corona-Zeiten: Konrad singt in einen Spiegel statt wie sonst neben seiner Lehrerin Alexandra Röseler am Flügel.
©Jasmin Zwick

Bei der Stimmbildung ist das eine ganz neue Erfahrung. Stimmbildnerin Alexandra Röseler zieht ihre Maske ständig runter und wieder rauf, um ihrem Schüler Konrad die richtige Mundhaltung zu zeigen. „Wir können auch keine Atemübungen machen, und ich kann nicht seine Haltung korrigieren“, sagt sie. Dass der Unterricht trotzdem funktioniert, erfordert viel Konzentration auf beiden Seiten. Mehr als ohnehin schon.

Aber eigentlich ist sie und sind alle hier froh, dass wenigstens wieder gesungen wird im Alumnat. Und alle haben die Hoffnung, dass die Kantoreien vielleicht irgendwann wieder größer werden können, dass vielleicht sogar alle mal wieder zusammen singen können. Nicht nur draußen auf dem Sportplatz, sondern auch in der voll besetzten Thomaskirche. Besonders die, die jetzt in ihrem letzten Schuljahr sind, wünschen sich das.

Das war doch bisher mein ganzes Leben – hier bin ich groß geworden. Es ist schade, das jetzt alles so zu verlieren.
Jan, Thomaner im letzten Schuljahr

Der 18-Jährige Zacharias, der im Frühjahr sein Abitur machen wird, hofft, dass es vielleicht im Oktober schon wieder so weit ist und sie dann auch wieder im Alumnat schlafen können. Und dem 17-jährigen Jan – auch er im letzten Schuljahr – wird durch die Situation schon viel früher bewusst, dass ihm ein großer Abschied bevorsteht: „Das war doch bisher mein ganzes Leben – hier bin ich groß geworden. Es ist schade, das jetzt alles so zu verlieren.“

Thomanerchor Schüler Zacharias
Zacharias wünscht sich, dass das alte Leben bald wieder ins Alumnat einzieht.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor Jonathan
„Vor allem die großen Proben vermisse ich", sagt Jonathan, der bisher nur wenige Wochen das „richtige" Thomanerleben kennenlernen konnte.
©Jasmin Zwick
Thomanerchor Schüler Jan
Jan ist in der zwölften Klasse. Durch die Corona-Krise ist ihm schon jetzt bewusst, dass er bald Abschied nehmen muss von seiner Kindheit und Jugend im Thomanerchor.
©Jasmin Zwick

Und auch die, die gerade erst im Thomanerchor angekommen sind, wünschen sich, dass es endlich richtig losgeht. „Vor allem die großen Proben vermisse ich“, sagt der zehnjährige Jonathan, der gerade mal ein paar Wochen „Kasten“-Leben mitbekommen hat, als es auch schon wieder vorläufig vorbei war. „Kasten“, so nennen die Jungen das Alumnat schon seit Generationen.

Manches wirkt beim Thomanerchor wie aus der Zeit gefallen

Der „Kasten“ ist ein Altbau, der erst zum 800. Jubiläum 2012 um einen lichtdurchfluteten modernen Anbau erweitert wurde. Alt trifft neu – das passt zu diesem Ort. Manches wirkt wie aus der Zeit gefallen. „Silentium“, ruft der Alumnatsleiter zum Beispiel beim Mittagessen, wenn er eine Ansage machen will. Und dann diese Kieler Blusen, also die Matrosenanzüge, die zu den Auftritten aus der Kleiderkammer geholt werden. Gerade hängen allerdings auch viele im Zimmer von Schneiderin Sabine Vogler. Sie muss gerade besonders viele Blusen und Hosen anpassen. Manche wurden ja seit Wochen oder Monaten nicht getragen, da hat vieles seinen Sitz verloren.

 

Thomanerchor Schneiderin mit „Kieler Blusen"
Schneiderin Sabine Vogler muss zu Beginn des Schuljahres viele „Kieler Blusen" anpassen.
©Jasmin Zwick

Dass stimmlich noch immer alles sitzt, dafür sorgt Thomaskantor Gotthold Schwarz, der selbst mal Thomaner war. Ziel ist es, die Thomaner über diese Zeit zu retten und das Niveau aufrechtzuerhalten. „Ich habe schon Sorge um den Bestand des Chors“, sagt er. Noch sei die Motivation groß, „aber man kann ja nicht mit allen Kantoreien gleich intensiv proben, wenn am Wochenende nur eine singt.“ Und das Repertoire sei ja auch eingeschränkt. Viele Kantaten ließen sich auch in kleinerer Besetzung singen, aber nicht die großen Passionen, das Weihnachtsoratorium.

„Ja, was wird an Weihnachten?“, das hat sich Schwarz schon oft gefragt in den vergangenen Wochen. Weihnachten ist immer ein ganz besonderes Fest für die Thomaner – mit der Musik und dem Gemeinschaftserlebnis im Alumnat. Da bleibt dann wohl nur die Hoffnung und die Zuversicht, mit der die Jungen beim Gottesdienst auf dem Fußballplatz singen: „Das nimmt ein gutes End.“

Auf einen Blick

  • Den Thomanerchor gibt es seit mehr als 800 Jahren. Mit dem Aachener Domchor, den Regensburger Domspatzen und dem Stadtsingechor zu Halle gehört er zu den ältesten Knabenchören in Deutschland. Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule bilden seit der Gründung 1212 eine Einheit und fußen auf dem Motto „Glauben, Singen, Lernen“.
  • 97 Jungen im Alter von 8 bis 18 Jahren gehören zurzeit zum Chor. Die Aufnahme in den Chor erfolgt in der vierten Klasse als Knabenstimme, und mit dem Abitur verlassen sie ihn als Männerstimme.
  • Etwa 80 Prozent der Thomaner kommen aus Leipzig. Das liegt vor allem daran, dass in der Stadt bereits in den Kindergärten nach Nachwuchs Ausschau gehalten wird und dann auch schon die stimmliche Förderung beginnt.
  • Am Ende der dritten Klasse erfolgt die Aufnahmeprüfung, und meist in der vierten Klasse ziehen die Jungen dann ins Alumnat. Für die Aufnahme in den Chor kommt es nicht nur auf die musikalischen Fähigkeiten an, sondern auch auf die schulischen Leistungen. Denn ab der fünften Klasse besuchen alle Jungen das gegenüberliegende Städtische Gymnasium, die Thomasschule. Eine Konfessionszugehörigkeit ist keine Voraussetzung. Im Chor sind Jungen verschiedener Religionen und Atheisten.
  • Die Ausbildung der Thomaner wird von der Stadt getragen. Das monatliche Entgelt für die Ausbildung und das Wohnen im Alumnat liegt bei 130 Euro.
  • Optisches Zeichen der Thomaner ist die „Kieler Bluse“, der Matrosenanzug. Die Kieler Bluse tragen die Jungen bei ihren Auftritten bis zum Stimmbruch, danach einen Anzug.