Film „Systemsprenger" : Die Wut der Verzweiflung

Die neunjährige Benni wird von Schule zu Lernprojekt, von Pflegefamilie zu Wohngruppe gereicht. Überall eckt sie mit unberechenbaren Gewaltausbrüchen an, niemand kommt mit ihr zurecht, keine Einrichtung der Jugendhilfe will sie mehr aufnehmen. Der Spielfilm „Systemsprenger“ der Regisseurin Nora Fingscheidt, der ab 19. September im Kino läuft, schildert dieses Drama sehr eindrucksvoll. Das Schulportal hat sich den Film gemeinsam mit einer Berliner Lehrerin angeschaut, die seit fast 20 Jahren an einer Förderschule arbeitet und schon viele Schülerinnen und Schüler erlebt hat, die ein ähnlich auffälliges Verhalten wie Benni zeigen.

Annette Kuhn / 17. September 2019 / 1 Kommentar
Mädchen schreit im Hof
Die neunjährige Benni (eindrucksvoll gespielt von Helena Zengel) hat im Film„Systemsprenger“ immer wieder Wutausbrüche.
©Port au Prince Films

In einer der ersten Szenen des Films „Systemsprenger“ rastet die Hauptfigur Benni in ihrer Wohngruppe aus. Es braucht dafür nur eine kleine Provokation. Das Mädchen schlägt um sich, lässt sich vom Erzieher nicht unter Kontrolle bringen. Auf dem Hof soll sich Benni beruhigen. Aber die Neunjährige beruhigt sich nicht. Sie wirft schließlich ein Bobby Car mit solcher Wucht gegen ein Fenster, dass die Scheibe aus Sicherheitsglas zerspringt.

Der Film von Nora Fingscheidt wurde bei der Berlinale 2019 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Seitdem bekam er viele weitere Preise, 2020 geht er als deutscher Beitrag in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ für einen Oscar ins Rennen. Ab 19. September läuft er im Kino.

Der Film erzählt die Geschichte einer Neunjährigen, die als schwerst erziehbar gilt und die die Jugendhilfe an ihre Grenzen bringt. Die eigene Mutter hat Angst vor ihr, Benni wandert von der Pflegefamilie zur Wohngruppe und dazwischen in die Inobhutnahme. Sie fliegt von der Schule, kommt zu einem speziellen Schulprojekt, wird wieder vom Unterricht suspendiert.

Das Selbstbewusstsein liegt häufig im Tiefkühlbereich“

Die nächste Szene: Benni sitzt mit dem Erzieherteam ihrer Wohngruppe zusammen. Ein Erzieher stellt Fragen: „Weißt du, wieso du hier bist?“ – „Verstehst du das?“ – „In wie viele Gruppen willst du denn noch gehen?“ Lehrerin Astrid Koch schüttelt den Kopf. „Was soll sie denn antworten? Das hat doch nichts mit Verstand zu tun“, sagt sie. Als würde sich Benni mit Absicht so verhalten. Diese Hilflosigkeit sei so typisch. Sie habe schon so oft erlebt, dass eine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jugendämter zusammensitzt und nicht weiß, wie sie mit einem Kind wie Benni umgehen soll. Astrid Koch ist 55 Jahre alt, seit fast 20 Jahren arbeitet sie an einer Berliner Schule mit den Förderschwerpunkten Hören und Sprache.

Einige Jahre war sie auch Lehrerin in einem speziellen Projekt für Kinder, die an keiner anderen Schule mehr aufgenommen werden und als „unbeschulbar“ gelten. Kinder, die häufig nur Ablehnung erfahren und nichts mehr zu verlieren haben, weil sie – zumindest gefühlt – schon alles verloren haben, deren „Selbstbewusstsein bei minus 20 Grad liegt, im Tiefkühlbereich“, so die Lehrerin.

Der Begriff Systemsprenger zeigt die Schwäche, die Begrenzung eines Systems, das keinen Weg sieht, mit sehr schwierigen Kindern umzugehen. Ein System, das diesen Kindern nicht bietet, was sie brauchen.
Astrid Koch, Lehrerin an einer Berliner Förderschule

Sie hat schon viele sogenannte „Systemsprenger“ in ihrem Berufsalltag erlebt und auch selbst einen Pflegesohn, dem dieses Etikett verliehen wurde. Als „Systemsprenger“ gelten Kinder und Jugendliche, bei denen alle Maßnahmen der Jugendhilfe scheitern. Der Begriff, den Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf, geprägt hat, ist nicht unumstritten. Das System bleibt ja, die Kinder sprengen es nicht, sie sprengen eher ihr eigenes Leben. Astrid Koch findet dennoch, dass der Begriff das Problem ganz gut trifft: „Es zeigt die Schwäche, die Begrenzung eines Systems, das keinen Weg sieht, mit sehr schwierigen Kindern umzugehen. Ein System, das diesen Kindern nicht bietet, was sie brauchen.“

Aus ihrer Erfahrung ist es häufig gar nicht möglich, diese Kinder in einer Klasse zu integrieren. Sie könnten sich doch gar nicht an Regeln halten, die vielen Stimmungen und Konflikten in einer Gruppe würden sie überfordern. Sie bräuchten häufig erst einmal eine Traumatherapie, das könnten Lehrkräfte im Unterricht nicht auffangen. „Inklusion“, sagt sie weiter, „ist großartig und die Richtung, die wir fahren müssen, aber diese Kinder überfordert das häufig.“ Schon eine plötzliche Bewegung, ein Blick, ein Wort könne zum Auslöser für einen Wutanfall werden. „Man weiß oft gar nicht, was sie triggert“, so Astrid Koch.

Das Schlimmste ist, wenn ein Versprechen nicht gehalten wird

Bennis Schulhelfer Micha hat die Idee, mit dem Mädchen für drei Wochen im Wald zu leben. In einer Hütte ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Eins-zu-eins-Betreuung.: für die Berliner Lehrerin eine gute Idee. Auch sie hat in ihrem Lernprojekt so gearbeitet. „Das hat mit Vermittlung von Lerninhalten wenig zu tun. Es geht zunächst darum, Verlässlichkeit zu schaffen. Und wenn ich am Anfang mit dem Kind nur vereinbare, sich zehn Minuten am Stück auf eine Sache zu konzentrieren.“

Das klingt nach wenig, aber für viele Mädchen und Jungen sei das der Anfang, der eine große Wirkung entfalten könne. Manche Kinder, mit denen sie im Lernprojekt gearbeitet hat, konnten später wieder eine Schule besuchen, einen Abschluss machen.

Auch bei Benni sieht der Aufenthalt im Wald nach einem Neuanfang aus. Es entsteht Bindung, sie fasst Vertrauen zu Micha, wird ruhiger, neue Perspektiven tun sich auf. Sie besucht wieder ihr Schulprojekt, sie traut sich etwas zu, ihre frühere Pflegemutter bietet an, sie wieder bei sich aufzunehmen. Selbst die leibliche Mutter macht ihr Hoffnung, dass sie wieder zu Hause wohnen kann – Bennis größter Wunsch.

Film stellt Mädchen nicht als Monster dar

Doch erneut erlebt Benni, dass eine Hoffnung sich nicht erfüllt, dass ein Versprechen nicht gehalten wird. Für das Kind bricht wieder eine Welt zusammen. Astrid Koch sagt: „Das ist das Schlimmste, was dem Mädchen widerfahren kann.“ So verfestige sich das Trauma. Das, was im Wald gewachsen ist, verpufft. Wieder rastet Benni aus, es ist die Wut der Verzweiflung.

Der Film schafft es, Benni nicht als Monster darzustellen, genauso wenig verurteilt er die Hilflosigkeit der Jugendhilfe. Das beeindruckt Astrid Koch an dem Film besonders. Und sie findet es gut, dass er es schafft, ein so wichtiges Thema so realistisch und facettenreich darzustellen.

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