Neue Studie : Wie sich Schwänzen und Schulabbruch vermeiden lassen

In keinem anderen Bundesland ist die Quote der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher so hoch wie in Sachsen-Anhalt. Das Bildungsministerium von Sachsen-Anhalt hat daher im vergangenen Jahr eine Studie an der Universität Magdeburg in Auftrag gegeben, die die Einflussfaktoren für den Schulerfolg und Schulabbruch untersuchen soll. Die erste Phase des Projekts „Schulische und unterrichtliche Determinanten von Schulerfolg und Schulabbruch an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen in Sachsen-Anhalt“ (SEASA) ist nun abgeschlossen. Das Schulportal konnte die Ergebnisse vorab einsehen und hat mit Projektleiterin Raphaela Porsch gesprochen.

Annette Kuhn / 30. März 2021
Schulabbruch Junge an Mauer
Die Gründe für den Schulabbruch sind vielfältig. Auch die Schule selbst kann ein wichtiger Faktor sein.
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Deutsches Schulportal: Wie kam es zu der Studie?
Raphaela Porsch: Die Drop-out-Quote – also die Rate der Schülerinnen und Schüler, die keinen Hauptschulabschluss am Ende der Schulzeit erworben haben – lag in Sachsen-Anhalt im Schuljahr 2019/20 noch immer bei etwa 10,2 Prozent. Im bundesweiten Vergleich ist die Quote damit weiterhin sehr hoch. Das Bildungsministerium in Sachsen-Anhalt hat daher das Projekt SEASA in Auftrag gegeben. Ziel der Studie ist es, Indikatoren für Ursachen des Schulabbruchs zu finden und daraus Handlungsempfehlungen für Schulen abzuleiten.

Wie sind Sie bei der Untersuchung vorgegangen?
Die Untersuchung konzentriert sich auf Sekundar- und Gemeinschaftsschulen, denn neben den Förderschulen ist gerade an diesen Schularten die Drop-out-Quote in Sachsen-Anhalt sehr hoch. Unser Team hat im vergangenen Herbst Lehrkräfte, Schulleitungen sowie Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen von 148 Schulen in ganz Sachsen-Anhalt befragt. Zusätzlich haben wir vom Ministerium bzw. dem Statistischen Landesamt zu allen Schulen Daten der vergangenen zwei Schuljahre erhalten.

Der Schwerpunkt der Befragungen lag auf den Merkmalen des Unterrichts und der Schule. Individuelle und familiäre Merkmale der Schülerinnen und Schüler, die einen Schulabbruch begünstigen können, wurden weniger berücksichtigt, weil die bereits gut untersucht und schulorganisatorisch oder pädagogisch nicht beeinflussbar sind.

Dem Schulabbruch geht meist Schulabsentismus voraus

Welche Risikofaktoren tragen zum Schulabbruch bei?
Wenn Jugendliche die Schule ohne einen anerkannten Abschluss verlassen, geht dem oft eine längere Entwicklung voraus. Ein wesentlicher Prädikator ist Schulabsentismus, also das Schwänzen. Die Wahrscheinlichkeit, die Schule ohne Schulabschluss zu verlassen, steigt mit einer höheren Anzahl an Fehltagen.

Die Ursachen für Schulabsentismus und Schulabbruch sind vielfältig. In Bezug auf Schule und Unterricht wirken sich zum Beispiel Disziplin- und Gewaltprobleme an Schulen negativ aus. Auch die Zusammensetzung der Schülerschaft in einer Schule und Klasse spielt eine Rolle. So kann auch die Bereitschaft von Peers, also der Mitschüler, zum eigenen Schwänzen verleiten. Ein wichtiger Aspekt für Schülerinnen und Schüler ist auch, ob sie die Lehr- und Lernmethoden als adäquat und das Lernangebot als attraktiv betrachten. Letztlich entscheidet also die Unterrichtsqualität mit über den Schulerfolg.

Gab es für Sie überraschende Ergebnisse bei der Untersuchung?
Die Drop-out-Quoten der Schulen in Sachsen-Anhalt der beiden von uns untersuchten Schuljahre 2018/19 sowie 2019/20 zeigen, dass es keine Häufung in bestimmten Regionen gibt. Die Schulen mit hohen Schulabbruch-Raten waren über das ganze Bundesland verteilt, es gab auch keine signifikanten Unterschiede zwischen Stadt und Land. Interessant ist auch, dass offenbar ein Zusammenhang zur Schulgröße besteht: An größeren Schulen war die Rate der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher höher. Das spricht möglicherweise dafür, dass es kleineren Schulen besser gelingt, individuelle Lernerfolge bei den Schülerinnen und Schülern zu erzielen, und die Bindung an die Schule höher ist – ein weiteres Kriterium für Schulerfolg.

Zur Person

Raphaela Porsch Leiterin Forschungsprojekt SEASA zum Schulabbruch
Erziehungswissenschaftlerin Raphaela Porsch
©privat
  • Raphaela Porsch ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Allgemeine Didaktik am Institut Bildung, Beruf und Medien der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
  • Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Schul- und Unterrichtsforschung, Allgemeine Didaktik sowie Lehrerbildung.
  • Sie leitet zusammen mit Prof. Dr. Robert W. Jahn das Forschungsprojekt SEASA.
  • Im Mai erscheint von Raphaela Porsch, gemeinsam mit Grit im Brahm und Christian Reintjes, das Buch „Das Bildungssystem in Zeiten der Krise. Empirische Befunde, Konsequenzen und Potentiale für das Lehren und Lernen“ im Waxmann Verlag.

Können Sie einen typischen Werdegang für einen Schulabbruch beschreiben?
Tatsächlich gibt es nicht „den“ typischen Werdegang, weil der Schulabbruch verschiedene Ursachen hat. In der Literatur unterscheidet man mehrere Typen. Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm identifizierte beispielsweise vier Typen von Schulabbrechern: die Außenseiter, die Schulversager, die Schulmüden und die Rebellen. Geringe Leistungen können ebenso kritisch sein wie Langeweile im Unterricht. Teilweise entwickeln auch schon Kinder im Grundschulalter eine Schulmüdigkeit und beginnen, regelmäßig den Unterricht zu schwänzen.

Manche Lehrkräfte kennen nicht die Regeln zum Umgang mit Schulverweigerung

Wie lässt sich Schulabsentismus von vornherein vermeiden?
Gelegentliches Schwänzen kann wahrscheinlich grundsätzlich nicht vermieden werden. Aber wenn Schülerinnen und Schüler regelmäßig schwänzen, sollten Schulen alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Schulabsentismus zu verhindern. Dazu braucht es im Kollegium klare Absprachen und ein einheitliches Vorgehen. In unserer Untersuchung haben wir allerdings festgestellt, dass ein Teil der Lehrkräfte nicht weiß, ob an ihrer Schule ein Leitfaden mit einem Ablaufschema zum Umgang mit Schulverweigerung existiert, oder glaubt, dass es einen solchen Leitfaden nicht gibt. Seit 2015 gibt es jedoch eine gesetzliche Regelung, wie an den Schulen zu verfahren ist.

Was macht eine Schule besser, die eine geringe Abbrecherquote hat?
Unsere ersten Analysen zeigen: Ein wichtiger Faktor ist das Schulklima. An diesen Schulen gibt es weniger Vandalismus, weniger Mobbing, weniger aggressives Verhalten. Damit geht einher, dass die Schülerinnen und Schüler sich ihrer Schule und ihrer Klasse stärker zugehörig und dort sozial integriert fühlen. In der Befragung wurde auch deutlich, dass die Lehrkräfte ein höheres Engagement zeigen und der Unterricht schülerorientierter und individualisierter ist. Das Leistungsniveau an diesen Schulen ist insgesamt höher, es gibt weniger Klassenwiederholungen, und die Schülerinnen und Schüler weisen eine höhere Selbstwirksamkeit und Leistungsmotivation auf. Ein ganz wichtiger Punkt ist außerdem die Elternarbeit, die an diesen Schulen mehr Raum hat.

Berufliche Orientierung kann Schulabbruch vorbeugen

Welche Rolle spielen Berufsorientierung und berufliche Perspektiven?
Bei Schülerinnen und Schülern, die wenig oder gar nicht schwänzen, ist die Job-Perspektive besser. Die gefährdeten Jugendlichen wissen, wenn sie schlechte Noten auf dem Abschlusszeugnis erhalten werden oder gar keinen Abschluss bekommen. Sie erleben daher eher eine Perspektivlosigkeit und ziehen sich möglicherweise aus der Schule zurück. Daher ist es sinnvoll, wenn Schulen die berufliche Orientierung stärker in den Fokus nehmen und pädagogische Konzepte haben, die diesen Kreis durchbrechen. Beispielsweise gibt es in Sachsen-Anhalt das „Produktive Lernen“. Schülerinnen und Schüler können in der 8. und 9. Klasse an diesen besonderen Klassen teilnehmen, wenn die Gefahr besteht, dass sie die Schule ohne Abschluss verlassen. Der Unterricht ist individualisierter, auf die Notenvergabe wird verzichtet und es gibt eine starke Praxisorientierung, da die Schülerinnen und Schüler jede Woche sowohl in der Schule als auch an einem Praxisort, also einem Betrieb, lernen.

Gibt es weitere Handlungsempfehlungen für Schulen, die sie aus dem SEASA-Projekt ableiten können?
Schulen sollten Präventions- und Interventionskonzepte für Schulabsentismus haben und diese konsequent umsetzen. Ein wichtiger Baustein dabei ist auch eine starke Elternarbeit. Lehrkräfte sollten durch Fortbildungen in systematischem und konsequentem Handeln gestärkt werden. Wir empfehlen Fortbildungen, die konkret auf die Bedürfnisse einer Schule zugeschnitten sind, weil jede Schule ihre eigenen individuellen Herausforderungen bzw. Entwicklungsbereiche aufweist.

Wichtig ist aus unserer Sicht außerdem die Etablierung von lokalen Netzwerken und dem damit verbundenen Austausch von Best-Practice-Beispielen.

Corona-Krise wird Problem verschärfen

Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise nach Ihrer Einschätzung auf das Thema Schulabbruch haben?
Ich gehe davon aus, dass infolge der Corona-Pandemie mehr Schülerinnen und Schüler vom Drop-out gefährdet sind. Eine Ursache dafür, die Schule ohne anerkannten Schulabschluss zu verlassen, ist häufig, dass die Leistungen und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler nicht ausreichen. Die durch die Corona-Pandemie verursachten Einschränkungen, vor allem der Distanzunterricht, haben die Lernsituation für viele Jugendliche erschwert, weil ihnen zum Beispiel die technische Ausstattung beim Lernen zu Hause fehlte und sie von ihren individuellen Voraussetzungen her – zum Beispiel, was das selbstständige Arbeiten anbelangt – wenig vorbereitet waren. Das kann sich natürlich negativ auf den Lernerfolg auswirken.

Entscheidend sind aber auch die Strukturen der Schule: Haben es die Lehrkräfte geschafft, die Kommunikation aufrechtzuerhalten, synchronen oder asynchronen Unterricht anzubieten, der interessant ist und alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen berücksichtigt? Hier gibt es große Unterschiede zwischen den Schulen und auch zwischen den Lehrkräften.

In den Ländern wird man versuchen, diesem Problem schulrechtlich zu begegnen, also zum Beispiel Klassenwiederholungen ohne Anrechnung auf die Verweildauer in einer Schulstufe zu ermöglichen. Das wird das Problem aber nicht lösen. Was es vor allem braucht, sind große Anstrengungen an den Schulen, um diese Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern und ihr Gefühl von Schulzugehörigkeit nach der Krise wieder zu etablieren und zu stabilisieren.

Mehr zur Studie

  • „SEASA“ steht für „Schulische und unterrichtliche Determinanten von Schulerfolg und Schulabbruch an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen in Sachsen-Anhalt“.
  • Ziel des Forschungsvorhabens ist es, herauszufinden, welche schulischen und unterrichtlichen Determinanten für den Schulerfolg bzw. den Schulabbruch entscheidend sind.
  • Auftraggeber der Studie ist das Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt.
  • Umgesetzt wird die Studie in zwei Phasen von 2020 bis 2021 an der Universität Magdeburg. Beteiligt sind die Erziehungswissenschaftlerin Raphaela Porsch (Leiterin), der Wirtschaftsdidaktiker Robert Jahn und die Psychologin Melanie Baumgarten. In der ersten Phase haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Befragungen von Schulleitungen, Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen durchgeführt. In der zweiten Phase soll es in diesem Jahr vertiefende Interviews mit Schulleitungen geben.