Dieser Artikel erschien am 01.10.2019 in der taz
Autorin: Alina Schwemer

Parkour : Springen, um zu lernen

Die Schule ParkourOne nutzt den Sport als Bildungskonzept. Das soll Selbstverantwortung, Teamwork, Problemlösung lehren.

Athleten laufen durch einen Parkour mit Hindernissen beim RUNLETICS Lauf-Event auf dem Tempelhofer Feld.
Athleten laufen durch einen Parkour mit Hindernissen einem Lauf-Event auf dem Tempelhofer Feld.
©dpa

Die Mauern am Velodrom sehen aus, als seien sie hauptsächlich zum Klettern geschaffen worden. Rampen führen nach oben, Geländer strecken sich wie Balancierstangen daran entlang und der Abstand zwischen den Mauerstücken ist just so, dass man mit Übung vom einen zum anderen springen kann. Ein offenkundig gutes Gelände für Parkour.

Parkour, die Sportart mit den Videos, wo Menschen irre Sprünge von Dächern vollführen oder von einem rutschigen Zaun zum nächsten springen. An der Basis ist, wie so oft, vieles unspektakulärer. Parkour kann ein Mittel zum Zweck sein, glaubt zumindest die Schule ParkourOne. Es ist Kindertraining, Acht- bis Zwölfjährige arbeiten an verschiedenen Stationen. Mit nur einem Zwischenschritt von einer Mauer zur anderen kommen, auf einem Geländer laufen, sich am Hindernis entlanghangeln.

Es hat eher etwas von Kinderturnen, mit allen Begleiterscheinungen: einem tut der Fuß weh, der Nächste macht falsche Liegestütze, manche gucken in der Gegend rum; die beiden Trainer sind gut damit beschäftigt, alle an Bord zu halten. Es gibt kein Richtig und Falsch bei Parkour. Die Kinder sollen eigene Lösungen finden auf ihrem Weg durch den Raum. Und daraus lernen.

„Wir haben eine sehr pädagogische Ausrichtung“, fasst Martin Gessinger zusammen. „Bei den Kleinen geht es fast ausschließlich um Pädagogik.“ Auseinandersetzung mit sich selbst, Eigenverantwortung, Teamwork – Parkour als soziales Projekt. Gessinger ist Berliner Parkour-Pionier, Pädagoge und Mitgründer von ParkourOne. Die Institution, nach eigenen Angaben der größte deutschsprachige Parkour-Anbieter mit rund 1.500 SchülerInnen, will die Sportart als Werkzeug nutzen, „Parkour nach TRuST“, so heißt das.

Ganzheitliches Bildungskonzept

Gessinger und Kumpel Ben Scheffler sind selbst auf Parkour gekommen zu einer Zeit, als in Berlin noch keine Szene existierte. YouTube gab es übrigens auch nicht. Über einen Filesharing-Server sahen sie Anfang der 2000er Parkour-Videos und begannen, herumzuprobieren.

Sie erstellten eine Website, bekamen immer mehr Anfragen von Eltern, und so gründeten sie vor zehn Jahren Parkour­One als Teil eines bereits bestehenden Gebildes, der heute unter anderem deutschlandweit agierenden ParkourOne GmbH. „Wir haben früh an uns selbst gemerkt, dass Parkour ein ganzheitliches Bildungskonzept ist.“

Auch weil es nicht darum gehe, zu siegen oder Pokale zu gewinnen. Gessinger und Scheffler nehmen mit den Kids nicht an Wettbewerben teil. Ähnlich wie bei anderen erfolgreichen Sportarten der letzten Jahrzehnte wie Klettern oder Skaten steht Kooperation im Vordergrund statt Konkurrenz. Ein interessanter Trend in einer konkurrenzbetonten Zeit. Es gibt bei ParkourOne Gruppen-Challenges statt Medaillen, man kommt ohne Verlierer aus. Voneinander lernen, Zeit nehmen, das „Haut den Gegner weg!“ aus dem Mannschaftssport ist nicht mehr.

Hoch die Wände

Parkour wurde in den späten achtziger Jahren vom Franzosen Raymond Belle und seinem Sohn David Belle entwickelt. Die Sportart wurde in den neunziger und 2000er Jahren international bekannt, auch durch Filme und selbst aufgenommene Videos. Es geht darum, im urbanen oder natürlichen Raum einen eigenen Weg zu finden.

ParkourOne wurde 2007 von deutschen und schweizerischen Parkour-Pionieren gegründet. Das Konzept „Parkour nach TRuST“ stammt vornehmlich von Roger Widmer, einem der beiden Geschäftsführer der ParkourOne GmbH aus der Schweiz. Hierbei soll Parkour als Bildungswerkzeug etwa für Sozialarbeit, Inklusion und ganzheitliche Gesundheitsförderung dienen. Martin Gessinger und Ben Scheffler haben den Berliner Ableger 2009 gegründet. ParkourOne ist nach eigenen Angaben die größte deutschsprachige Parkourschule mit über 1.500 SchülerInnen. Sie betreibt auch Forschung und bildet TrainerInnen aus. Mehr Infos und Kontakt unter www.parkourone.com (asc)

Gleichzeitig ist das hier ordentlich ich-bezogen, bildungsbürgerlich mit Bedeutung aufgeladen. Wenn Gessinger und Scheffler über Parkour reden, nutzen sie Wörter wie „Poten­zial­entfaltung“ oder „Ressourcenorientierung“, das hat etwas Silicon-Valley-haftes, manchmal klingen sie wie eine unfreiwillige Parodie der Start-up-Klientel.

Ein Unternehmen, kein Verein

Die Forschung zu Parkour wird an der ParkourOne Academy selbst gemacht, von außen überprüft sind die Thesen nicht. Hat ihnen schon mal jemand gesagt, dass sie arg viel reinlesen ins Springen über Mauern? „Ja klar“, sagt Scheffler und lacht. „Aber es macht noch genauso viel Spaß wie am Anfang.“

(gekürzte Fassung)