Internationaler Verlgleich : So werden Schulleitungen in anderen Ländern ausgebildet

Die Rolle der Schulleiterinnen und Schulleiter für den Bildungserfolg ist zentral, die Anforderungen wachsen seit Jahren. Doch oft werden die Schulleitungen nur unzureichend auf diese Aufgaben vorbereitet. Die Ausbildung ist in Deutschland im internationalen Vergleich vor allem sehr kurz und häufig unverbindlich. Das zeigt eine im Juni 2021 veröffentlichte Studie im Auftrag der Wübben Stiftung mit dem Titel „Professionalisierungsstrukturen für schulische Führungskräfte – Ein internationaler Überblick“. Pierre Tulowitzki, Ella Grigoleit, Jennifer Haiges und Aline Lüthi haben darin die Qualifizierungssysteme in sieben Ländern untersucht. Das Schulportal sprach über die wichtigsten Ergebnisse mit dem Bildungsforscher Pierre Tulowitzki von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Florentine Anders 05. Juli 2021 Aktualisiert am 09. Juli 2021
Männer und Frauen sitzen an einem Tisch und diskutieren
Personalmanagement und Personalentwicklung nehmen unter den Aufgaben von Schulleitungen einen immer größeren Raum ein.
©DEEPOL plainpicture/ Tom Merton

Deutsches Schulportal: Die Rolle von Schulleitungen hat sich in den vergangenen Jahren fundamental verändert. Was früher „Lehrkräfte mit Verwaltungsaufgaben“ waren, sind heute „New Public Manager“. Sind Schulleiterinnen und Schulleiter dafür überhaupt qualifiziert?
Pierre Tulowitzki: In der Tat wurden die alten Aufgaben von Schulleitung im Laufe der Zeit durch viele neue Facetten ergänzt. Dazu gehören zum Beispiel neue Aspekte der Schul- und Unterrichtsentwicklung und des Qualitätsmanagements. Personalmanagement und die Personalentwicklung nehmen einen größeren Raum ein. Auch der Vorgesetztenstatus hat sich dadurch verändert. Schulleiterinnen und Schulleiter sind in einigen Ländern auch Dienstvorgesetzte. Eine größere Rolle spielt heute zudem die Vertretung der Schule nach außen. Das gab es zwar schon immer, aber heute gibt es da viel mehr Aspekte, angefangen von der Homepage über soziale Medien bis hin zu Presseanfragen.

Aus meiner Sicht ist die Qualifizierung für all diese Aufgaben in Deutschland nicht ausreichend. Wir haben vor einigen Jahren die verpflichtenden Anteile der Qualifizierung für Schulleitungen untersucht und festgestellt, dass die Pflichtanteile in einigen Bundesländern nur sehr gering waren – in drei Bundesländern gab es sogar überhaupt keine verpflichtende Qualifikation. Im Durchschnitt der Bundesländer umfasste die Erstqualifikation seinerzeit ungefähr 20 Tage. Das hindert die Schulleiterinnen und Schulleiter natürlich nicht daran, später ein großes Engagement an den Tag zu legen – aber womöglich fehlt ihnen anfangs das Rüstzeug.

Sie haben die Qualifizierungssysteme in sieben verschiedenen Ländern untersucht. Was fällt dabei im Vergleich zu Deutschland besonders auf?
Im internationalen Vergleich konnten wir feststellen, dass sowohl im Umfang der Erstqualifikation als auch bei der Systematik der Fort- und Weiterbildung noch viel Luft nach oben ist. Schauen wir auf Österreich und die Schweiz: Die Schulsysteme in diesen Ländern sind mit unserem relativ vergleichbar. In Österreich gibt es beispielsweise ein Schulleitungsprofil, in dem die Aufgaben beschrieben sind. Es gibt also quasi einen festgelegten Standard, was überhaupt von Schulleitungen zu erwarten ist. Dieser Standard bildet die Basis für die Erstqualifikation und für die Fort- und Weiterbildung. Auch in der Schweiz gibt es einen solchen Standard für ein verpflichtendes Ausbildungsmodul.

Ab 2023 sind in Österreich 20 ECTS (European Credit Transfer System – bei uns „Creditpoints“ genannt) an der Hochschule nötig, bevor man überhaupt Schulleiter oder Schulleiterin werden kann. In den ersten viereinhalb Jahren der Schulleitertätigkeit folgen dann noch mal 40 ECTS in berufsbegleitenden Fortbildungen. Zusammen mit der Erstqualifikation entspricht das ungefähr einem kleinen zweijährigen Masterstudium. In der Schweiz ist der Umfang etwas geringer, aber immer noch deutlich höher als in Deutschland. Zudem wird dort derzeit darüber nachgedacht, den Pflichtanteil in der Ausbildung zu erhöhen. In beiden Ländern haben wir also einen verbindlichen Standard und deutlich mehr Stunden bei der Ausbildung von Schulleitungen.

Auch was die Verbindlichkeit der Erstausbildung betrifft, könnte man sich auf einen gemeinsamen Standard festlegen.

Das fehlt in Deutschland. Einige Bundesländer haben eigene Kompetenzbeschreibungen. Eine länderübergreifende Festlegung auf bestimmte Eckpunkte durch die Kultusministerkonferenz wäre hier jedoch sicher hilfreich. Auch was die Verbindlichkeit der Erstausbildung betrifft, könnte man sich auf einen gemeinsamen Standard festlegen.

Sie beschreiben in Ihrer Studie, dass in England Schulleitungen durch eine unabhängige Institution jährlich evaluiert werden. Müsste man hier auch in Deutschland genauer hinschauen?
Auffällig in England ist nicht nur die jährliche Evaluation der Schulleitungen, vor einigen Jahren wurde auch die Aus- und Weiterbildung von Schulleitungen evaluiert. In Deutschland gibt es diesbezüglich nur sehr wenige  Untersuchungen. Hier würde es sich lohnen, zu investieren und sich die verschiedenen Systeme der Qualifizierung und der Fort- und Weiterbildung genauer anzuschauen. 2019 gab es in Nordrhein-Westfalen eine Evaluation der Lehrerfortbildung – in so eine Richtung könnte das gehen. Das würde auch helfen, einen Überblick über die vielfältigen Angebote zu bekommen, die wir in Deutschland haben. Über alle Bundesländer hinweg gibt es sehr viele tolle Formate. Von einer Übersicht und einem Austausch könnten also alle Bundesländer profitieren.

Die TALIS-Studie hat gezeigt, dass die Fortbildungsbereitschaft von Schulleitungen in Singapur im Vergleich zu Deutschland außerordentlich hoch ist. Wie kommt das?
Singapur hat da einen sehr umfassenden Ansatz. Es gibt für Lehrkräfte drei Karrierepfade, sogenannte Career Tracks: Teaching Track, Senior Specialist Track und Leadership Track. Von Beginn der Lehrerlaufbahn an gibt es eine enge Begleitung, wo geschaut wird, welcher dieser Pfade passen könnte. So werden dann gezielt die Fortbildungen entlang dieser Pfade konzipiert. Vor allem steht jeder Lehrkraft auch genügend Zeit für die Weiterbildung zur Verfügung – das muss nicht on top geleistet werden. Berufliche Weiterentwicklung wird sowohl vom Status her als auch finanziell honoriert. All das bietet Wertschätzung und Anreize.

In Singapur sind allerdings auch umfassende, oftmals belastende Evaluationen und Assessments für Lehrkräfte und Schulleitende Teil des Berufs. Ich würde nie dafür plädieren, ein solches System eins zu eins zu übernehmen. Es muss zu unserem Kontext passen. Es gibt aber bestimmte Facetten, die interessant sein können, zum Beispiel das Mentoring oder auch der langfristige, systematische Blick auf die berufliche Entwicklung einer schulischen Fachperson.

Einige spannende Ansätze von Mentoring- oder Coaching-Programmen für Schulleitungen gibt es in Deutschland bereits, beispielsweise bietet das „Qua-LiS“ in NRWso etwas an. Es fehlt eben bundesweit die Systematik. Gerade im Bereich der Fort- und Weiterbildung tummeln sich verschiedene Anbieter. Hilfreich wäre es daher aus meiner Sicht, wenn es für Schulleitungen eine Art Leadership-Academy gebe – also eine zentrale Anlaufstelle, in der interessierte Lehrkräfte langfristig begleitet und beraten werden. Mit entsprechender Wertschätzung – also mit Zeit für die Weiterbildung und nach Erreichen gewisser Etappen mit symbolischer und idealerweise auch karriererelevanter Anerkennung hinterher, also zum Beispiel mit einer feierlichen Zeugnisfeier, einer spannenden Exkursion oder einer kleinen Gehaltsverbesserung.

Fort- und Weiterbildungen spielen eine wichtige Rolle, und dafür braucht es eine Institution, die diesen Prozess begleitet und die Angebote bündelt, gegebenenfalls auch anbietet und begleitet.

Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus dem internationalen Vergleich der Schulleiterqualifikation?
Der internationale Vergleich zeigt vor allem, dass es eine umfassende und systematische Erstqualifikation von Schulleitungen braucht. Das kann aber nur ein Grundstein sein. Schule und die Erwartungen der Gesellschaft an die Institution verändern sich sehr schnell, und damit sind auch immer wieder neue Kompetenzen gefragt. Fort- und Weiterbildungen spielen eine wichtige Rolle, und dafür braucht es eine Institution, die diesen Prozess begleitet und die Angebote bündelt, gegebenenfalls auch anbietet und begleitet. Natürlich braucht es auch einen länderübergreifenden Referenzrahmen.

Auf diese Weise können wir Schulleitung attraktiver machen und aufwerten. Wir hatten in einer anderen Studie gefragt, wie es Schulleiterinnen und Schulleitern in Deutschland geht. 20 Prozent der Befragten gaben an, dass sie darüber nachdenken würden, das Amt wieder aufzugeben. Das können wir uns angesichts der großen Bedeutung der Schulleitung für die Schule nicht leisten.

Zur Person

Pierre Tulowitzki, Professor für Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der Pädagogischen Fachhochschule Nordwestschweiz
  • Pierre Tulowitzki ist Professor für Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz, Windisch/Aargau.
  • Er forscht hauptsächlich zu Fragen der Führung und Entwicklung an Schulen, zum digitalen Wandel sowie zu Bildungsnetzwerken.
  • Pierre Tulowitzki ist Mitherausgeber des „Journals für Schulentwicklung“, Koordinator des Netzwerks für Pädagogische Führung der Europäischen Gesellschaft für Bildungsforschung (EERA) sowie Vorstandsmitglied des International Congress for School Effectiveness and School Improvement (ICSEI).

Zur Studie

  • Eine Zusammenfassung der Studie „Professionalisierungsstrukturen für schulische Führungskräfte – Ein internationaler Überblick“ ist am 28. Juni 2021 im „impaktmagazin“ der Wübben Stiftung erschienen. Die Studie selbst kann kostenfrei heruntergeladen werden.
  • Beteiligt an der Expertise sind die Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz und die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Deutschland.
  • Untersucht wurden darin Qualifizierungssysteme und Fort- und Weiterbildungssysteme in der Schweiz, Österreich, Dänemark, Schweden, England, Kanada (Ontario) und Schweden.
  • Die Studie wurde von der Wübben Stiftung finanziell gefördert. Die  Wübben Stiftung ist in der Fortbildung von Schulleitungen aktiv. Der Blick in andere Länder soll Inspiration für die Weiterentwicklung der Aus- und Fortbildungen von Schulleiterinnen und Schulleitern in Deutschland bieten.