Ukrainekrieg auf Twitter, TikTok und Co. : So entlarven Sie falsche Bilder und Videos

Das Netz ist voll mit Fotos und Videoclips zum Ukrainekrieg. Verbreitet wird aber auch viel Material, das bei näherem Hinsehen gar nichts mit dem Konflikt zu tun hat. Was Sie tun können, um den Durchblick zu behalten.

Dieser Artikel erschien am 25.02.2022 in DER SPIEGEL
Markus Böhm und Janne Knödler
TikTok-Video mit übernommener Tonspur: Ein kleines, aber entscheidendes Detail
TikTok-Video mit übernommener Tonspur: Ein kleines, aber entscheidendes Detail
©TikTok

Der Krieg in der Ukraine bewegt Menschen in vielen Ländern der Welt. Fotos und Videos von Gefechten, Geflüchteten oder Militärbewegungen werden millionenfach geteilt, der Konflikt ist so in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook, aber auch in Unterhaltungs-Apps wie TikTok präsent.

Wer sich Material aus unbekannten oder überraschenden Quellen anschaut oder es teilt, sollte jedoch vorsichtig sein – nicht nur, weil neben dem eigentlichen Krieg noch ein Informationskrieg tobt.

Wie bei anderen Konflikten oder Katastrophen kursieren im Fall des Ukraine-Kriegs unzählige Falschinformationen und Aufnahmen, die in einem völlig anderen Kontext entstanden sind. Staatliche Propaganda trifft dabei auf die Jagd nach Klicks und Aufmerksamkeit, Intention auf eine allgemeine Verunsicherung und eine teilweise mangelhafte Datenlage.

Hier sind einige grundlegende Tipps dafür, wie Sie im Netzchaos den Durchblick behalten.

Halten Sie inne

Die erste Frage, die Sie sich stellen sollten, wenn Ihnen ein Algorithmus ein vermeintlich krasses Foto oder Kurzvideo in die Timeline spült, lautet: Habe ich überhaupt eine Ahnung, was hier zu sehen ist? Habe ich Hintergrundwissen, um die Situation einzuordnen? Verstehe ich den Text drumherum oder die Dialoge im Video?

Gerade in einer sich rasch entwickelnden und unübersichtlichen Situation, in der der Informationsbedarf hoch ist, die Informationslücken aber groß sind, ist es ratsam, Inhalte nicht vorschnell weiterzuverbreiten. Denn Falschinformationen sind schwer wieder einzufangen, wenn sie einmal im Umlauf sind.

Die Komikerin Abbie Richards, die sich auf TikTok mit Falschinformationen beschäftigt, sagt in ihrem neuesten Video, dass es den Algorithmus einer Plattform befeuern kann, wenn Nutzerinnen und Nutzer ein älteres Video plötzlich so kommentieren, als wäre es aktuell und aus der Ukraine. Als Beispiel zeigt sie einen Clip, der eigentlich aus Kasachstan stammt.

Achten Sie darauf, welche Accounts etwas posten

Im Rausch der Nachrichten passiert es mitunter auch erfahrenen Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzern, dass sie auf falsche Accounts hereinfallen. Diese wirken dann zwar auf den ersten Blick wie die Accounts zum Beispiel von Politikerinnen und Politikern. Oft jedoch bemerkt man bei einem genauen Blick auf solche Profile, dass zum Beispiel beim Nutzernamen ein Buchstabe fehlt.

Eine grobe Orientierung geben auf Plattformen wie Facebook und Twitter blaue Haken auf den Profilseiten: Sie signalisieren, dass das Unternehmen die Authentizität das Konto zumindest an irgendeinem Punkt der Account-Historie verifiziert hat. Lückenlos funktioniert dieser Mechanismus aber nicht: Noch am Donnerstag war auf Facebook ein falscher Elon Musk unterwegs – mit blauem Haken.

Für einen schnellen Überblick, welchen Accounts es sich zum Ukraine-Konflikt zu folgen lohnt, helfen von Redaktionen kuratierte Twitter-Listen. „Zeit Online“ etwa versammelt in seiner Liste „Ukraine und Russland“ mehrere Dutzend „wichtige Stimmen, die über den Krieg in der Ukraine twittern“.

Nicht jedes angeblich neue Video ist neu

Wer am Anfang einer Extremsituation spektakuläre Bilder teilt, erreicht damit schnell ein großes Publikum. Ob die Bilder wirklich aus dem Konflikt stammen, scheint manchen egal zu sein. Auch in den Anfangstagen des Ukraine-Kriegs stößt man im Netz auf viele Videos, durch die versehentlich oder vielleicht auch absichtlich Material älterer Konflikte neu aufgewärmt wird.

Der Journalist Marcus Bösch verweist in seinem jüngsten Newsletter auf ein TikTok-Video mit einem Fallschirmspringer in Militärkleidung, das laut dem Top-Kommentar angeblich eine Invasion zeigt. Auf TikTok ist der Clip rund 20 Millionen Mal aufgerufen worden. Letztlich ist der Kommentar aber Quatsch: Das Video wurde bereits 2015 auf Instagram hochgeladen, von einem Nutzer mit demselben Namen.

Auch ein anderer Clip, der auf TikTok und Twitter die Runde macht und angeblich die Landung russischer Fallschirmspringer zeigt, kursiert bereits seit Jahren im Netz. Mit dem aktuellen Kampfgeschehen hat er nichts zu tun, daran ändern auch mehr als 500 Retweets binnen 24 Stunden nichts.

Bösch warnt auch, dass manche TikTok-Livestreams, die angeblich aus der Ukraine kommen, gar nicht von dort stammen. Eine mögliche Motivation für solche Live-Fakes ist die Möglichkeit, durch virtuelle Geschenke der Stream-Zuschauer Geld zu verdienen.

Im Netz gibt es einige Tools, deren Daten dabei helfen, das Alter von Videos abzuschätzen und ob es sich um Re-Uploads handelt. Im Fall von YouTube etwa helfen der YouTube DataViewer von Amnesty International und die Website YouTube Metadata.

Dem ungeübten Auge fällt es schwer, Kriegsszenen einzuordnen

Als jemand, der nicht regelmäßig mit Kriegsaufnahmen zu tun hat, sollte man sich keine Illusionen machen: Ohne Vorkenntnisse und allzu viel Umgebungsanalyse ist es oft schwer einzuschätzen, aus welchem Konflikt oder von welchem Ort ein womöglich auch verwackeltes oder stark verpixeltes Video stammen könnte.

So gehen immer wieder Videos viral, die leicht als Fake zu entlarven wären. Die BBC etwa verweist darauf, dass ein Video, in dem angeblich ein Kampfjet in der Ukraine zu sehen ist, tatsächlich eine F-16 Fighting Falcon zeigt – ein US-Kampfflugzeug, das dem Sender zufolge weder von der Ukraine, noch von Russland eingesetzt wird. „Gizmodo“ berichtet derweil über das Video einer Explosion, das anders als behauptet keinen Vorfall in der Ukraine zeigt, sondern einen in Beirut.

Manchmal gehen online und in Medien sogar Szenen aus Spielfilmen und Computerspielen als angeblich echte Aufnahmen durch. Bloomberg zufolge machten diesmal Szenen, die zum Computerspiel „Arma 3“ gehörten, als vermeintliche Videos zum Ukrainekonflikt die Runde, bis sie schließlich von Facebook und Twitter gelöscht wurden. Bei „Kotaku“ kann man sich eine jener Szenen ansehen.

Auch manche Fotos sind viele Jahre alt

Fotos sind grundsätzlich noch leichter zu manipulieren als Videos. Doch im Netz gibt es auch sehr viele Tools, die Anhaltspunkte dafür liefern, wann oder auch wo ein Foto aufgenommen wurde. In vielen Fällen lohnt ein Blick in die sogenannten Metadaten. Auslesen lassen sich diese Informationen mithilfe von Online-Services wie Metadata2Go oder auch Jeffrey’s Image Metadata Viewer. Metadaten lassen sich aus Fotos aber auch entfernen. Mehr zum Thema lesen Sie hier beim Poynter Institute. Dienste wie Twitter, Facebook und Instagram löschen Metadaten in Fotos automatisch schon beim Upload.

Eine beliebte Möglichkeit, Foto-Fakes zu erkennen, sind auch Rückwärtssuchen. Nutzt man etwa den Browser Chrome als Handy-App, reicht es auf Websites, seinen Finger länger auf ein Bild zu halten. Anschließend kann man im sich öffnenden Menü den Punkt „In Google nach dem Bild suchen“ beziehungsweise „Bild an Google Lens senden“ anwählen: Google zeigt dann, in welchen Kontexten ihm dieses oder ähnlich aussehende Bilder sonst noch begegnet sind. Rückwärtssuchen gibt es auch von Anbietern wie Microsoft, TinEye und Yandex. Auf der Images-Unterseite des russischen Dienstes versteckt sich die Funktion hinter dem Icon rechts im Suchfeld.

Auf TikTok lohnt es, auf den Ton zu achten

In vielen derzeit kursierenden Clips wird Russisch oder Ukrainisch gesprochen: Das erschwert es Menschen ohne entsprechende Sprachkenntnisse zusätzlich, ihre Authentizität einzuschätzen – und verlockt manche, einfach Behauptungen über den Inhalt anzustellen.

In einigen Fällen hat der Ton eines Clips sogar überhaupt nichts mit dem gezeigten Bild zu tun. Vor allem auf TikTok ist es leicht und üblich, eigene Clips mit fremdem Ton zu unterlegen. Eine verwackelte Aufnahme mit unklarem Inhalt kann so zum vermeintlichen Mitschnitt eines dramatischen Gefechts werden.

Immerhin macht TikTok solche Remixe, die sonst eher für Memes genutzt werden, transparent: Bei jedem Clip steht unten links unter dem Nutzernamen, woher der verwendete Ton kommt. Ein einfacher Klick auf den „Originalton“-Schriftzug lässt so erahnen, ob Ton und Video von der gleichen Person stammen. Unterscheiden sich die Angaben, ist es unwahrscheinlich, dass Aufnahme und Sound zusammengehören.

Ein Beispiel: Dieses Video, das über 3,3 Millionen mal Abrufe gesammelt hat, zeigt angeblich ein aktuelles Gefecht in Charkiw (Kharkov). Tatsächlich stammt seine Tonspur aber aus einem Video, das im Februar 2021 auf TikTok hochgeladen wurde.

Es gibt Übersichten bereits identifizierter Fakes

Um ein Grundgefühl dafür bekommen, welche Arten von Fakes kursieren, kann es helfen, sich Fake-Sammlungen etablierter Medien oder von Faktencheck-Organisationen anzusehen. Solche Übersichten finden sich beispielsweise hier bei der BBC und hier bei Correctiv. Das deutsche Portal, das Facebook im Kampf gegen Falschnachrichten unterstützt, berichtet zum Beispiel von einem angeblichen Saboteurs-Video, dessen Tonspur ursprünglich aus einem YouTube-Video aus dem Jahr 2010 stammt.

Genauso gibt es auch Initiativen mit dem Ziel, verlässliche Informationen als solche zu kennzeichnen. Dazu zählt das Centre for Information Resilience. Auf einer interaktiven Karte sammelt die in London ansässige Organisation Videos, Tweets und Quellen, die durch öffentlich verfügbare Informationen wie etwa Satellitendaten verifiziert werden konnten.

Die sozialen Medien löschen oft nicht schnell genug

Unternehmen wie Facebook, Twitter oder TikTok gehen zwar gegen Desinformation vor. Oft geht das aber nicht schnell genug. Viele Inhalte werden tausendfach geteilt, manche millionenfach gesehen, bevor die Plattformen eingreifen. Die Tatsache, dass ein bestimmter Kommentar, ein Bild oder ein Clip in einem großen Netzwerk viral gehen kann, sollte man daher lieber nie als impliziten Hinweis darauf verstehen, dass der Inhalt authentisch sein dürfte.

Umgekehrt gilt erfahrungsgemäß: Entscheiden sich die Plattformen, ein bestimmtes Video trotz großer Reichweite offline zu nehmen, ist die Chance hoch, dass damit tatsächlich etwas nicht in Ordnung war.