Dieser Artikel erschien am 10.07.2019 in DIE ZEIT
Autorin: Jeanette Otto

Klimastreiks : „Sie werden weitermachen“

Warum gehen Schüler lieber auf die Straße als in den Unterricht? Sind die Klima­streiks auch ein Angriff auf die Schulen? Eine Rektorin und ein Politiker im Streit­gespräch

Protestieren und Pauken – das geht nicht zusammen?
Protestieren und Pauken – das geht nicht zusammen?
©dpa

DIE ZEIT: Herr Lorz, Frau Güting, ein bewegtes Schuljahr geht zu Ende. Hundert­tausende von Schülern sind in den vergangenen Monaten freitags lieber auf die Straße als in die Schule gegangen. Politiker und Lehrer sahen angesichts der Klima­streiks recht ratlos aus. Wie groß ist Ihre Erleichterung, dass endlich Sommer­ferien sind?
Alexander Lorz: Die streikenden Schüler waren wirklich nicht meine größte Heraus­forderung als Kultus­minister in Hessen. Die haben das System Schule ja nicht massiv beeinflusst oder gar aus den Angeln gehoben.
Birte Güting: Na ja. Mich haben die Proteste in meinem ersten Jahr als Schul­leiterin schon ziemlich in Atem gehalten. Wir hatten Freitage, an denen manche Klassen fast komplett abwesend waren. Unsere Schüler­vertretung hat viel mit mir diskutiert, wie weit die Jugendlichen mit den Schul­streiks gehen können. Gleich­zeitig haben sich Eltern mit der absurden Frage gemeldet, ob man den Unterricht freitags nicht einfach absagen könne, und von unserer Kultus­ministerin in Düsseldorf kamen Briefe mit sehr klaren Vorgaben, wie wir mit unentschuldigtem Fehlen umzugehen haben. Ich hatte den Eindruck, da sollte wesentlich härter durchgegriffen werden als bei gewöhnlichen Schul­schwänzern.

ZEIT: Auch Sie haben zwischendurch mit Bußgeldern gedroht, Herr Lorz.
Lorz: Die Sache mit den Bußgeldern wurde ein wenig dramatisiert. Es gab eine Anfrage der FDP-Fraktion im Landtag, welche Möglich­keiten bestünden, um mit unentschuldigtem Fehlen umzugehen. Da haben wir den existierenden Maß­nahmen­katalog pflicht­gemäß aufgelistet – der eben als letztes Mittel auch Bußgelder umfasst. Das war keine konkrete Drohung gegen­über den „Fridays for Future“-Demonstranten. Wir haben den Schulen gesagt: Bleibt gelassen, geht pädagogisch mit den Streiks um.
Güting: Es gab viel Verunsicherung. Wir Lehrer wussten nicht, wie stark wir die Fehl­zeiten der Schüler sanktionieren sollten. Viele Eltern wollten, dass ihre Kinder zur Demo gehen, aber möglichst keine Nach­teile dadurch haben. Die riefen im Schul­sekretariat an und fragten, ob man Klausuren verschieben könne, die an einem Freitag geschrieben werden sollten. Das geht natürlich nicht.
Lorz: Als die hessische Landesschüler­vertretung Mitte März mit einer General­entschuldigung ankam, um möglichst viele Schüler für den ersten bundes­weiten Aktions­tag zu aktivieren, konnten wir das natürlich nicht akzeptieren. Zum Regelbruch gehört nun mal, dass man die Möglichkeit von Sanktionen zumindest in Kauf nehmen muss. Wenn ich sage, ich möchte eine Regel brechen, hätte aber gern eine Garantie, dass danach nichts passiert, kann ich die Aktion gleich sein lassen. Wer zu einer Demo geht, die nicht Teil einer Lehr­veranstaltung ist, fehlt unentschuldigt, mit allen Folgen.
Güting: Bei uns haben Lehrer die Demos zum Teil in den Unterricht eingebunden. Wenn sie mir versichern konnten, dass es inhaltlich zum Stoff passt, hab ich das als Exkursion genehmigt.

ZEIT: Sie verstehen sich am Schiller-Gymnasium in Bochum als demo­kratische Schule. Es gibt ein Schüler­parlament, und Mit­bestimmung ist ein Grundsatz Ihrer Arbeit mit den Schülern. Da liegt es nahe, politisches Engagement zu unterstützen.
Güting: An unserer Schule versuchen wir permanent, die Schüler zu beteiligen, wir fordern sie auf, deutlich ihre Meinung zu sagen. Mit der Teilnahme an den Klima­streiks haben sie genau das getan. Sie haben eine Entscheidung getroffen und Verantwortung über­nommen. Das ist etwas sehr Positives. Für mich war es deshalb nur schwer zu vermitteln, dass genau dafür plötzlich Sanktionen angedroht wurden. Aber ich hab ihnen gesagt, wie klein mein Spiel­raum als Schul­leiterin ist, und sie haben selbst abgewogen, welches Risiko sie eingehen, wenn sie die Schule schwänzen. Schaffen sie die Klausur, ist ihre Abi-Note in Gefahr? All das mussten sie für sich klären.

ZEIT: Haben die Lehrer denn Rücksicht genommen auf die fehlenden Schüler?
Güting: Die Kollegen haben mit den drei, vier verbliebenen Schülern in der Klasse nicht einfach den Unterricht durch­gezogen und gesagt: Wollen wir doch mal sehen, wie die anderen das nachholen! Man kann ja auch Materialien nachreichen, ein Tafel­bild abfoto­grafieren und Inhalte wiederholen.
Lorz: Ziviler Ungehorsam mit Vollkasko-Versicherung? Das passt für mich wirklich nicht zusammen. Es ist nicht Aufgabe der Lehrer, Kompensationen für unentschuldigtes Fehlen anzubieten. Wer sich entscheidet, nicht zur Schule zu gehen, bezahlt dafür einen Preis, denn er muss nach­arbeiten, aufholen und sich kümmern.

ZEIT: Während Sie die Proteste auf die Frage der Schul­pflicht reduzieren, sagen andere, diese Klima­streiks könnten im historischen Rückblick einmal als echte Zäsur im Kampf gegen die Erd­erwärmung gesehen werden. Junge Menschen, die den Alten sagen: Ihr habt mit eurem Lebens­stil und eurer Lethargie unsere Zukunft verraten!
Lorz: Ohne Zweifel ist das eine bemerkens­werte, politisch schlag­kräftige Bewegung, die uns auch deshalb so imponiert, weil es lange Zeit vergleichs­weise wenige Jugendliche gab, die für etwas auf die Straße gegangen sind. Historisch einzig­artig ist das aber nicht. Ich bin beispiels­weise in Zeiten auf­gewachsen, als sehr massiv gegen Atom­kraft oder die Start­bahn West in Frankfurt demonstriert wurde.

ZEIT: Aber nicht freitags während der Schule?
Lorz: Nein, viel unregel­mäßiger. Und das waren damals oft Studenten. Von daher ist es kein Wunder, dass die heutigen Schüler-Demos so viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Aber nun haben die Schüler ihr Ziel erreicht. Der Klima­schutz hat auf der politischen Bedeutungs­skala einen Riesen­satz nach oben gemacht und ist als zentrales Thema in Politik und Medien angekommen. Jetzt noch weiter der Schule fernzu­bleiben bringt nichts.
Güting: Aber es gibt doch überhaupt noch keine neuen Ideen, noch keine konkreten Vereinbarungen. Für die Jugendlichen ist das Ziel erreicht, wenn sich die Denkweise von Politikern ändert, die Geschwindig­keit von Entscheidungen, wenn es verbindliche Erlasse gibt. Solange das nicht geschieht, werden sie weiter­machen.
Lorz: Es muss jetzt um den nächsten Schritt gehen. Nämlich das Engagement umzulenken in politisches Handeln. Die Schüler müssen lernen, dass es keinen Automatismus gibt im Sinne von: Ich geh auf die Straße, halte ein Transparent hoch, und alles kommt in Bewegung. So einfach ist die Welt nicht. Wer etwas bewegen will, muss dorthin gehen, wo die Entscheidungen getroffen werden, in Initiativen und Parteien. Das kann anstrengend sein und ist nicht damit getan, freitags ein paar Schul­stunden zu schwänzen.

ZEIT: Ist das nicht reichlich paternalistisch, die Aktivisten auf diese Weise abzuwimmeln und ihnen zu sagen, geht ihr erst mal durch die Mühen der Ebene, durch die wir alt­gedienten Politiker auch alle mussten?
Lorz: Ich will die jungen Menschen doch nur vor dem Irrtum bewahren, zu glauben: Ich muss mich einfach hinstellen, laut sein, und dann tritt ein, was ich mir wünsche.
Güting: Wir Erwachsenen haben den Jugendlichen viel zu lange gar nicht zugehört. Wir haben sie als wenig an Politik und Gesellschaft interessiert abgestempelt und ihre Ängste, Wünsche und Ideen nicht ernst genommen.

ZEIT: Die Freitags-Demos haben auch gezeigt, dass diese angeblich so gelangweilten Jugendlichen plötzlich die Energie haben, sich in ein Thema zu vertiefen, Studien zu lesen. Nur um zu verstehen, wie es um die Klimakrise wirklich steht. Um etwas zu verstehen, was ihnen in der Schule nicht beigebracht wurde. Sind die Demonstrationen auch ein Miss­trauens­votum gegen das System Schule?
Lorz: Die Schule ist doch nicht für die Erd­erwärmung verantwortlich und damit auch nicht der Gegner.

ZEIT: Offensichtlich hat sich die Schule aber so wenig um die Sorgen der Jugendlichen gekümmert, dass die lieber auf die Straße gingen.
Lorz: Es muss uns sicher noch besser gelingen, den Unterricht mit dem tatsächlichen Leben unserer Schüler in Verbindung zu bringen. Das betrifft nicht nur den Klima­schutz, da geht es etwa auch um Verbraucher­bildung, um gesunde Ernährung, um den Umgang mit Geld. All diese Dinge sind zur Aufgabe von Unterricht geworden, weil wir nicht mehr automatisch davon ausgehen können, dass die Jugendlichen das von ihren Eltern lernen. Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft, und natürlich muss sie auf die Vorstellungen junger Menschen reagieren. Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, zu sagen: Alles, was nichts mit Klima­schutz zu tun hat, ist nichts mehr wert. Das wird der Sache auch nicht gerecht.
Güting: Schule braucht viel mehr Handlungsfreiheit und Spiel­raum, um auf das eingehen zu können, was die Jugendlichen wirklich interessiert. Unterricht funktioniert ja immer noch so, dass alle zwei Stunden was Neues kommt. Erd­kunde, Biologie, Mathe. Und wir verlangen, dass mit jedem neuen Fach ein Interesse angeknipst wird, sehen aber, dass genau das nicht passiert.
Lorz: Das System ist doch viel offener geworden! Früher gab es Lehr­pläne mit festen Stoff­vor­gaben, heute geht es um den Erwerb von Kompetenzen.
Güting: Im Alltag macht sich das nicht bemerkbar. Jeder Lehrer kämpft damit, sein Pensum an Stoff zu schaffen. Da bleibt der fächer­verbindende Unterricht häufig auf der Strecke. Der Klima­wandel würde sich als über­greifendes Thema wunderbar eignen. Wir müssen endlich anfangen, neu zu denken, Schranken abbauen und akzeptieren, dass die alten Antworten nicht mehr funktionieren.

ZEIT: Was verändern die Proteste an Ihrer Schule?
Güting: Die Schüler schauen sich an, wie nach­haltig unser Schulleben ist. Wie viel Plastik­müll produziert die Mensa? Dürfen Klassen- und Kurs­fahrten noch mit dem Flug­zeug statt­finden? Wie hoch ist der Energie- und Wasser­verbrauch der Schule? Wir Lehrer können da nicht mehr ausweichen. Unsere Schüler erwarten, dass wir uns kümmern.

ZEIT: Wie bedrohlich ist es für Schule und Politik, wenn Schüler YouTubern wie Rezo mehr Aufmerk­samkeit schenken als ihren Lehrern?
Lorz: Wenn ein solches Video dazu führt, dass man sich kritisch mit den Inhalten auseinander­setzt, ist das doch wunder­bar. Aber die Schüler sollten eben auch lernen, wie solche YouTuber und Influencer arbeiten, welche Marketing­mechanismen und Wirtschafts­interessen dahinter­stecken.
Güting: Das gehört zum Wandel von Schule dazu, sich zu fragen, welche Rolle Lehrer in Zukunft spielen. Wo YouTuber ihnen voraus sind und was sie von denen lernen können. Der Lehrer wird sich von seiner Rolle als All­wissender verabschieden müssen. Er wird eher Coach und Lernberater. Bei uns entscheiden die Kinder und Jugendlichen heute schon mit, wie sie etwa Arbeits­ergebnisse präsentieren. Wenn der Lehrer ein Plakat haben will, sie aber lieber einen Film drehen wollen, ist das für den Lehrer kein Verlust von Autorität, sondern ein Gewinn. Schließlich bekommt er motiviertere Schüler.

ZEIT: Die dann mit etwas Glück auch wieder freitags zur Schule gehen. Was, wenn die Streiks nach den Sommer­ferien wieder beginnen, hagelt es dann Sechsen, wie von manchen Kultus­ministern angedroht, kommen dann die Buß­gelder?
Lorz: Wir können das nicht ausschließen. Wenn sich ein harter Kern bildet, der freitags gar nicht mehr erscheint, müssen wir zu entsprechenden Mitteln greifen.

ZEIT: Seien Sie mal mutig, Herr Lorz. Eine vorübergehende Vier­tage­woche in der Schule – wäre das im Sinne des Klima­schutzes nicht das Beste?
Lorz: Das würde hinsichtlich der Engpässe am Lehrer­markt einige unserer Probleme lösen. Aber im Ernst: Es wäre natürlich die sicherste Maß­nahme, um die Klima­proteste am Freitag­vormittag endgültig zu beenden.
Güting: Die gehen weiter! Garantiert. Wir können den Jugendlichen wirklich abnehmen, dass sie mehr wollen, als den Unterricht zu schwänzen. Da fällt mir ein: Wir haben bei uns an der Schiller-Schule gerade ein neues Leit­bild verabschiedet und lange diskutiert, welche Zitate von Schiller darin vor­kommen sollten. Mit einem waren die Schüler besonders glücklich: „Geben Sie Gedanken­freiheit!“