Sexueller Kindesmissbrauch : Tatort Schule

Welche Bedingungen ermöglichen sexuellen Kindesmissbrauch an Schulen? Inwieweit wird Kindern geholfen? Was lässt Betroffene und Zeitzeugen schweigen? Mit diesen Fragen richtet die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ihren Fokus jetzt auf das Thema „Missbrauch an Schulen“. Ende April startete die Kommission eine Kampagne, mit der sie vor allem betroffene Erwachsene und Zeitzeugen erreichen will, die sexuellen Missbrauch im Kontext Schule erlebt haben. Das Schulportal sprach mit Sabine Andresen, der Vorsitzenden der Kommission, über erste Erkenntnisse und darüber, was Schulen heute aus den Missbrauchserfahrungen der Vergangenheit lernen können.

Annette Kuhn / 01. Juni 2021
sexueller Kindesmissbrauch Mädchen und Schulranzen von hinten
Je jünger Kinder sind, desto schwerer fällt es ihnen, zu verstehen, was ihnen durch den sexuellen Missbrauch überhaupt widerfahren ist, und dafür Worte zu finden.
©Getty Images

Deutsches Schulportal: Wie ist die erste Resonanz nach dem Start der Kampagne zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Schule?
Sabine Andresen: Unser Aufruf an Betroffene und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen startete erst Ende April – daher ist es noch zu früh für eine Bilanz. Im Vergleich zu vorherigen Aufrufen, mit denen wir Betroffene aus anderen Bereichen angesprochen haben, habe ich aber den Eindruck, dass sich nach dem Start dieses Aufrufs zum Kontext Schule sehr viel schneller und sehr viel mehr Menschen bei uns gemeldet haben. Das liegt sicherlich auch daran, dass wir alle mal in die Schule gegangen sind und mit diesem Ort etwas verbinden. Daher haben uns Betroffene auch schon vorher immer wieder von Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch an Schulen erzählt.

Sabine Andresen
Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.
©Barbara Dietl

Wie läuft genau der Prozess der Aufarbeitung?
Das ist bei allen Schwerpunkten – also zum Beispiel auch bei Sport, Kirche oder Familie – ein inzwischen gut erprobtes Vorgehen, das die Kommission entwickelt hat. Die Betroffenen und Zeitzeugen schildern uns ihre Erfahrungen schriftlich oder in vertraulichen Anhörungen. Außerdem gibt es öffentliche Hearings zu den Schwerpunktthemen der Kommission, bei denen Betroffenen und andere Expertinnen und Experten öffentlich sprechen.

Für den Kontext Schule planen wir ein Hearing im ersten Quartal 2022. Die Berichte werden dann gesammelt, ausgewertet und bilden die Basis für Fallstudien, Forschungsprojekte und Empfehlungen.

Wir können zum Thema „Sexueller Missbrauch an Schulen“ auch schon auf Studien zurückgreifen, die zum Beispiel mit der Aufarbeitung der Vorfälle an der Odenwaldschule, an der Elly-Heuss-Knapp-Schule oder im Kloster Ettal entstanden sind.

Und wir haben als Kommission bereits vor dem Start des Aufrufs Werkstattgespräche zum Bereich Schule durchgeführt und dabei auch Verantwortliche aus Schulbehörden und Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft einbezogen. Auf dieser Grundlage haben wir bereits im März 2021 in der „Grundschulzeitschrift“ erste Auswertungen veröffentlicht, die jetzt Grundlage für weitere Forschungen werden.

Insbesondere in der Vergangenheit galten einzelne Lehrkräfte und Schulleiter häufig als unantastbar.

Welche typischen Strukturen haben sexuellen Kindesmissbrauch in der Schule begünstigt?
Aus dem, was bisher bekannt ist, haben sich vor allem sechs Aspekte herauskristallisiert:

  • Eine Schulkultur, in der die Rechte von Kindern und Jugendlichen nicht respektiert werden. Autoritäre Strukturen führen eher dazu, über Grenzen, Interessen und Bedürfnisse von Kindern hinwegzugehen.
  • Insbesondere in der Vergangenheit galten einzelne Lehrkräfte und Schulleiter häufig als unantastbar und haben sich damit jeder kollegialen Kritik entzogen. Das hat es anderen, die vielleicht Vertrauensperson für ein Kind waren, sehr schwer gemacht. Denn sie mussten nicht nur gegen den einen Täter argumentieren und vorgehen, sondern gegen ein ganzes Kollegium. Ein Extremfall war Gerold Becker, der Leiter der Odenwaldschule. Ein Betroffener, der von ihm über viele Jahre missbraucht wurde, hat erzählt, wie er schon als Kind wusste, dass man ihm nicht glauben wird, weil er gesehen hat, wie alle Erwachsenen den Schulleiter verehrt haben.
  • Schwierig sind auch unklare Rollen von Lehrerinnen und Lehrern – und wenn der kollegiale Austausch dazu fehlt. Das führt zu Unsicherheit. Dabei ist es wichtig, sich über eine Balance zwischen Nähe und Distanz miteinander verständigen zu können.
  • Insgesamt spielt das Klima an einer Schule und im Kollegium eine entscheidende Rolle. Ist es möglich, im Lehrerzimmer offen über Probleme oder eigene Unsicherheiten zu sprechen? Wie viel Verantwortung übernimmt die Schulleitung, wie offen ist sie?
  • Ein weiteres Problem: Es muss einen klaren Plan, einen Handlungsleitfaden geben, wie eine Schule im Falle eines Verdachts vorgeht. Die Kommunikationswege müssen etabliert sein. Wenn sie erst in der Krise aufgebaut werden, ist es zu spät. Oft gibt es so einen Leitfaden aber nicht.
  • Problematisch ist außerdem, wenn sich eine Schule abschottet oder sich immer für die bessere Schule hält. Das gehört vielleicht zu den Lehren, die wir aus den sogenannten dunklen Kapiteln der Reformpädagogik ziehen können. In einer Schule, die mit anderen Schulen, aber auch mit sozialen Einrichtungen vernetzt ist, fallen Übergriffe und Missbrauch eher auf.
Aufarbeitungskommission sexueller Kindesmissbrauch Kamapgnenplakat
Seit Ende April ruft die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Betroffene und Zeitzeugen dazu auf, sich bei der Kommission zu melden.

Es muss an jeder Schule einen klaren Handlungsleitfaden geben

Inwieweit gibt es diese Strukturen noch heute an den Schulen?
Eine Schule kann sich heute nicht mehr so leicht abschotten. Und die Idealisierung einzelner Pädagogen wird inzwischen hoffentlich kritischer gesehen. Jedenfalls gehören ja Selbstreflexion und Selbstkritik zu einer fachlich fundierten Pädagogik.

Wichtig bleibt die Auseinandersetzung mit der Rolle als Lehrer oder Lehrerin. So kann es auch heute zur Strategie eines Täters gehören, seine Lehrerrolle gezielt zu verlassen. Er kann sich zum Beispiel bei Jugendlichen kumpelhaft geben, ihnen Zigaretten anbieten, Vier-Augen-Gespräche suchen oder sie nach einer späten Chorprobe nach Hause fahren. Solche Situationen müssen nicht, aber sie können ein Einfallstor sein.

Ich glaube, es ist wichtig, dass man als Schulleiterin, Lehrkraft oder Schulsozialarbeiter niemals ausschließt, dass ein Kollege oder eine Kollegin auch übergriffig und grenzverletzend sein kann.

Die Angst, jemanden möglicherweise zu Unrecht zu beschuldigen, kann dazu führen, dass ein Täter weitermachen kann und ein Kind nicht geschützt wird.

Ist so eine Haltung nicht eine große Belastung für ein Kollegium?
Ja, das ist eine Herausforderung – und ein Verdachtsfall ist eine Belastung. Natürlich ist das eine Gratwanderung und erfordert viel Sensibilität, einen Missbrauch im Prinzip für möglich zu halten und nicht gleichzeitig mit einer permanent misstrauischen Perspektive an den Arbeitsplatz zu gehen. Aber was wäre die Alternative? Die Angst, jemanden möglicherweise zu Unrecht zu beschuldigen, kann dazu führen, dass ein Täter weitermachen kann und ein Kind nicht geschützt wird. Möglicherweise werden damit auch noch andere Kinder gefährdet.

Wie können Lehrkräfte, denen sich ein Kind anvertraut oder die selbst einen Verdacht schöpfen, konkret vorgehen?
Dazu muss es an jeder Schule einen klaren Handlungsleitfaden geben. Der muss allen bekannt sein und von allen getragen werden – von der Schulleitung, den Lehrerinnen und Lehrern, allen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Schule und auch von den Eltern. Darin muss klar geregelt sein, wer bei einem Verdachtsfall anzusprechen ist, wer die Verantwortung für den Aufklärungsprozess übernimmt, wann und welche Unterstützung von außen hinzugeholt wird, und auf jeden Fall muss die Schulleitung eingebunden sein. Sind diese Schritte nicht klar, kann das schnell zu Zerwürfnissen führen und auch dazu, dass hektisch, unbedacht oder eben gar nicht gehandelt wird. Der Handlungsleitfaden ist auch eine Entlastung für Lehrkräfte, weil sie dadurch Sicherheit bekommen und nicht das Gefühl haben, mit der Situation allein zu sein.

Zu einem umfassenden Schutzkonzept gehören außerdem Präventionsmaßnahmen, die an die Altersstruktur und die Bedürfnisse der Kinder angepasst sind. Und ein Schutzkonzept darf nicht einmal erstellt werden und dann in der Schublade landen. Es muss gelebt werden, sonst wird es in der akuten Situation vergessen.

Wann braucht eine Schule Hilfe von außen?
Hier zeigt sich auch, wie wichtig es ist, dass eine Schule gut vernetzt ist. In einem starken Netzwerk fällt es der Schulleitung und den einzelnen Lehrerinnen und Lehrern leichter, sich auch Hilfe von außen zu holen. Voraussetzung ist, dass das Kollegium regionale Anlaufstellen und Beratungsstellen kennt, dass es mit zuständigen Personen beim schulpsychologischen Dienst bekannt ist und auch Kontakt zum örtlichen Jugendamt hat. Im besten Fall gibt es schon im Rahmen eines Schutzkonzepts die Zusammenarbeit mit einer spezialisierten Fachberatungsstelle.

Betroffene bekommen oft Trost, aber nicht immer Hilfe

Hat heute jede Schule so ein Schutzkonzept?
Nein, ich denke beim Thema „Sexuelle Gewalt an Schulen“ gibt es noch viel Nachholbedarf. Darum hat der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig die bundesweite Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ gestartet und fordert jetzt auch, Schutzkonzepte an Schulen verbindlich gesetzlich zu verankern. Auch in der Lehrerbildung sollte sexueller Missbrauch an Schulen eine noch größere Rolle spielen. Das Interesse der Studierenden ist auf jeden Fall da. Überall dort, wo es entsprechende Angebote gibt, sind die Seminare sehr gut besucht.

Viele Betroffene teilen sich erst Jahre später mit, manche nie. Woran liegt das?
Je jünger Kinder sind, desto schwerer fällt es ihnen, zu verstehen, was ihnen überhaupt widerfahren ist, und dafür Worte zu finden. Außerdem merken sie ganz genau, wenn das Thema bei den Erwachsenen ein Tabu ist. Aber es ist nicht immer so, dass Kinder nicht sprechen. Viele Betroffene haben uns auch erzählt, dass sie sich durchaus mitgeteilt hatten, aber dann keine Hilfe bekommen haben. Oft wurde ihnen nicht geglaubt. Und wenn ihnen geglaubt wurde, dann wurden sie vielleicht getröstet, aber es wurde nicht weiter gehandelt. Wenn es um einen Missbrauchsfall in der Familie ging, haben manche Lehrer auch gesagt, sie dürften sich da nicht einmischen, das sei eine Privatangelegenheit. Aber Schule muss auch ein Schutzraum für Kinder sein.

Zum Schutzkonzept gehört eine gute Kommunikationskultur

Wie wird Schule zu einem Schutzraum?
Voraussetzung ist eine Kultur, in der Kinder im Alltag Gehör finden. Wenn es eine gute Kommunikationskultur gibt und sie auch über alltägliche Beschwerden und Belastungen sprechen können, dann werden sich Kinder einer Lehrerin oder einem Lehrer auch bei einem Thema wie Missbrauch anvertrauen, das mit solcher Scham und großer Irritation einhergeht. Aber mit Haltung allein ist es natürlich nicht getan, es braucht dann eben auch gute Strukturen und einen klaren Handlungsleitfaden.

In der Corona-Pandemie fehlte Schule als Schutzraum. Was können wir daraus lernen?
Die Corona-Pandemie bietet die Chance, zu erkennen, welche enorme Bedeutung Schule für Kinder hat. Das spielt auch im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch eine große Rolle. Alle Verantwortlichen an Schulen sind insbesondere jetzt in der Verantwortung, die Sorgen und Nöte von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen und auf Hinweise von sexueller Gewalt zu reagieren.

Natürlich kann Schule auch selbst zum Tatort werden, aber sie ist eben auch ein Schutzraum, denn am häufigsten findet Missbrauch nicht in der Schule, sondern in der Familie statt.

Und es gibt noch eine weitere Dimension: Schule ist für betroffene Kinder in ihrer originären Bedeutung als Lernort wichtig, weil das Lernen für sie oft die einzige stabile Größe in ihrem Leben ist. Viele Betroffene haben uns berichtet, wie viel Selbstwertgefühl sie über ihre Leistungen erlangen konnten und wie wichtig es für sie war, in die Schule gehen zu können.

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  • Unter dem Motto „Werden Sie los, was Sie nicht loslässt“ hat die die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Ende April 2021 einen Aufruf gestartet, damit sich erwachsene Betroffene sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen melden.
  • Die Kommission wurde am 26. Januar 2016 berufen. Grundlage für ihre Arbeit war ein Beschluss des Deutschen Bundestags von 2015. Die Arbeit der Kommission war zunächst auf drei Jahre begrenzt, wurde aber 2018 um weitere fünf Jahre bis Ende 2023 verlängert.
  • An die Kommission wenden sich vor allem Betroffene, aber auch Angehörige sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Ihre Berichte werden in verschiedenen Forschungsprojekten und Studien wissenschaftlich ausgewertet.
  • Die Aufarbeitungskommission untersucht sämtliche Formen sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR ab 1949. Dabei hat sie sich auf verschiedene Themenschwerpunkte fokussiert. So untersucht die Kommission u. a. sexuelle Gewalt in der Familie, in der Kirche oder im Sport. Aktuell beschäftigt sie sich auch mit sexuellem Missbrauch im Bereich Schule.
  • Betroffene und Zeitzeugen, die sexuellen Kindesmissbrauch im Kontext Schule erlebt haben, können sich an die Kommission wenden – über das kostenlose und anonyme Infotelefon 0800 40 300 40. Sie können ihre Geschichte in einer vertraulichen Anhörung mitteilen, per E-Mail: kontakt@aufarbeitungskommission.de oder per Post: Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Postfach 110129, 10831 Berlin.