Dieser Artikel erschien am 16.05.2018 auf ZEIT Online
Autor: Karsten Polke-Majewski

Sexuelle Übergriffe an Schulen : „Auch eine 18-jährige Schülerin ist eine Schutzbefohlene“

Ein Lehrer schläft mit seiner Schülerin. Eine Kollegin erfährt davon. Doch der Schulleiter will nichts davon hören – die Schulaufsicht auch nicht. Betroffene berichten.

Ein junges Pärches sitzt auf einer Mauer und hält Hände
©iStock

Wenn Anna Weber* damals geahnt hätte, was sie alles riskieren würde, dann hätte sie vielleicht geschwiegen. Dann hätte sie sich nicht an ihren Schulleiter gewandt und gemeldet, was Elena* ihr gestanden hatte. Sie hätte auf ihre Kollegen gehört, die sie vor diesem Schritt warnten.

Eine schmale blaue Mappe liegt vor der jungen Sportlehrerin auf dem Kaffeehaustisch. Der Umschlag enthält E-Mails, amtliche Schreiben und Behördenvermerke. Anna Weber hat die Papiere zum Gespräch in das Café mitgebracht, weil es sonst kaum etwas gibt, mit dem sie belegen könnte, dass alles wirklich so geschehen ist. Die Lehrerin hat große Sorge, erkannt zu werden. Die Schulverwaltung hat sie zum Schweigen verpflichtet. Deshalb muss diese Geschichte, die sich vor einiger Zeit an einem deutschen Traditionsgymnasium zugetragen hat, skizzenhaft bleiben. Alle Namen und einige Details sind zum Schutz der Betroffenen verfremdet worden.

Es ist eine Geschichte von Schwärmerei und Macht, Sehnsucht und Ausbeutung. Und ein Beispiel dafür, wie schutzlos Lehrkräfte dastehen, wenn sie es wagen, sexualisierte Gewalt an ihrer Schule zu melden. So wie Anna Weber. Als Elena ihr von der Sache mit ihrem Physiklehrer erzählt, ist sie in der elften Klasse. Harald Jung* ist Mitte 50, ein sportlicher Familienvater, einer der beliebtesten Pädagogen aus dem Kollegium, seit vielen Jahren unterrichtet er an der Schule. Und er hat Sex mit Elena. Das behauptet die 17-jährige Schülerin. Aber stimmt es? Und wie soll sich die Sportlehrerin verhalten, als sie von dem Vorwurf gegen ihren altgedienten Kollegen erfährt?

Anna Webers Gymnasium hat kein Schutzkonzept erarbeitet, das der Lehrerschaft verbindliche Leitlinien für solche heiklen Situationen vorgeben würde. Die wenigsten Schulen in Deutschland verfügen über solche Notfallpläne, obwohl die Kultusministerkonferenz deren Einführung vor Jahren zugesagt hatte. Das hat gravierende Folgen, nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Lehrkräfte.

Im Februar hatte ZEIT ONLINE erstmals darüber berichtet, wie wenig sich Schulleitungen, Aufsichtsbehörden und Landesregierungen bemühen, Schülerinnen und Schüler vor sexualisierter Gewalt und Missbrauch zu schützen. Rund 1.400 Leserinnen und Leser meldeten sich daraufhin und berichteten von verbalen Belästigungen, körperlichen Übergriffen und Missbrauchsfällen.

Diese Zuschriften sind nicht repräsentativ, doch sie lassen die Dimension des Problems im Schulalltag erahnen. In 80 Prozent der geschilderten Fälle waren Schülerinnen die Opfer, zwei Drittel der Vorfälle blieb für die Täter folgenlos. Selbst wenn Schulleitung oder Schulaufsicht eingeschaltet wurden, hatte die Tat in mehr als der Hälfte der Fälle keine disziplinarischen Konsequenzen für den beschuldigten Lehrer.

ZEIT ONLINE hat einige der Fälle nachrecherchiert, so wie jenen von Anna Weber. Nicht immer lässt sich eindeutig belegen, was genau vorgefallen ist. Denn viele Übergriffe sind strafrechtlich nicht relevant, weshalb sie nicht offiziell verfolgt und dokumentiert werden. Da ist beispielsweise der Lehrer, der seiner 15-jährigen Schülerin per Whatsapp schreibt: “Ich würde gerne mit Dir einschlafen” und “Wir müssen mal zusammen kuscheln”. Später taucht er am Freibad auf und will das Mädchen alleine nach Hause fahren. Nur weil zwei Freundinnen der Schülerin dazwischengehen, lässt er von seinem Vorhaben ab. Die Mädchen zeigen den Lehrer bei der Polizei an. Doch der Staatsanwalt stellt das Verfahren ein. Seine Begründung: “Der Beschuldigte hat sich zwar in ausgesprochen unpassender, distanzloser und nicht tolerierbarer Art und Weise seinen Schülerinnen angenähert.” Ein sexueller Missbrauch im Sinne des Strafgesetzbuchs liege aber nicht vor.

Selbst wenn Lehrer oder Lehrerinnen mit ihren minderjährigen Schülerinnen oder Schülern schlafen, ist die Lage oft kompliziert. Häufig steht Aussage gegen Aussage. Expertinnen für sexuellen Missbrauch warnen jedoch davor, von einer unklaren Beweislage darauf zu schließen, dass nichts geschehen sei. Ursula Schele leitet die PETZE, eine Fachstelle für die Prävention von sexualisierter Gewalt und sexuellem Missbrauch in Kiel, und ist Vorsitzende des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen. Sie sagt: “Die Angst davor, dass ein Verdacht unberechtigt erhoben worden ist, hat viel damit zu tun, dass das Thema sexueller Missbrauch immer noch tabuisiert wird.”

Nur die wenigsten Opfer wagten überhaupt, solche Übergriffe mitzuteilen, sagt Schele. Wenn Betroffene dann doch redeten, müsse man zunächst davon ausgehen, dass es tatsächlich so oder so ähnlich passiert sei. Unter 1.000 Fällen fänden sich durchschnittlich drei, in denen jemand falsch beschuldigt werde. Dennoch wagten es viele Menschen nicht, Opfern von Übergriffen zur Seite zu stehen. “Die Angst davor, einen Erwachsenen zu beschuldigen, ist immer noch viel größer als der Mut, einem Jugendlichen zu helfen.” Zumal die Erfahrung lehrt, dass einem dieser Mut teuer zu stehen kommen kann. So wie Anna Weber.
Schockiert und ratlos

Es ist kurz vor den Ferien, wochenlang hat sie mit Elena für einen großen Abschlusswettkampf trainiert. Doch nun will Elena plötzlich nicht mehr. “Ich trete da nicht an”, habe sie ihr kurz vorher mitgeteilt, sagt Weber. “Ich kann nicht mehr.”

Weber hat Elena schon in der Mittelstufe unterrichtet. Sie war eine mittelmäßige Schülerin, aber Sport war ihr wichtig gewesen. Irgendwann hatte sie Weber erzählt: Sie habe psychische Probleme und könne sich deshalb nicht auf den Unterricht konzentrieren. Weber sprach mit den Eltern und vermittelte die Familie an eine Beratungsstelle. Elena machte eine mehrmonatige Therapie.

Ist ihre Krankheit nun zurückgekehrt? Weber verabredet sich mit Elena. Doch diesmal erzählt das Mädchen nicht von seiner Krankheit, sondern von dem Physiklehrer. Seit einem Jahr hätten sie etwas miteinander, berichtet die Oberstufenschülerin. Jung habe ihr Komplimente gemacht: Wie toll sie aussehe! Was für eine großartige Sportlerin sie sei! Am Anfang hätten sie sich nur geküsst. Inzwischen, sagt die Schülerin, schliefen sie auch miteinander.

Anna Weber ist schockiert und ratlos. Sagt Elena die Wahrheit? Oder will sie nur die Aufmerksamkeit der Lehrerin auf sich ziehen? Hört man nicht immer wieder davon, dass sich Schülerinnen in ihre Lehrer verlieben und später sogar heiraten? Elena jedenfalls will keine Anzeige erstatten, sondern die Schule verlassen. Ihr 18. Geburtstag steht kurz bevor.

„Lehrer werden nicht angehimmelt, weil sie so tolle Männer sind“

„Auch mit 18 ist man als Schülerin trotzdem eine Schutzbefohlene!“, sagt Petra Schneider*. Die 33-Jährige hat gerade ihr Referendariat an einer Schule in Rheinland-Pfalz begonnen. Schneider kann gut nachvollziehen, was in Elena vorgegangen sein muss, als sie sich auf Jungs Werben einließ. Sie stand ebenfalls kurz vor dem Abitur, als ihr Deutschlehrer begann, sie zu umschmeicheln. Was danach geschah, beschäftigt sie auch mehr als zehn Jahre später immer noch.

„Er war begeistert, weil ich Fontane schon kannte“, erzählt Schneider, „ich konnte mir seiner fachlichen Anerkennung immer sicher sein.“ Der Mittfünfziger und die Oberstufenschülerin trafen sich auf Schulpartys, redeten, tranken, tanzten miteinander. „Ich war mir sicher, dass irgendwann etwas passieren wird. Halb habe ich es befürchtet, halb erhofft.“

Dann kommt eine der großen Vorabi-Partys, mit denen die Schüler ihren Abschlussball finanzieren wollen. Längst machen die Mitschüler Witze über Schneider und ihren Lehrer. Selbst der Junge, mit dem Schneider zusammen ist, sagt: „Wenn ich dich finden will, muss ich ja nur nach deinem Lehrer fragen.“ Wieder tanzen und trinken sie miteinander. Es ist schon tief in der Nacht, als der Deutschlehrer sie mit dem Fahrrad nach Hause bringen will. Doch sie sind zu betrunken, um weit zu kommen. Nach wenigen Metern stürzen sie in einen Graben. Dort liegen sie übereinander, seine Hand fährt unter ihr Kleid. Viele Mitschüler sehen es.

„Ich brauchte es, dass er nett zu mir ist“

Am nächsten Tag sucht der Lehrer demonstrativ eine Aussprache vor der Bürotür des Schulleiters. Er streitet nicht ab, was geschehen ist, aber er spielt es herunter und schiebt alles auf den Alkohol. Außerdem seien sie beide erwachsen. Schneiders beste Freundin macht ihr Vorwürfe. Aber was kann Schneider schon tun? Er ist doch ihr Deutschlehrer, er wird sie im Abitur mündlich prüfen. Eine andere Lehrerin sagt kurz vor der Prüfung augenzwinkernd: „Keine Sorge, ihr beiden versteht euch ja.“

„Mir war damals nicht unbedingt bewusst, dass ich unglücklich bin“, sagt Schneider heute. „Das habe ich erst mit Abstand erfasst.“ Sie habe schon gespürt, wie sich Glücksgefühle ständig mit Scham und Überforderung abwechselten. Doch erst heute wisse sie, dass sie von ihrem Deutschlehrer vollkommen abhängig gewesen sei. „Ich habe es gebraucht, dass er nett zu mir ist, dass er auf mich zukommt. Dass er mich anerkennt, mich intellektuell und sexuell toll findet. Das hat meinen ganzen Tag bestimmt.“ Es habe sie tief verletzt, wenn er sich nicht bei ihr gemeldet habe. „Er hat mit mir gespielt, hat mich zurückgewiesen, aber zugleich zugelassen, dass ich Kontakt suche. Danach gab’s dann wieder Sex.“

Fachberaterin Schele sind solche Verhaltensmuster vertraut. „Ein Täter ist ja nicht nur ekelhaft oder gewalttätig. Aus Sicht der Opfer ist er oft der einzige, der sie vermeintlich versteht, der liebevoll, wertschätzend, zugewandt ist.“ Es sei auch ganz normal, dass ältere Schülerinnen manchmal ihre Wirkung auf Männer ausprobieren wollten und ihre Lehrer herausforderten. „Aber diese Lehrer werden nicht angehimmelt, weil sie so tolle Männer sind, sondern weil sie in einer Machtposition sind, die sie heraushebt.“ Die Täter wissen das und nutzen es aus.

Die Täter, so erklärt es Schele, hätten ein seismographisches Gefühl dafür, Mädchen und junge Frauen zu finden, die große Sehnsucht nach einer funktionierenden Beziehung und große Defizite in sich tragen. So war es auch bei Petra Schneider. Als Vorschulkind war sie von ihrem damals 14-jährigen Cousin missbraucht worden. „Meine Eltern wussten es, aber in der Familie wurde nie darüber gesprochen.“ Eine richtige Therapie gab es auch nicht. Der Deutschlehrer spürte das, er hatte Erfahrung. Petra Schneider war nicht die erste Schülerin, mit der er ein Verhältnis hatte.

Ausnahme Bremen

Auch heute, fast 15 Jahre später, haben die wenigsten Schulen ein Konzept entwickelt, das Lehrkräften, Eltern, Jugendlichen und Kindern vorgibt, wie sie auf solche Fälle sexueller Grenzverletzungen reagieren sollten.

Lediglich im kleinsten Bundesland Bremen muss jeder beobachtete oder erzählte Vorfall umgehend gemeldet werden. Dort sind alle sexuellen Kontakte zwischen Schulpersonal und Schülerinnen oder Schülern strikt untersagt. “Angesichts der Abhängigkeit der Schülerinnen und Schüler und des auszuführenden Unterrichts- und Erziehungsauftrages sind auch von Schülerinnen und Schülern akzeptierte sexuelle Annäherungen absolut verboten”, heißt es in einer Handreichung der Bildungssenatorin. Dazu gehörten auch die “anzüglich didaktische und methodische Verwendung von Unterrichtsmaterialien; unnötiger Körperkontakt, insbesondere im Sportunterricht; die Duldung der Nutzung oder Verbreitung sexistischer Darstellungen aller Art; die Verletzung von Schamgrenzen von Schülerinnen und Schülern insbesondere in der Pubertät”.

Die Handreichung schreibt in kleinen Schritten vor, was zu tun ist, wenn es zu einem Vorfall kommt. Wer von einem Verdacht erfährt, muss ein detailliertes Gedächtnisprotokoll anlegen, mit Zeit, Ort und möglichst Zeugen des Geschehens. Die Schulleitung muss informiert werden. Sie wird regelmäßig fortgebildet und ist mit standardisierten Regeln ausgestattet, wie in solchen Fällen weiter vorzugehen ist. Außerdem muss die Schulleitung unverzüglich die Dienstaufsicht informieren. Die wiederum schaltet ein Expertengremium aus Schulaufsehern, Fachberaterinnen und Juristen ein, das jeden Fall bearbeitet und dafür auch in die Schulen kommt.

Mit diesem konsequenten Vorgehen steht Bremen in Deutschland alleine da. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts zeigte kürzlich, dass sich Schulen in der Regel nur dann mit sexualisierter Gewalt und Missbrauch auseinandersetzen, wenn schon etwas passiert ist. Die meisten Schulleitungen verzichten auf Prävention. Kommt es dann zu einem Vorfall, weiß kaum jemand, wie der systematisch aufgearbeitet werden könnte.

So hat es auch Anna Weber erlebt, nachdem sich Elena ihr anvertraut hatte. Einige Wochen lang grübelt sie: Soll sie schweigen und Jungs Skrupellosigkeit damit decken? Anonym fragt sie beim Kultusministerium nach. Dort bedeutet man ihr, dass es ihre Pflicht als Beamtin sei, die Angelegenheit mitzuteilen. Trotzdem zögert die Sportlehrerin.

Währenddessen beobachtet sie, dass das Verhältnis des Physiklehrers mit der Schülerin weitergeht. Als sich Jung eines Tages im Lehrerzimmer brüstet, wie beliebt er in der Schülerschaft sei und dass sich die Schülerinnen häufig vertrauensvoll an ihn wendeten, reicht es ihr. Anna Weber geht zum Schulleiter. Der nimmt ihre Meldung auf, gibt sie an die Schulaufsicht weiter und verpflichtet die Lehrerin zur Verschwiegenheit.

Damit hätte die Sache für Weber erledigt sein können. Doch es läuft anders.

„Ich war heillos überfordert“

Jung wird von der Schulaufsicht vorgeladen und mit Webers Vorwürfen konfrontiert. Dort sagt der Physiklehrer aus, Elena habe sich an ihn gewandt und er habe sich verpflichtet gefühlt, sie zu unterstützen. Er bestreitet jeglichen körperlichen Kontakt zu seiner Schülerin, gibt aber zu, dass sich die 17-Jährige emotional von ihm abhängig gemacht und er das nicht verhindert habe. Und er bezichtigt Weber, ihn zu verleumden.

Dann wird Weber vorgeladen. Sie selbst betrachtet sich als Zeugin, doch die Schulaufsicht scheint ihre Rolle anders zu bewerten. Schon im Gespräch wirft man Weber vor, ihr Kontakt zur Schülerin sei zu persönlich gewesen. Das später zugesandte Protokoll des Gesprächs erteilt ihr dazu einen schriftlichen Tadel. Außerdem habe Elena inzwischen ausgesagt, kein Verhältnis mit Jung gehabt zu haben. War also alles doch nur eine Lüge?

„Die oft andauernde Ambivalenz von Opfern sexueller Übergriffe ist typisch“, sagt die Fachberaterin Ursula Schele. Dass Mädchen wie Elena einer Vertrauensperson erst erzählen, was sie erlebt haben, und es dann wieder leugnen, erlebe sie häufiger. „Als Helfende muss man viel Geduld haben. Und man darf nie etwas über den Kopf der Mädchen hinweg tun. Alle Schritte, die folgen, müssen mit dem Mädchen selbst abgestimmt werden. Denn sexuelle Gewalt ist eine der härtesten Formen der Fremdbestimmung.“

„Das hat mich jeden Tag verfolgt“

Monate später entschließt sich Elena doch, vor der Schulaufsicht und der Polizei auszusagen. Jung wird suspendiert. In der Schule gehen nun Gerüchte um. Woher sie kommen, ist unklar, vielleicht hat jemand Elena und Jung irgendwo beobachtet. Im Kollegium bilden sich Lager. Die einen behaupten, da sei nie etwas passiert. Andere sagen, wenn doch, sei das Mädchen selbst schuld. Nur wenige kritisieren Jungs mutmaßliche Übergriffe. Die Schulleitung schweigt und Weber darf nichts geraderücken, ihr Schulleiter hat ja auf Verschwiegenheit gedrungen. Nicht einmal mit dem Personalrat darf sie sprechen. Obwohl alle darüber reden, wird der Fall nie offiziell thematisiert. „Ich war der isolierteste Mensch an der ganzen Schule“, sagt Weber.

Hätte sie die Gerüchteküche nicht kalt lassen können? „Vielleicht“, sagt Weber, „wenn ich ein kälterer Mensch wäre.“ Doch sie habe ständig diese große Ungerechtigkeit gespürt: Dass Elena, das Opfer, abermals zum Opfer gemacht worden sei. Dass sie selbst von der Behörde zur Täterin erklärt worden sei, obwohl sie nur helfen wollte. Dass sie sich gegen all das nicht habe wehren dürfen. „Das hat mich jeden Tag verfolgt.“

Weber hält dem Druck nicht stand und wird krank. Elena nimmt ihre Aussage abermals zurück. Sie hätten sich nur einvernehmlich geküsst. Der Staatsanwalt stellt die Ermittlungen ein.

„Noch nie vorgekommen“

Dennoch bleibt Jung suspendiert. Die Schulaufsicht hat inzwischen von neuen Vorwürfen erfahren, an denen sie nicht mehr vorbeigehen kann. Denn Jung soll nicht nur mit Elena geschlafen haben. Er war auch mit einer früheren Schülerin verheiratet. Und auch davor, so erzählt es ein pensionierter Lehrer der Schule ZEIT ONLINE, habe Jung schon einmal ein Verhältnis mit einer Schülerin gehabt.

Der Pensionär pflegt bis heute einen engen Kontakt mit seiner früheren Schule und den Kollegen. „Passt“, habe er gedacht, als er von Elena erfahren habe, sagt er. Schon vor bald 30 Jahren habe sich der Kollege an ein Mädchen herangemacht, das genau wie Elena unter psychischen Problemen litt. Als das Mädchen stationär behandelt werden musste, habe Jung ihm sogar davon erzählt, wohl um klarzustellen, dass er selbst keine Schuld daran trage.

Was aus Elena geworden ist, weiß Anna Weber nicht. Sie selbst hat ihren Job an der alten Schule aufgegeben und sich versetzen lassen. Doch was geschehen ist, hängt ihr noch immer nach. „Ich war heillos überfordert. Niemand hat mir gesagt, wie ich in einem solchen Fall korrekt vorgehen sollte. Ich konnte nur Fehler machen. Und wenn man dann Fehler macht, werden sie einem auch noch vorgehalten.“ Es gebe keine Hilfsangebote. Nicht in der Schule und auch nicht in der Ausbildung. „Der Schulleiter und die Schulaufsicht haben die ganze Zeit so getan, als sei so ein Fall noch nie vorgekommen“, sagt Weber.

Harald Jung unterrichtet inzwischen wieder. An einer anderen Schule, aber die gleichen Jahrgangsstufen, aus denen seine mutmaßlichen Opfer stammten. Der Physiklehrer hat die Schulverwaltung verklagt, weil sie während der Suspendierung seine Bezüge gekürzt hatte. Die Schulaufsicht ist dagegen in Berufung gegangen. Eine Entscheidung steht noch aus.

*Name von der Redaktion geändert

Mitarbeit: Sascha Venohr

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen die Öffentlichkeit erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.

Hilfen für Betroffene

Die Internetseite des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ist das zentrale Informationsportal für das Themenfeld des sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland.

Beratung und Therapie sind wichtige Schritte, um sexuelle Gewalt verarbeiten zu können. Unterstützungsangebote bietet das Portal Sexueller Missbrauch.

Außerdem finden Schulen Informationen zu Schutzkonzepten unter www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de.

Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, können sich an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch wenden: 0800/225 55 30. Hier werden sie anonym und kostenfrei betreut und beraten.

Sie verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x