Soziales Jahr : „Sechsmonatige Freiwilligendienste wären hochattraktiv“

Zu lang und zu starr: Viele Schulabgänger entscheiden sich wegen der Fristen gegen einen Freiwilligendienst – dabei gibt es jetzt auch zeitlich flexible Programme.

Dieser Artikel erschien am 20.03.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Miriam Hoffmeyer
Kindergarten
©dpa

David Nguyen ging es nach seinem Abitur im Juli 2019 wie vielen Gleichaltrigen: „Ich wusste nicht, was ich machen sollte.“ Halbherzig schickte er eine Bewerbung für ein Studium der Sozialen Arbeit ab. „Im September kam dann die Absage von der Hochschule. Da wurde mir klar, dass ich erst mal Zeit brauche, um mich zu orientieren.“

Sarah Schirmaier wechselte nach dem Realschulabschluss im Herbst 2020 an ein Berufskolleg Fremdsprachen. Doch mit dem Lernen unter Pandemiebedingungen kam sie nicht zurecht: „Alles war ziemlich chaotisch. Ich habe nach ein paar Wochen gemerkt, dass ich mit dem Stress nicht klarkomme.“ Schließlich ging Schirmaier von der Schule ab.

In welche Richtung es weitergehen sollte, wusste sie nicht – nur dass sie möglichst schnell eine sinnvolle Beschäftigung brauchte: „Ich habe sieben Wochen nur zu Hause gesessen – auf Dauer halte ich das nicht aus.“ Bei der Orientierung half der jungen Frau wie dem jungen Mann ihr jeweiliger Freiwilligendienst.

Jedes Jahr leisten circa 80.000 junge Menschen einen gesetzlich geregelten Freiwilligendienst, der sechs bis 18 Monate dauern darf. Der weit überwiegende Teil der Verträge läuft über zwölf Monate, die neuen fangen Anfang September an. Dieser feste Jahresrhythmus erleichtert den Trägern wie den Einsatzstellen die Organisation und passt zeitlich gut für die zahlreichen Freiwilligen, die im Anschluss studieren oder eine Ausbildung machen wollen.

Ist ein Job im Sozialbereich das Richtige für mich? Darüber werden sich viele erst im FSJ klar

Wer den typischen Einstiegszeitpunkt verpasst hat, so wie Sarah Schirmaier oder David Nguyen, kann sich trotzdem bewerben. Die Chancen für Quereinsteiger sind allerdings je nach Dienst und Jahreszeit unterschiedlich: Für Stellen im Auslandsfreiwilligendienst muss man sich grundsätzlich etwa ein Jahr vorher bewerben. Die bundesweit nur etwa 3000 Stellen im freiwilligen ökologischen Jahr (FÖJ) sind so begehrt, dass Wartelisten geführt werden.

Deutlich leichter ist es dagegen, als Nachrücker eine Stelle im freiwilligen sozialen Jahr (FSJ) oder im Bundesfreiwilligendienst (BFD) zu ergattern. Denn zum einen gibt es hier mit Abstand die meisten Stellen: in Altenheimen, Kindergärten, Kliniken, Einrichtungen für behinderte Menschen, Schulen oder Sportvereinen. Zum anderen brechen etwa zehn Prozent der Freiwilligen ihren Dienst vor Ablauf von sechs Monaten ab, wie aus Umfragen der großen Träger hervorgeht.

Die meisten aus dieser Gruppe gehen sogar schon nach ein paar Wochen – in der Regel, weil sie doch noch eine Zusage für den gewünschten Studien- oder Ausbildungsplatz erhalten haben. Doch ab November werden die Gelegenheiten zum Quereinstieg seltener. Erst im Sommer werden wieder viele Stellen auf einmal frei: Circa 20 Prozent der Freiwilligen verabschieden sich dann vorzeitig aus dem Dienst, um etwa eine längere Reise zu machen. Nur im vergangenen Sommer blieben fast alle Freiwilligen tatsächlich bis zum Schluss – vermutlich, weil die Pandemie das Reisen so stark erschwerte.

Sarah Schirmaier und David Nguyen entschieden sich beide erst im Spätherbst für einen Freiwilligendienst. Trotzdem konnten sie schnell und unkompliziert einsteigen. Sie wohnen nämlich im Einzugsbereich der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die seit dem Kursjahr 2013/14 ein sogenanntes FSJ Vario anbietet. Der Einstieg ist regulär das ganze Jahr über möglich, alle sechs Wochen startet ein Seminarkurs zur pädagogischen Begleitung. Demzufolge ist die Dauer der Verträge unterschiedlich.

Nguyen war zehn Monate in einem Stuttgarter Kindergarten im Einsatz. „Die Arbeit hat Spaß gemacht, aber von dem Lärm wird man taub!“, erzählt er. „Im FSJ wurde mir klar, dass Soziale Arbeit doch nicht das Richtige für mich ist.“ Heute studiert der 20-Jährige Medieninformatik. Schirmaier, die im Dezember 2020 in einem Kindergarten in Ostfildern-Kemnat anfing, hat sich nur für neun Monate verpflichtet: „Danach gehe ich entweder weiter zur Schule oder mache eine Ausbildung.“

Bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart leisten jährlich rund 1300 junge Menschen einen Freiwilligendienst im üblichen Zeitrhythmus ab September. Hinzu kommen die Vario-Freiwilligen, deren Zahl von anfangs 90 auf jetzt 150 gestiegen ist. Das Interesse daran wachse jedes Jahr, sagt die Bildungsreferentin der Diözese, Dorothee Berreth: „Viele junge Menschen wünschen sich mehr Flexibilität, und wir wollen ihnen entgegenkommen.“ Einige bewerben sich laut Berreth, nachdem sie ihr Studium oder ihre Ausbildung abgebrochen haben. „Andere machen nach der Schule länger Pause, jobben und reisen – und möchten dann doch etwas Sinnvolles tun.“

Die Dauer des Dienstes wirkt abschreckend auf viele junge Leute, zeigt eine Studie

Laut zahlreichen Studien tun sich junge Menschen heute schwerer als frühere Generationen, sich für längere Zeit festzulegen. In einer aktuellen Befragung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung gaben 31 Prozent von circa 400 Jugendlichen an, dass sie Freiwilligendienste zu lang finden.

Die Dauer ist demnach – knapp nach dem Vorhandensein attraktiverer Alternativen und dem geringen Taschengeld – einer der wichtigsten drei Gründe, die junge Menschen von einem Freiwilligendienst abhalten. Im Abschlussbericht zur Evaluation der Freiwilligendienste im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, der 2015 erschien, gaben immerhin zehn Prozent der befragten Kontrollgruppe an, sie hätten sich wegen der zu langen Dauer gegen einen Dienst entschieden.

„Sechsmonatige Freiwilligendienste wären für junge Leute hochattraktiv“, meint Dirk Hennig, Vorsitzender des Dachverbands „Förderverein Ökologische Freiwilligendienste“, in dem die 52 FÖJ-Träger in Deutschland zusammengeschlossen sind. „Wir machen uns viele Gedanken, was wir tun könnten, um auf die Wünsche einzugehen, aber es ist nicht einfach.“

FÖJ-Verträge sind vor allem deshalb nur für zwölf Monate zu bekommen, weil es für die meist kleinen Träger zu schwierig wäre, die pädagogische Begleitung in zeitlich flexiblen Diensten zu organisieren, meint Hennig. „Außerdem fehlt bei der Freiwilligenarbeit in Landwirtschaft und Naturschutz der rote Faden, wenn die Teilnehmer den Zyklus der Jahreszeiten nicht erleben.“

In FSJ und BFD sind die Strukturen durch große Träger geprägt: das Deutsche Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Dienste unter dem Dach der evangelischen und der katholischen Kirche. Wie das Beispiel der Diözese Rottenburg-Stuttgart – und nur weniger anderer Träger – zeigt, ist es in diesen Strukturen durchaus möglich, zeitlich flexible Dienste auch pädagogisch sinnvoll zu organisieren.

Für die Einrichtungen ist es wichtig, dass die Freiwilligen nicht zu oft wechseln

Im FSJ Vario haben die Gruppen im ersten halben Jahr drei Seminare gemeinsam. Danach können sie – anders als die „normalen“ Freiwilligen – nach Belieben aus einem großen Kursangebot wählen. „Diese Riesenauswahl fand ich toll“, sagt die 19-jährige Ulmer Studentin Monika Zschau, die ab Mai 2019 ein FSJ Vario in einem Altenheim in Laupheim absolvierte – und daher, im Unterschied zu David Nguyen und Sarah Schirmaier, noch alle Seminare in Präsenz statt virtuell machen konnte. Sie entschied sich unter anderem für einen Meditationsworkshop und einen Zirkuskurs: „Das war wirklich eine Challenge für uns alle! Einen Clown zu spielen und sich selbst als Witzfigur darzustellen, ist gar nicht einfach. Ich habe nie so viel über mich selbst gelernt wie in diesen Kurswochen.“

Trotz des Erfolgs des FSJ Vario sind flächendeckende Konzepte für zeitlich flexible Dienste derzeit nicht in Sicht; die großen Träger halten die vorhandenen Möglichkeiten zum Quereinstieg für ausreichend. Experten sind sich einig, dass es in jedem Fall auch langfristig bei der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestdauer von sechs Monaten bleiben wird. Denn schließlich sollen Freiwilligendienste die Persönlichkeitsentwicklung voranbringen.

Auch für die Menschen in den Einrichtungen sei es wichtig, dass die Personen nicht zu oft wechselten, sagt Bettina Kieninger, Referentin für Freiwilligendienste beim Deutschen Caritasverband. Außerdem brauche es Zeit für die Einarbeitung und das Hineinwachsen der Freiwilligen ins Team: „Deshalb profitieren sowohl Einsatzstelle als auch Freiwillige davon, wenn der Einsatz mindestens sechs Monate dauert.“