Schuleingangsuntersuchungen : Defizite haben sich in der Pandemie verstärkt

Die Schuleingangsuntersuchungen sind in vielen Bundesländern in den vergangenen zwei Jahren ausgefallen, weil das Personal der Gesundheitsämter wegen der Corona-Pandemie anderweitig gebraucht wurde. Jetzt finden die Untersuchungen wieder statt, und Ärzte stellen zum Teil dramatische Defizite fest. Das Schulportal hat in einigen Bundesländern nachgefragt. 

Regina Köhler 16. Mai 2022
Schuleingangsuntersuchungen Arzt untersucht Kind
Die Schuleingangsuntersuchungen sind wichtig, um noch vor Schuleintritt der Kinder mögliche Förderbedarfe zu erkennen.
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Claudia Korebrits ist beunruhigt. Die Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen hat gerade zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen Kinder in Leipzig untersucht, die zum Ende des Sommers eingeschult werden sollen. „Deutschlandweit sehen wir deutlich mehr übergewichtige Kinder als in den Jahren zuvor“, sagt sie. Bewegungsmangel sei zwar schon vor der Corona-Pandemie ein Problem gewesen. Mit den monatelangen Lockdowns und einem eingeschränkten Kita-Betrieb habe sich die Situation jedoch verschärft. Vielen Kindern fehlte Bewegung, sie konnten nicht mit Gleichaltrigen in der Kita toben, Sportvereine mussten ihre Angebote einstellen.

Bei den diesjährigen Schuleingangsuntersuchungen mussten die Ärztinnen und Ärzte außerdem feststellen, dass vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien große Probleme haben. „Jegliche Defizite haben sich verstärkt“, sagt Claudia Korebrits. Dies sei deutschlandweit der Fall, so die Ärztin, die auch Sprecherin des Bundesverbandes des öffentlichen Gesundheitsdienstes ist. Neben Gewichtsproblemen gebe es gehäuft Auffälligkeiten bezüglich der Fein- und Grobmotorik, der Sprachfähigkeit, und auch der Zahnstatus der Kinder habe sich verschlechtert. Genaue Zahlen gibt es zwar noch nicht, weil die Daten der diesjährigen Schuleingangsuntersuchungen noch nicht ausgewertet sind, offensichtlich aber seien viele Kinder schlecht durch die Pandemie gekommen, so Korebrits. Welche Auswirkungen das auch auf die seelische Entwicklung der Kinder hat, werde sich erst noch zeigen.

Schuleingangsuntersuchungen sind massenhaft ausgefallen

Ähnliche Befunde wie in Leipzig gibt es auch in Bremen. Jörn Moock, Leiter des Gesundheitsamts Bremen sagt, dass die diesjährigen Untersuchungsergebnisse eine zunehmende Verschlechterung der Startbedingungen für Kinder aus den strukturell benachteiligten Stadtteilen zeigen. „Diese problematische Entwicklung, die auf eine wachsende Chancenungleichheit hinausläuft, dürfte sich unter Pandemiebedingungen weiter verstärken. Familien, die beengt wohnen und die ihre Kinder beim Lernen nicht angemessen unterstützen können, haben praktisch keine Möglichkeiten, Einschränkungen bei Betreuungsangeboten und beim Schulunterricht auszugleichen“, sagt Moock.

Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder-und Jugendärzte e.V. kritisiert indes, dass während der Pandemie die Schuleingangsuntersuchungen in vielen Bundesländern massenhaft ausgefallen sind. Dabei sei gesetzlich festgelegt, dass jedes Kind vor der Einschulung schulärztlich untersucht werden muss. „Die Daten dieser Untersuchung haben eine hohe Aussagekraft und lassen wertvolle Rückschlüsse auf die Verfasstheit der Kinder des betreffenden Jahrgangs zu“, so Maske.

Die Kinder- und Jugendärztlichen Dienste der Gesundheitsämter müssen künftig wieder ihre ureigenen Aufgaben machen und sich um das Wohl der Einschulungskinder kümmern können
Claudia Korebrits, Sprecherin des Bundesverbandes des öffentlichen Gesundheitsdienstes

Weil viele dieser Untersuchungen nicht stattgefunden haben, gebe es seit 2020 keine flächendeckende Dokumentation mehr. Welche Auswirkungen das hat, erläutert Maske an einem Beispiel: „Gegenwärtig beobachten wir, dass Masernerkrankungen weltweit rasant zugenommen haben. Wir sehen eine Steigerung um 79 Prozent.“ Da in den vergangenen zwei Jahren viele Schuleingangsuntersuchungen ausgefallen seien, gebe es nun keine belastbaren Aussagen über den Impfstatus der Kinder in Deutschland. „Wir können deshalb nicht prüfen, ob das Masernschutzgesetz, das eine Impfpflicht vorsieht, schon gegriffen hat oder nicht.“

2021 wurden viele Kinder ohne inklusive Betreuung eingeschult

Schuleingangsuntersuchungen dürfen in Zukunft nicht mehr verschoben werden oder ausfallen, fordert daher auch Claudia Korebrits. „Die Kinder- und Jugendärztlichen Dienste der Gesundheitsämter müssen künftig wieder ihre ureigenen Aufgaben machen und sich um das Wohl der Einschulungskinder kümmern können.“ Sie dürften nicht erneut zur Pandemiebekämpfung eingesetzt werden. In den vergangenen zwei Jahren sei das bundesweit leider viel zu oft der Fall gewesen.

Dass viele Kinder vor Schulbeginn nicht oder zu spät untersucht werden konnten, habe zum Teil dramatische Folgen, sagt Korebrits. „Kinder, die eigentlich einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben, sind 2021 ohne inklusive Betreuung eingeschult worden.“ Das habe Auswirkungen auf die Schullaufbahn dieser Kinder und auch auf die ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. „Abgesehen davon, dass die Lehrerinnen und Lehrer es kaum schaffen dürften, allen Kindern gerecht zu werden.“

Kinder brauchen mehr Bewegungsmöglichkeiten

In Leipzig wurden in diesem Jahr zwar wieder alle Kinder, die im Sommer eingeschult werden – es sind rund 6.500 – untersucht. „Wir sind allerdings erst im Mai und nicht wie vorgesehen im Januar damit fertig geworden“, sagt Korebrits. Die Folge: Es bleibt zu wenig Zeit, um für Kinder, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt worden ist, über die Schulämter entsprechende Hilfsmaßnahmen einzuleiten. Damit stünde man bundesweit vor dem gleichen Dilemma wie in den vergangenen zwei Jahren.

Was lässt sich jetzt noch tun, um Kinder möglichst gut auf die Einschulung vorzubereiten? Claudia Korebrits rät, den Mädchen und Jungen so oft es geht, etwas vorzulesen, viel mit ihnen zu sprechen, zu malen und sie viel draußen spielen zu lassen. Der Leiter des Gesundheitsamtes Bremen, Jörn Moock, empfiehlt, möglichst viele Bewegungsmöglichkeiten im Alltag zu schaffen. Und auch der Kontakt zu Gleichaltrigen sei vor der Einschulung sehr wichtig. Da Kinder durch die vielen coronabedingten Kita-Schließungen weniger Möglichkeiten hatten, das soziale Miteinander zu üben, haben sie hier großen Nachholbedarf.