Schule ohne Rassismus : Das Scholl-Gymnasium kämpft für mehr Toleranz

Wie reagiert eine Gruppe Teenager, wenn ein Junge in Frauenkleidern vor ihnen steht? Die Schülerinnen und Schüler am Geschwister-Scholl-Gymnasium haben’s ausprobiert. Und dabei ist vor allem eines klar geworden: Das Thema Diskriminierung geht jeden an. Seit dem 7. Dezember 2018 gehört die Schule in Fürstenwalde/Spree zu den rund 2.800 Schulen bundesweit, die den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ tragen. Bis dahin war es ein weiter Weg.

Florentine Anders / 29. Januar 2019
Für Rassismus ist an der Freien Oberschule Fürstenwalde kein Platz
Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Fürstenwalde/Spree in Brandenburg positionieren sich gegen Rassismus.
©Florentine Anders

Der 16-jährige Mathis hält ein frisch bedrucktes Aluminiumschild in den Händen. Der Schriftzug „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ soll demnächst an der Fassade des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Fürstenwalde/Spree hängen. Irgendwo am Eingang, unter dem Wandfries mit den Porträts von Hans und Sophie Scholl.

Doch zum Anbringen des Schilds war noch keine Zeit. Seit dem 7. Dezember 2018 trägt die Schule den Titel, um den eine Gruppe von Schülerinnen und Schüler drei Jahre lang gekämpft hat. Und Mathis war einer, der von Anfang an dabei war. Zusammen mit anderen Schülerinnen und Schülern engagierte er sich in der achten Klasse in der „Scholl-Gruppe“, die es seit mehr als zehn Jahren an der Schule gibt. Sie diskutierten darüber, was der Name der Geschwister Scholl für sie bedeutet und was das wiederum für ihr Zusammenleben an der Schule heißt.

Fürstenwalde/Spree liegt in Brandenburg, mit dem Regional-Express eine halbe Stunde vom Berliner Stadtzentrum entfernt. Pastellfarbene, frisch sanierte Fassaden, eine belebte Innenstadt und der Turm des St. Marien Doms prägen das Städtchen mit den etwas mehr als 30.000 Einwohnern. Der Ort wächst: Die neuen Bewohner kommen aus Syrien, aus Polen und auch aus dem nahen Berlin.

 70 Prozent der Schulgemeinschaft müssen für den Titel „Schule ohne Rassismus“ stimmen

Das Geschwister-Scholl-Gymnasium ist bereits die dritte Schule in Fürstenwalde mit dem Titel „Schule ohne Rassismus“. Ein erstaunlich hoher Anteil am Ort – gemessen an der Gesamtzahl von bundesweit rund 2.800 Schulen in dem Netzwerk. Und der Titel ist alles andere als ein Selbstläufer. Mindestens 70 Prozent der Schulgemeinschaft müssen per Unterschrift dem Selbstverständnis von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zustimmen – angefangen bei den Schülerinnen und Schülern über die Lehrkräfte bis hin zum Hausmeister. Voraussetzung ist zudem, dass die Initiative dafür aus der Schülerschaft selbst kommt.

Am Geschwister-Scholl-Gymnasium hatten vor drei Jahren Schülerinnen und Schüler der Scholl-Gruppe die Idee, eine Schule mit dem Titel „Schule ohne Rassismus“ zu werden. Der erste Versuch scheiterte allerdings, erzählt Mathis. Es fehlte an Unterstützung in der Schulgemeinschaft – Rassismus sei für viele einfach kein Thema gewesen. „Wir haben es falsch angefangen, den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht“, sagt Mathis heute.

Gespräche über Vorurteile und Diskriminierung in allen Klassen

Ein Jahr später nahmen die Jugendlichen einen neuen Anlauf und holten die Sozialpädagogin der Schule mit ins Boot. In einer Projektgruppe entwickelten sie gemeinsam mit einem Coach einen Plan, wie sie Überzeugungsarbeit für ihre Idee leisten können und wie sie über gängige Vorurteile mit anderen Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen. Im Selbstverständnis von „Schule ohne Rassismus“ geht es schließlich um viel mehr als nur darum, was man gemeinhin unter „Rassismus“ versteht: Es geht um jegliche Diskriminierung von Menschen, beispielsweise wegen ihres Glaubens, ihrer sexuellen Orientierung, Hautfarbe, Herkunft, oder einer Behinderung.

In einer Projektgruppe entwickelten sie gemeinsam mit einem Coach einen Plan, wie sie Überzeugungsarbeit für ihre Idee leisten können…

Welche Formen von Diskriminierungen die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule in ihrem Alltag bereits erlebt haben, welche Vorurteile sie mitbringen, erfuhr die Initiativgruppe auf ihrer Tour durch die Klassen. Ein Mitschüler stellte sich zum Beispiel in Frauenkleidern vor die Klasse und forderten die anderen auf, anonym auf einem Zettel zu notieren, was ihnen spontan dazu einfalle. Einige schrieben auf: „selbstbewusst“ oder „anderer Modegeschmack“. Es gab aber auch andere Zettel, etwa mit den Worten „Schwuchtel“ oder „angeekelt“.

„In anderen Stunden führten wir politische Diskussionen zu rechtsextremen oder antisemitischen Äußerungen“, erzählt Josefine (16) aus der Initiativgruppe. Teilweise sei es erschreckend gewesen, was da für Sprüche kamen, sagt sie. Doch diese Offenheit sei wichtig gewesen für das Projekt.

Sie selbst ist in die neuen siebten Klassen gegangen, die gerade von der Grundschule an das Gymnasium gewechselt waren: „Zuerst hat gar keiner hingehört – es war ja schließlich kein Unterricht“, sagt sie. Aber als sie offen die Vorurteile und bestimmte Situationen ansprach, sei es plötzlich ganz ruhig geworden und alle hätten zugehört. „Die meisten haben in ihrem Alltag ja selbst schon mal Formen von Ausgrenzung erlebt – vielleicht weil sie dick sind, zu unsportlich, zu schüchtern oder was auch immer“, sagt die Schülerin.

Unterstützung kommt auch von der Bundesjugendministerin Franziska Giffey

Als die Schülerinnen und Schüler schließlich die Unterschriftenlisten für den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ durch die Klassen und durchs Lehrerzimmer gehen ließen, war das Ergebnis eindeutig: 82,7 Prozent der knapp 700 Mitglieder der Schulgemeinschaft stimmten für die Initiative. „Das ist mehr, als wir gebraucht hätten“, sagt  Mathis stolz.

Zum Titel gehört allerdings mehr als ein Abstimmungsergebnis. Ein dicker Ordner mit verschiedenen Projekten liegt auf dem Tisch: Die 14-jährige Leonie erzählt von einem Treffen im brandenburgischen Dorf Gollwitz mit Jugendlichen aus Dänemark, Polen, Israel und aus der Ukraine. In der Begegnungsstätte Schloss Gollwitz drehten die Schülerinnen und Schüler Videoclips zum Thema „Stereotype und Vielfalt in Europa“.

Und es gibt einen Austausch mit Schülerinnen und Schülern aus der polnischen Partnerstadt Gorzów. Auf einem Schülerkongress diskutierten sie über Vor- und Nachteile von Willkommensklassen und haben dort als überzeugendste Gruppe sogar einen Preis erhalten.

Eine andere Schülergruppe trifft sich regelmäßig mit geflüchteten Jugendlichen, die in Fürstenwalde in einem Heim für allein gereiste Minderjährige betreut werden. Viele andere Projekte sollen folgen. Zum Beispiel ein Treffen mit der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey (SPD). Bei der feierlichen Titel-Übergabe im Dezember hat die Ministerin, die selbst mal in Fürstenwalde zur Schule gegangen ist, ihre Unterstützung angeboten.

Der 16-jährige Mathis findet, auch die Politik in Fürstenwalde und darüber hinaus könnten sich noch mehr für Toleranz und gegen Rassismus stark machen. Sein Engagement jedenfalls werde nach dem Abitur nicht enden, sagt er.

Auf einen Blick

  • „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist ein bundesweites Projekt von und für Schülerinnen und Schüler. Es bietet Möglichkeiten, das Klima an der eigenen Schule aktiv mitzugestalten und bürgerschaftliches Engagement zu entwickeln.
  • Dem Schulnetzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ gehören zurzeit bundesweit rund 2.800 Schulen an, die von insgesamt über 1,5 Millionen Schülerinnen und Schülern besucht werden. Der Titel ist dabei nicht als Preis gemeint, sondern als eine Selbstverpflichtung der Schulgemeinschaft für die Gegenwart und Zukunft, gegen jede Form von Diskriminierung einzutreten.
  • Schulen, die Teil des Netzwerks werden möchten, müssen folgende Voraussetzung erfüllen: Mindestens 70 Prozent aller Personen, die in einer Schule lernen und arbeiten, verpflichten sich mit ihrer Unterschrift, aktiv gegen jede Form von Diskriminierung an ihrer Schule einzutreten, bei Konflikten einzugreifen und regelmäßig Projekte und Aktionen zum Thema durchzuführen.