Schüleraustausch : In der Schule Hohe Geest wächst Europa zusammen

Wie begeistern Schulen angesichts wachsender EU-Skepsis Kinder und Jugendliche für Europa? Schüleraustausche können helfen. Das zeigt das Beispiel der Schule Hohe Geest in Hohenwestedt in Schleswig-Holstein. Die Schule organisiert Austausche nach England, Frankreich, Italien und sogar nach China. Das Schulportal hat sich vor Ort genauer angesehen, wie diese Schüleraustausche auf die Jugendlichen selbst wirken und wie sie den Unterricht und die Schulentwicklung prägen.

Fabian Schindler / 13. Mai 2019
Schule Hohe Geest
Hendrik von Mühlenfels (links) und Schulleiter Hans Christian Behrendt setzen auf eine starke internationale Vernetzung ihrer Schule. Von den vielen weltweiten Angeboten schulischen Austausches profitieren Schülerschaft und auch Kollegium auf vielfältige Weise.
©Fabian Schindler

1.059 Schüler besuchen jeden Tag die Schule Hohe Geest in Hohenwestedt in Schleswig-Holstein. Eine Schule, wie sie überall in Deutschland stehen könnte: Glas- und Betonarchitektur der 1970er Jahre steht neben mehreren einladenden Neubauflügeln, ein asphaltierter Pausenhof mit Bäumen, eine große Bushaltestelle. Diese Schule ist bei genauer Betrachtung aber nicht wie alle anderen Schulen. Denn sie ist besonders stark international vernetzt. Für Schülerinnen und Schüler und auch für Lehrkräfte bieten sich damit besondere Chancen, die Welt kennenzulernen und sich persönlich weiterzuentwickeln.

Hendrik von Mühlenfels hat ein Strahlen im Gesicht, wenn er über die vielen Schüleraustausche spricht. Der 33-jährige Lehrer, der Französisch, Italienisch und Latein unterrichtet, ist derjenige, der bei der Mehrzahl der Austauschprogramme der Schule organisatorisch die Fäden in der Hand hält. Er gibt diese aber auch gern an Kollegen weiter. Denn die Vielzahl der schulischen Austauschprogramme erfordert, sich breiter aufzustellen.

„Es ist sinnvoll, die Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen, auch mit Blick auf die Zukunft“, sagt von Mühlenfels. Je größer der Kreis der Beteiligten im Kollegium, desto größer die Chance, dass die Austauschprogramme im Falle von Pensionierung, Krankheit oder Arbeitsplatzwechsel fortgesetzt werden können. Denn das sollen sie auf jeden Fall. Europa und der Rest der Welt könnten nur zusammenwachsen, wenn Verständnis für andere Länder und Kulturen, Sitten und Gebräuche da sei, sagt Mühlenfels.

Die Schule organisiert und pflegt Fahrten beziehungsweise Austauschprogramme mit den Städten Sérignan und Auch in Südfrankreich, mit Aosta in Italien, dem Pays de la Loire, dem Kanton Waadt in der Schweiz, der Stadt Stratford upon Avon in England sowie mit wechselnden Städten in China. Damit nicht genug: Derzeit sind auch Schülerinnen und Schüler aus Argentinien, Brasilien und Schweden an dem Gymnasium mit Gemeinschaftsschulteil zu Gast.

Der Schüleraustausch mit China ist durch Zufall entstanden

Dass die Schule, die erst seit zehn Jahren in ihrer jetzigen Form existiert, über ein so breites Portfolio an Kontakten verfügt, hatte die Schulleitung lange Zeit selbst nicht erwartet. Zwar waren Schulaustausche langfristig angedacht, um den kulturellen Austausch zu fördern, doch der Startschuss kam für die Schule dann doch eher überraschend: Schulleiter Hans Christian Behrendt erinnert sich an den ersten China-Austausch. Der ist zufällig entstanden, als 2013 für einen Schulaustausch zwischen Deutschland und China eine Ersatzschule gesucht wurde. „Über persönliche Kontakte erfuhren wir davon. Wir wurden dann gefragt, ob wir einspringen wollen“, sagt der Schulleiter. Die Sache wurde kurz beraten, schnell fiel die Entscheidung.

Die Erfahrungen waren so gut, dass es daher für uns nur logisch war, das Austauschprogramm fortzusetzen.
Hans Christian Behrendt, Schulleiter

„Wir haben uns auf das Abenteuer eingelassen. Und es wurde zu einem großen Gewinn“, sagt Behrendt. Alle Beteiligten hätten einen „einmaligen Blick“ in das asiatische Land gewinnen können, eine gänzlich andere Kultur und neue Sichtweisen kennengelernt, den Horizont erweitert. „Die Erfahrungen waren so gut, dass es daher für uns nur logisch war, das Austauschprogramm fortzusetzen“, sagt der Schulleiter. Und es auszuweiten. Er zeigt auf seinen Kollegen Hendrik von Mühlenfels. „Er ist die treibende Kraft.“ Seinem Engagement sei zu verdanken, dass ein so breites Portfolio besteht.

So wie beim China-Austausch ist es auch bei den anderen Austauschangeboten der Schule: Jede Reise eröffnet einen neuen Blick auf die Welt, die Möglichkeit zum Kennenlernen von Menschen mit anderem Sozialisationshintergrund. Sprachen werden erlernt, verfestigt, ausgebaut. Kulturelle Klischees werden auf den Prüfstand gestellt. Für manche Schülerinnen und Schüler sei das ein überaus erhellender Moment.

Vorurteile über Land und Leute fallen in sich zusammen

Der Schüler Simon sitzt an einem Tisch im Klassenraum, berichtet von seinem Frankreichaufenthalt. Er sagt, er wollte einen eigenen Eindruck davon gewinnen, „wie Land und Leute dort so sind“. Eine Erfahrung, die er aus Frankreich mitgenommen habe, sei, dass die schwierige deutsch-französische Geschichte für die jüngere Generation kein besonderes Thema mehr ist. Junge Deutsche und Franzosen schätzten einander, begegneten sich ohne Argwohn.

„Manche Vorurteile gibt es aber“, sagt Simon. So wie viele Deutsche meinen, die Franzosen würden Frösche und „andere komische Sachen“ essen, meinen viele Franzosen, die Deutschen seien „blond und blauäugig“. Auch Schüler aus anderen Ländern haben dieses Bild der Deutschen im Kopf. Und: „Bier und Kartoffeln“ seien allgegenwärtig.

„Es ist interessant, zu sehen, dass dieses Bild überhaupt nicht stimmt, wenn man dann nach Deutschland kommt“, sagt die Schülerin Yasmin, die aus Sao Paulo in Brasilien kommt und momentan an der Schule zu Gast ist. Ihre ersten Eindrücke von Deutschland? „Das Land ist sehr klein und kalt. Die Leute sind blasser als in Brasilien und nicht so verrückt.“ Die Deutschen seien reservierter.

Schülerinnen und Schüler entwickeln besondere Kompetenzen

Letzteres findet auch Ebba aus Kalmar in Schweden. Die Gastschülerin bekräftigt nochmals das Bild von „Bier und Kartoffeln“. Ebba, die seit mehreren Monaten an der Schule ist, hat in Deutschland durch die direkte Begegnung ihre Sprachfähigkeiten massiv ausgebaut. „Das hat hier sehr gut funktioniert“, sagt sie mit einem gewissen Stolz. Der Austausch und ihre damit verbundene sprachliche Entwicklung haben sie darin bestärkt, später beruflich mit Sprachen zu arbeiten. „Ich möchte gerne etwas mit der Europäischen Union machen, etwas im Kommunikationsbereich“, sagt die 18-Jährige. Dort würden ihr ihre Fähigkeiten sicher nutzen.

Alle Schüler, die an den Austauschen teilnehmen, steigern laut den Lehrkräften nachweislich ihre Sprachkompetenz. „Manche machen dabei wirklich erstaunliche Sprünge“, sagt von Mühlenfels. Auch charakterlich. Der Lehrer erinnert sich an eine Schülerin, die vor ihrem Auslandsaufenthalt sehr zurückhaltend gewesen sei. Bei ihrer Rückkehr sei sie kaum wiederzuerkennen gewesen. Sie sei aufgeblüht, sprachlich und charakterlich selbstbewusst geworden. Sie sei motivierter geworden, weltoffener. „Sie hatte in kurzer Zeit einen enormen geistigen Reifeprozess durchgemacht“, erinnert er sich.

Neuer Blick auf Probleme fördert geistige Reife

Aber wirkt sich der Schüleraustausch auch auf die gesamte Schulgemeinschaft aus? Wie profitieren jene Schülerinnen und Schüler, die nicht mitgereist sind? Die Fahrten würden im Unterricht und auch unter Einbezug der Eltern in der Schule vorbereitet und die Erfahrungen würden im Unterricht nachbereitet und präsentiert, sagen Lehrkräfte. Viele verschiedene Projekte entstünden in den Klassen. Präsentationen zu Ländern und Städten etwa und auch Internetblogs, die die zuhause gebliebenen Schülerinnen und Schüler verfolgen können.

Auf dem digitalen Weg ist eine enge Kommunikation und Kooperation möglich.
Hendrik von Mühlenfels, Lehrer

Die Jungen und Mädchen sowie die Lehrkräfte wirkten vielfältig als Multiplikatoren von Wissen. Die Erfahrungen aus dem Ausland flössen beständig in den Unterricht ein. Wenn etwa die Schülerin Yasmin über Probleme in ihrer Heimat Brasilien berichte, bereichere dies unter anderem den Politikunterricht, gebe ihm eine neue Facette.

Die gesamte Schule wachse durch das Engagement, sagt von Mühlenfels. Die Schule baue feste Beziehungen zu Schulen und Lehrkräften im Ausland auf. „Auf dem digitalen Weg ist eine enge Kommunikation und Kooperation möglich“, erklärt von Mühlenfels. Organisatorische Erfahrungen zwischen den Schulen könnten dank der digitalen Möglichkeiten, wie E-Mails, Social Media und Video-Konferenzen, viel besser als früher ausgetauscht und reflektiert werden. Die Schule lerne kontinuierlich hinzu.

Europa und die Welt wachsen zusammen

Auf Unterrichtsebene werden Themen, wie etwa der Brexit relevant. Im Politik- und Englischunterricht wird dieser behandelt, mögliche Auswirkungen für künftige Reisen der Schule nach England beleuchtet. Noch gebe es keine Probleme. Wie das im kommenden Jahr aussehen wird, wenn 90 Schüler nach Großbritannien fahren sollen, sei unklar. Die Debatte beschäftigt die Schulgemeinschaft: Über Europa und seine Zukunft, über Weltoffenheit und Isolationismus, wachsende Spannungen und Protektionismus wird diskutiert.

Dennoch: Europa und die Welt sind viel dichter beieinander, als es zuweilen erscheint. Trotz des Brexits, trotz des Populismus in Polen, Ungarn und Italien, trotz Separatismus in Spanien. In den Köpfen der Schülerinnen und Schüler bleibt vor allem eines hängen: So anders sind „die da drüben“ nicht.

Und noch etwas sticht positiv hervor: Viele Schülerinnen und Schüler knüpfen enge Kontakte, bleiben über digitale Medien in Kontakt mit Schulen und Familien im Ausland. Zwischen einigen Jugendlichen sind sogar feste Freundschaften entstanden. Ein guter Grund, um öfter in das einst fremde Land zu reisen.

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