Dieser Artikel erschien am 06.02.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Heike Klovert

Training gegen Vorurteile : Schülerscherze, die schmerzen

An einer Hamburger Schule lernen Jugendliche in Rollen­spielen, respekt­voller miteinander umzugehen. Das Training würde Schülern bundes­weit gut­tun, doch dafür hat es das falsche Image.

Eine Schülerin schreibt Schimpfwörter auf
Manche Schülerscherze verursachen seelische Schmerzen. Wenn Schüler interkulturelle Kompetenzen erlernen, hilft dies, ein konstruktives Beziehungsgefüge an Schulen zu etablieren.
©dpa

Es nervt sie, dass Menschen ihre Namen oft falsch aus­sprechen. Dass sie Deniz, dessen Eltern aus der Türkei kommen, nicht einfach Dennis nennen. Dass sie in Nevas Namen das e lang­ziehen, bis es wie Neeewa klingt und nicht mehr wie Näwa. Dass sie an Abdoul ein a hängen und ihn zu Abdullah machen.

Doch das ist nur eine Seite. Im Leben der Neunt­klässler, die in einem Klassen­zimmer der Stadt­teil­schule Öjendorf in Hamburg zusammen­sitzen, läuft in puncto inter­kulturelle Kommunikation noch mehr schief.

Sie nennen einander auf dem Schulhof „Kartoffel” oder „Döner­verkäufer”, aber nur scherz­haft, sagt der 15-jährige Cyprian. Seine Familie stammt aus Polen. Wenn er Freunden von seiner Herkunft erzählt, gibt es welche, die sich gespielt erschrocken an die Tasche greifen und rufen: „Uh, wo ist mein Handy?”

Es sind Schülerscherze, wie sie täglich auf deutschen Pausen­höfen vorkommen. Cyprian und seine Mit­schüler sollen lernen zu erkennen, dass Vor­urteile darin stecken. Sie sollen lernen, respekt- und verständnis­voller mit­einander umzu­gehen. Deshalb fällt an diesem Vormittag der reguläre Unterricht aus. Statt­dessen sind angesetzt: fünf Stunden Inter­kulturelles Kompetenz­training, kurz IKK.

In Hamburg gibt es rund 240 Stadt­teil­schulen und Gymnasien. 50 von ihnen haben in den vergangenen Jahren einige ihrer Lehrer im Landes­institut für Lehrer­bildung und Schul­entwicklung zu IKK-Trainern fortbilden lassen. Damit gehört Hamburg bundesweit zu den Vor­reitern. Doch so regel­mäßig wie die Stadt­teil­schule Öjendorf machen nur wenige Schulen ihre Kinder und Jugendlichen in inter­kultureller Kommunikation fit. Dabei wäre es dringend nötig.

Eine verhängnisvolle Boots­fahrt

Die Neuntklässler haben ihre Stühle zu einem Kreis zusammen­geschoben und lauschen einer fiktiven Geschichte: Maria will bei Stefan sein. Doch die Brücke, die über den Fluss zu ihrem Liebsten führt, ist eingestürzt. Zum Glück hat Frank ein Boot. Er würde Maria auf die andere Seite fahren – wenn sie vorher mit ihm schläft.

Maria ist verzweifelt und fragt ihre Mutter um Rat. Doch die sagt: „Kind, es ist dein Leben.” Maria schläft mit Frank, fährt zu Stefan, beichtet ihm alles. Stefan jagt Maria fort. Stefans Kumpel Mark tröstet Maria und haut Stefan danach eine rein.

„Wer hat richtig gehandelt?”, fragt Lehrerin Ezel Babur. „Setzt euch in drei Gruppen zusammen und bringt die Namen in eine Reihen­folge.”

Die einen finden, Maria habe richtig gehandelt, weil sie so sehnsüchtig zu Stefan wollte, Abdoul sieht das anders, Maria steht bei ihm auf dem letzten Platz. „Fuck ist Fuck”, sagt er.

Die Schüler werden sich nicht einig, und das sollen sie auch nicht. Die Kinder sollen den Perspektiv­wechsel üben und verstehen lernen, was die Figuren in der Geschichte angetrieben haben könnte: Liebe, Vertrauen, Eifer­sucht, Eigen­nutz.

„Es ist das erste Mal, dass ich mit Freunden oder Lehrern über solche Sachen rede”, sagt Cyprian, als es zur Pause klingelt.

„Man sollte sich mehr aus­tauschen”

Die zweite Aufgabe hat es ebenfalls in sich: Ezel Babur teilt die Schüler in zwei Gruppen auf, die aus fiktiven Ländern stammen. Die „Hand­länder” berühren andere Menschen zur Begrüßung ausgiebig und lieben bunte und kringelige Formen. Die „Fuß­länder” scheuen Körper­kontakt und mögen schwarze, gerade Linien.

Handländer und Fußländer sollen zusammen das Plakat für eine Party erstellen. Das endet fast in Streit. Die Hand­länder seien viel zu auf­dringlich gewesen, beschweren sich die Fuß­länder. Sie hätten gleich den Körper­kontakt gesucht – und offensiv nur bunte Kringel gemalt. Deniz, ein Fuß­länder, sitzt auf der Fenster­bank und schmollt.

Lehrerin Babur schaltet sich ein: „Niemand von euch hat eben an diesem Tisch über seine Kultur gesprochen”, erinnert sie die Schüler. Deniz schmollt nun nicht mehr. „Ich hatte aufgegeben und mich zurück­gezogen”, sagt er. Sein Fazit: „Man sollte sich mehr aus­tauschen.”

Ezel Babur hat fast 150 Fortbildungs­stunden in inter­kultureller Kommunikation absolviert, und sie könnte noch viel mehr, wenn sie mehr Zeit bekäme. Doch viele andere Themen und Fächer konkurrieren im Schul­all­tag mit dem IKK-Training. „Für die Neunt­klässler ist an dieser Schule keine weitere Trainings­einheit vor­gesehen”, sagt Babur.

Das ist das eine Problem. Das andere: Interkulturelles Kompetenz­training hat – es steckt schon im Wort – hierzu­lande den Ruf, sich vor allem an Schulen zu richten, an denen viele verschiedene Kulturen vertreten sind. So haben denn auch die Hamburger Schulen, die ihre Lehr­kräfte in diesem Bereich fort­bilden lassen, meist einen hohen Anteil an Kindern mit Migrations­hinter­grund.

Doch das sei zu kurz gedacht, sagt die Professorin Mechthild Gomolla, die seit Jahren zur inter­kulturellen Kommunikation forscht. „Es geht darum, eine unvorein­genommene Haltung zu entwickeln”, sagt Gomolla. Auf Englisch heißt das IKK-Training deshalb auch „anti-bias training” – über­setzt: Training gegen Vorbehalte.

Wenn es aus der inter­kulturellen Nische herauskäme, könnte das IKK-Training helfen, bundes­weit deutlich mehr Schüler darauf vorzu­bereiten, sich Vor­urteilen und Diskriminierung entgegen­zustellen. Ob ein Mensch anderen Sicht- und Lebens­weisen gegen­über vorein­genommen ist, hängt schließlich nicht von seiner Herkunft ab. Ebenso wenig erstrecken sich Vorbehalte nur auf kulturelle Unter­schiede.

Bisher profitiert jedoch nur ein Bruchteil der elf Millionen Kinder und Jugendlichen an allgemein­bildenden und beruflichen Schulen von einem solchen Training – und der oft nicht genug. Dabei warnen Lehrer, Eltern und Experten immer wieder vor einem rüder werdenden Umgangs­ton auf deutschen Schul­höfen, vor und Gewalt – so wie in Berlin, wo sich Ende Januar eine Grund­schülerin mutmaßlich das Leben nahm.

Kurz vor Schluss in Hamburg, alle Neuntklässler sitzen wieder im Stuhl­kreis zusammen. Sie sollen erzählen, wann sie sich in Schub­laden gesteckt fühlten, in denen sie nicht sein wollten. „Viele denken, dass ich zu Hause ständig für die Schule lerne, aber das stimmt nicht”, sagt Neva. Deniz sagt: „Wenn ich in einen Laden reingehe, schauen sie immer schief auf meine Tasche. Aber ich klau nix!”

Ezel Babur könnte dort anknüpfen. Sie könnte Deniz helfen, sich in die Perspektive eines Laden­besitzers zu versetzen. Sie könnte ihm helfen zu verstehen, dass ihm seine Wahr­nehmung womöglich einen Streich spielt und er wahr­scheinlich nicht „immer” schief angeschaut wird. Sie könnte mit ihm erarbeiten, was er selbst tun könnte, damit es ihm besser geht.

Doch dann ertönt der Schulgong.