Schülerbischöfe : Jugendliche für mehr Streitkultur in der Schule

„Streiten – aber christlich!?“ lautet das Motto der Schülerbischöfe, die an Nikolaus in Berlin in ihr Amt eingeführt wurden. Zum zehnten Mal lässt die Hauptstadt diese alte mittelalterliche Tradition aufleben, bei der sich vier Jugendliche in ihrer Schule und darüber hinaus engagieren. Die diesjährigen Schülerbischöfe wollen sich vor allem mit der Streitkultur in Fragen zum Umweltschutz und bei der Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus stark machen.

Annette Kuhn / 06. Dezember 2019
Schülerbischöfe mit Kerze in Kirche
Die Schülerbischöfe Ernst, Marie, Bernhard und Klarissa (v.l.) bei ihrer Amtseinführung in der Berliner Gedächtniskirche.
©Christoph Eckelt

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Berliner Breitscheidplatz ist in der Adventszeit ein Ort der Ruhe. Während die Besucher auf den Weihnachtsmarkt strömen, als hätte es den Anschlag vor drei Jahren nicht gegeben, während die Geschäfte am Kurfürstendamm voll sind, ist die Kirche meist leer. Normalerweise. Nicht aber an diesem Freitagvormittag. Hunderte Schülerinnen und Schüler strömen erwartungsvoll in das Gotteshaus. Es ist ja auch nicht irgendein Gottesdienst, den die Schulgemeinde hier gleich erlebt. An diesem Nikolaus-Tag werden die neuen Berliner Schülerbischöfe – zwei Schülerinnen und zwei Schüler – in ihr Amt eingeführt. Sie kommen in diesem Jahr aus dem Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, Berlins ältester noch erhaltener Schule.

Marie, Klarissa, Ernst und Bernhard sind in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche leicht auszumachen. Sie tragen leuchtend blaue Sweatshirts mit der Aufschrift Schülerbischof beziehungsweise Schülerbischöfin, darunter die Frage: „Streiten – aber christlich!?“ Es ist das Motto, unter dem die achtwöchige Amtszeit der vier 12- bis 14-Jährigen in diesem Jahr steht und das sie in diesem Gottesdienst erstmals der Öffentlichkeit präsentieren.

Wichtig ist, jedem Menschen mit Respekt gegenüberzutreten, aber man muss auch mit Zivilcourage für seine Meinung eintreten und den Mut haben, eine Grenze zu ziehen.
Schülerbischöfin Klarissa

Sie haben dafür die fiktive App „Versöhnung“ entwickelt, erklären in Rollenspielen, wie sie funktioniert und welche Hürden bei der Installation zu überwinden sind. „Hass müssen Sie erst von der Festplatte löschen“, erklärt Klarissa vom „Kundenservice“ der „Userin“ Marie. Und als Zubehör brauche man zum Beispiel die Programme Zuhören und Toleranz.

Dass ein Streit mit einer Versöhnung, mit einer gemeinsamen Lösung ende, sei das Ziel, aber manchmal klappe das nicht, zeigen Schülerinnen und Schüler in einem weiteren Rollenspiel, einer Szene aus einem Bus, in der ein Mitfahrer andere Menschen rassistisch beleidigt. Er verweigert sich einer Diskussion und pöbelt weiter, bis der Busfahrer ihn schließlich aus dem Bus wirft. Zivilcourage – auch das gehört für die Jugendlichen zur Streitkultur dazu. Klarissa erklärt: „Wichtig ist, jedem Menschen mit Respekt gegenüberzutreten, aber man muss auch mit Zivilcourage für seine Meinung eintreten und den Mut haben, eine Grenze zu ziehen.“

Schülerin mit Superintendent Carsten Bolz
Superintendent Carsten Bolz führt Schülerbischöfin Marie ins Amt ein.
©Christoph Eckelt

 

Schülerbischöfe gibt es in Berlin seit 2010. Die Tradition ist aber viel älter. Schon im Mittelalter übernahm ein Schüler in vielen Gemeinden für einen Tag einen Teil der bischöflichen Amtspflichten. In Berlin sind die Jugendlichen, die jedes Jahr von einer anderen evangelischen Schule in Berlin kommen, für acht Wochen im Amt. Traditionell werden sie an Nikolaus in ihr Amt eingeführt. Während ihrer Amtszeit besuchen sie als Jugendbotschafter Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Kirche und diskutieren mit ihnen über das Thema „Streiten – aber christlich!?“. Vorbereitung auf ihre Aufgaben bekamen die vier Jugendlichen in verschiedenen Workshops.

Außerdem wollen sie in dieser Zeit – und darüber hinaus – der Streitkultur und einem achtungsvollen Umgang auch in ihrer Schule mehr Raum verschaffen. Zum Beispiel im Klassenrat. Und sie haben für Januar zusammen mit Henriette Pohl, die den Fachbereich Religion am Grauen Kloster leitet, eine Podiumsdiskussion in der Schule organisiert, in der es um die Frage geht: „Dürfen wir alles sagen? Meinungsfreiheit versus Menschenwürde“. Die 12-Jährige Marie hat da schon eine klare Haltung: „Die Meinung des anderen muss ich nicht gut finden, aber ich muss sie akzeptieren. Toleranz hat aber für mich nichts mit egal zu tun.“ Wichtigste Voraussetzung sei vor allem, dem anderen gut zuzuhören.

Umweltschutz und „Reden mit Rechts“ sind die Themen der Jugendlichen

Das Motto ihres Amtes haben die Schülerinnen und Schüler nicht selbst gewählt. Die Schulpfarrerin Susanne Dannenmann hat es gemeinsam mit der Evangelischen Schulstiftung entwickelt, die Träger der Schule ist. Das Motto wurde in einer Andacht, die jede Woche in der Schule stattfindet, vorgestellt. Interessierte Schülerinnen und Schüler von der siebten bis zur zehnten Klasse konnten sich für das Amt bewerben. Dafür sollten sie beschreiben, was sie unter dem Motto verstehen und wofür sie sich einsetzen wollen.

Zwei Themen werden sich die Jugendlichen in den kommenden Wochen besonders widmen: „Engagement für die Umwelt“ und „Reden mit Rechts“. Klarissa hält es für wichtig, Menschen, die rechtspopulistische Meinungen vertreten, mit einer respektvollen Haltung zu begegnen, ohne ihnen eine Bühne zu geben. Eine schwierige Gratwanderung und eine große Herausforderung.

Schülerbischöfe wünschen sich mehr Interesse für Politik

Die 14-Jährige beschäftigt sich viel mit Politik und hat auch eine klare Botschaft an Politikerinnen und Politiker: Mehr Faktenorientierung wünscht sie sich und „dass sie weniger Rücksicht darauf nehmen, ob sie wiedergewählt werden“. Überhaupt mehr Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen würde Schülerbischof Bernhard begrüßen: „Die meisten meiner Mitschüler sind eher unpolitisch“, sagt er, und würden sich nur darauf konzentrieren, gute Noten zu bekommen. Er hofft, in seiner Amtszeit neue Impulse geben zu können, Schule weiter zu denken als nur auf den Unterrichtsstoff bezogen. Er findet es wichtig, dass an Schulen mehr diskutiert und mehr Demokratie gelebt wird.

Streitkultur ist ein großes Thema, aber auch schon in den vergangenen Jahren haben sich die Berliner Schülerbischöfe die großen und aktuellen Themen der Zeit auf ihre Fahnen geschrieben: Bildungsarmut, Obdachlosigkeit, Flüchtlinge, Zusammenleben von Jung und Alt.

Streiten, so beschreibt es auch die Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein in ihrer Predigt, könne man nicht früh genug lernen. Fürs Streiten brauche man Vertrauen, Mut und Klugheit. Eine Herausforderung für die Jugendlichen – aber auch für die Schule, die Grundlagen dafür schaffen muss, damit die Bischöfe ihre Ideen einbringen und umsetzen können. An diesem Nikolausmorgen ist dafür in der Gedächtniskirche ein Anfang gemacht.

Auf einen Blick

  • Seit 2010 gibt es in Berlin Schülerbischöfe, die jedes Jahr von einer anderen evangelischen Schule gestellt werden. In diesem Jahr kommen die vier Jugendlichen vom Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster.
  • Die Amtszeit der Schülerbischöfe geht bis 31. Januar 2020. In dieser Zeit treffen sie mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Kirche zusammen, organisieren Veranstaltungen und bringen Ideen in ihre Schule ein.
  • Das diesjährige Motto lautet: „Streiten – aber christlich!?“. Dabei wollen sich die Jugendlichen vor allem auf zwei Themen konzentrieren: Engagement für die Umwelt und „Reden mit Rechts“.
  • Während ihrer Amtszeit lassen sich die Aktivitäten der Schülerbischöfe auch auf ihrem Instagram-Account schuelerbischoefe 2019 verfolgen.