Schiller-Schule Bochum : Ein Gymnasium beweist: Demokratie funktioniert!

Demokratieerziehung ist an der Schiller-Schule in Bochum ein selbstverständlicher Bestandteil des Schulalltages. Ihre Schülerinnen und Schüler dürfen von Anfang an mitbestimmen und mitgestalten – auch und gerade bei wichtigen Entscheidungen. Mit seinem ganzheitlichen Demokratiekonzept hat das Gymnasium die Jury des Deutschen Schulpreises überzeugt: Die Schiller-Schule gehört zu den Preisträgern 2019.

Antje Tiefenthal / 11. Juli 2019
An der Schiller-Schule Bochum dürfen die Schülerinnen und Schüler mitbestimmen und -gestalten. Im Parlament diskutieren sie wichtige Entscheidungen.
An der Schiller-Schule Bochum dürfen die Schülerinnen und Schüler mitbestimmen und -gestalten. Im Parlament diskutieren sie wichtige Entscheidungen.
©Traube47

Die Schiller-Schule in Bochum ist im Umbruch: Nach den Sommerferien beginnt für das Städtische Gymnasium ein neues Zeitalter. Die rund 1.000 Schülerinnen und Schüler ziehen endlich in moderne Klassenräume um, nachdem das 90 Jahre alte Schulgebäude in den vergangenen Monaten aufwendig renoviert worden ist. Das Bauprojekt ist dann aber nicht abgeschlossen: Der Mitteltrakt ist zwar fertig, doch der Nord- und Südflügel mit den Verwaltungs- und Fachräumen müssen noch umgebaut werden.

Die baulichen Maßnahmen schaffen auch die technischen Voraussetzungen für ein anderes Großprojekt, das die Schiller-Schule viel weitreichender verändern wird als die Renovierung selbst. Ab dem Schuljahr 2019/2020 erhalten zunächst die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen fünf bis sieben ein Tablet. Mittelfristig sollen alle Kinder und Jugendlichen, die das Gymnasium im Bochumer Stadtteil Wiemelhausen besuchen, ein eigenes Tablet zur Verfügung haben.

Bei Großprojekten wie der Digitalisierung bringt die Schiller-Schule alle an einen Tisch

Tablet-Klassen sind fast zehn Jahre, nachdem Hersteller die ersten der flachen, tragbaren Computer auf den Markt gebracht haben, in Deutschland nicht mehr ungewöhnlich. Besonders ist allerdings, wie die Schiller-Schule dieses Vorhaben auf den Weg gebracht hat: „Wenn wir wichtige Projekte wie die Digitalisierung umsetzen wollen, ziehen wir das groß auf und arbeiten mit allen Beteiligten eng zusammen – mit den Lehrkräften, den Eltern und natürlich den Schülerinnen und Schülern“, sagt der stellvertretende Schulleiter Eike Völker und ergänzt: „Denn bei uns wird Partizipation großgeschrieben.“

Bei uns wird Partizipation großgeschrieben.
Eike Völker, stellvertretender Leiter der Schiller-Schule Bochum

Seit drei Jahren bereitet die Schiller-Schule auf diese Weise den großen Schritt Richtung Digitalisierung intensiv vor – und von Anfang an sind alle Akteure beteiligt. So kümmert sich zum Beispiel eine gemeinsame Arbeitsgruppe, der Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler angehören, darum, das Projekt voranzutreiben. Zahlreiche Hearings haben geholfen, Fragen, aber auch Sorgen und Ängste aufseiten der Eltern abzubauen. „Am Anfang waren die Reaktionen der Mütter und Väter positiv, inzwischen sind sie sehr positiv“, sagt Eike Völker. Seine Kollegin, Schulleiterin Birte Güting, berichtet: „Die kritischste Gruppe waren die Schülerinnen und Schüler selbst.“

Die Schülervertretung hat einen wöchentlichen Jour fixe mit der Schulleitung

Einmal in der Woche trifft sich die Schulleiterin mit der Schülervertretung, um aktuelle Themen zu besprechen – mehrfach stand das Digital-Projekt auf der Agenda. „Die SV brachte immer wieder Fragen aus dem Schülerparlament mit: Was ist denn mit den Kindern, die sich ein Tablet überhaupt nicht leisten können? Kriegen die dann ein Gerät, auf dem gut sichtbar steht: Eigentum der Schiller-Schule? Nein, natürlich nicht, haben wir dann geantwortet. Diese Kinder bekommen dank der Unterstützung des Fördervereins das gleiche Gerät wie alle anderen und dürfen es mit nach Hause nehmen“, erzählt Birte Güting. Neben dem sozialen Aspekt sorgten sich die Kinder und Jugendlichen auch darüber, ob sie künftig den ganzen Schultag mit Tablets arbeiten müssen. Die Befürchtungen der Schülerinnen und Schüler sind grundlos: „Selbstverständlich bleibt unser Unterricht so flexibel, wie er jetzt schon ist. Das Schulbuch verschwindet nicht“, sagt die Schulleiterin. Und Eike Völker fügt hinzu: „Solche Fragen lösen wir auch direkt im Unterricht ganz demokratisch: Was wünschen sich die Lernenden? Die einen wollen lieber ein Plakat erstellen, die nächsten einen Stop-Motion-Film drehen, und die anderen machen ein Interview. Kein Problem, wir lassen ihnen Wahlfreiheiten.“

Demokratische Werte werden an der Schiller-Schule im Schulalltag vermittelt

Demokratieerziehung – ein Begriff, der an der Schiller-Schule ebenso großgeschrieben wird wie Partizipation. Das ganzheitliche Konzept des Gymnasiums steht auf vielen Säulen. Selbstverständlich gibt es eine Arbeitsgruppe Demokratieerziehung. Und „Klassenräte und das Schülerparlament sollen sicherstellen, dass demokratische Werte nicht nur über Unterrichtsinhalte vermittelt, sondern ganz praktisch im Schulalltag eingeübt werden“, heißt es auf der Website der Schiller-Schule. Wie das in der Praxis aussieht, erzählt Birte Güting: „Das Schülerparlament hat z.B. entschieden, dass wir auf den Mädchentoiletten Tamponautomaten brauchen. Also schaffen wir jetzt welche an.“

Das Schülerparlament hat entschieden, dass wir auf den Mädchentoiletten Tamponautomaten brauchen. Also schaffen wir jetzt welche an.
Birte Güting, Leiterin der Schiller-Schule Bochum

Beim Schülerparlament sind Lehrkräfte in der Rolle von Statisten

Im Schülerparlament bilden die Unter-, Mittel- und Oberstufe eigene Fraktionen und reichen Anträge ein. Die Ideen für diese Anträge haben sie vorher in den Klassen gesammelt und innerhalb ihrer Fraktion diskutiert. In der fünften und sechsten Stufe wird dieser Prozess noch von den Lehrkräften begleitet, sie helfen zum Beispiel beim Formulieren der Ideen. Doch spätestens ab der siebten Klasse kümmern sich die Schülerinnen und Schüler selbstständig darum: „Das machen die dann unter sich aus. Wir Lehrerinnen und Lehrer haben nichts mehr damit zu tun. Beim Schülerparlament sind zwar Lehrkräfte anwesend, sie haben aber keine Funktion und sitzen auch an der Seite statt am großen Tisch“, erklärt Eike Völker.

Mit ihrem Konzept der Demokratieerziehung hat die Bochumer Schiller-Schule die Jury des Deutschen Schulpreises beeindruckt – das Gymnasium gehört zu den sechs Preisträgern 2019. In der Laudatio heißt es: „Was die Schiller-Schule allerdings zu einem ganz besonderen schulischen Ort macht, ist die mit Leben erfüllte demokratische Kultur der Schule. Das Schülerparlament ist das Herzstück einer demokratisch verfassten Schulgemeinschaft. Schüler gestalten hier selbstbewusst und selbstverständlich ihre Schule mit und fühlen sich in ihrer Handlungskompetenz gestärkt. ,Wir lernen hier, eine Haltung zu haben, das ist das Wichtigste überhaupt im Leben‘ – dieses Schülerzitat ist ein klarer Beleg dafür, welch herausragende Rolle die Demokratieerziehung an der Schiller-Schule spielt. Demokratie funktioniert!“

Auf einen Blick

  • Die Schiller-Schule in Bochum ist eine von sechs Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises 2019.
  • Schon zuvor ist das Gymnasium vielfach ausgezeichnet worden: 2017 belegte die Schiller-Schule etwa den ersten Platz beim Wettbewerb „DemokratieErleben – Preis für demokratische Schulentwicklung“.
  • Die Schiller-Schule ist vor 100 Jahren als Lyzeum für Mädchen gegründet worden. Heute besuchen rund 900 Schülerinnen und Schüler das Gymnasium.
  • Das 90 Jahre alte Schulgebäude wird gerade umfassend saniert. Wie ein Schultag mit Baustellenlärm und Unterricht in Containern aussieht, lesen Sie im Porträt der Schiller-Schule.