Klimawandel : Schatten auf der Kinderseele

Die Angst vor dem Klimawandel belastet die Kleinen besonders – auch weil ihre Eltern das Phänomen verdrängen.

Dieser Artikel erschien am 09.05.2022 in DIE ZEIT
Claudia Wüstenhagen
Abenteuer Natur: Schon kleinere Kinder beschäftigt, dass sich die Umwelt verändert.
Abenteuer Natur: Schon kleinere Kinder beschäftigt, dass sich die Umwelt verändert.
©Unsplash

Es war im Januar 2019 beim Weltwirtschaftsforum in Davos, als Greta Thunberg den Mächtigen der Welt in eindringlichen Worten wünschte, sie sollten Angst haben. Der Saal erstarrte regelrecht, als das 16-jährige Mädchen rief: „I want you to panic.“ Und er begann zu verstehen, wie persönlich das gemeint war, als sie, weiterhin jedes Wort betonend, hinzufügte: „Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“ Aber auch außerhalb des Saals erreichte Thunberg an diesem Tag unzählige Zuschauer – unter ihnen viele Kinder. Junge Menschen auf der ganzen Welt teilen die Angst vorm Klimawandel. Das belegen auch Studien und Umfragen.

Als Psychologinnen der University of Bath kürzlich mit einem internationalen Team 10.000 Kinder und junge Erwachsene in Großbritannien, Australien, Indien, auf den Philippinen und in sechs weiteren Ländern befragten, bezeichneten 75 Prozent die Zukunft als beängstigend. Neben Angst verspüren sie demnach vor allem Traurigkeit und Wut, Macht- und Hilflosigkeit. Fast die Hälfte der jungen Menschen berichtete, dass diese Gefühle ihr tägliches Leben belasteten, sie um den Schlaf brächten und ihnen die Konzentration in der Schule raubten. Besonders ausgeprägt sind die Sorgen dort, wo der Klimawandel längst Albträume wahr werden lässt – auf den Philippinen etwa, wo Taifune vermehrt Häuser zerfetzen und Menschen töten. Oder im gerade von einer Hitzewelle gezeichneten Indien, wo mal Dürren, mal Überschwemmungen die Ernten vernichten. Aber auch in Europa haben junge Menschen Angst. In Großbritannien war fast jeder zweite Studienteilnehmer extrem oder sehr besorgt, in Frankreich waren es sogar fast 60 Prozent. Ähnliche Zahlen gibt es für Deutschland: In der Shell-Jugendstudie von 2019 lag der Klimawandel auf Platz drei all der Probleme, die Jugendlichen Angst machen. Als noch bedrohlicher empfanden sie nur die ja verwandte Umweltverschmutzung und die Gefahr von Terroranschlägen.

Wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit diesen Sorgen umgehen, erforscht die schwedische Psychologin Maria Ojala von der Universität Örebro. Sie sagt: „Je jünger Kinder sind, desto weniger Bewältigungsmechanismen haben sie.“ In einer von Ojalas Studien berichtet ein elfjähriges Mädchen beispielsweise, dass sie sich ängstige wegen der vielen Autos und ihrer Abgase. „Es wird immer heißer auf der Erde. Wenn viel Verkehr herrscht, gucke ich deshalb in die andere Richtung.“ Für die einen sind die Abgase unerträglich, für andere ist es das Leiden der Tiere: „Ich empfinde Sorge, wenn es im Fernsehen heißt, dass die Eisbären aussterben. Wenn ich so was sehe, gehe ich aus dem Zimmer.“

Die Ohnmacht, wenn die Eltern ihren Lebensstil nicht ändern wollen

Es sind rührende Schilderungen, aus denen große Hilflosigkeit spricht. Kinder sind in hohem Maße abhängig von anderen, vor allem von ihren Eltern, und wenn die kein Interesse haben, weniger Auto zu fahren, Energie zu sparen oder bei einer Demo mitzulaufen, sind die Kinder besonders ohnmächtig. Da bleibt zur Bewältigung nur die Flucht. Fernsehen aus. Tür zu.

Zugleich beobachtet Ojala bei Kindern Hoffnung. Gerade die jüngeren hätten oft noch Vertrauen, dass am Ende alles gut werde und zum Beispiel eine neue Technologie alle Probleme lösen könnte. Wenn Kinder älter werden, komme ihnen diese Hoffnung oft abhanden. Jugendliche haben demnach zwar mehr Möglichkeiten, selbst zu handeln, zugleich werden sie aber auch pessimistischer, weil sie ermessen können, wie komplex das Problem ist.

Fachleute warnen davor, dass der Klimawandel die psychische Gesundheit gerade von Kindern gefährdet. Sowohl Extremwetter-Ereignisse und Überschwemmungen als auch Dürren und Waldbrände können Menschen traumatisieren oder chronisch stressen. Psychologen aus Manila forderten deshalb schon im Fachmagazin The Lancet Planetary Health, die Klimaangst auf die Agenda der philippinischen Gesundheits- und Bildungspolitik zu setzen und Erste-Hilfe-Kurse für die psychischen Folgen von Naturkatastrophen einzuführen.

Unklar ist noch, wie sehr die Klimaangst das seelische Wohl von Kindern und Jugendlichen gefährdet, die bislang weniger vom Klimawandel betroffen sind und selbst noch keine traumatischen Folgen erleben müssen. Kann die bloße Angst vor dem Klimawandel junge Menschen in Deutschland krank machen? Und mehr noch: Soll man Kindern, die das Glück haben, in einem vergleichsweise sicheren Land zu leben, all die apokalyptischen Prophezeiungen überhaupt zumuten – oder muss man sie davor schützen, weil sonst Angststörungen und Depression drohen?

Ein unermesslicher Kontrollverlust

Was das Ringen mit dem Riesenproblem für die heimischen Kinder bedeutet, erlebt Inga Wermuth fast täglich: Die Kinderpsychiaterin von der Uni München merkt seit einiger Zeit, dass ihre jungen Patienten vermehrt den Klimawandel beklagen.

So hat sie beispielsweise beobachtet, dass diejenigen, die unter Essstörungen leiden, öfter auch Klimasorgen ansprechen. „Das sind häufig Kinder und Jugendliche, die ein sehr hohes Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle haben“, sagt die Therapeutin. Weil der Klimawandel einen unermesslichen Kontrollverlust darstelle, sei der Gedanke daran für diese Gruppe umso schwerer zu ertragen.

Vorbelasteten Kindern und Jugendlichen kann das Thema also zusätzliche Sorgen aufbürden, bei anderen ist die Erkenntnislage noch unklar. In einem sind sich viele Fachleute aber weitgehend einig: „Die Angst vor dem Klimawandel ist an sich kein Anzeichen psychischer Probleme, schon gar keine eigene Krankheit“, sagt Wermuth. Schließlich sei das keine irrationale, fehlgeleitete Emotion, sondern eine normale Reaktion auf eine reale Gefahr. „Diese Angst ist im Grunde völlig angemessen.“

Unpassend ist demnach schon eher, dass die Erwachsenen keine Angst haben. Kinder können sich zur Abwehr gegen das Bedrohungsgefühl noch nichts vormachen, ihre Eltern dagegen schon, nach dem Motto: „Was ich tue, wird schon reichen.“ Oder: „Da kann man ja ohnehin nichts mehr ändern, was soll ich mir Gedanken machen?“ Wermuth sagt, solche Verzerrungen dienten Erwachsenen unter anderem dazu, sich funktionsfähig zu halten. Bloß würden sie beim Klima damit der realen Bedrohung nicht gerecht: Der Abwehrmechanismus hindert die Menschen daran, das Unheil abzuwenden.

Kinder wissen oft viel mehr über das Problem, als Eltern ahnen

Solche Eltern verweigern ihren Kindern automatisch die Auseinandersetzung mit dem Problem, klimabewusste Mamas und Papas dagegen fragen sich, ob sie ihren Kindern da etwas zumuten, das sie noch gar nicht hören sollten. „Das Klimathema ist bei Eltern oft mit einem subtilen Schuldgefühl verbunden“, sagt Lea Dohm. Sie ist Mitbegründerin der Psychologists for Future, einer Gruppe von Psychologen und Psychotherapeutinnen, die sich für den Klimaschutz engagieren. Für Dohm, die selbst Mutter ist, steht die Antwort fest: „Der Klimawandel ist eine wissenschaftliche Tatsache, und ich bin davon überzeugt, dass wir unseren Kindern die Wahrheit erzählen sollten.“

Die Klimakrise zu verschweigen würde ohnehin wenig nützen, denn dass die Welt im Umbruch sei, bekämen Kinder – wie auch den Krieg in der Ukraine – ohnehin mit. Umso wichtiger sei aber, sie dabei zu begleiten. Das Kinderhilfswerk Unicef hat deshalb einen Leitfaden entwickelt, wie Eltern mit ihren Kindern über den Klimawandel reden können. Ein wichtiger Punkt weit oben auf der Liste: Zuhören. Denn Kinder wissen oft viel mehr über das Problem, als Eltern ahnen. Und sie empfinden womöglich Nöte, die Eltern nicht wahrhaben wollen. Deshalb rät Unicef: „Versuchen Sie nicht, die Sorgen kleinzureden.“

Genau das tun viele Eltern. „Aber wir Erwachsenen müssen Kindern und Jugendlichen dabei helfen, den Umgang mit Sorgen und Gefühlen zu lernen – auch wenn wir dazu oft selbst gar nicht so gut in der Lage sind“, sagt Dohms Mitstreiter Felix Peter. Wann das richtige Alter für solche Gespräche sei, lasse sich nicht pauschal sagen. „Meist signalisieren Kinder von sich aus, wann sie alt genug sind. Sie stellen Fragen.“

Die Eltern sind nicht die Einzigen, die Felix Peter in der Verantwortung sieht. Er ist im Hauptberuf Schulpsychologe und weiß aus Erfahrung, dass viele Lehrer hier Nachholbedarf haben. „Man kann nicht im Schulunterricht über die naturwissenschaftlichen Fakten des Klimawandels sprechen und die Kinder dann einfach in die Pause entlassen.“ Kinder bräuchten Angebote, um die beunruhigenden Informationen zu verarbeiten. Dabei gehe es nicht darum, die Angst abzustellen – sondern zu lernen, sich nicht von ihr überwältigen zu lassen und handeln zu können.

Kinder brauchen Handlungsmöglichkeiten

Schließlich ist es ein tief verwurzeltes Bedürfnis, selbst etwas bewirken zu können. Deshalb brauchen Kinder nicht nur Informationen von der Schule, sondern die sollte ihnen auch Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und entsprechende Erfahrungen ermöglichen, sagen Experten wie Lea Dohm und Felix Peter.

Wo das ausbleibt, malen Kinder sich stattdessen selbst aus, wie sie die Erde retten können. Als Forscher neun- bis zwölfjährige Kinder der Ureinwohner Lapplands befragten, galt deren größte Sorge den Rentieren. Sie fürchteten, die Welt könne sich so stark erhitzen, dass die Tiere krank werden, ihr Fell verlieren und sterben. Doch die Kinder hatten auch Ideen, um das abzuwenden: Ein Junge malte zum Beispiel eine Glaskuppel, die er für die Rentiere bauen wollte.

Junge Menschen fühlen sich verantwortlich. Eine schwedische Jugendliche begann in Stockholm mit dem Schulstreik fürs Klima, andere folgten ihr bei Fridays for Future, und kurze Zeit später lehrte das Mädchen die globale Führungselite in Davos das Fürchten. Zusammen machen die jungen Leute wieder und wieder darauf aufmerksam, was der Erde bevorsteht. Sie pflanzen Bäume, organisieren Konferenzen, ersinnen Lösungen und verklagen mitunter sogar ihre Regierungen, weil die untätig bleiben.

„Manchmal habe ich das Gefühl, als hätte mir jemand meine Kindheit gestohlen“, schreibt die 16-jährige Octavia aus den USA in einem Beitrag des Buches Klima ist für alle da. Seit Jahren engagiert sie sich für den Klimaschutz und empfindet die fehlende Aufmerksamkeit der Politik als niederschmetternd. Einige Seiten weiter schreibt Lilith aus den Niederlanden, die größte Herausforderung für sie sei, mit all den Beschimpfungen und Beleidigungen zurechtzukommen, die sie als Aktivistin erfahre. Sie ist elf Jahre alt.

Es ist nicht nur die bloße Angst vor der Zukunft, die junge Menschen belastet, sondern auch die Tatsache, dass die Aufgabe zu groß für sie ist und sie sich alleingelassen fühlen. In diese Richtung deutet auch die internationale Studie der britischen University of Bath. Wie sehr die Befragten unter Klimasorgen leiden, hänge auch damit zusammen, wie angemessen ihnen die Politik ihrer eigenen Regierung erscheint. So wachse die Verzweiflung durch das Gefühl, verraten zu werden von denen, die nichts ändern, obwohl sie es könnten.

Die Hauptautorin der Studie, Caroline Hickman, hat besonders bewegt, was ein Junge von den Malediven ihr sagte: „Ich habe gelesen, dass die Menschen in Island eine Trauerfeier für einen Gletscher abgehalten haben. Wer wird für uns eine Trauerfeier machen? Wir werden bald unter Wasser sein.“