Sabbatjahr : Eine Lehrerin geht auf die Walz

Viele gehen im Sabbatjahr auf Weltreise. Marie-Louise Spitta dagegen hat die Auszeit genutzt, um andere Schulen in Deutschland zu besuchen und innovative Schulpraxis zu erleben. Die junge Lehrerin aus Baden-Württemberg hat sich dabei gefühlt, als gehe sie auf die Walz, um ihr „Handwerk“ nach der Ausbildung erst richtig zu lernen. Und sie würde sich wünschen, dass viel mehr Lehrkräfte auf Wanderschaft gehen, um Anregungen zu bekommen, sich zu vernetzen und Schulentwicklung voranzubringen.

Annette Kuhn 03. September 2021 Aktualisiert am 06. September 2021
Marie-Louisa Spitta Sabbatjahr
Lehrerin Marie-Louise Spitta hat sich in ihrem Sabbatjahr auf den Weg gemacht, um andere Schulen zu besuchen.
©Robin Wegner

Im Lehrerzimmer waren die meisten erst mal erstaunt, als Marie-Louise Spitta von ihren Plänen erzählte: Sie wolle ein Sabbatjahr nehmen, um andere Schulen zu besuchen. Hätte sie die Auszeit für eine Weltreise nutzen wollen – das hätte niemanden gewundert. Aber ein ganzes Jahr lang freiwillig in anderen Schulen in Deutschland zu hospitieren? Und dafür sogar noch auf Verdienst zu verzichten? Dem konnten die wenigsten Kolleginnen und Kollegen folgen.

Marie-Louise Spitta lächelt, wenn sie heute davon erzählt. Und sie lächelt auch, weil sie ihre Entscheidung keinen Tag bereut hat. Die 31-Jährige hat im Juli ihr Sabbatjahr beendet und ist voller Eindrücke nach Baden-Württemberg zurückgekehrt.

Die Idee zu einem Wanderjahr kam Marie-Louise Spitta im Referendariat: „Ich war mit einer Menge theoretischem Wissen darüber, wie Lernen optimal funktioniert, mit viel Idealismus und einem bunten Strauß von Ideen für eine bessere Schule aus dem Studium gekommen und prallte dann im Referendariat auf die Wirklichkeit des Schulalltags.

All das, was ich im Pädagogik-Studium gelernt hatte und woraus sich über Jahre meine Vorstellungen von Bildung und Schule genährt hatten, spielte jetzt plötzlich in der Realität kaum eine Rolle. Anstelle von Bildungsgedanken bestimmten nun Bewertungsraster, Stundenkontingente und Stoffpläne das tägliche Handeln.“

Das Sabbatjahr bietet finanzielle Absicherung für die Wanderschaft im Lehrerberuf

Der angehenden Lehrerin fiel es schwer, sich damit abzufinden. Sie war überzeugt, dass es auch anders gehen müsse: „In der Situation kam ich auf den Gedanken, dass eigentlich jede Lehrerin, jeder Lehrer nach dem Referendariat erst mal auf die Walz gehen müsste. Wie ein Handwerker. Wenn die Basis des Handwerks gelegt ist, geht man zu verschiedenen ‚Meistern‘ und lernt die Vielfältigkeit des eigenen Berufs kennen. Dann hat man nachher verschiedene Interpretationen der gleichen Aufgabe, kann sich heraussuchen, was einem sinnvoll erscheint, und muss nicht aus Mangel an Alternativen und Perspektiven das reproduzieren, was an der Schule sowieso schon gemacht wird.“

Bestärkt in ihrem Entschluss hat sie auch die Geschichte mit den Wachteln: Am Ende ihres Referendariats hat Marie-Louise Spitta mit ihrer 5. Klasse Wachtelküken im Klassenzimmer ausgebrütet. „Es war so schön, zu sehen, wie viel Lebendigkeit und Kreativität die Kinder dabei entwickelt haben. Alle waren mit so viel Begeisterung und Energie dabei, haben freiwillig Gedichte und Geschichten geschrieben und alle Informationen zu den Wachteln geradezu aufgesaugt. Da habe ich gedacht, so müsste Unterricht eigentlich immer sein!“

Zwei Jahre nach dem Berufsstart war für sie ein guter Zeitpunkt für das Sabbatjahr

Im Unterschied zum Handwerk sind Wanderjahre beim Lehrerberuf allerdings nicht vorgesehen. Daher gibt es im Lehrerberuf für die Walz auch keine vorgegebene Struktur.

Zunächst hat die Referendarin überlegt, sich nicht gleich verbeamten zu lassen, sondern erst mal als Krankheitsvertretung zu arbeiten, um dann ihr Wanderjahr selbstständig umzusetzen. Das allerdings wäre finanziell für sie kaum machbar gewesen, weil sie die Versicherungskosten selbst hätte tragen müssen. So kam sie schließlich, dank einer Lehrbeauftragten, aufs Sabbatjahr.

Als Marie-Louise Spitta zum Schuljahr 2018/19 ihre erste Stelle als Lehrerin für Biologie, Englisch und Geografie an einer Gemeinschaftsschule in Lörrach antrat, beantragte sie von Anfang an das Sabbatjahr nach dem Zwei-Drittel-Modell.

Ich merkte bereits, wie sich ungute Denkmuster zur Absolutheit von Stoffplänen oder Noten in meine Gedanken einschlichen.

Ihr Antrag war ungewöhnlich, weil die meisten Lehrerinnen und Lehrer ein Sabbatjahr erst später im Berufsleben nehmen. Es musste daher erst noch geprüft werden, ob eine Freistellung während der dreijährigen Probezeit überhaupt möglich war. Das war sie aber.

Der Zeitpunkt für ihre Walz erscheint ihr auch im Nachhinein perfekt. „Ich hatte schon eine gewisse Erfahrung und als Klassenlehrerin alle Prozesse in einem Schuljahr zweifach durchlebt. Dies gab mir eine bessere Bewertungsgrundlage für die Erfahrungen des Sabbatjahrs, als es zum Beispiel direkt nach dem Referendariat möglich gewesen wäre. Außerdem merkte ich bereits, wie sich ungute Denkmuster zur Absolutheit von Stoffplänen oder Noten in meine Gedanken einschlichen.“

Der Berufseinstieg ist für viele Lehrkräfte ernüchternd

Und noch einen weiteren Punkt führt Marie-Louise Spitta an: Sie sehe, wie ernüchternd oft der Berufseinstieg bei anderen angehenden Lehrkräften verlaufe. Viele seien nach drei Jahren schon demotiviert, weil die Belastung gerade am Anfang sehr hoch ist. An vielen Schulen würden diejenigen, die einen anderen Unterricht machen wollen, der weniger auf den Lernstoff und die Noten fixiert ist, dafür mehr an dem orientiert, was die Kinder wirklich brauchen, enttäuscht. „Ohne Unterstützung vom Kollegium können angehende Lehrkräfte unter der Anfangsbelastung aber nicht viel verändern. Das führt zu Frustration, im schlimmsten Fall zu Resignation.“ Später habe man die etablierten Denkmuster vielleicht auch schon übernommen. Marie-Louise Spitta hat das Gefühl, dass sie sich durch das Sabbatjahr aus diesem Teufelskreis befreit und auch mehr Sicherheit gewonnen hat. Sie hat jetzt reale, alternative Lösungsvorschläge im Gepäck, und die Lust auf innovativen Unterricht hat sie auch nicht verloren.

In ihrem Sabbatjahr wollte sich Marie-Louise Spitta vor allem Schulen anschauen, die Lernprozesse offener und selbstbestimmter gestalten, die Schulentwicklung vorantreiben und die auf alternative Formen der Leistungsbewertung setzen. „Ich wollte auch die inneren Prozesse an diesen Schulen erleben: Wie sind Konferenzstrukturen, wie arbeiten die Lehrkräfte zusammen, wie sind Verantwortungen verteilt?“ Die Inspiration für die Auswahl der Schulen bekam Marie-Louise Spitta meist über die Videos von oder Berichte zu den verschiedenen Schulen, die sie auf der Suche nach alternativen Schulkonzepten entdeckt hatte. „Und es gab auch ganz praktische Überlegungen: Wo habe ich Freunde oder Verwandte und kann gut unterkommen?“, erläutert sie.

Für mehr Austausch empfiehlt sich Sabbatjahr oder Hospitation zu zweit

Fünf Schulen hat sie schließlich besucht – in Baden-Württemberg, Thüringen, Hamburg, Brandenburg und Sachsen. Ihre Eindrücke aus den Schulen hat sie im Podcast „Schule kann mehr” geschildert. Darunter waren eine Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg, die die klassischen Raum- und Zeit-Begrenzungen weitestgehend aufgelöst habe, eine Montessori-Schule in Brandenburg, die das Konzept der Jugendschule in Klasse 7 und 8 beispielhaft umsetzt, und ein Hochbegabten-Gymnasium in Sachsen. Hier wollte sie sehen, welche Strukturen Schulen entwickeln, wenn sie sich auf Begabungsförderung fokussieren. Eigentlich standen noch weitere Schulen auf dem Plan – deren Besuch war aber infolge der coronabedingten Schulschließungen nicht möglich.

Jeweils drei bis sechs Wochen war Marie-Louise Spitta an einer Schule. „Vier Wochen sollten das Minimum sein“, sagt sie im Rückblick. Im Kollegium der Schulen wurde sie mit großer Offenheit aufgenommen. Meist war es so, dass sie erst mal einer Lehrerin oder einem Lehrer zugeordnet wurde. „Von dort habe ich mich dann weitergehangelt“, erzählt sie.

Vermisst hat sie allerdings den Austausch. „Am liebsten hätte ich das Sabbatjahr gemeinsam mit jemand anderem absolviert.“ Das Erlebte werde schließlich erst durch die Reflexion zu einer Erfahrung.

Gäbe es regelmäßige Hospitationen an anderen Schulen, würde man als Kollegium bei neuen Herausforderungen eventuell schon Lösungsansätze anderer Schulen kennen und könnte schneller handeln.

Sie würde eine weitere Hospitation auf jeden Fall gern zu zweit machen. Dass sie überhaupt noch mal auf Wanderschaft geht, kann sich Marie-Louise Spitta gut vorstellen. Vielleicht dann nicht für ein ganzes Jahr, sondern eher immer mal für ein paar Wochen. Aus ihrer Sicht wäre das ohnehin eine sehr wirkungsvolle Form der Weiterbildung: „Gäbe es regelmäßige Hospitationen an anderen Schulen, würde man als Kollegium bei neuen Herausforderungen eventuell schon Lösungsansätze anderer Schulen kennen und könnte schneller handeln. Es gäbe mehr Austausch zwischen den Schulen, und gute Ideen würden sich schneller verbreiten.“

Anregungen von außen, um Schulentwicklung in der eigenen Schule voranzubringen

Für Marie-Louise Spitta ist die Wanderschaft auch noch nicht ganz beendet. Zwar ist das Sabbatjahr vorbei, aber sie kehrt noch nicht an ihre Gemeinschaftsschule in Lörrach zurück. Sie hat sich für ein Jahr an die Gemeinschaftsschule in ihrer Nähe abordnen lassen, die sie auch während ihrer Wanderschaft besucht hat. „Die Schule hat ähnliche Strukturen wie meine Schule, sie ist in ihrer Entwicklung aber schon weiter.“ Dort gebe es schon viel Erfahrung mit der Arbeit in großen Lernateliers, die nun auch an der Gemeinschaftsschule in Lörrach umgesetzt werden sollen.

Spitta will daher sehen, wie die Strukturen des selbstorganisierten Lernens im Detail aussehen können, und selbst daran mitwirken. Sie erhofft sich, in diesem Schuljahr viele Anregungen und Erfahrungen mitzunehmen und damit dann auch die Schulentwicklung an ihrer Schule voranbringen zu können.

Mehr zum Sabbatjahr

  • Grundsätzlich ist es für Lehrkräfte möglich, ein Sabbatjahr zu nehmen. Allerdings ist das Sabbatical in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Und es ist auch nicht überall möglich. In Bayern zum Beispiel ist die Möglichkeit, ein Sabbatjahr zu nehmen, für Lehrkräfte an Grund-, Mittel- und Förderschulen mit Verweis auf den Lehrermangel seit Anfang 2000 gestrichen.
  • Aber auch dort, wo ein Sabbatjahr möglich ist, muss die Schulleitung einverstanden sein. Wenn sie keinen Ersatz findet, kann sie den Antrag auch ablehnen.
  • Ein Sabbatjahr wird in der Regel „angespart“. Lehrkräfte arbeiten zunächst eine bestimmte Zeit und verzichten dabei auf einen Teil des Gehalts. Danach werden sie dann für einen vorab vereinbarten Zeitraum freigestellt. Beim Zwei-Drittel-Modell von Marie-Louise Spitta hat sie zwei Jahre als Lehrerin gearbeitet und dann ein Jahr als Sabbatical genutzt.
  • Informationen zum Sabbatjahr hat zum Beispiel die Gewerkschaft VBE zusammengestellt.
  • Als Gründe für ein Sabbatjahr werden in Umfragen meist Reisen, der Wunsch nach Zeit für persönliche Projekte oder die Überwindung von Burn-out genannt. Weiterbildung ist nur selten die Motivation.