Sprachsensibilität : Flucht, Vertreibung, Migration – wo liegen die Unterschiede?

Welche Begriffe können oder sollten für Menschen mit Fluchterfahrung genutzt werden? Wann spricht man von Flucht und wann von Vertreibung? Wie kann ein sprachsensibler Umgang mit den Begriffen aussehen? Vier Fragen an Hannes Einsporn, Senior Projekt Manager für Migration bei der Robert Bosch Stiftung.

Kristin Hirschmann 17. Mai 2022

Dieser Inhalt wird im Rahmen einer gemeinsamen Initiative der Robert Bosch Stiftung und der Bertelsmann Stiftung bereitgestellt. >> Mehr erfahren

Menschen auf der Flucht steigen in einen Bus
Wegen des Kriegs sind Tausende Menschen auf der Flucht. Aber wie sagt man es richtig: Flüchtlinge oder Geflüchtete?
©Alexey Kudenko/Sputnik/dpa

Macht es einen Unterschied, ob ich von Flüchtlingen oder Geflüchteten spreche?
Hannes Einsporn: Um das zu beantworten, lohnt sich anzuschauen, wie sich die Begriffe unterscheiden. Der Begriff Geflüchtete hat zwei Vorteile. Erstens signalisiert er, dass der Fluchtstatus keinen Dauerzustand darstellt, und zweitens lässt sich der Begriff gendern. Oft wird angeführt, dass der Begriff positiver konnotiert ist als Flüchtling. Die Verwendung des Begriffes Flüchtling ist im alltäglichen Sprachgebrauch jedoch allgemein nicht zwangsläufig negativ behaftet.

Was ist der Unterschied zwischen Flucht und Vertreibung?
Die Unterscheidung der Begriffe Flucht und Vertreibung ist relativ spezifisch für den deutschen Kontext. Der Begriff Vertreibung wurde in den Anfängen der Bundesrepublik besonders von den Vertriebenenorganisationen geprägt, um auf den Zwangs- und Unrechtscharakter des Schicksals der Vertriebenen hinzuweisen. Diese Begriffskombination findet sich auf internationaler Ebene so nicht wieder. Außerhalb Deutschlands wird in der Regel der Begriff Flucht genutzt.
Eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Flucht und Vertreibung ist schwierig. Es wird suggeriert, dass bei Vertreibung eine aktive Handlung erfolgt, wegen der Menschen fliehen. Eine Lösung stellt der Begriff Zwangsmigration dar, der in der Forschung genutzt wird.

Sprachsensibilität auch im schulischen Kontext relevant

Was unterscheidet die Begriffe Migrantinnen und Migranten und Flüchtlinge?
Der Begriff Migrant:in wird oft als Oberbegriff verwendet. Er bezieht sich dann auf alle Personen, die ihren gewohnheitsmäßigen Wohnort verlassen. In diesem Kontext ist Flüchtling ein Unterbegriff. Man kann aber auch einen Unterschied machen und diese Bezeichnungen nicht als Ober- und Unterbegriffe verwenden, sondern davon ausgehen, dass Flüchtling ein ebenbürtiger Begriff ist.

Das kommt einerseits daher, dass der Begriff Flüchtling eine besondere rechtliche Bedeutung hat, die durch das Völkerrecht festgelegt ist. Im Gegensatz dazu ist Migrant:in im internationalen Recht nicht explizit definiert. Der Begriff Flüchtling schreibt einer Person besondere Rechte zu, so zum Beispiel: eine Grenze zu überqueren, um in einem anderen Land ein Asylgesuch zu stellen, wenn ihr Gefahr im Herkunftsland droht, und dabei nicht zurückgewiesen zu werden.

Das führt mich zur politischen Dimension der Begriffe. Bei der Verwendung des Begriffs Migrant:in wird teilweise impliziert, dass wir keine Verpflichtung haben, diesen Menschen zwingend zu helfen, und dass wir selbst darüber entscheiden, ob man sie ins Land lässt oder nicht. Es kann daher oft sinnvoll sein, Flüchtling als eigenständigen Begriff zu nutzen und nicht als Unterbegriff von Migrant:in.

Was kann ich in meiner Sprache noch beachten?
Es macht einen Unterschied, wie sich Menschen selbst bezeichnen und was ihnen als Bezeichnung zugeschrieben wird. Selbstbezeichnungen haben oft eine empowernde Wirkung, weil damit Menschen einen Begriff wählen, der für sie positiv belegt ist und den sie kontrollieren. Dementgegen sind Zuschreibungen von außen häufig problematisch, weil sich die betroffenen Personen mit ihren vielfältigen Identitäten in diesen Zuschreibungen nicht wiederfinden und diese für sie negativ konnotiert sein können. Daher ist es wichtig, offen zu sein für die verschiedenen Selbstbezeichnungen, die sich Menschen geben, und diese Bezeichnungen zu akzeptieren.

Das Interview wurde von der Agentur J&K – Jöran und Konsorten im Auftrag von Robert Bosch Stiftung und Bertelsmann Stiftung erstellt.