Dieser Artikel erschien am 24.07.2019 in DIE ZEIT
Autorin: Verena Friederike Hasel

Neuseeland : Reise ins Bildungs­wunder­land

Als unsere Autorin mit ihrer Familie nach Neuseeland umzog, staunte sie über die dortigen Schulen – wo es einheitliche Lehrpläne gibt, die Lehrer immer wieder umlernen und ein Direktor auch mal tanzt. Was kann sich Deutschland davon abgucken?

Frau läuft über Wiese
„Ich beginne zu ahnen, dass ich in Neuseeland die Schönheit nicht nur in der Natur finden werde.“
©unsplash

Mit fliegenden Fingern breitet die Lehrerin das Tuch über dem Tisch aus. Gleich werden die Kinder herein­wehen, rot­wangig und wochen­end­zerzaust. Das Tuch ist grün und hat goldene Sterne, die im Licht funkeln. Der erste Schüler kommt, im Arm einen Koala aus Plüsch, den er auf den Tisch setzt. Auch die anderen Kinder legen etwas ab, zum Beispiel eine Ritter­figur und eine Tafel Schokolade, die „Kisses“ heißt.

K wie koala, K wie knight, K wie kisses. „Bringt einen Gegen­stand mit, der mit einem K beginnt und euch wichtig ist“, lautete die Haus­auf­gabe. Und so wie sich der Tisch mit Herzens­dingen der Kinder gefüllt hat, füllt sich das kleine Klassen­zimmer am anderen Ende der Welt nun mit Geschichten über den Buchstaben K.

Ich kannte Neuseeland von Reisen, ich war durch Glüh­würmchen­wälder gewandert und in türkis­blauen Seen geschwommen und wollte mehr Zeit dort verbringen. Doch als ich mit meiner Familie wirklich für ein halbes Jahr nach Neusee­land ziehe, in ein Holz­haus direkt am Meer, habe ich auch etwas Sorge: Werden sich unsere drei Töchter hier zurecht­finden?

Und dann bringe ich meine acht­jährige Tochter das erste Mal zur Schule. Der Direktor begrüßt sie schon an der Straße; in der Aula hängt eine deutsche Flagge für sie bereit, neben 27 anderen Flaggen für alle weiteren Nationalitäten.

Ich beginne zu ahnen, dass ich in Neuseeland die Schönheit nicht nur in der Natur finden werde.

Jeden Tag staune ich über die Schule, an der die Englisch­lehrerin Zweit­klässlern Gedichte des Autors Ted Hughes vorliest und die Mathe­lehrerin den Unterricht an den Strand verlegt, um dort einen Tyrannosaurus rex maß­stabs­getreu in den Sand zu zeichnen. Eine Schule, an der Schüler das Telefon beantworten, damit die Sekretärin Pause machen kann, die älteren Kinder ein Alters­heim besuchen und mit den Bewohnern Aerobic machen und der Direktor mit einem schwierigen Jungen im Lehrer­zimmer tanzt, wenn dieser sich gut benommen hat.

Neuseeland

Verwundert beginne ich andere Schulen zu besuchen, in reichen und armen Gegenden, sitze im Unterricht für große und kleine Kinder, und mir wird klar, dass sich in diesem Land, das geografisch so isoliert liegt, nicht nur eine seltene Pflanzen­welt, sondern auch ein einzig­artiges Bildungs­system entwickelt hat.

Da sind Erstklässler, die über einen Monat hinweg den Mond vom Himmel abzeichnen, weil ihre Schule das Thema Welt­all durch­nimmt. Sechst­klässler, die sich morgens mit ihrem Lehrer am Strand treffen, um den Sonnen­auf­gang zu beobachten, und Gedichte über diesen Moment schreiben. Acht­klässler, die eine Tour mit ihren Mountain­bikes machen und danach die Newtonschen Gesetze durch­nehmen. Abiturienten, die Einsamkeit aushalten lernen, indem sie 48 Stunden allein im Wald verbringen. Ich gehe über Schul­flure, wo Poster von Menschen wie John Lennon und Bill Gates hängen, die trotz ihrer Legasthenie Erfolg im Leben hatten. Ich treffe Lehrer, die fest daran glauben, im Leben ihrer Schüler etwas bewirken zu können, und jede Gelegen­heit nutzen, um von­einander zu lernen. „Das neuseeländische Bildungs­system ist beeindruckend“, wird mir John Hattie später sagen, einer der einfluss­reichsten Bildungs­forscher der Welt.

In den Pisa-Studien lagen Deutschland und Neuseeland fast gleich­auf, auch die Bildungs­ausgaben pro Schüler sind laut einer OECD-Studie annähernd gleich hoch. Im Alltag jedoch unterscheiden sich die Schulen sehr. Nachdem ich erlebt habe, dass man es in Neuseeland genauso wichtig findet, Empathie, Mut und Kreativität zu entwickeln, wie rechnen zu lernen, werde ich den Eindruck nicht los, dass dem deutschen System etwas Entscheidendes fehlt.

Grundlage ist ein Curriculum

Nach einigen Monaten in Neuseeland wird auch meine fünfjährige Tochter eingeschult. Als zurück­haltende deutsche Mutter will ich mich am ersten Tag rasch verabschieden, doch die Lehrerin stoppt mich. Ob ich nicht bleiben wolle? Meine Tochter untersucht zuerst einen Kuh­schädel und ein Vogel­nest, die mit einer Lupe auf einem Tablett liegen, und zieht dann immer engere Kreise um den Maltisch, an dem einige Kinder tuschen. „Willst du?“ Eine Mutter reicht meiner Tochter einen Kittel. „Tschüs, Mama“, sagt meine Tochter dann zu mir. Die andere Mutter, höre ich später, ist bis zur Mittagsvpause geblieben. Ihr Kind brauchte mehr Zeit, um anzukommen.

Ich denke an Einschulungen in Deutschland, wo es fast zum Initiations­ritus gehört, dass Kinder bisweilen unter Tränen vom Lehrer aus der Aula ins Klassen­zimmer geführt werden. Das wäre hier un­vor­stellbar. Auch einen fixen Ein­schulungs­termin gibt es nicht. In Neuseeland können Kinder ab dem fünften Geburts­tag in die Schule gehen. Wann genau, entscheiden die Eltern in einem Zeit­raum von zwölf Monaten; viele Schulen nehmen die Kinder jederzeit im Jahr auf.

Meine Töchter lieben den Unterricht in Neuseeland. Als sie die Antarktis durchnehmen, übernachtet meine acht­jährige Tochter mit ihrer Klasse im Aquarium, und meine fünfjährige Tochter macht den ersten wissen­schaftlichen Versuch ihres Lebens mit Schokolade. Radierer werden aus den Feder­mäppchen verbannt. Fehler, sagen die Lehrer, seien nichts, was man voller Scham entfernen müsse.

Ist das nicht alles ein bisschen zu schön, um wahr zu sein?

Genau das habe ich anfangs gedacht, doch dann habe ich begriffen, dass die Neusee­länder in der Bildung nichts dem Zufall über­lassen. Mit großer Akribie haben sie ein System geschaffen, das das Beste in Lehrern und Schülern hervor­bringt.

Grundlage ist ein Curriculum, dessen erste Fassung von mehr als 15.000 Schülern, Lehrern, Eltern und Forschern gemeinsam verfasst wurde. Das kostete Zeit und Mühe, doch der breite Konsens zahlte sich später aus. Das Curriculum setzt auf Kohärenz statt Gleich­macherei. Die Lern­ziele binden alle Schulen im Land, Beamte überprüfen regel­mäßig, ob sie erreicht werden. Wie eine Schule jedoch dabei vorgeht, bleibt ihr über­lassen. Weil Neuseeländer davon über­zeugt sind, dass Entscheider nie zu weit weg von den Folgen ihrer Entscheidungen sein sollten, verwaltet sich jede Schule selbst, wichtigstes Gremium ist ein board of trustees, das aus Direktor, Eltern und Lehrern besteht.

Als ich eine Schule in einer ärmeren Gegend besuche, erlebe ich die Vorzüge dieser Regelung. In der ersten Klasse findet gerade die „News-Runde“ statt. Jedes Kind erzählt, was sich am Vortag ereignet hat, egal ob gut oder schlecht. „Wir haben gestern einen neuen Fernseher bekommen“, sagt ein Junge. „Und ich habe gestern fern­gesehen“, sagt ein Mädchen. Drei Jungen zappeln herum, ein Mädchen weiß gar nichts zu erzählen. Später sagt mir die Lehrerin, dass das Mädchen sowieso kaum spricht und die drei Zappler weder still sitzen noch Stift und Schere halten können. Deshalb ging die Lehrerin gleich zu Beginn des Schuljahrs schnell zur Direktorin. Sieben Tage später hatte sie Verstärkung durch eine Logopädin und eine Ergo­therapeutin; beide kommen viermal die Woche, um mit diesen Kindern zu arbeiten. Würde die Schule ihr Geld nicht selbst verwalten, wäre das womöglich anders ausgegangen.

Natürlich ist auch Neuseeland keine Insel der Seligen. Gerade streikten dort 50.000 Lehrer für eine bessere Bezahlung. Doch wenigstens waren sie mit dieser Forderung nicht allein: Etliche Eltern und Schüler gingen eben­falls auf die Straße.

„Es kommt auf den einzelnen Lehrer an“

In Deutschland wird viel über Schulfragen gestritten – jahr­gangs­über­greifender Unterricht oder nicht, 12 oder 13 Jahre bis zum Abitur, Gymnasium oder Gemein­schafts­schule. Was mir dabei immer wieder auffällt, ist die weit­gehende Abwesenheit von empirischer Evidenz. Statt­dessen hört man gefühlte Wahr­heiten. Oft sind schul­politische Entscheidungen wahl­taktisch motiviert, was zu einem Schlinger­kurs führt, sobald sich die Mehrheiten ändern. Selbst bei großen Reformen verzichtet man darauf, ihre Wirksamkeit zu evaluieren. „Leider nutzen wir in Deutschland daten- und forschungs­basierte Erkenntnisse noch zu wenig für die schulische Praxis“, kritisiert der Berliner Bildungs­forscher Hans Anand Pant, Leiter der Deutschen Schulakademie.

In Neuseeland betreibt man die Bildungspolitik dagegen mit Ausdauer und Weitblick. Auf schnelle Experimente lässt man sich nicht ein. Als ich mit einem Schul­leiter in Neusee­land spreche, sagt er einen Satz, den ich in Deutschland gern häufiger hören würde: „Die Wirksamkeit einer Methode muss immer wissen­schaftlich nachgewiesen sein. Auf keinen Fall darf man in der Bildung Moden hinter­her­laufen.“

Genau aus diesem Grund hat der Bildungsforscher John Hattie die wohl umfang­reichste Schul­unter­suchung aller Zeiten durch­geführt. Mehr als 815 Meta­analysen, 50.000 Einzel­studien, 250 Millionen Schüler und eine zentrale Frage: Was macht guten Unterricht aus? Über 20 Jahre habe es gedauert, bis er das ganze Material aus­gewertet habe, sagt mir John Hattie. Woher ein Mensch kommt, der so viel Wert auf Empirie legt? Natürlich aus Neuseeland, auch wenn John Hattie schon lange nicht mehr dort lebt. Eigentlich, schreibt er in seinem Buch, gebe es so viel Wissen darüber, was in Klassen­zimmern funktioniere, es werde nur zu wenig genutzt. Hattie hat alles, was wir in unseren Schulen so wichtig nehmen, unter­sucht und fest­gestellt: Wir verschwenden unsere Zeit. „Eine der faszinierendsten Entdeckungen ist, dass viele der am intensivsten diskutierten Probleme diejenigen sind, welche die geringsten Effekte aufweisen.“ Hausaufgaben landeten nur auf Platz 88 von 138 Einfluss­faktoren, die Klassen­größe auf Platz 106 – selbst wenn unzählige Eltern und Lehrer glauben, dass man in kleinen Klassen viel besser lernen kann.

Wovon hängt es also ab, ob Lernen gelingt? „Es kommt auf den einzelnen Lehrer an“, sagt John Hattie. In Neuseeland halten die Lehrer die Fäden des Unterrichts fest in der Hand. Sie lassen sich die Kontrolle keines­falls nehmen und formulieren klare Erwartungen an die Schüler.

Der Lehrer ist das Wichtigste – das klingt banal, ist aber radikal; die deutschen Bildungs­behörden scheinen sich darüber nicht im Klaren zu sein. „Zwar besteht in allen Bundes­ländern eine Fortbildungs­pflicht, aber ob Lehrer ihr auch wirklich nach­kommen, wird kaum über­prüft“, sagt der frühere Hamburger Landes­schul­rat Peter Daschner, der jahrelang zu diesem Thema geforscht hat. Im Gegen­satz dazu müssen neuseeländische Lehrer alle drei Jahre ihre Lehr­erlaubnis erneuern – und das dürfen sie nur, wenn sie nach­weisen können, dass sie an beruflichen Weiter­bildungen teil­genommen haben. Gute Lehrer zu noch besseren Lehrern zu machen – das ist das erklärte Ziel. Deshalb schwärmen regel­mäßig sogenannte facilitators in alle Schulen des Landes aus. Diese „Vermittler“ wurden vom Bildungs­ministerium geprüft und sollen den Lehrern die neuesten Ergebnisse der empirischen Forschung nahebringen. Wie groß sollten Klein­gruppen in Mathe sein, wie lernen Kinder aus bildungs­schwachen Familien am besten, wie motiviert man Jungen zum Schreiben? Trotz der Freiräume jeder einzelnen Schule wird dadurch Einheitlichkeit im Land erzeugt. Was mir besonders gut gefällt: Die Vermittler werden nicht erst gerufen, wenn es ernst wird. Sie gehen zu allen Lehrern, rein vorsorglich.

An der Schule meiner Töchter erlebe ich eine Vermittlerin in Mathe. Binnen einiger Monate kommt sie dreimal. Das erste Mal berät sie die Lehrer bei der Planung ihrer Stunden, das zweite Mal gibt sie Modell­stunden, das dritte Mal hilft sie den Lehrern in deren eigenem Unterricht. So ein System würde der Schul­forscher Frank Lipowsky von der Universität Kassel auch für Deutschland befürworten. Die deutsche Realität jedoch sehe anders aus, sagt er. Meist gingen Lehrer nach Unterrichts­schluss für drei Stunden in eine externe Fort­bildungs­stätte.

Zurück in der ersten Klasse in Neuseeland. Heute ist der Buchstabe I dran. „Ice cream“, schreibt die Lehrerin in Groß­buch­staben auf ein Plakat, füllt eine Kühlbox mit Eis und öffnet das eben­erdige Fenster zum Schul­hof hinaus. Die Kinder stellen sich an und sagen, was ihnen in den Sinn kommt, wenn sie an Eis denken. „Lecker“ natürlich, ja, aber die Lehrerin will mehr, also rufen die Kinder auch komplizierte Begriffe wie „köstlich“, „wohl­schmeckend“ und „appetitlich“, und die Lehrerin schreibt sie alle auf ein Blatt und hängt es wie ein Werbe­poster ans Fenster. Und während die Kinder ihr Eis schlecken, betrachten sie all diese Wörter und wissen, dass sie die Wonne beschreiben, die gerade in ihrem Mund zerläuft. Ist es da noch schwer, an den Sinn des Schreibens zu glauben?