Projekt #everynamecounts : Schulklassen bauen an einem virtuellen Denkmal für NS-Opfer

110 Millionen Dokumente über die Opfer und Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung lagern in den Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution in Nordhessen. Sie dokumentieren die Schicksale von ungefähr 17,5 Millionen Verfolgten des NS-Regimes. Aber die Spurensuche in den Unterlagen ist mühsam, weil nur ein Teil der in den Dokumenten festgehaltenen Daten digital erfasst ist. Seit Anfang 2000 kann sich im Projekt #everynamecounts jeder daran beteiligen, die Inhalte von Häftlingskarten, Zwangsarbeiterlisten und anderen Unterlagen in eine öffentliche Datenbank zu überführen. Für Schulklassen eröffnet das Projekt einen emotionalen Zugang zur Geschichte des Dritten Reichs.

Alexandra Mankarios 08. November 2022 Aktualisiert am 11. November 2022
Videoinstallation von #everynamecounts
Eine Medieninstallation hat 2021 auf die Crowdfunding-Initiative #Everynamecounts aufmerksam gemacht.
©Arolsen Archives
Zwei Schülerinnen arbeiten beim Projekt #everynamecounts mit
Schülerinnen und Schüler können über die Mitarbeit beim Projekt #everynamecounts einen Zugang zum Thema Verfolgung in der Nazi-Zeit bekommen.
©Arolsen Archives
Fotos mit Kindern im Fußballtor
Auch Fotomaterial lagert in den Akten der Arolsen Archives. Mit solchen Dokumenten rücken die Schicksale der Verfolgten den heutigen Schülerinnen und Schülern viel näher.
©Johanna Groß/Arolsen Archives

Der Buchhalter Sándor Friedmann, Sohn eines Damenschneiders namens Jakob, kam am 15. Juni 1909 in der ungarischen Stadt Kaposvár auf die Welt und zog später nach Budapest. Dort verhafteten die Nationalsozialisten den Juden, im November 1944 kam er im Konzentrationslager Dachau an, nicht einmal drei Wochen später wurde er nach Buchenwald überführt, wo sich seine Spur verliert. All diese Informationen sind nachzulesen auf Friedmanns KZ-Häftlingspersonalbogen. Rothaarig sei Friedmann gewesen, 1,76 Meter groß, mit Sommersprossen im ovalen Gesicht, so hat es ein „Häftlingsschreiber“ damals akribisch notiert. Friedmanns Verfolgung ist eins von zahllosen Nazi-Verbrechen, die im Projekt #everynamecounts mithilfe von Interessierten auf der ganzen Welt dokumentiert werden sollen.

Screenshot eines Hälftlingspersonalbogens
So werden die KZ-Häftlingspersonalbogen - wie der von Sándor Friedmann - erfasst.

Viele Schulklassen nehmen am Projekt #everynamecounts teil

Mitmachen ist einfach: Auf der US-amerikanischen Plattform Zooniverse lassen sich Scans der Originaldokumente anzeigen, dann geht es darum, die Angaben in Datenbankfelder zu übertragen: Name, Geburtsdatum und -ort, Anschrift, Namen von Verwandten, Häftlingsnummer, die von den Nationalsozialisten notierten Haftgründe.

Eine Registrierung ist nicht nötig, um bei #everynamecounts loszulegen. Mit etwas Übung dauert es nur wenige Minuten, um die Daten eines Dokuments zu übertragen – aber die kurze Zeit reicht aus, um ein inneres Bild von der verfolgten Person zu entwickeln und Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen. Vielleicht ist das einer der Hauptgründe, warum unter den geschätzt rund 50.000 Menschen, die bisher bei #everynamecounts mitgemacht haben, viele Schulklassen sind.

Persönlicher Zugang zur NS-Geschichte

„Bei der Arbeit entwickeln Schülerinnen und Schüler eine persönliche Beziehung zu den NS-Verfolgten“, erklärt Sonja Pösel, Projektleiterin von #everynamecounts. „Sie stellen zum Beispiel fest, dass die Person, deren Daten sie erfassen, am selben Tag wie sie Geburtstag hatte. Oder dass jemand an Heiligabend deportiert wurde. Das berührt sie, weil sie aus ihrer eigenen Lebenswirklichkeit heraus daran anknüpfen können.“ Außerdem ergäben sich aus den Daten viele Fragen, die direkt in die historischen Hintergründe des Nazi-Terrors führen: „Hier steht bei einem 16-Jährigen ‚asozial‘ als Haftgrund – was bedeutet das denn?“ Oder: „Bei diesem Mann steht, er sei homosexuell gewesen, aber er war auch verheiratet. Wie kann das sein?“

Das Thema Nationalsozialismus ist so groß und erschreckend, dass viele Jugendliche Angst haben, Fragen zu stellen – sie könnten ja in ein Fettnäpfchen treten.
Sonja Pösel, Projektleiterin #everynamecounts bei den Arolsen Archives

Um Fragen wie diese im Unterricht zu besprechen, liefern die Arolsen Archives weitere Materialien, so etwa eine Übersicht über die Haftgründe, Farbcodes und „Winkel“ – Dreiecke aus Stoff, die auf der Häftlingskleidung angebracht wurden und mit denen die Nationalsozialisten ihre Opfer kategorisierten. „Das kann man in der Schule aufgreifen und erklären, dass diese Bezeichnungen der Tätersprache entsprechen und nichts damit zu tun haben, warum die Menschen wirklich verfolgt wurden“, sagt Sonja Pösel.

Es ist aber nicht nur der emotionale Zugang, der Schülerinnen und Schülern bei #everynamecounts dazu anregt, sich mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Die Projektleiterin ist überzeugt, dass sich junge Menschen durch die Beschäftigung mit einzelnen Schicksalen eher trauen, Fragen zu stellen. „Das Thema Nationalsozialismus ist so groß und erschreckend, dass viele Jugendliche Angst haben, Fragen zu stellen – sie könnten ja in ein Fettnäpfchen treten“, erklärt sie. „Wir finden es sehr wichtig, ihnen diese Angst zu nehmen. Die Jugendlichen müssen wissen, dass sie jede Frage stellen und auch zum Beispiel Vergleiche zu ihrer eigenen Situation ziehen dürfen.“

Kennzeichentafel für Inhaftierte in Konzentrationslagern
Mit solchen Kennzeichen wurde die Häftlingskleidung in den Konzentrationslagern markiert, um die Häftlinge unterscheiden zu können.
©Arolsen Archives

Viele Kinder und Jugendliche heute haben auch Flucht und Vertreibung erlebt

Ohne den persönlichen Bezug sei es heute sehr schwer, jungen Menschen den Terror der Nazi-Herrschaft zu vermitteln, weil die Ereignisse so lange zurückliegen, glaubt Sonja Pösel. Viele junge Menschen in Deutschland kennen niemanden mehr persönlich, der im Dritten Reich Opfer oder Täter gewesen sein könnte. Die Vorfahren vieler Schülerinnen und Schüler haben damals gar nicht in Deutschland gelebt. Dafür gibt es aber in vielen Schulklassen Kinder und Jugendliche, die selbst Verfolgung, Krieg und Flucht erlebt haben. „Es muss in Ordnung sein, wenn junge Menschen sich über ihre eigenen Erfahrungen die Geschichte der NS-Zeit erschließen“, betont Sonja Pösel.

Wer sich im Unterricht – von Klasse 7 bis zum Abitur – an #everynamecounts beteiligen möchte, hat viele Möglichkeiten. Die Arbeit an den Dokumenten ist schnell erklärt, ein Video-Tutorial und Erklärtexte leiten durch den gesamten Prozess. Deshalb eignet sich das Projekt selbst für kurze Unterrichtseinheiten, etwa als Einstieg ins Thema Nationalsozialismus. Ebenso ist aber eine tiefere Beschäftigung mit den historischen Dokumenten möglich – als Anlass für Kurzreferate oder in Projektwochen. „Wir halten unsere Bildungsangebote grundsätzlich modular“, erklärt Sonja Pösel. „Die Lehrkräfte kennen ihre Klassen genau und wissen am besten, wie sie #everynamecounts in ihren Unterricht einbauen.“

Personen auf der ganzen Welt machen bei #everynamecounts mit

Wie auch immer Lehrkräfte die Arbeit mit #everynamecounts gestalten – eine ganz moderne Praxis lernen die Jugendlichen dabei ganz nebenbei auch kennen: die Mitarbeit an einem Citizen-Science-Projekt, bei dem Personen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten. Und dabei gemeinsam zum Beispiel ein virtuelles Denkmal in Form eines Online-Archivs errichten. „Allerdings verstehen wir die Daten der NS-Opfer, die hier erfasst werden, nur als einen Teil des Denkmals“, erklärt die Projektleiterin. „Der andere Teil des Denkmals, das sind die Menschen, die das durch ihre Mitarbeit am Projekt ermöglichen.“

Wie können sich Schulen beteiligen?

  • Wie lassen sich die Verbrechen des NS-Regimes digital vermitteln und als aktivierende Demokratiebildung in der Schule gestalten? Dazu gibt es am 24. November einen kostenlosen Workshop auf dem Campus des Deutschen Schulpreises. Der Workshop richtet sich an Fachkräfte und Interessierte aus Schule, außerschulischen Lernorten und Zivilgesellschaft, die eine aktive Erinnerungskultur vermitteln wollen. Mitarbeiter der Arolsen Archives zeigen, wie #everynamecounts funktioniert und wie eine digitale Community anhand historischer Dokumente den Verfolgten des NS-Regimes ein digitales Denkmal baut.
  • Die Online-Veranstaltung ist Teil des digitalen Begleitprogramms zur Konferenz Bildung Digitalisierung 2022. 

Die Arolsen Archives

  • Die Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution sind aus dem Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes hervorgegangen.
  • Ursprünglich diente die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Organisation der Suche nach Vermissten und der Klärung von Schicksalen NS-Verfolgter. Noch heute erreichen das Archiv 50.000 Suchanfragen im Jahr.
  • Neben den Schicksalen der jüdischen Verfolgten dokumentiert das Archiv auch die Verbrechen an allen anderen Opfergruppen.
  • 110 Millionen Dokumente lagern in den Arolsen Archives, darunter 30 Millionen historische Unterlagen, die seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählen.
  • 2019 veröffentlichten die Arolsen Archives in Zusammenarbeit mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel ein Online-Archiv, in dem jeder nach den Schicksalen NS-Verfolgter suchen kann – über das Projekt #everynamecounts erweitern Menschen auf der ganzen Welt die Datenbank.
  • Angebote für Bildung und Forschung sind ein wichtiger Bestandteil der Arbeit der Arolsen Archives. Über neue Projekte informiert alle vier bis sechs Wochen ein eigener Bildungsnewsletter.
  • Ende Januar 2023 wird das Projekt #everynamecounts von Zooniverse auf eine von den Arolsen Archives gehostete Plattform überführt und durch weitere Angebote ergänzt.