Dieser Artikel erschien am 07.01.2019 in der taz
Autorin: Anna Klöpper

Quereinstieg an Berliner Schulen : Problematischer Trend

Quereinsteigende landen besonders häufig an Brennpunktschulen, belegen nun aktuelle Zahlen der Bildungsverwaltung.

Eine Lehrerin unterrichtet Mathematik
Keine leichte Aufgabe: Der Fachkräftemangel an den Berliner Schulen
©dpa

In den Lehrerzimmern verfestigt sich ein Trend, und die Bildungs­verwaltung findet kein rechtes Mittel dagegen: Schulen mit einem guten Ruf, solche in besseren Kiezlagen und grund­sätzlich Gymnasien greifen die regulär ausgebildeten Lehr­ämtlerInnen ab. Die Aus­bildung der Quer­einsteigenden hingegen müssen – und zwar in zunehmendem Maße – vor allem jene Schulen wuppen, die ohnehin schon zu kämpfen haben.

Die entsprechenden Daten hat die Bildungs­verwaltung nun auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck ermittelt. Demnach gibt es im laufenden Schul­jahr an den allgemein­bildenden und beruflichen Schulen rund 1.850 Quer­ein­steigerInnen im berufs­begleitenden Referendariat. Ihr Anteil in den Kollegien schwankt zwischen 1 Prozent wie etwa am Gymnasium Steglitz und 27 Prozent an der Weddinger Gottfried-Röhl-Grund­schule. Berlin­weit liegt ihr Anteil bei sechs Prozent.

Grundsätzlich fällt auf: Grundschulen in sozial benachteiligten Kiezen kommen fast durchweg auf zweistellige Prozent­werte. So etwa die Neuköllner Sonnen-Grund­schule (25 Prozent), die zu Schul­jahres­start mit einer Protestaktion gegen die ungleiche Verteilung der Seiten­ein­steigerInnen demonstriert hatte. „Die nächsten Lehrer, die fertig werden, sollten zu uns, weil bei uns besonders viele bedürftige Kinder sind“, hatte Schul­leiterin Karoline Pocko Moukoury im taz-Interview gesagt.

Im Vergleich zum vorigen Schuljahr ist der Anteil der Quer­ein­steigerInnen an der Sonnen-Grund­schule aber um neun Prozent­punkte gestiegen, an von der Sozial­struktur vergleich­baren Schulen ist der Trend ähnlich.

Bessere Steuerung

SPD-Bildungspolitikerin Maja Lasić fordert deshalb, Schul­senatorin Sandra Scheeres (SPD) müsse sich dringend Gedanken über eine bessere Steuerung des Quer­einstiegs machen. Scheeres’ Appell zum Schul­start, dass Brenn­punkt­schulen zuerst berück­sichtigt werden sollen bei der Verteilung der regulär ausgebildeten LehrerInnen würde ihrem Vernehmen nach von vielen regionalen Personalräten nicht mitgetragen.

Lasić sagt, sie könne sich auch eine feste Quer­ein­stiegs­quote für jede Schule vorstellen: „Wenn vier Stellen neu zu besetzen sind – warum nicht sagen: ein bis zwei müssen an Quer­ein­steiger gehen.“

Auch die Verbeamtungsdebatte will Lasić weiter führen. Berlin ist das einzige Bundes­land, das nicht verbeamtet. „Da müssen wir uns die Frage stellen, ob wir noch wett­bewerbs­fähig sind.“ Insgesamt verdiene eine angestellte Lehrerin im Laufe ihres Berufs­lebens rund 200.000 Euro weniger als eine verbeamtete Kollegin.

Scheeres hatte im taz-Interview betont, die Verbeamtung sei kein Tabu mehr. Ihre Koalitions­partner Grüne und Linke äußerten sich im Tages­spiegel ablehnend. Udo Mertens, Tarifexperte bei der Gewerk­schaft GEW, betonte, die Verbeamtung sei keine Maßnahme gegen den Fach­kräfte­mangel: „Auch dort, wo verbeamtet wird, ändert das nichts.“ Zudem gebe es keine Statistik, die erfasse, mit welcher Motivation fertig ausgebildete LehrerInnen nach dem Studium Berlin wieder verlassen.