Dieser Artikel erschien am 19.12.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Paul Munziger

Bildung : Privatschulen werden beliebter – und immer elitärer

Immer mehr Kinder besuchen eine Privatschule, zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Außerdem kommen Privatschüler im Schnitt aus gebildeteren und wohlhabenderen Elternhäusern als Kinder an öffentlichen Schulen.

Eine Hand meldet sich
©dpa

Manuela Schwesig musste sich rechtfertigen. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern – eine sozialdemokratische Politikerin – schickt ihr Kind nicht auf eine öffentliche Schule. Ihre Beteuerung, die Privatschule sei eben die nächstgelegene, half Schwesig nur bedingt gegen die Welle aus Empörung und Häme, die vor einem Jahr über sie hereinbrach. Denn kaum ein bildungspolitisches Thema erregt die Deutschen so sehr wie Privatschulen. Die Debatte ist emotional, auch weil immer mehr Schüler eine Privatschule besuchen. Heute ist es fast jeder zehnte – das sind doppelt so viele wie Anfang der Neunzigerjahre. Die einen sehen darin einen Zuwachs an Vielfalt, die anderen eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die der Süddeutschen Zeitung exklusiv vorliegt, dürfte die Debatte anheizen. Privatschulen werden demnach nicht nur immer beliebter, sie werden auch elitärer: Der Anteil von Akademikerkindern in Schulen in freier Trägerschaft hat seit Mitte der Neunzigerjahre deutlich zugenommen. Das gilt besonders für Ostdeutschland, wo sich ein weiterer Trend zeigt: Gerade zwischen Dresden und Rostock werden diese Privatschulen zunehmend zu Bildungsstätten für Besserverdiener.

„Die soziale Segregation zwischen den privaten und öffentlichen Schulen wird immer größer“, fassen die Autoren der Studie zusammen. Für die Privatschulen ist das ein heikler Befund. Das Grundgesetz billigt ihre Existenz zwar ausdrücklich, doch es verpflichtet sie auch darauf, dass „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“. Zudem werden auch Privatschulen ihrem Namen zum Trotz zum Großteil aus öffentlichen Mitteln finanziert.

Die Forscher um C. Katharina Spieß, Leiterin der Abteilung Bildung und Familie am DIW, stützen ihre Analyse auf Daten des sogenannten Sozio-oekonomischen Panels. Diese Umfrage erhebt seit mehr als 30 Jahren Informationen zum Leben Tausender Menschen in Deutschland, um langfristige gesellschaftliche Trends sichtbar zu machen. So liefern die Daten auch detaillierte Ergebnisse über Privatschüler. Sie kommen im Schnitt aus gebildeteren und wohlhabenderen Elternhäusern als Kinder an öffentlichen Schülern. Und sie haben seltener einen Migrationshintergrund.

Im Osten zeigen sich diese Unterschiede deutlich stärker als im Westen. Beispiel Bildungshintergrund: 12 Prozent der Kinder an einer öffentlichen Schule kommen aus einem Akademikerhaushalt – an einer Privatschule sind es im Westen 21, im Osten sogar 35 Prozent. Beispiel Einkommen: Etwa eins von fünf Kindern an einer öffentlichen Schule kommt aus einer Familie, die dem Einkommen nach zum obersten Fünftel der Bevölkerung gehört; an einer Privatschule trifft das im Westen auf jeden dritten Schüler zu (33 Prozent), im Osten sogar auf nahezu jeden zweiten (49 Prozent).

„Die Schere öffnet sich“

Und diese Kluft vertieft sich. Mitte der 90er bestand zwischen Eltern mit und ohne Studium kaum ein Unterschied – etwa fünf Prozent aller Haushalte schickten ihre Kinder auf die Privatschule. Mittlerweile sind die Unterschiede beträchtlich: 2015 gingen im Westen 17 Prozent der Akademikerkinder auf eine Privatschule, im Osten sogar 23 Prozent. Bei Eltern ohne Studium stiegen die Werte kaum an.

Beim Faktor Einkommen zeigt sich zumindest im Osten das gleiche Ergebnis. Gab es dort zwischen den Geringverdienern und den Vielverdienern vor 20 Jahren nur marginale Unterschiede bei der Privatschulnutzung, entwickeln sich die Werte seither auseinander. „Die Schere öffnet sich“, sagt Forscherin Spieß.

Dass die Zahl der Privatschulen im Osten Deutschlands so stark gestiegen ist, hat einen einfachen Grund: Zu DDR-Zeiten gab es keine Privatschulen, das System wurde erst aufgebaut; mittlerweile hat der Osten den Westen sogar überholt. Warum aber gerade hier Bildung und Einkommen der Eltern derart an Bedeutung gewonnen haben, können die Zahlen nicht erklären.

Um die Segregation an den Privatschulen zu bremsen, schlagen Spieß und ihre Mitautorinnen konkrete Maßnahmen vor. So könne man etwa das Schulgeld an die Höhe des Einkommens koppeln, wie es in manchen Bundesländern bereits gemacht wird. „Wenn wir nicht wollen, dass Privatschulen immer mehr zu Orten werden, an denen vorrangig Kinder von Akademikereltern lernen, dann sollten wir überlegen, wie sowohl Privatschulen als auch öffentliche Schulen für alle Kinder wieder attraktiver werden“, sagt Spieß.

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