Politische Bildung : Juniorwahl – die Probe für den „Ernstfall“

Wie lassen sich junge Menschen zum Wählen motivieren? Wie können sie sich inhaltlich vorbereiten? Welche Unterstützung können Schulen dabei geben? Eine Möglichkeit dafür ist die Juniorwahl, bei der der Wahlprozess in der Schule realitätsgetreu simuliert wird. Die Juniorwahl ist mittlerweile das größte bundesweite Schulprojekt zur politischen Bildung. Das Schulportal hat sich an einer Hamburger Schule umgehört, wieso sie das Projekt umsetzt und was Schülerinnen und Schüler dabei lernen können.

Annette Kuhn 16. September 2021 Aktualisiert am 19. September 2021
Wahlurnen für die Juniorwahl
Wie bei der „richtigen" Wahl machen die Jugendlichen ihre Kreuze in einer Wahlkabine.
©Juniorwahl 2021

Für 2,8 Millionen Menschen steht am 26. September die erste Bundestagswahl ihres Lebens an. Doch längst nicht alle Erstwählerinnen und Erstwähler nutzen ihr Wahlrecht. Unter allen Wahlberechtigten ist die Beteiligung der Jungwählerinnen und Jungwähler am niedrigsten. Bei den 18- bis 20-Jährigen erreichte sie bei der vorigen Bundestagswahl 2017 knapp 70 Prozent, insgesamt lag sie bei 76 Prozent.

Ein Grund für die geringere Wahlbeteiligung der Jüngeren ist, dass viele Jugendliche sich von Parteien und Politikern zu wenig in ihren Interessen und Sorgen gesehen fühlen. Nach einer Umfrage der Generationen Stiftung von Juni 2021 unter 1.500 jungen Menschen zwischen 16 und 26 sagten 83 Prozent: „Die derzeitige Regierung hat die Interessen junger Menschen trotz vieler Proteste in den vergangenen Jahren ignoriert.“

Viele Jugendlichen wissen nicht, wie viele Stimmen sie haben

Außerdem gibt es unter jungen Menschen offenbar auch große Wissenslücken zum Thema Wahl. Eine aktuelle Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) im September veröffentlicht hat, zeigt, dass 49 Prozent der Erstwählerinnen und Erstwähler nicht wissen, wie viele Stimmen sie bei der Bundestagswahl haben. 53 Prozent kennen außerdem nicht den Namen oder die Partei der oder des Abgeordneten in ihrem Wahlkreis.

Das Problem ist nicht neu, darum gibt es inzwischen einige Projekte zur politischen Bildung, die bei Jugendlichen mehr Interesse daran wecken wollen, ihre Stimmen abzugeben.

Vorbild für die Juniorwahl kommt aus den USA

Die Juniorwahl ist das größte bundesweite Projekt dieser Art. Hier wird eine Wahl in der Schule realitätsgetreu simuliert – vom Verschicken der Wahlunterlagen über die Abstimmung bis zum Auszählen der Stimmen. Die Juniorwahl findet in der Woche vor der eigentlichen Wahl statt. Schulen, die mitmachen, bekommen Wahlunterlagen, Wahlurnen, Wahlkabinen und Unterrichtsmaterial, das auf die jeweilige Klassenstufe zugeschnitten ist. Vorgesehen ist die Juniorwahl ab Klassenstufe 7.

Vorbild für die Juniorwahl war die US-amerikanische Initiative Kids Voting, die seit 1988 Wahlen für Schülerinnen und Schülern parallel zu den Präsidentschaftswahlen organisiert. In Deutschland fand die erste Juniorwahl 1999 in Berlin vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus statt. Träger ist seit Beginn der gemeinnützige und überparteiliche Verein Kumulus e. V. in Berlin. Gefördert wird die Juniorwahl durch den Deutschen Bundestag, das Bundesfamilienministerium und die Bundeszentrale für politische Bildung.

Wenig Übung in der Informationsbeschaffung

Insgesamt gab es mittlerweile 61 Juniorwahlen – Bundestagswahlen, Landtags- bzw. Kommunalwahlen und Europawahlen. In diesem Jahr sind 4.510 Schulen bei der Juniorwahl zur Bundestagswahl dabei. Die Stadtteilschule Helmuth Hübener in Hamburg ist eine davon. Schon seit etwa acht Jahren macht die Schule mit, erzählt Marco Schönberg, Lehrer der Schule und zuständig für das Profil Politik/Gesellschaft/Wirtschaft. Die Schülerschaft an der Stadtteilschule ist vielfältig, viele Kinder und Jugendliche kommen aus eher politikfernen Elternhäusern. Umso stärker sieht er politische Bildung als Aufgabe der Schule.

Ziel ist es, Jugendliche zu befähigen, sich zu beteiligen.
Marco Schönberg, Lehrer an der Stadtteilschule Helmuth Hübener in Hamburg

Schönberg unterrichtet derzeit einen Kurs des 11. und 13. Jahrgangs mit dem Profil Politik/Gesellschaft/Wirtschaft und führt dort auch die Juniorwahl durch. Im 13. Jahrgang sind die meisten Schülerinnen und Schüler bereits 18 Jahre alt – sie können bei der Bundestagswahl also erstmals wählen.

Die Juniorwahl hält der Lehrer für eine gute Vorbereitung. „Ziel ist es, Jugendliche zu befähigen, sich zu beteiligen.“ Dabei sei es sehr hilfreich, wenn sie den ganzen Wahlablauf vorher schon mal erlebt und dafür die Verantwortung übernommen haben.

Wahlprogramme im Unterricht verglichen

Im Vorfeld der Wahl haben sich Schönberg und seine Schülerinnen und Schüler intensiv mit dem Thema Wahl befasst. Sie haben im Unterricht auch den Wahl-O-Mat genutzt und dafür die Wahlprogramme der Parteien zu einzelnen Thesen verglichen. Außerdem hat Marco Schönberg seine Schülerinnen und Schüler aufgefordert, über die Plattform abgeordnetenwatch.de Fragen an Abgeordnete in ihrem Wahlkreis zu schicken.

Eine besonders große Herausforderung ist für die Jugendlichen, die vielen Verlautbarungen der Parteien und Politiker einzuordnen. „Sie schnappen so viele Dinge auf, die dann schnell eine Eigendynamik entwickeln können“, so die Erfahrung von Marco Schönberg.

Jugendliche vor Wahlurne
Durch die Juniorwahl machen sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Wahlprozess vertraut.
©Juniorwahl 2021

Die meisten Jugendlichen holen sich Informationen zur Wahl über Posts in sozialen Netzwerken und Videos, zum Beispiel von Youtuber Rezo. Klassische Formate wie Nachrichtensendungen oder Tageszeitungen spielen kaum eine Rolle. „Ich sehe mir in den sozialen Kanälen an, wofür die Parteien werben“, sagt Ava, und Leandra ergänzt: „Ich schaue auch darauf, wer was repostet.“ Aber ihr ist auch aufgefallen: „Man kann anhand der Posts nicht sehen, ob etwas richtig ist oder nicht.“ Dass jede Information auch einen Gegencheck braucht, haben die Schülerinnen und Schüler des Oberstufenkurses längst gelernt – wie schwierig das in der Praxis umzusetzen ist, wissen sie allerdings auch. „Man ist in seiner Blase“, sagt Lorenz, „der Algorithmus bietet einem vor allem die Informationen, die zu einem passen.“

Ich finde es falsch, eine kleine Partei nicht zu wählen, denn sonst kann sie nie wachsen.
Sophie, Schülerin des 13. Jahrgangs der Stadtteilschule Helmuth Hübener in Hamburg

Wo sie ihre Kreuze setzen werden, wissen noch nicht alle im Kurs. Von den großen Parteien fühlt sich kaum jemand angesprochen, bei den kleineren Parteien sehen die Schülerinnen und Schüler nur wenig Chancen. „Aber ich finde es falsch, eine kleine Partei nicht zu wählen, denn sonst kann sie nie wachsen“, sagt Sophie. Wählen wollen die Jugendlichen auf jeden Fall. „Ich sehe es als Verantwortung, wählen zu gehen“, betont Asude. Es sei eine Möglichkeit, die eigene Meinung zu äußern.

Effekte der Juniorwahl wurden wissenschaftlich evaluiert

Emre allerdings würde sich wünschen, dass junge Menschen mehr Gehör finden und stärker beteiligt werden – über die Wahl hinaus und auch in der Schule. Er ist Schülersprecher der Schule und hat schon Erfahrung darin, wie schwierig es ist, etwas umzusetzen. „Man kann zwar als Schüler in viele Gremien gehen, aber man braucht sehr viel Durchhaltevermögen, um sich durchzusetzen.“

Dennoch findet es Emre spannend, sich in der Schule politisch zu engagieren. Und vielleicht hat sogar die Juniorwahl einen Anteil daran.

Nachweislich hat das Projekt jedenfalls dazu geführt, dass die Kenntnisse über demokratische Abläufe und politische Zusammenhänge bei Jugendlichen gewachsen sind. Profitiert haben dabei vor allem nichtgymnasiale Schulformen. Das haben Untersuchungen, zum Beispiel durch die Universität Stuttgart sowie der Hochschule Magdeburg Stendal zusammen mit der Freien Universität Berlin, gezeigt, die das Projekt wissenschaftlich begleitet und evaluiert haben.

Zudem konnte nachgewiesen werden, dass der Anteil derjenigen, die nicht wählen wollten, unter den Erstwählerinnen und Erstwählern von 22 Prozent auf unter 7 Prozent sank.

Mehr zum Thema

  • Juniorwahl: Jede Lehrkraft bekommt Unterrichtsmaterial für die inhaltliche Vorbereitung und alles, was notwendig ist, um die Wahl durchzuführen: Wahlbenachrichtigungen, Stimmzettel, Wahlurnen, Kabinen. Es gibt auch spezielles Lehrmaterial für inklusive Schulen. Die Wahlen werden in der Woche vor der jeweiligen „echten“ Wahl in der Schule durchgeführt. Hier gibt es einen Überblick über Zeitplan, Ablauf und Anmeldung. Den Schulen entstehen keine Kosten.
YouTube

Mit Klick auf „Video laden“ stimmen Sie zu, dass Youtube Cookies setzt und Daten (z.B. IP-Adresse) erhebt, die auch der Analyse des Nutzungsverhaltens, zum Ausspielen individualisierter Werbung im Google Werbenetzwerk oder der Verknüpfung mit einem Google-Konto dienen und in Drittländer (z.B. USA) übertragen werden können. Die Einwilligung ist freiwillig und jederzeit widerrufbar. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und bei Google.

Video laden

  • U18-Wahl: Immer neun Tage vor einer Wahl findet die U18-Wahl statt. Für die Bundestagswahl und die beiden Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist das am 17. September. Man kann entweder selbst eine U18-Wahl organisieren oder in einem bereits angemeldeten Wahllokal wählen. Mehr Infos gibt es
  • Wahl-O-Mat: Viele Lehrkräfte nutzen im Unterricht den Wahl-O-Mat. Anhand von vorausgewählten Thesen können Userinnen und User ihre Meinung mit denen der zur Wahl stehenden Parteien vergleichen. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat für die Nutzung des Tools Unterrichtsmaterialien Sie sind für Lerngruppen ab Klassenstufe 10 konzipiert. Der Wahl-O-Mat steht derzeit für die Bundestagswahl, die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern sowie die Abgeordnetenhauswahl in Berlin zur Verfügung.
  • abgeordnetenwatch.de: Ähnlich wie beim Wahl-O-Mat kann man über einen Thesenabgleich auf der Internetplattform abgeordnetenwatch.de in der Rubrik „Wer tickt wie ich?“ checken, mit welchen Kandidatinnen und Kandidaten aus dem eigenen Wahlbezirk man die größte Übereinstimmung hat. Außerdem können Interessierte Fragen stellen.