Jugendliche in der Pandemie : „Opa, setz deine Maske auf“

Früher hatte man in ihrem Alter alle Zeit der Welt. Heute glauben sie, ihnen würde ihre Jugend gestohlen. Begegnungen mit Heranwachsenden, denen der Lockdown brutal die Flügel stutzt.

Dieser Artikel erschien am 10.02.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Melanie Mühl und Elena Witzeck
Jugendliche in Berlin
Der Skatepark ist die Zuflucht, das Smartphone die Standleitung: Nik vor dem Absprung im Frankfurter Ostend
©dpa

Die Jungen stehen am Rand der Rampe und bemerken die Eindringlinge gleich. Sie sind oft genug hier, um zu wissen, wer neu ist und wer nicht zum Skaten kommt, erst recht an einem Abend, der so nass und kalt ist wie dieser. Sie stehen im Schein der Straßenlaternen. Ein großer, dünner, einer mit Helm, ein schwarz gelockter. Turnschuhe von Nike, Kapuzenpulli, tiefhängende Jeans. Die Skateboards balancieren sie lässig auf den Kanten. Ben, Artur, Francis. Wie sie sich bewegen, sich strecken, einander an den Schultern packen: Gelöbnisse der Normalität.

Im Skatepark muss man keine Maske tragen. Nur wenn es voll wird und man am Pool oder der Halfpipe Schlange steht. Heute ist nichts los. Es zieht. Dunkel ist es auch. Die feuchten Bahnen reflektieren das Straßenlicht. Ein kleiner Junge saust auf einem Roller vorbei. Die Clique macht Pause. Sie reden über alles Mögliche, nur nicht über Schule. Hier haben sie sich kennengelernt, nicht auf dem Schulhof.

Einer hat bis 14 Uhr geschlafen. Ein anderer hat Netflix so gut wie durchgeschaut. Einer geht auf eine „Ökoschule“. Einer war im Sommer an der Nordsee, nicht in Frankreich, und fand es langweilig, außerdem war das Wetter schlecht. Ein anderer hört zu Hause Deutschlandfunk, aber nur wegen der Eltern. Zwei der Jungs wären in diesem Jahr eigentlich auf Klassenfahrt gegangen, nach Berlin, einer hätte Verwandtschaft in Amerika besucht. Alle finden, dass ihre Eltern sich im Homeoffice „korrekt“ verhalten. Alle würden lieber auf einer Skipiste stehen statt im Frankfurter Ostend.

„Das wird noch ewig so gehen“, sagt Artur. Mal wieder essen gehen wäre schon gut. Ja, ruft Ben, und andere Gesprächsthemen wären auch schön. Francis legt den Kopf schief. Dann sagt er: „Die Zeit wird uns nicht zurückgegeben.“

Darüber sind sie nicht wütend. Eher erstaunt. Wütend sind sie auf Rentner, die Regeln brechen, wie neulich in der S-Bahn, als einer aus der Gruppe rief: „Opa, setz deine Maske auf.“ Und auf die Corona-Leugner. Das Peinlichste überhaupt wäre, wenn die eigenen Eltern Querdenker wären. Verrückt, zu behaupten, Merkel trinke Kinderblut: Wie man so etwas glauben kann. Dann geht es doch noch um die Schule. Bens Physiklehrer war skeptisch und hat sich gegen die Regeln gewehrt, wollte nicht lüften. Und Arturs Musiklehrer hat irgendwann Corona bekommen: „Karma.“ Der hat nämlich auch nicht daran geglaubt.

Wenn Lena nach Hause kommt, ist niemand da. Das war lange Zeit anders. Sie ist mit drei Geschwistern aufgewachsen, im ersten Lockdown hat sie noch in einer Vierer-WG in Erfurt gewohnt. Jetzt ist es still in der Eineinhalbzimmerwohnung mit offener Wohnküche in der Innenstadt von Halle. Will sie jemandem von ihrem Arbeitstag erzählen, dann am Telefon. Die Freunde sind alle noch in Thüringen, und die Familie ist über ganz Deutschland verteilt. Sie hat kein Auto und möchte nicht stundenlang in der Bahn sitzen. Seit Weihnachten hat sie Halle nicht mehr verlassen. Trotzdem: „Alles gut.“ Die Sache nach dem Ausbildungsplatz war ein Kampf. Sie hat sich in ganz Deutschland beworben, es kamen nur Absagen. Dann im Juli, ganz knapp vor dem Lehrjahr: Halle, Allianz, Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement.

Lena ist neunzehn. Sie hat dunkelblonde Haare und einen unerschrockenen Blick. Sie liebt Konzerte und lernt gern Leute kennen. Auf einer Demo war sie noch nie. Ihr Whatsapp-Profilbild zeigt sie mit nach oben gestreckten Armen, lachend. Auf dem T-Shirt steht: „Ich bin nicht tollpatschig. Ich bin huch begabt.“ Verträge aufsetzen, organisieren, managen hat sie im Bundesfreiwilligendienst gelernt. Das kann sie. Sie sagt: Die ersten zwei Monate allein in der Wohnung, als sie noch nicht arbeitete, waren schwierig. Zwei Wochen ohne Internet. Die Neuigkeit, dass sie die einzige Azubine im Betrieb ist. Dann hat sich etwas verändert.

Noch vor dem zweiten Lockdown befragten die Universitäten in Frankfurt und Hildesheim gemeinsam mehr als sechstausend Jugendliche und junge Erwachsene nach ihren Corona-Erfahrungen. Die Ergebnisse der bundesweiten Studie „JuCo“ sind alarmierend. Mehr als ein Drittel fühlt sich einsam, fast die Hälfte sorgt sich um die Zukunft, und mehr als die Hälfte der Befragten hat den Eindruck, die Politik interessiere sich nicht für ihre Nöte. Dass die Pandemie besonders für junge Menschen seelisch herausfordernd ist, zeigt auch die Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Befragt wurden eintausend Personen zwischen elf und siebzehn Jahren. Mehr als siebzig Prozent beklagten eine seelische Belastung. Das Risiko, psychische Auffälligkeiten, Hyperaktivität und psychosomatische Leiden zu entwickeln, ist gestiegen, von etwa achtzehn Prozent vor Corona auf 31 Prozent. Besonders hart trifft es Jugendliche mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Familien. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sagte kürzlich, dass im vergangenen Jahr nicht nur Bildungslücken, sondern auch Bindungslücken entstanden seien. Die Stimmen jener, die davor warnen, eine ganze Generation noch länger auszubremsen, werden lauter.

Gleichzeitig versuchen Jugendliche wie Erwachsene auch, irgendwie durch diese Krise zu kommen, es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Neue Rituale entstehen, sie suchen Orte, an denen sie einander nah sein oder sich frei fühlen können: den Skatepark, einen Fastfoodladen, eine Wohnung, in der sie sturmfrei haben, ein Strategiespiel im Internet.

Einige Tage später ist der Himmel immer noch grau, als kenne er keine andere Farbe. In Offenbach hat am Mittag eine Gruppe Jugendlicher erzählt, wie absurd es ist, sich mit einem Date zum Spazierengehen zu treffen. Und auf eine Tütensuppe. Jetzt ist es wieder dunkel, die Sportanlagen im Frankfurter Osten sind wie leergefegt. In den Ästen eines Baums hängen schwarze Turnschuhe von Nike. Ein Mädchen hantiert mit einem langen Stock, springt, lacht, versucht an die Schuhe zu kommen. „Lass doch, die sind eh Schrott“, rufen ihre Freunde. Sie gibt auf und geht zurück zur Gruppe: Azra, Lina, Lija, Nik. Es nieselt. Lija, die Schuh-Anglerin, ist dreizehn, sie trägt Sneaker und Jogginghose, das gewellte Haar umrahmt ein ungeschminktes Gesicht. Bei Netflix schaut sie gerade „How to Get Away With Murder“. Im Schnitt ist sie vierzehn, fünfzehn Stunden online, nachts spielt sie „Geometry Dash“ und telefoniert währenddessen mit ihrer besten Freundin Azra, die auch vor einem Bildschirm sitzt und Quadrate steuert. Gemeinsames Spielen verbindet. Lija legt den Arm um Azra und sagt: „Wir streiten uns nie“. Azra, schwarzes Haar, Wimperntusche, lächelt.

Corona hat ihren Lebensrhythmus verändert. Sie gehen später ins Bett, oft lange nach Mitternacht, und stehen später auf. Hin und wieder bearbeiten sie Übungsblätter. Als wären sie gar nicht mehr in der Schule, als schauten sie virtuell hin und wieder kurz vorbei, um zu sehen, was gerade los ist. Besucher der eigenen Bildungsbiographie. Die Noten sind schlechter geworden, in manchen Fächern sind sie von einer Zwei auf eine Fünf abgerutscht. Azras Eltern möchten sie für Nachhilfe anmelden, aber auch das ist in diesen Zeiten schwierig, außerdem hat Azra keine Lust auf Nachhilfe.

Nik hat einen Stunt-Scooter. Er ist zwölf und kleiner als die Mädchen. Beim Skaten dreht er Videos und lässt sich dabei filmen, wie er Stunts vollführt und seinen Roller in der Luft um die Lenkerstange dreht. Später unterlegt er die Filme mit Musik, schneidet sie und sammelt Likes bei Instagram, häufig mehr als dreihundert, man spürt seinen Stolz. Er lebt auf einem Bauernhof, die Familie besitzt Pferde und Platz im Überfluss. Seine Noten sind besser geworden. Die Pubertät hat Nik noch nicht gepackt.

Lina schon. Sie hat in den vergangenen Monaten neue Leute kennengelernt, die Drogen nehmen und trinken. Abgründe, die sie anziehen und eine ihrer alten Freundinnen abschrecken. Die hat sich deshalb zurückgezogen. Lina zuckt die Schultern. So ist das eben. Corona verändert auch Freundschaften. Neue Menschen kommen, andere entgleiten einem.

Eigentlich sind die Mädchen immer „on“, das Smartphone ist ihre Standleitung, das war vor Corona nicht anders, aber jetzt ist es noch wichtiger, füreinander da und erreichbar zu sein. Oder etwas zu unternehmen, auch wenn es kalt ist und nass. Neulich haben sie sich auf einen zugefrorenen See gewagt. Lija ist eingebrochen, bis zu den Oberschenkeln reichte das eisige Wasser. Sie lacht, wenigstens ein Ereignis in einer ereignisarmen Zeit. Ansonsten hängen sie vor dem McDonald’s an der Konstablerwache ab, essen Cheeseburger und McSundae-Milcheis. Geblieben sind die Vor-Corona-Sorgen: Wer geht mit wem wohin, wer schließt wen aus? Neulich war Lija mit einer Freundin verabredet, ein paar Jungs sollten auch kommen, doch die Freundin ist lieber mit einem anderen Mädchen losgezogen und hat sie versetzt. Später hat Lija ein bei Tiktok gepostetes Video von dem Abend, der auch ihr Abend sein sollte, entdeckt. Getrunken wurde auch. Weil die Gruppe so groß war, gab es im Netz viel „hate“. Ein Anflug von Genugtuung in ihrem Gesicht. Die Freundschaft ist abgekühlt. Was nervt: dass sie sich immer in der Kälte treffen müssen. Dass das Leben, das sie hatten, weg ist. Die Erschöpfung. Plötzlich Angst zu haben um die eigenen Eltern, Furcht, sie mit Corona anzustecken. Dabei sind es doch eigentlich die Eltern, die Angst um ihre Kinder haben. Verkehrte Welt. Lija sagt: „Eine Freundin, die ich aus dem Internet kenne, macht jetzt eine Therapie, wegen Corona.“

So wie Lijas Freundin geht es vielen jungen Menschen, auch wenn es keine harten Zahlen gibt. Hans-Iko Huppertz, Kinderarzt und Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, sagte in einem Interview: „Leider ist es so, dass wir die Schäden für die Kinder nicht nur befürchten, sondern nach den Erfahrungen aus dem ersten Lockdown ganz klar vorhersagen können.“ Er geht fest davon aus, dass Einweisungen in kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken zunehmen werden.

Seit sich in Lenas Umfeld alle an die Lockdown-Situation gewöhnt haben, fällt ihr auf, wie ungeduldig die Älteren werden. Dass sie sich trotzdem zum Kaffee treffen und am Wochenende aufs Land fahren. Die meisten ihrer Freunde führen Beziehungen. Sie treffen nur ihre Partner. Ihre beste Freundin ist gerade mit ihrem Freund zusammengezogen. „Meins wär’s nicht“, sagt Lena. Zu freiheitsliebend.

Lena ist Single. Seit fünf Wochen hat sie niemanden mehr umarmt: ist ok. Denen, die das anders sehen, sagt sie: „Geht’s noch. Bleibt doch bitte zu Hause.“ Wenn sie am Telefon davon erzählt, hört es sich an, als säße man mit einer Freundin im Café. Es gibt da einen Freund, sagt sie, mit dem könnte sie sich etwas vorstellen. Aber er wohnt bei seinen Eltern in Thüringen, er arbeitet, und dann sind da die Fünfzehn-Kilometer-Regeln. Sie will keine Telefonbeziehung. Sie hat ihre Liebe aufgeschoben.

Manchmal erinnert sie sich an die Zeit in Erfurt, als ihre Woche mit Begegnungen angefüllt war. Als sie ihre Freizeittermine noch koordinieren musste. Nach der Arbeit ging sie gar nicht erst nach Hause, am Wochenende traf sie Freunde. Sie ging auch an Orte und zu Leuten, die sie nicht besonders mochte. Achtzehn Jahre meines Lebens, sagt Lena, war ich nie allein. In den ersten Wochen in Halle fragte sie sich, wer sie allein überhaupt ist. Ohne den Spiegel der anderen. Ein offenherziger Mensch, der es nicht zeigen kann.

Das ist das Potential, zumindest für jene, die mit einer starken seelischen Widerstandskraft ausgerüstet sind: zu lernen, was es heißt, bei sich zu sein. Lena sagt: „Ich habe mich so daran gewöhnt, mit Freunden zu telefonieren, dass ich manchmal gar nicht mehr rauswill.“ Lose Kontakte haben sich in den vergangenen Monaten verflüchtigt. Das hatte etwas Reinigendes. Im Stream schaut sie sich Konzerte und Filme über die Tourneen ihrer Lieblingsbands an. Sie ist zur „klassischen Corona-Sportlerin“ geworden. Nicht in Clubs gehen zu können macht ihr nicht besonders zu schaffen. Überhaupt, sagt sie, sei sie entspannter geworden.

Wochenende. Eigentlich würden jetzt Hunderte Einkaufstüten über den Platz getragen, und unter Heizpilzen stünden Menschen mit einem Drink in der Hand. Der Frankfurter Roßmarkt ist beinahe leer, nur in der Mitte des Platzes kniet ein Mädchen mit seinem Smartphone, dahinter Freundinnen, dahinter Gutenberg auf seinem Podest, dahinter die Türme der Deutschen Bank. Offene Mäntel, weiße Sneaker, Rastazöpfe. Es riecht nach Gras. Die Mädchen sind sehr fröhlich, sie kommen aus Berlin, es ist ihr erster Städtetrip in der Pandemie. Eine von ihnen hat einmal hier gewohnt. Sie wollten raus aus der Hauptstadt, mal etwas anderes sehen. Normalerweise, sagt die Größte, säßen sie jetzt in einer Bar. Später zögen sie dann von Club zu Club. Stattdessen haben sie die Stadt besichtigt. Gar nicht so übel, findet sie, was es da alles zu entdecken gibt.

Lena schaut jetzt noch mehr Nachrichten, informiert sich über die neuesten Verordnungen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Die politischen Fehler sind gemacht. Sie sagt: An der Angewohnheit ihrer Landsleute, immer nach einem Sündenbock zu suchen, werde sich auch nichts mehr ändern. „Aber wir hätten ja selbst zu Hause bleiben können. Es muss uns doch nicht immer jemand sagen: Atmet.“ Sie lebt von Tag zu Tag. Trotzdem denkt sie an die Zukunft. Manchmal kommt ihr in den Sinn, welche Themen das Virus verschluckt hat, die nach dem Ende der Pandemie wieder auftauchen werden: kriegerische Konflikte, Umweltkatastrophen. Und was vom Lockdown bleibt.

Lavina fühlt sich wie eine Gefangene. „Ich habe eine fette Meinung zu Corona: Mir wird meine Jugend gestohlen“, sagt sie. Lavina ist vierzehn, ihre angeklebten Wimpern glänzen. Die Pandemie hat ihr Leben „so gut wie beendet“. Dabei ist es doch gerade erst aufregend geworden. Anstatt wilde Partys zu feiern, trifft sie sich mit einer Freundin in der Stadt und sitzt neben Obdachlosen auf einer Bank an der Zeil. „Meine Mutter ist Risikopatientin. Herzprobleme.“ Sie beißt in einen Hamburger. Die Maske baumelt in der linken Hand. Sie zeigt die Innenseite. „Ich bin immer geschminkt. Das Make-up verschmiert.“ Ihre Daunenjacke ist offen, ihre Knöchel sind nackt, sie zittert. „Außerdem regnet oder schneit es dauernd“.

Klaus Hurrelmann ist Jugendforscher. Er sagt: „Die gut Positionierten kommen irgendwie durch. Wer schon vorher schlecht dastand und auch vom Elternhaus nicht gut unterstützt wurde, gerät jetzt in richtige Schwierigkeiten.“

Zu dieser Gruppe gehört Lavina. Sie lebt mit ihrer Familie in einer sehr kleinen Wohnung, fünf sind sie insgesamt, sie hat einen älteren Bruder und teilt sich mit ihrer siebzehnjährigen Schwester ein Zimmer. Konzentriert lernen ist unmöglich. Die ständige Nähe zehrt an den Nerven. „Alle sind gestresst“, sagt sie. Wer schon vor Corona viele Alltagsnöte hatte und wenig Platz zum Leben, den zwingt die Pandemie in die Knie. Die soziale Kluft wird größer. Lavina glaubt nicht, dass der Spuk bald ein Ende hat. Aber sie hofft, auf die Impfung, auf Leichtigkeit, den Sommer, und darauf, dass ihr Leben endlich anfängt.