Wissenstransfer : Was Deutschland von Auslandsschulen lernen kann

Der Austausch von Wissen ist der Kern von Bildung. Schule sollte als zentrale Institution einer Gesellschaft daher an einem größtmöglichen Austausch von Wissen in alle Richtungen interessiert sein. Einen besonderen Gewinn könne dabei der Wissenstransfer zwischen Inlands- und Auslandsschulen, der durch enge Beziehungen ermöglicht wird, darstellen, sagen Experten. Denn viele Erkenntnisse aus dem Ausland können für den Unterricht in Deutschland von großem Nutzen sein. Ebenso kann das aktuelle Wissen, das in Deutschland abrufbar ist, neue Impulse im Ausland befördern.

Fabian Schindler / 26. Februar 2019
Deutsche Schule Rio de Janeiro
Die Deutsche Schule Rio de Janeiro ist eine von 140 Deutschen Auslandsschulen. Hier bringen jedes Jahr Lehrkräfte aus Deutschland ihr Wissen mit ein. Im Gegenzug erhalten sie oftmals wertvolle Impulse für die spätere Arbeit an den deutschen Inlandsschulen.
©Wagner Meier

Heike Toledo von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen verzeichnet derzeit einen Boom bei den Deutschen Auslandsschulen. In Lateinamerika und Westeuropa sind Deutsche Auslandsschulen seit langem etabliert. Insbesondere deutsche Expats wählen häufig Schulen für ihre Kinder, an denen ein Teil des Unterrichts auf Deutsch stattfindet und deren Abschlüsse in Deutschland anerkannt sind.

Insbesondere in Asien erleben die Auslandsschulen laut Toledo derzeit eine noch nie dagewesene Blüte. Dieser Trend sei insbesondere auf die zunehmend starken wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen Deutschland und den Staaten Asiens zurückzuführen. Aber auch in Afrika, lange Zeit der „white Spot“ bei den Auslandsschulen, komme allmählich Bewegung in die Bildungskooperation. Und das sei ein Gewinn.

140 Deutsche Auslandsschulen, die zu etwa 28 Prozent mit Mitteln des Bundes finanziell unterstützt werden, gibt es derzeit auf der Welt. Etwa 8.400 Lehrkräfte sind an diesen Schulen tätig. Davon stammt jede Sechste aus Deutschland und bleibt dort für gewöhnlich mehrere Jahre, bevor sie nach Deutschland zurückkehrt. In ihrer Zeit im Ausland lernen die Lehrkräfte oft eine gänzlich andere Welt kennen. Ein anderes soziales und politisches Umfeld, andere infrastrukturelle, wirtschaftliche, kulturelle und auch klimatische Bedingungen als in Deutschland herrschen vor. Und sie alle haben Einfluss auf Schule und die Art, wie Bildung gelingen kann.

Nur ein Viertel der Schüler kommt aus Deutschland

Auch die sprachlichen Voraussetzungen an deutschen Auslandsschulen sind oft überaus divers, denn an den Schulen werden nach wie vor vornehmlich Kinder beschult, die keinen deutschen Pass besitzen. Nur ein Viertel der Schülerinnen und Schüler kommt aus Deutschland, Kinder von Expats oder Beschäftigten im diplomatischen Dienst sowie deutschen Instituten im Ausland beispielsweise.

Das besondere an den Schülerinnen und Schülern an Auslandsschulen sei, so Dorothee Bauni vom Ministerium für Bildung des Landes Rheinland-Pfalz, dass diese bereits von sich aus ein großes Interesse an Deutschland besäßen und in den Genuss recht kleiner Schulklassen kämen. Das sorge für ein anderes Lernklima und andere Lehrer-Schüler-Beziehungen. Die Kinder wollten zudem Deutsch lernen und idealerweise später in Deutschland eine Ausbildung beginnen oder dort studieren.

Angesichts des Fachkräftemangels solle die Option, sprachlich gut ausgebildete, sowie überaus motivierte und nach deutschen Bildungsstandards ausgebildete Schülerinnen und Schüler aus dem Ausland für die deutsche Bildungslandschaft und die deutsche Arbeitswelt fit zu machen, nicht ungenutzt bleiben. „Die Absolventen Deutscher Auslandsschulen haben ein bedeutendes Potenzial für die deutsche Wirtschaft“, so Detlef Ernst, Vorstandsvorsitzender des Weltverbands Deutscher Auslandsschulen (WDA). „Sie sprechen Deutsch, sind mit der deutschen Kultur vertraut und hoch qualifiziert. Wer den Fachkräftemangel von morgen verhindern will, darf dieses Potenzial an hervorragend ausgebildeten, mehrsprachigen und die deutsche Kultur lebenden Schülern nicht vernachlässigen.“

Einer von der Bertelsmann Stiftung geförderten Untersuchung zufolge entscheiden sich etwa 48 Prozent der Auslandsschulabsolventen für ein Studium oder eine Ausbildung in Deutschland. Jährlich kommen somit geschätzte 2.500 Deutsch sprechende und mit der deutschen Kultur vertraute junge Menschen aus der ganzen Welt nach Deutschland, bilanziert Najim Azahaf von der Bertelsmann Stiftung.

Austausch zwischen Schulen sollte noch intensiver werden

Die Schülerinnen und Schüler von Auslandsschulen brächten oft besondere interkulturelle Kompetenzen mit. Daher, so Toledo, sei es sinnvoll, den Schüleraustausch zwischen Inlandsschulen und Auslandsschulen zu intensivieren. Hier werde noch zu wenig getan.

Nicht nur hinsichtlich der Schülerinnen und Schüler, auch hinsichtlich der Lehrkräfte sei der inhaltliche Gewinn, der durch einen Austausch von Personal erzielt werden könne, enorm. Denn im Ausland würden oft andere Lernkonzepte genutzt als in Deutschland. Das Ausland, so befindet Rolf Willaredt, Programmleiter Deutsches Sprachdiplom in Nordrhein-Westfalen, sei der Motor für neue Unterrichtselemente, die später auf Deutschland übergriffen. Lehrkräfte könnten Eindrücke, Konzepte und pädagogische Neuerungen kennenlernen, die es so in Deutschland nicht gebe.

Deutschland hinkt laut Willaredt bei den schulischen Entwicklungen derzeit teilweise dem Ausland hinterher. Beispiele hierfür sind etwa die Digitalisierung oder innovative Lernkonzepte, wie in Finnland oder Japandie so hierzulande nicht anzutreffen sind. Ein Blick in andere Länder könne da für Lehrkräfte überaus erhellend sein. Die im Ausland gesammelten Erfahrungen könnten nämlich teils an Schulen in Deutschland in anderer Form implementiert werden.

Neuer Blick auf den Wert der deutschen Lehre

Auch angesichts der Zuwanderung, die in den letzten Jahren vermehrt stattgefunden habe, sei es gut, einen Einblick in manche Herkunftsländer von Zugewanderten zu gewinnen. Denn das Zusammentreffen zweier Lernkulturen eröffnet laut Bauni im Auslandsschulwesen neue Einsichten. Und auch eine andere Sichtweise auf den Wert der deutschen Lehre.

Bestimmte soziale und kulturelle Codices könnten, so Bauni, von Lehrkräften, die im Ausland gewesen sind, zudem besser gelesen werden als von anderen Lehrkräften. Diese Auslandslehrkräfte seien somit auch besser in der Lage, Konfliktpotenziale aus einigen Schulklassen herauszunehmen, befindet Bauni.

Trotz des in Deutschland herrschenden Lehrkräftemangels sei es „unbedingt sinnvoll“, wenn weiterhin Lehrkräfte für eine Zeit ins Ausland gehen würden, urteilt Bauni. Denn auch für die Auslandsschulen sei der Austausch essentiell. Sie könnten etwa von neuen didaktischen Erkenntnissen in Deutschland profitieren.

Ohne einen stetigen Kontakt zu Deutschland drohe zudem eine kulturelle Abkoppelung der Auslandsschulen, was einen Qualitätsverlust bei der Ausbildung von Schülerinnen und Schülern mit sich bringen könnte. Das sei angesichts der vielen Vorteile, die ein Austausch für alle Seiten biete, nicht erstrebenswert.

Auf einen Blick

  • Etwa 8.400 Lehrkräfte sind an Deutschen Auslandsschulen derzeit tätig, davon kommt jede sechste aus Deutschland.
  • An den 140 Auslandsschulen in 72 Ländern werden mehr als 83.000 Kinder aller Altersklassen beschult.
  • Mehr als 3.000 Abiturprüfungen, die zum Besuch einer deutschen Hochschule bzw. Fachhochschule befähigen, werden jährlich an den Auslandsschulen erfolgreich abgeschlossen.
  • Die Schulen werden über ein Private-Public-Partnership-Modell finanziert. 28 Prozent der Finanzmittel steuert der Bund bei, 72 Prozent des Budgets werden von den Schulen selbst erwirtschaftet.
  • Deutsche Auslandsschulen können sich auch um den Deutschen Schulpreis bewerben. 2016 wurde die Deutsche Internationale Schule Johannesburg ausgezeichnet, 2017 die Deutsche Schule Rio de Janeiro.
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