Teach First Deutschland : Eine nicht alltägliche Lernbeziehung

Die gemeinnützige Bildungsinitiative „Teach First Deutschland“ bringt sogenannte Fellows in Schulen mit besonderen Herausforderungen. Die Fellows begleiten und gestalten Unterricht, betreuen Schülerinnen und Schüler bei Projekten und helfen dabei, Jugendlichen, die in der Schule zu scheitern drohen, einen Schulabschluss zu ermöglichen. Das Schulportal hat sich die Arbeit eines solchen Fellows angeschaut und die besondere Beziehungssituation, die dadurch an der Schule entsteht.

Fabian Schindler / 11. März 2019
Fellow im Unterricht
Fabian Brecht nimmt sich im Unterricht Zeit für die Schülerinnen und Schüler und hilft den Lehrkräften dabei, den Unterrichtsstoff bestmöglich zu vermitteln. Zu vielen Schülerinnen und Schülern hat der „Teach First Deutschland“-Fellow eine besondere Lernbeziehung aufbauen können.
©Fabian Schindler

Fabian Brecht lächelt fast immer. Das sagen die Lehrer an der Hamburger Stadtteilschule Wilhelmsburg. Und das sagen die Schüler. Das mag an seinem ruhigen, ausgeglichenen Charakter liegen, sicherlich aber auch daran, dass die Arbeit, die Brecht macht, ihm eine innere Erfüllung beschert.

Brecht ist als „Teach First Deutschland“-Fellow seit etwa zwei Jahren an der Wilhelmsburger Schule im Einsatz, in wenigen Monaten wird er sie wieder verlassen. Mehrere Auszeichnungen hat die Schule mit ihren etwa 1.150 Schülerinnen und Schülern und 158 Kolleginnen und Kollegen bereits erhalten. Hier wird gut gearbeitet, und dennoch ist die Schule mit ihren multiprofessionellen Teams für jede Hilfe dankbar.

Denn der Sozialindex der Schule ist laut dem KESS-Faktor 1 („KESS“ = Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern) der niedrigstmögliche in Hamburg. Er steht für Schulen mit sehr schwierigen sozialen Rahmenbedingungen. Etwa jede vierte Person im Stadtteil ist auf Sozialleistungen angewiesen, der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt mit 78 Prozent deutlich über dem Hamburger Durchschnitt von 49 Prozent. Etwa 12 Prozent der Schülerinnen und Schüler in diesem Stadtteil verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. Ein herausforderndes Umfeld.

Der Fellow bringt Erfahrung als Konfliktlöser mit

Brecht unterstützt Lehrkräfte und bestimmte Schülerinnen und Schüler jeden Tag, so gut er kann, damit der Unterricht an der Schule erfolgreich gestaltet werden kann. Und er treibt Projekte mit genau jenen Jugendlichen voran, die als schwierig gelten, die den Anschluss verloren haben. Jenen, deren Abschluss gefährdet ist und die vom Fellow darin unterstützt werden, dieses Ziel doch noch zu erreichen.

Geboren wurde er in Dillingen bei Augsburg. In Stuttgart hat Brecht Maschinenbau studiert. Nach dem Studium hatte er eine Zeitlang in einer Unterkunft in Augsburg schwer traumatisierte Flüchtlinge betreut. Diese Erfahrung hat ihn dazu gebracht, bei Teach First Deutschland mitzumachen und dort seine Fähigkeiten als Diplom-Ingenieur und „Konfliktlöser“ sinnvoll einzubringen. Dennoch, der Einstieg in die Schule war nicht ganz einfach.

Mehr zum Thema

Weitere Informationen zu „Schulen in kritischer Lage“ finden Sie in unserem Dossier. Dort bündelt das Schulportal  Interviews, Reportagen, Gastbeiträge und Erklärstücke zum Thema.

Ein Fellow bringt andere Fähigkeiten mit als ein Pädagoge

In dem schlicht eingerichteten Zimmer der Schulleiterin sitzt Brecht und nippt an einem Kaffee. „Der Einstieg war nicht leicht“, sagt der Fellow. Nicht primär wegen des schwierigen Umgangs mit einigen Jugendlichen, die die Stadtteilschule besuchen, sondern weil der systemische Einstieg herausfordernd war. „Die Eingewöhnung fällt einem schwer, wenn man kein gelernter Pädagoge ist – da fehlt einem spürbar etwas“, sagt Brecht.

Er musste erst seinen Platz finden zwischen Schulleitung, Kollegium und Schülern – eine neue Welt für den Maschinenbauingenieur. Er sei, sagt er, auch bis heute „weder Lehrer noch Nachhilfemensch“. Und auch nicht ein Kumpel der Schüler, obgleich er zu einigen im Laufe der Zeit eine intensive und respektvolle Beziehung aufgebaut habe.

Es ist ein ungewohntes Beziehungsgeflecht, das sich an der Schule mit der Ankunft des Fellows entwickelt hat. Das sieht auch Schulleiterin Katja Schlünzen so. „Für uns ist es das erste Mal, dass ein Fellow an dieser Schule aktiv ist. Wir wussten also nicht, ob die Beziehung langfristig klappen wird. Aber wir wollten sehen, was möglich ist. Und was darüber hinaus noch geht“, sagt sie. Ein Teil des Kollegiums war zunächst skeptisch, musste herausfinden, welche Fähigkeiten Brecht mitbringt und ob sie den Unterricht bereichern können. Ein vorsichtiges Beschnuppern – menschlich und fachlich.

Das Kollegium ist inzwischen voll des Lobes

Das Experiment, auf das sich die Schule eingelassen hat, hat sich positiv entwickelt. Heute lobt das Kollegium den Fellow für sein Einfühlungsvermögen. Dafür, dass er den Jugendlichen hilft, den Stoff näherbringt, ruhig, behutsam, anschaulich. Dafür, dass er den Lehrern „den Rücken freihält“, sodass diese sich um das Vermitteln von Inhalten kümmern können, anstatt dauernd Energie und Zeit für die Aufrechterhaltung von Regeln aufwenden zu müssen. Sie loben ihn dafür, dass er mithilft, Strukturen zu schaffen, Regeln durchzusetzen, auch mal mit Schülerinnen und Schülern hinausgeht, um mit ihnen die Dinge zu besprechen, die sie vom Lernen abhalten.

Brecht wird vom Kollegium als gleichwertig angesehen. Er fällt auch nicht besonders auf, da in der Schule ohnehin in multiprofessionellen Teams gearbeitet wird. Dennoch sei er irgendwie doch besonders, sagt Schulleiterin Schlünzen.

Gute Beziehungen: Der Fellow mit Schülern
Emre (links) und Michael-Azaan (rechts) sind voll des Lobes für den Fellow. Brecht habe Ihnen zu einer besseren Zukunft verholfen, unter anderem durch die Teilnahme an einem "Mut-Camp", das der „Teach First Deutschland“-Fellow an der Schule organisiert.
©Fabian Schindler

Das können Emre Erkan und Michael-Azaan Alfandi bestätigen. Die beiden 16-Jährigen sitzen in der Mensa und erzählen von ihren Erfahrungen mit dem Fellow. Brecht habe sie ernst genommen, stets auf Augenhöhe mit ihnen kommuniziert. Er habe ihnen vermittelt, wofür sie bestimmte Dinge lernen. Und er habe sie niemals fallen gelassen.

Es gab Zeiten, da liefen Emre und Michael-Azaan Gefahr, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Doch die intensive Betreuung und die gute persönliche Beziehung zu „Herrn Brecht“ habe, so sagen sie, ihr Leben verändert. Ihre Sorgen wurden geringer, ihre Leistungen in der Schule besser, und auch das Verhältnis zu ihren Eltern besserte sich. Und sie schafften ihren Abschluss – was vor zwei Jahren wohl niemand für wahrscheinlich gehalten hatte. Weder die Schule noch die Eltern, noch die Schüler selbst. Worauf sie sich nun freuen: auf eine Ausbildung – und damit auf eine berufliche Zukunft.

Begegnung auf Augenhöhe ist dem Fellow wichtig

Aber was ist an diesem Fellow so anders als an vielen Lehrern? Emre überlegt nicht lange, bevor es aus ihm heraussprudelt: Herr Brecht sei ehrlich, vertrauenswürdig, diskret. Er sei immer für sie da – auch wenn es mal nicht gut laufe. Sie könnten ihm Dinge anvertrauen, die sie niemandem sonst anvertrauen würden, weder der Familie noch ihren besten Freunden. Er gebe Ihnen Rückhalt und Mut. Bei den Jugendlichen ist immenser Respekt für den Fellow herauszuhören – und auch Dankbarkeit und Verbundenheit.

Fabian Brecht muss angesichts des Lobes lächeln. Er klatscht sich mit den beiden Schülern ab. Ein wenig peinlich ist ihm das Lob schon. Dennoch – es ist genau diese Rückmeldung, die ihm Kraft gibt und ihn darin bestätigt, „das Richtige“ zu tun. „Die Begegnung auf Augenhöhe, die war mir immer wichtig“, sagt Brecht.

Dass er ein besonderes Verhältnis aufbauen könne, liege sicher zum einen daran, dass er viel Privates von sich erzähle, sich den Jugendlichen gegenüber anders öffnen könne. „Das kann ein Lehrer so oft nicht leisten“, sagt er. Das schaffe eine spezielle Beziehungsebene. Ebenso, dass er sich offen für Dinge entschuldigen könne. „Das wird krass aufgenommen. Das ist für viele Jugendliche erst mal eine neue Option, statt die Auseinandersetzung womöglich auf einer körperlichen Ebene auszutragen“, sagt er.

Vorbereitung für den Unterricht
Vor dem Mathematikunterricht geht Fabian Brecht noch einmal das Unterrichtsmaterial der vergangenen Stunde durch. Auch er muss sich gut auf den Unterricht vorbereiten. Er hat, ebenso wie die Lehrkräfte, eine Vorbildfunktion zu erfüllen.
©Fabian Schindler

Akzeptanz ist ein Schlüssel für Lernerfolge

Dennoch, es hat auch „harte Momente“ gegeben, in denen er speziell mit einigen Schülern dann und wann aneinandergeraten sei. Da habe er zuweilen gezweifelt, ob er wirklich noch weitermachen wolle. Dann habe er das Gespräch gesucht, den Rat des Kollegiums.

Die positiven Momente, die Anerkennung von allen Seiten, das alles sei in der Summe aber immer stärker gewesen. Auch wenn die Schüler viel Mist bauten, sagt er, „am Ende wissen sie: Ich bin immer noch für sie da!“. Das, sagt auch Schulleiterin Schlünzen, sei vermutlich der Schlüssel zum Erfolg. „Wichtig ist der Zugang zu den Jugendlichen. Die Schülerinnen und Schüler brauchen das Gefühl, dass sie akzeptiert werden, dass sie gesehen werden. Dann können sie lernen, Kompetenzen erwerben und fit fürs Leben werden“, sagt sie. Brechts Arbeit sei ein wichtiger Baustein für die Schule.

Matheunterricht. Sechs Jugendliche sitzen im Raum, Ines Janssen und Fabian Brecht üben mit ihnen Flächenberechnung. Eine Herausforderung, denn die Gruppe ist extrem leistungsschwach, die Konzentrationsspannen sind kurz. Zwei Schüler in der Gruppe fordern ständig Aufmerksamkeit.

Wenn nur einer der Jugendlichen am Ende die Prüfung bestehe, sagt Janssen, sei das ein Erfolg. Dennoch: Der Unterricht funktioniert heute, die Schüler werden weitgehend erreicht. An einem digitalen Mathe-Quiz nimmt die Klasse interessiert teil.

Geduld und ein ruhiges Auftreten sind wichtig

Beim späteren individuellen Lernen kümmern sich Janssen und Brecht intensiv um die Jugendlichen. Immer wenn die Konzentration erlahmt, greift Brecht aktiv ein, redet mit den Jugendlichen, schafft es, sie emotional herunterzufahren, ihre Konzentration für einige Minuten zurück auf die Aufgaben zu lenken. Und er erklärt wieder und wieder, wie auch Janssen, den Unterrichtsstoff.

Denn hier wird niemand fallen gelassen. Wenn er mit den Jugendlichen redet, ist eine andere Art von Beziehungskultur im Unterricht spürbar als bei vielen Lehrkräften – auf einer Ebene irgendwo zwischen Lehrkraft und Schüler. Eben weil Fabian Brecht nicht Noten vergibt und daher andere Aufgaben im Unterricht wahrnehmen kann und darf.

Am Ende sind Janssen und Brecht zufrieden. Fast alle in der Klasse haben ihre Aufgaben im Zeitrahmen erledigt. „Das war jetzt so eine durchschnittliche Stunde“, sagt Brecht. Die Hoffnung, dass nächste Woche darauf aufgebaut werden kann, nehmen beide zum Ende des Arbeitstags mit nach Hause.

Auf einen Blick

Teach First Deutschland

Die Bildungsinitiative Teach First Deutschland (TFD) bringt Absolventen und Absolventinnen verschiedener Hochschulfachrichtungen als Fellows bundesweit an Schulen in einem besonders herausforderndem sozialen Umfeld. Zwei Jahre lang betreuen die Fellows Schülerinnen und Schüler. Auf ihren Einsatz werden sie vorbereitet und während ihrer Tätigkeit begleitet und fortgebildet.

Derzeit sind 170 Fellows für TFD tätig, hinzu kommen 446 Alumni. 152 Partnerschulen gibt es aktuell. Die Zahl der erreichten Schülerinnen und Schüler liegt bei fast 62.000.

Unterstützt wird die Bildungsinitiative von der Fritz Henkel Stiftung, der Haniel Stiftung, der Deutsche Post DHL Group, der RAG-Stiftung, von SAP und der Schöpflin Stiftung. Schirmherrin ist die Juristin Elke Büdenbender.

Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x