Dieser Artikel erschien am 31.10.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Pauline Evers

Matheschwäche : Nachhilfe bei Mama?

Nachhilfeunternehmen boomen. Gerade im Fach Mathematik brauchen Schüler Hilfe. Ob aber Eltern die Problemformeln erklären sollten, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Taschenrechner
©dpa

or Mathematik graut es schon Grundschülern. Wer sich nach seiner Schullaufbahn für ein Studium des Faches entscheidet, wird es mit einer höheren Wahrscheinlichkeit abbrechen, als das in anderen Fächern der Fall ist, zeigt eine Studie der Universität Duisburg-Essen. Und auch die Stiftung Rechnen kommt zu dem Schluss, dass Deutsche beim Bewältigen alltäglicher Mathematik deutliche Defizite aufweisen. Dabei sollen Formeln und Funktionen eigentlich von der Grundschulzeit an Rechnung für Rechnung trainiert werden.

Die Schräglage zwischen pädagogischem Anspruch und Realität belegt jetzt auch eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag des Nachhilfeinstituts Studienkreis. Mehr als die Hälfte der befragten Eltern gibt demnach an, ihr Kind benötige Hilfe beim Erledigen der Mathe-Hausaufgaben. Trotz der allgemeinen Schwierigkeiten mit Mathematik fühlt sich ein Großteil der befragten Eltern zugleich der Umfrage zufolge in der Lage, ihren Kindern den Problemstoff zu vermitteln. Womöglich zum Ärger der Umfrage-Auftraggeber ziehen insbesondere junge Eltern, die sich vor kurzem noch selbst über die Rechenhefte beugten, familiäre Nachhilfestunden durchaus in Betracht.

„Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch“ lautet hingegen ein gängiger Spruch des Bundeselternrats, dessen Vorstandsmitglied Stephan Wassmuth den störenden Einfluss ebendieser elterlichen Hausaufgabenhilfe auf den Familienfrieden betont. „Das Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Eltern kann natürlich zuträglich für den Lernprozess sein“ sagt der ehemals selbst Mathe-Begeisterte. „Aber grundsätzlich sollten Lehrende diese Stellung einnehmen und einen interessanten Zugang zur Mathematik gewähren“.

Für die Verbreitung von Nachhilfeinstituten, die mancherorts wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, macht Wassmuth insbesondere die Schwächen des Bildungssystems verantwortlich. Zu große Klassen und eine fehlende Nachmittagsbetreuung führten demnach zu einem nachlassenden Leistungsniveau. Anders als vorherige Generationen könnten heutige Eltern diese Schwächen immer weniger ausgleichen. So berichtet fast ein Viertel der durch Forsa Befragten, ihnen mangele es an Zeit für die Unterstützung ihrer Kinder.

Wassmuth zufolge sei auch die steigende Zahl berufstätiger Mütter dafür mitverantwortlich. Denn obwohl sich mehr Väter als Mütter für kompetent genug halten, unterstützen Frauen ihre Kinder in der Realität weit häufiger bei Rechenproblemen, zeigt die Forsa-Umfrage. So kommen auf 83 Prozent der Väter, die sich zutrauen, Schul-Mathematik zu vermitteln, nur 45 Prozent, die angeben, es auch tatsächlich zu tun. Mütter hingegen helfen zu 59 Prozent, fühlen sich aber seltener kompetent als die Väter.

Um Deutschlands Mathematikschwäche zu begegnen, dürfe also nicht auf ein helfendes Elternhaus gesetzt werden, folgert Wassmuth. Für familiäre Nachhilfe mangele es an Zeit, für private Nachhilfeinstitute an Geld in Geringverdiener-Haushalten. „Mathematik soll, wie alle grundlegenden Kompetenzen, in der Schule vermittelt werden“, sagt er. „Und genau da muss die Hausaufgabenhilfe wieder angesiedelt werden.“