Deutschlands Sporthallen : Nach dem Schulsport wie ausgestorben

Schulkinder dürfen in die Turnhalle, aber nicht, wenn sie nachmittags als Vereins­sportler kommen. Das wider­spricht Gefühl und Verstand. Der Lockdown im Breiten­sport führt nicht nur zu Mitglieder­verlusten.

Dieser Artikel erschien am 25.11.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Sporthalle
Mal da, mal nicht da: Kinder in der Turnhalle
©Imago

Wenn der Sportmanager Alexander Kiel aus dem Fenster seines Büros schaut, einen Stein­wurf vom Westfalen­stadion entfernt, sieht er den Breiten­sport in zwei verschiedenen Aggregat­zuständen. Am Vormittag vibrieren die Hallen und Außenanlagen seines TSC Olympia Dortmund vor Leben. Schülerinnen und Schüler aus achtzig Klassen von fünf Schulen haben im Lauf der Woche Unterricht in den vier großen Hallen und auf den Frei­anlagen. Da liegen sich schon mal Mädchen zur Begrüßung in den Armen, bevor der Lehrer erscheint, da hocken Jungs ohne Masken Schulter an Schulter, während sie auf den Bus nach Hause warten.

Nach Schulschluss offenbart sich das Elend dieses Lockdowns, den die Minister­präsidenten und die Bundes­kanzlerin an diesem Mittwoch aller Wahrscheinlichkeit nach bis kurz vor Weihnachten verlängern werden. Er ist nur vorgeblich „light“, und er wird den Vereins­sport praktisch bis zum Ende des Jahres verhindern, mindestens. „Für Sport­vereine ist das ein voller Lockdown“, sagt der Vorstands­vorsitzende Kiel: „Ich schaue aus dem Fenster, und alles ist dunkel. Das ist gewöhnungs­bedürftig.“ Gegen fünf Uhr abends ist das Gelände des bald 175 Jahre alten Vereins mit sieben­tausend Mitgliedern verwaist. Allein die Putz­kolonne ist in Bewegung.

Sportunterricht aber kein Vereins­sport

Widerspricht es nicht Gefühl und Verstand, dass die Dortmunder Kinder, die am Vormittag Sport­unterricht in den Räumlichkeiten des TSC haben, am Nachmittag dieselben Hallen nicht betreten dürfen, allein weil das, was sie dann tun, Vereins­sport ist? Dass 1500 Jungen und Mädchen darauf verzichten müssen, sich in der Kinder- und Jugend­sport­abteilung auszutoben und, im monatlichen Wechsel, mal Ballsportarten kennen­zu­lernen, mal Turnen, mal Ringen und Raufen, mal Laufen und Springen, bis sie den Kanon des Sports kennen?

„Ich glaube, dass es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass Schulen offen bleiben. Dazu gehört selbst­verständlich Sport­unterricht“, sagt Kiel. Die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Infektionen in Dortmund liegt bei mehr als zweihundert. Die städtischen Kranken­häuser nähern sich ihrer Kapazitäts­grenze. In den Westfallen­hallen, um die Ecke, wird die Einrichtung eines temporären Lazaretts vorbereitet. Unter diesen Bedingungen könne man nicht allen Ernstes fordern, die Sport­vereine zu öffnen, sagt Kiel. Oder solle der Verein etwa, umgekehrt, das Ende der Sport­stunden fordern?

Boris Schmidt, Vorsitzender des Freiburger Kreises der Groß­sport­vereine, dem auch der TSC Eintracht angehört, kennt den widersprüchlichen Eindruck, den die Fortführung des Schulsports und das Verbot des Vereins­sports wecken: „Ich merke, dass dies zu wenig erklärt wird“, sagt Schmidt, der die TSG Hamburg-Bergedorf mit 11.000 Mitgliedern führt. „In der Schule sind die Kinder in Kohorten, im Verein haben sie mehr und andere Kontakte.“ Das Risiko beim Vereins­sport sei größer.

Schmidt sieht durch den Lockdown brüchig werden, was Politiker gern als Kitt der Gesellschaft bezeichnen: den Zusammenhalt. „27 Millionen Menschen kommen derzeit nicht mehr zusammen“, sagt er in Anspielung auf die Mitglieder von 90.000 Sport­vereinen in Deutschland. „Wo sollen sie sich sonst treffen und austauschen, wenn nicht beim Sport? Dies ist eine große Gefahr.“ Er sieht, da die Pandemie fort­schreitet, die Lösung nicht in einer Differenzierung der Maßnahmen, sondern in einem Strategiewechsel. „Die Inzidenz steigt nicht, weil Leute zum Sport gehen“, sagt Schmidt, „sondern weil sie Regeln nicht akzeptieren und im privaten Bereich und im öffentlichen Raum brechen.“ Er spricht sich für eine Ausgangs­sperre nach 22 Uhr aus; so könnte man, mit der gebotenen Zurück­haltung, tagsüber ein normales Leben zulassen.

„Wir machen nicht auf Revoluzzer“

„Die Diskussion, ob die Maßnahmen richtig sind oder falsch, werden bei uns nicht geführt“, stellt dagegen der Dortmunder Kiel fest: „Wir sagen: Wir halten uns an die Regeln, wir machen nicht auf Revoluzzer. Wenn allein der Sport­verein der Ort wäre, dies zu diskutieren, wäre das eine zu große Verantwortung.“

Dunkelheit und Stille auf dem Vereins­gelände täuschen. Der TSC hat, wie so viele andere Vereine, das Angebot seiner 35 Abteilungen mit hundert verschiedenen Sportarten über Internet und Telefon­netz in die Wohnungen und den öffentlichen Raum verlagert. Anleitungen für Gymnastik und Fitness geben die Trainer nun im TSC-Fernseh­studio, Training per Telefon und Einkaufs­hilfen für ältere Mitglieder gehören zum Vereins­angebot. Fast ist es schon Routine, anders als im Frühjahr, nun mit dem Lockdown umzugehen.

Die Mehrzahl der vierzig hauptamtlich Beschäftigten (plus zwanzig Minijobber) ist zwar in Kurzarbeit. „Das ist ein kleines Wunder“, sagt Hockey-Legende Michael Krause, Sprecher des Präsidiums: „Wie alle weiter­arbeiten, wie die Krise neue Ideen gebiert, wie man über Internet, mit gutem Geist und draußen weiter Sport treibt.“ Der Jurist, Olympia­sieger mit der deutschen Auswahl von München 1972, sieht sich in der Tradition von Willi Daume, der an der Spitze von Deutschem Sportbund und Nationalem Olympischem Komitee den Sport der Bundes­republik prägte, unter anderem mit den Sommer­spielen von München. Und der den TSC Eintracht mit haupt­amtlichem Vorstand, aufsicht­führendem Präsidium und Delegierten der Abteilungen zu einem Vorbild für die Struktur von Vereinen machte. Und zugleich: „Die Menschen haben erkannt, dass der Verein ihnen guttut und sie in ihm eine Heimat haben.“

Dies ist der Grund für die außer­gewöhnliche Treue der Vereins­sportler. Der TSC Eintracht hat knapp zehn Prozent seiner Mitglieder, siebenhundert, zur letzten Kündigungs­frist des Jahres verloren. Damit liege er im Durch­schnitt, sagt der Hamburger Schmidt; bei den 90.000 Sport­vereinen Deutschlands sei ein Rück­gang von zehn bis fünfzehn Prozent zu erwarten. Dies entspreche einem Verlust von 2,7 bis vier Millionen Mitgliedern. Viele Unternehmen wären froh, in der Krise neun von zehn Kunden halten zu können.

Großvereine werden oft als Dienst­leister beschrieben, in denen die Mitglieder lediglich Nummern sind. „Das trifft nicht zu“, sagt der Hamburger Schmidt: „Es gibt einen unglaublich festen Zusammen­halt. Die zehn Prozent Mitglieder­schwund tun uns weh, aber sie kommen über­wiegend nicht durch Austritte, sondern durch ausbleibende Eintritte zustande.“ Die Zahl der Kündigungen sei lediglich um ein Zehntel gestiegen. So sieht es auch in Dortmund aus. „Die Mitglieds­beiträge laufen. Die Finanzierung steht“, sagt Kiel. Sein Budget in diesem Jahr ist durch die Schließung der Gastronomie, den Ausfall von Kursen, von Schul- und Betriebs­sport sowie den Verlust von sieben­hundert Mitgliedern um 500.000 auf drei Millionen Euro gesunken. Im kommenden Jahr erwartet er einen weiteren Rück­gang um 200.000 Euro.

Die Kosten allerdings lassen sich kaum weiter reduzieren. Immerhin: Solange die Kommune die Vereins­hallen für den Sportunterricht nutzt, sind Miet­einnahmen von 37.000 Euro im Monat sicher. „Liquidität ist nicht das Problem“, erklärt Kiel: „Die Probleme kommen, wenn wir, vielleicht im Februar, neu starten. Wir werden die verlorenen Beiträge so bald nicht zurückholen.“ Was bedeutet die Treue der Vereins­mitglieder? „Die Wertschätzung dessen, was sie vorfinden“, antwortet der Dortmunder Kiel, „einen professionellen Anbieter und zugleich eine Solidar­gemeinschaft.“