Berufsorientierung für Schüler : Mit Spiel und Bewegung auf der Suche nach eigenen Talenten

Berlins Acht- und Neuntklässler können sich für einen halben Tag dem Talente-Check stellen. Das Ziel ist, die inner- und außerschulische MINT-Bildung zu stärken.

Dieser Artikel erschien am 08.06.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Schülerin hält Messchieber
©dpa

Die coronabedingten Einschränkungen haben nicht nur den Schulunterricht erschwert, sondern auch die Berufsorientierung, die Berufsberatung und die Suche nach einem Ausbildungsplatz. Vielen Jugendlichen fehlten Ausbildungsmessen, Praktika oder Betriebsbesuche. Sie haben nur sehr unklare Vorstellungen von den Möglichkeiten einer Ausbildung in einem der 320 verschiedenen Ausbildungsberufe. Auch wenn sich die Ausbildungsvertragszahlen nach der Pandemie wieder leidlich stabilisiert haben, fehlt es an Bewerbern für Ausbildungsstellen.

Das verschärft den Fachkräftemangel in Deutschland enorm. Längst ist der Fachkräftemangel nicht nur aus Sicht der Industrie- und Handelskammertage, sondern auch der Bundesagentur für Arbeit und der Arbeitgeber zum größten Risiko für die eigene Entwicklung geworden. „Die MINT-Fachkräftelücke gefährdet Deutschlands Wohlstand und Innovationsfähigkeit“, hat Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) beim MINT-Gipfel gesagt und einen Aktionsplan 2.0 angekündigt. Mit 45 Millionen Euro will das Bundesbildungsministerium die MINT-Bildung und die Kooperation auf allen Ebenen stärken.

Das bedeutet auch, dass die schulische und außerschulische MINT-Bildung enger verknüpft werden soll. In diesem Jahr werben die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag für einen „Sommer der Berufsausbildung“.

Ein einzigartiges Konzept

Weil auch in Berlin 3000 Schulabsolventen pandemiebedingt kein Ausbildungspraktikum absolvieren konnten, hat die Schulverwaltung gemeinsam mit der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit und den Wirtschafts- und Sozialpartnern im Land Berlin eine Praktikumsoffensive gestartet, die für die 7000 freien Ausbildungsplätze in der Hauptstadt werben soll. Um Schülern die Berufswahl zu erleichtern und auch Gymnasiasten für Ausbildungsberufe außerhalb der akademischen Studien zu interessieren, steht der sogenannte Talente Check wegen der pandemiebedingten Einschränkungen in diesem Jahr nicht nur achten Klassen, sondern auch allen neunten Klassen offen.

Der Talente Check ist ein deutschlandweit einzigartiges Konzept zur Ermittlung beruflicher Interessen und Begabungen, das die Senatsverwaltung gemeinsam mit der Agentur für Arbeit und der IHK Berlin anbietet. Dafür wurden zwei Stockwerke in der Regionaldirektion der Agentur für Arbeit angemietet, die mit viel Glitzer und Glamour und durchgestyltem, aber benutzerorientierten Design ein Gegengewicht zu anderen Berliner Lernorten sind. Die Teilnahme ist nur klassenweise möglich, die Schule meldet die Klassen an, und die begleitenden Lehrer führen die Aufsicht. Zu Beginn werden alle Handys, Smartwatches und elektronischen Geräte eingesammelt und eingeschlossen. Diese Vorgabe sei nicht verhandelbar, heißt es ganz klar von den Veranstaltern. Die erzwungene Konzentration ist für viele Schüler ungewohnt und anstrengend.

Der Berufswahltest ist für viele Schüler eine echte Hürde

Die Schüler bekommen ein Armband, das ihnen dazu dient, sich in bestimmte Tests einzuloggen. Erst einmal steht ihnen allerdings die härteste Etappe des 5,5 Stunden dauernden Lernaufenthalts vor: Sie bearbeiten fast zweieinhalb Stunden lang den Berufswahltest der Bundesagentur für Arbeit in einem angenehm lichten Raum mit schallschluckenden Teppichen auf dem Boden. Der Berufswahltest (BWT) ist wissenschaftlich validiert, das bedeutet, dass die Passung der darin erhobenen Eignungen, Fähigkeiten und Interessen in einem gesicherten Zusammenhang zu bestimmten Berufen stehen. Die Lehrer haben die Aufgabe, ihre Schüler auf die Schwierigkeiten des BWT vorzubereiten und sie zum Durchhalten zu motivieren. Wer dabei schummelt, schadet sich im Zweifel selbst. Denn ein ernsthaft gelöster BWT kann tatsächlich berufsbezogene Leistungsfähigkeit erfassen und deshalb auch zu konkreten Vorschlägen für eine spätere Berufswahl führen. Die Auswertung der Ergebnisse folgt später in Einzelgesprächen mit Beratern der Bundesagentur für Arbeit, zu denen die Jugendlichen eine Einladung erhalten. Ob sie daran teilnehmen, ist ihnen selbst überlassen. Auch wenn der Talente Check den achten und neunten Klassen aller Schularten offensteht, sind die Gymnasialklassen in der Überzahl.

Mit Spiel und Bewegung zum besseren Selbstverständnis

Nach dem computergestützten Test geht es in einen fensterlosen Raum mit Lichteffekten und einzelnen Stationen für Spiel und Bewegung in einem interaktiven Parcours. Beim Schnelligkeitstest müssen die Schüler an einer Wand so rasch wie möglich die Fläche berühren, die aufleuchtet. Hier müssen sie sich schnell bewegen und sofort reagieren. Beim sogenannten Robo-Check möchte ein hungriger Affe zu seiner Banane. Beim Programmieren seien vor allem die Gymnasiasten gut, berichtet einer der Mitarbeiter, die programmierten mal eben alles durch.

An einer anderen Station geht es darum, mit einem Stab einen Ring über eine geschlängelte Stange zu führen. Bei einem weiteren Test geht es darum, Gesichtern bestimmte Gefühle zuzuordnen und das eigene Merkvermögen und die Gedächtnisleistung zu überprüfen. Moderiert wird dieser Teil des Tests von einem Showmaster. Die jeweiligen Stärken der Schüler werden in Gestalt sogenannter TalenTiere bildlich dargestellt, die Lehrer für die gesamte Klasse ausgedruckt bekommen und im Nachgang an die Jugendlichen verteilen.

Mit VR Talente finden

Den Abschluss bildet der Showroom Duale Ausbildung, den IHK und Handwerkskammer gemeinsam ausgerüstet haben. Auch hier sollen die Schüler sich nicht berieseln lassen, sondern aktiv mitmachen. In sogenannten Virtual-Reality-Spielen können sie die Welt der Dualen Ausbildung entdecken und verschiedene Berufsbilder kennenlernen. Sie setzen sich dafür einen Kopfhörer auf und navigieren mit Handbewegungen durch die verschiedenen Arbeitsschritte, die etwa an der Herstellung eines Elektrorollers beteiligt sind. Sie erfahren dabei auch, welche Bedeutung die Kammern für die Berufsausbildung haben.

„Mit der Entwicklung des Showrooms leistet die Berliner Wirtschaft einen aktiven Beitrag zu einer frühen, modernen und zielgruppengerechten Berufsorientierung, um die Fachkräfte von morgen für sich zu gewinnen und ihr Ausbildungsangebot sichtbar zu machen“, fasst der Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin Jan Eder die gemeinsame Initiative mit der Handwerkskammer zusammen.

Pro Tag werden im Talente Check zwei Durchläufe mit jeweils zwei Schulklassen arrangiert. Die meisten finden den Tag anstrengend, aber er erleichtert ihnen die Wahl für das Berufspraktikum in der neunten Klasse. Bisher war es vor allem unter Gymnasiasten üblich, das nächstliegende Praktikum zu machen – in der Parfümerie der Bekannten, im Autohaus des befreundeten Vaters. Mit ernsthaften Erwägungen für eine spätere Berufslaufbahn hatten die Berufspraktika wenig zu tun. Berlin versucht das durch den Talente Check, der ursprünglich in Salzburg entwickelt wurde, zu ändern. Ob sich dadurch tatsächlich etwas gegen den Fachkräftemangel tun lässt, wird sich zeigen. Der Talente Check wird im August erst ein Jahr alt. Die Projektleiterin bei der Schulbehörde Christina Brandenburg will ihn stetig verbessern.