Dieser Artikel erschien am 01.03.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Fabian Busch

Schulen : Mission letzte Chance

An einer Mannheimer Berufsschule schaffen viele Jugendliche den Abschluss, die sonst überall durchs Raster gefallen sind. Wie gelingt ihr das?

©dpa

Der Metallrahmen ist fertig, jetzt fehlt noch die Rück­wand. Wenn alles so weit ist, sollen die Schüler einen Schlüssel­kasten aus dem Unterricht mit nach Hause nehmen. Mit rotem Edding malen sie den Umriss des Rahmens auf eine Metall­platte. „Und jetzt?“, fragt Fabian Reinke. „Schneiden“, antwortet Julian. Reinke zeigt auf die große Metall­schere am Werktisch. Die Schüler zögern noch. „Traut ihr euch das zu? Probiert’s mal!“

Fabian Reinke, graue Haare, Blaumann-Jacke, Turn­schuhe, war früher Metall­bau­meister. Als er einen Austausch für junge Hand­werker leitete, lernte er die Arbeit mit Jugendlichen schätzen – und wurde Lehrer. Jetzt unterrichtet der 55-Jährige in der Metall­werkstatt der Justus-von-Liebig-Schule in Mannheim. Seine Ansprache ist deutlich, seine Geduld groß, Lob gibt es reichlich. Vor allem gehe es in seinem Job um Beziehungs­arbeit, sagt er. Für einige Schüler ist das hier die letzte Chance. „Die wissen: Jetzt müssen sie irgend­wie schauen, dass sie wieder in die Spur kommen.“

Die Justus-von-Liebig-Schule ist ein sieben­stöckiger Kasten aus gelb­braunen Klinker­steinen unweit des Mannheimer Neckar­ufers. Rund 1400 junge Menschen lernen hier, viele nur in Teil­zeit, parallel zur Aus­bildung als Friseur, Bäcker oder Speiseeis-Fachkraft. Zu den besonderen Kompetenzen der Beruflichen Schule gehören die jungen Leute, um die andere gerne einen Bogen machen: Schüler, die im „Vor­qualifizierungs­jahr Arbeit/Beruf“ – kurz VAB – den Haupt­schul­abschluss machen können, den sie vorher nicht geschafft haben.

Andere Berufliche Schulen in Baden-Württemberg haben wenige dieser Klassen, die Justus-von-Liebig-Schule hat derzeit 22. Damit ist Peter Kapp für mehr als 400 Schüler zuständig. Auch der 52-Jährige ist Quer­ein­steiger: Er war Bau­ingenieur, bis ihm sein Büro­job zu trocken wurde. Jetzt leitet er die Abteilung für Berufs­orientierung. Schon seine Vor-Vor­gängerin habe entschieden, „dass wir uns diese Schüler nicht vom Hals halten wollen“. Er würde sie nicht mehr hergeben wollen, sagt Kapp. „Ich bin stolz darauf, dass wir das machen. Das ist unser Spiel­feld.“

Mehr als 50 000 junge Menschen haben dem Statistischen Bundes­amt zufolge 2018 in Deutschland die Schule ohne Abschluss verlassen – 6,8 Prozent der gleich­altrigen Bevölkerung. In Mannheim lag die Quote einer Caritas-Studie zufolge 2017 sogar bei 9,6 Prozent. Die meisten dieser Jugendlichen landen an der Schule, die in der Stadt nur „die Justus“ genannt wird. Dass die Zahl der jungen Menschen ohne Abschluss seit einem Tief­stand 2013 bundes­weit wieder angestiegen ist, führt die Caritas vor allem auf Zuwanderung und Flucht­bewegungen zurück. Da ist zum Beispiel der 18-Jährige aus Somalia, der im Mathematik-Unterricht bei Peter Kapp in der ersten Reihe sitzt. „Ich lerne viel hier“, sagt er: die deutsche Sprache, Mathematik, die Arbeit am Computer. Doch er hat viel aufzuholen: In Somalia habe er nur ein Jahr lang eine Schule besucht. Neben ihm sitzt ein 16-Jähriger, der 2017 aus dem Irak kam. Er hat zunächst eine Werk­real­schule besucht, dort riet man ihm, es hier zu versuchen. Sein Deutsch ist gut, ein Berufsziel hat er auch: Zerspanungs­mechaniker, die ersten Bewerbungen sind schon raus.

Die „Justus“ besuchen zudem ehemalige Förder­schüler, die noch Probleme beim Lernen haben. Aber auch frühere Gymnasiasten, bei denen familiäre Probleme dazu führten, dass es in der Schule zuvor nicht geklappt hat. Die meisten Jugendlichen der VAB-Klassen sind nicht frei­willig hier, sondern weil sie bis zum Alter von 18 berufs­schul­pflichtig sind. Eine Statistik gibt es nicht, aber an der Justus-von-Liebig-Schule schätzt man, dass etwa die Hälfte von ihnen hier noch den Abschluss schafft.

„Etwas großzügigere Toleranzgrenze, was ordnungsgemäßen Schulbesuch angeht“

Wie gelingt, was an anderen Schulen scheitert? Metallbau-Lehrer Fabian Reinke glaubt, dass die praktische Arbeit viele Schüler motiviert. Deutsch, Mathematik und Englisch stehen auch hier auf dem Stunden­plan, aber ebenso Praktika und hand­werklicher Unterricht. Außerdem habe man eine „etwas groß­zügigere Toleranz­grenze, was ordnungs­gemäßen Schul­besuch angeht“, erklärt Schul­leiterin Marianne Sienknecht. „Wir freuen uns, wenn ein Schüler kommt – auch wenn das eine halbe Stunde zu spät ist.“ Das solle nicht heißen, dass man nach­lässig mit Regeln umgehe. „Aber wenn Sie jemanden, der zu spät kommt, in den Senkel stellen, dann macht der dicht. Wenn die Schüler dagegen merken, dass sie trotzdem gewollt sind, kann es sein, dass sich ein Schalter umlegt.“

In einer Klasse sitzen in der Regel 18 bis 20 Schüler. Da aber selten alle da sind, sind es oft weniger. Unter­stützung bekommen die Lehr­kräfte vom sonder­pädagogischen Dienst: Sechs Sonder­pädagogen sprechen bei Bedarf mit auf­fälligen Schülern oder helfen ihnen im Unterricht – Julia Köller ist eine davon. „Wenn ein schwächerer Schüler den Dreisatz einfach nicht versteht, drösele ich das didaktisch so auf, dass es für ihn passt.“ Sie nennt aber auch das Beispiel eines Jugendlichen mit ADHS. Ihm fehlte das Bewusst­sein dafür, dass er im Unterricht ständig da­zwischen­redete. Mit ihm und den Lehr­kräften vereinbarte Köller ein Signal. Ein „Tupfer“ auf die Schulter signalisiert ihm: jetzt bitte Ruhe.

Der Schul­leiterin ist wichtig, dass zukünftigen Lehr­kräften bewusst ist, worauf sie sich einlassen

Die Schule arbeitet zudem mit einer freien Jugend­berufs­hilfe­einrichtung zusammen, dem Förder­band. Dessen Sozial­arbeiter helfen Schülern bei Bewerbungen oder besuchen notorische Schwänzer zu Hause. Letztlich ist der Bildungs­erfolg auch hier eine Frage der personellen Ausstattung. Neben den VAB-Klassen bietet die Justus-von-Liebig-Schule die „Aus­bildungs­vor­bereitung dual“ an. Dahinter steckt ein Bildungs­gang, den Baden-Württemberg seit 2014 an 53 Stand­orten testet. Auf dem Plan stehen viele Praktika, auf 40 Schüler kommt ein Sozial­arbeiter. Landes­weit bekommen im Schnitt 36 Prozent der Absolventen eine Aus­bildungs­stelle – an der „Justus“ waren es zuletzt 66 Prozent.

Vielleicht ist es eine Stärke der Schule, dass hier niemand die Augen vor der Realität verschließt. Die Polizei ist regel­mäßig da, immer wieder gibt es Schlägereien und Drogen­handel. Schul­leiterin Marianne Sienknecht ist wichtig, dass zukünftigen Lehr­kräften bewusst ist, worauf sie sich einlassen. Ein „Standing“, eine gewisse Frustrations­toleranz, müsse man mit­bringen. Nicht immer können sich Lehr­kräfte über schnelle Erfolge freuen. Hat ein junger Mensch es doch noch zum Haupt­schul­abschluss geschafft, ist das noch keine Garantie, dass auch der Weg in den Beruf gelingt. Es geht zunächst um eine Perspektive, sagt Abteilungs­leiter Peter Kapp. Um eine Idee, wie es weiter­gehen könnte.

Zeynep Tan unterrichtet in einer VAB-Klasse für Sprach­anfänger. 15 Stunden Deutsch stehen pro Woche auf dem Stunden­plan, viel Zeit, um Kontakte zu ihren Schülern auf­zu­bauen. „Man kann ihnen keinen Raum zum Lernen geben, wenn die Beziehungs­ebene nicht stimmt“, sagt sie. Enttäuschungen und Erfolge – beides gehört zu ihrem Berufs­all­tag: Sie hat mit­erlebt, wie Schüler trotz Berufs­perspektive abgeschoben wurden. Sie erinnert sich aber auch an einen jungen Mann aus Gambia. Er kam nach dem Abschluss noch einmal in die Schule, ging ins Sekretariat und ließ seine frühere Lehrerin ausrufen. Sofort musste er es ihr erzählen: Es hatte endlich geklappt mit dem Aus­bildungs­platz.