Dieser Artikel erschien am 05.11.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Ulrich Schnakenberg

Offiziere in der Schule : Militärpropaganda im Politik­unterricht?

Die Vorträge von Jugendoffizieren der Bundeswehr an deutschen Schulen sind umstritten. Bergen die organisierten Museumsbesuche und Exkursionen die Gefahr der Indoktrination?

Bundeswehrplakat an einer Straßenbahnhaltestelle
©Lupus in Saxonia (CC BY-SA 4.0)

„Bundeswehr raus aus den Schulen!“ – eine alte Parole geistert immer wieder durch die Öffentlich­keit. Auf eine parlamentarische Anfrage der Links­partei antwortete die Bundes­regierung, dass die 100 Jugend­offiziere des Verteidigungs­ministeriums im vergangenen Jahr mit ihren Angeboten fast 120.000 Schüler erreichten, das war eine Steigerung von 9,6 Prozent gegen­über dem Vorjahr.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht sich schon seit längerer Zeit mit teils beträchtlichem Erfolg gegen eine Zusammen­arbeit von schulischen wie universitären Bildungs­institutionen mit der Bundes­wehr aus. In der Folge haben sich in den vergangenen Jahren mehrere Hoch­schulen sogenannte Zivil­klauseln gegeben, die „Kriegs­forschung“ allgemein unter­sagen. Weil sie der Bundes­wehr Haus­verbot erteilt haben, verlieh eine Aachener Gesellschaft im Jahr 2013 zwei deutschen Schulen einen „Friedens­preis“. Kritiker wie GEW und Links­partei werfen dem Bundes­verteidigungs­ministerium insbesondere vor, durch die Angebote der Jugend­offiziere (Vorträge, organisierte Museums­besuche, Exkursionen) Werbung für die Bundes­wehr zu machen, „Militär­propaganda“ zu betreiben sowie eine tendenziöse Sicht auf Verteidigungs-, Außen- und Sicher­heits­politik zu vermitteln und die Schüler so zu indoktrinieren.

Unbestritten ist mit jedem Vortrag eines Jugendoffiziers im Politik- oder Geschichts­unter­richt zumindest indirekte „Werbung“ für die Streit­kräfte und den Soldaten­beruf verbunden. Auch hat das Verteidigungs­ministerium ganz unzweifel­haft ein Interesse daran, das Verständnis in der Bevölkerung für außen- und sicher­heits­politische Entscheidungen der Bundes­regierung zu fördern. Aber taugt das schon zum Skandalon? Verfolgt ein Mitarbeiter einer Nicht­regierungs­organisation wie etwa Green­peace nicht ebenso eine bestimmte Agenda, wenn er vor Schülern seine Sicht auf die deutsche Umwelt­politik darlegt? Sollten Politik­lehrer aus diesen Gründen also generell keine Jugend­offiziere, ja, in der Konsequenz, überhaupt keine externen Referenten, die ja alle in irgendeiner Form „Werbung“ machen, in ihren Unterricht einladen?

Ein erhebliches Misstrauen

Zweifellos wird das Referat eines jungen, vielleicht sympathischen Jugendoffiziers, das möglicherweise mit Action-, Abenteuer- und Kriegs­bildern oder kurzen Videos garniert ist, eine gewisse Faszination auf den einen oder anderen – häufig männlichen – Schüler ausüben. Gleich­zeitig bleiben bei einem dreistündigen Ober­stufen­kurs je nach Länge des Schul­jahres nach Abzug des zumeist zwei­stündigen Vortrags noch ungefähr 88 bis 118 Politik­stunden, in denen Lehrkraft und Schüler den Vortrag inhaltlich vorbereiten, problematische Aussagen des Referenten kritisch unter­suchen und nach­bereiten sowie weitere Perspektiven einbringen können. Wenn GEW, linke Parteien teilweise und auch Vertreter der politischen Bildung von einem Bundes­wehr-Vortrag an Schulen generell abraten oder diesen durch ein direktes Verbot völlig unmöglich machen, so verrät diese Haltung ein erhebliches Miss­trauen gegenüber allen Beteiligten. Einen kritischen Umgang mit dem Referat eines Jugend­offiziers trauen sie offenbar weder den Schülern noch ihren Lehrern zu.

Politiklehrer verstehen sich als Spezialisten für das Kontroverse. Deshalb kann man von ihnen erwarten, dass sie spätestens in der Stunde nach dem Besuch des Jugend­offiziers dessen Vortrag – gemeinsam mit den Schülern – kritisch diskutieren. Tun sie das nicht, hätten sie die Gefahr der Überwältigung entweder nicht erkannt – oder aber bewusst gegen ein zentrales Prinzip des Politik­unter­richts verstoßen. Beides bedeutete mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ihre Schutz­befohlenen auch in anderen thematischen Kontexten und in Abwesenheit externer Referenten – vermutlich vor allem von politischen Äußerungen des Fachlehrers – regelmäßig „über­wältigt“ werden würden. Dann aber hätte die politische Bildung an Universität und Studien­seminar in den letzten Jahrzehnten tatsächlich versagt.

Geht man jedoch wie der Autor davon aus, dass die Kollegen das für die Fächer Politik wie Geschichte überaus bedeutsame Kontro­versitäts­gebot und Über­wältigungs­verbot (Beutelsbacher Konsens) durch Ausbildung und Reflexion der beruflichen Praxis verinnerlicht haben, so konterkariert der Vortrag eines Jugend­offiziers die Ziele politischer Bildung keines­falls, selbst dann, wenn er kontrovers oder tendenziös ist. Ganz im Gegenteil motiviert eine solche reale Begegnung die Schüler erfahrungs­gemäß weitaus stärker als die Arbeit mit einem klassischen Schul­buch­text, sich vertieft mit dem Inhalt des Vortrags auseinander­zusetzen. Indem die Lernenden die dabei notwendigen Fähig­keiten zur kritischen Urteils­bildung einüben und ausbauen, machen sie einen wichtigen Schritt auf dem langen und steinigen Weg zum Endziel politischer Bildung: dem mündigen Bürger.

Anstatt Diskussionen und Kontroversen auszuweichen, sollten Schüler und Lehrer diese geradezu suchen. Denn erst die Auseinander­setzung mit anderen, der Austausch von Argumenten und Gegen­argumenten, schärft die eigene Position und ermöglicht den Jugendlichen, sich ein begründetes, differenziertes und eigen­ständiges Urteil zu bilden. Schulen sollten also auch weiterhin Jugend­offiziere einladen – und natürlich genauso Vertreter von anderen demokratischen Organisationen oder Parteien.

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