Buch-Tipp

„Generation haram“ : Wie Migration in der Schule besser gelingen kann

Kinder mit Migrationshintergrund haben meist schlechte Chancen im deutschsprachigen Bildungssystem. Das ist keine neue Erkenntnis, aber es passiert bislang auch wenig, um an dieser Situation etwas zu ändern. Es werde in der Politik stillschweigend hingenommen, sagt die Journalistin und Lehrerin Melisa Erkurt. Doch damit will sie sich nicht abfinden. In ihrem Buch „Generation haram“ analysiert sie Ursachen für die Bildungsbenachteiligung, gibt eine fundierte Innensicht aus dem Alltag von Schulen, hält Lehrkräften den Spiegel vor und appelliert an die Politik, doch endlich nicht mehr wegzusehen.

Annette Kuhn / 12. Januar 2021
Melisa Erkurt

Viel wird über die Probleme von Migration an Schulen geschrieben. Es gibt Bücher, in denen die Lehrerin an einer Brennpunktschule rotsieht, es wird eine „Grundschule des Grauens“ beschrieben oder eine Schule, die vor dem Kollaps steht. Die Kinder und Jugendlichen, die im Mittelpunkt der Beschreibungen stehen, die Probleme machen, erscheinen oft wie Wesen von einem anderen Planeten – sie bleiben Fremde. Es werden Schreckensszenarien gemalt. Lösungsvorschläge gibt es kaum.

Melisa Erkurt will Migrantenkindern eine Stimme geben

Das Buch „Generation haram“ der österreichischen Journalistin Melisa Erkurt ist anders. Etwas, das „haram“ ist, steht im Islam für das Verbotene, im Gegensatz zu den Dingen und Verhaltensweisen die „halal“ – erlaubt – sind. Erkurts Buch ist eine differenzierte und unaufgeregte Innensicht aus dem System Schule, in dem Kinder mit Migrationshintergrund mehr leisten müssen, um dieselbe Anerkennung zu bekommen wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Es ist eine schonungslose Analyse des Bildungssystems, in dem Kinder mit Migrationshintergrund allzu schnell als Ursache für Probleme an Schulen ausgemacht werden. Es ist ein Buch, das versucht, auch den Kindern aus Migrantenfamilien eine Stimme zu geben.

Es kann überheblich wirken, wenn Partei ergriffen wird für jemanden, den man vielleicht gar nicht kennt und bei dem man trotzdem meint, zu wissen, wie er tickt. Melisa Erkurt darf das. Sie selbst hat viel von dem erlebt, was sie in ihrem Buch beschreibt.

„Generation haram” erzählt auch Erkurts eigene Migrationsgeschichte

Als kleines Kind kamen sie und ihre Mutter als Flüchtlinge des Bosnienkriegs nach Österreich, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Melisa Erkurt weiß, wie es sich anfühlt, als Fremde betrachtet zu werden. Sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Name immer wieder falsch ausgesprochen wird. Sie kommt aus einem Arbeiterhaushalt – ihre Eltern konnten ihr nicht helfen bei den Hausaufgaben. Sie sagt, sie habe Glück gehabt, dass ihre Grundschullehrerin sie für das Gymnasium empfohlen habe. Es hätte auch anders kommen können. Sie hätte auch auf die Hauptschule kommen können, wie ihre Cousins. Aber sie machte Abitur. Sie hatte gute Noten – trotzdem riet der Vater ihr, eine Lehre zu machen. Aber sie studierte. Doch „das Gefühl, da aber gar nicht hinzugehören, blieb bis zuletzt“, schreibt sie auch.

 

Es braucht unfassbar viel Motivation, so viel, wie man eigentlich von keinem Kind verlangen kann, um diese ungeheure Anstrengung aufzubringen, gegen das vererbte Bildungsschicksal anzukämpfen.

Melisa Erkurt Autorin vom Buch Generation haram
Melisa Erkurt, Autorin von „Generation haram"
©www.corn.at/Zsolnay

Melisa Erkurt landete nach ihrem Studium der Germanistik, Psychologie und Philosophie im Journalismus. Drei Jahre lang war sie in Brennpunktschulen Wiens unterwegs, um Jugendliche innerhalb eines Medienprojekts mit Rollenbildern zu konfrontieren. Und sie unterrichtete selbst ein Jahr lang an einem Gymnasium mit einem Migrationsanteil von 80 Prozent in der Schülerschaft.

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Die Zweifel, die sie als Kind und Jugendliche an ihren eigenen Fähigkeiten hatte, die hat sie auch an ihren Schülerinnen und Schülern wiedergesehen. „Es braucht unfassbar viel Motivation, so viel, wie man eigentlich von keinem Kind verlangen kann, um diese ungeheure Anstrengung aufzubringen, gegen das vererbte Bildungsschicksal anzukämpfen“, schreibt sie in ihrem Buch. Wenn man dann noch schlechte Noten schreibt, schlecht Deutsch spricht, von den Eltern wenig Unterstützung bekommt, sei diese Anstrengung kaum aufzubringen.

Sanktionen gegen Eltern helfen nicht den Kindern

An den Startbedingungen dieser Kinder lasse sich nichts ändern, schreibt sie weiter, „aber wir dürfen sie nicht dafür bestrafen. Wir müssen die Schule an sie anpassen, umgekehrt wird es nicht klappen, da kann man sich noch so viele Sanktionen überlegen.”

Von Sanktionen hält sie daher auch nichts. Weder gegen die Schülerinnen und Schüler noch gegen deren Eltern. Die Mindestsicherung an die Deutschkenntnisse von Erwachsenen zu knüpfen oder als Strafe die staatlichen Zuwendungen zu kürzen treibe die Familien noch weiter in die Armut und in die Abschottung. „Die Armutsspirale dreht sich weiter, genau wie die Vererbung der Bildung. Wir befinden uns in einem Teufelskreis, den niemand so wirklich  zu durchbrechen gewillt ist, weil es ja am Ende vor allem die Migrantinnen und Migranten trifft, die wiederum kein Sprachrohr haben – weil sie weder politisch noch medial vertreten sind.“

Das System Schule hat sich seit 50 Jahren wenig geändert – die Schülerschaft umso mehr

Für ihr Buch hat Erkurt viele Gespräche mit Pädagoinnen und Pädagogen geführt – sowohl im Kindergarten als auch in der weiterführenden Schule – und Ursachenforschung betrieben. Viele haben ihr dazu auch gesagt, dass sie im Studium nicht auf die Herausforderungen vorbereitet wurden.

„Man wird in Österreich Lehrerin oder Lehrer, ohne sich im Studium mit den Lebensrealitäten der Schülerinnen und Schüler auseinanderzusetzen. Das Studium ist fast noch dasselbe wie vor fünfzig Jahren, so wie der Lehrkörper und das System Schule insgesamt – aber die Schülerinnen und Schüler, um die es ja geht, sind ganz andere“, schreibt sie.

Melisa Erkurt lamentiert nicht, sondern sie analysiert, sucht Auswege und stellt klare Forderungen, die sie wohl ebenso an das deutsche Schulsystem stellen würde: mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund und mehr multiprofessionelle Teams an den Schulen. Das Thema Migration stärker in den Fokus im Studium rücken. Eine stärkere Sensibilisierung von Lehrkräften gegenüber Diskriminierungen. Eine verpflichtende kostenlose Ganztagsschule für alle. Ein neues Konzept für den Deutschunterricht, eine stärkere Debattenkultur.

„Generation haram” wurde schnell zum Bestseller

Als „Generation haram“ im Spätsommer vergangenen Jahres erschien, hat es vor allem in Österreich viel Aufmerksamkeit bekommen und wurde schnell zum Bestseller. Melisa Erkurt diskutierte mit Österreichs Bildungsminister Heinz Faßmann über Integration und Schule, war Gast in Talkshows. Die Stimme der 29-Jährigen wird gehört. Doch das reicht ihr nicht. Sie hofft, dass ihre Botschaften in der Politik ankommen, dass ihre Stimme nicht nur gehört wird, sondern im Bildungssystem auch etwas bewegt.

Auf einen Blick

  • Melisa Erkurt: „Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“, Zsolnay Verlag, 192 Seiten, 20 Euro.
  • Die Autorin ist Journalistin und Lehrerin. Sie hat Deutsch, Psychologie und Philosophie in Wien studiert und unterrichtete ein Jahr an einer allgemeinbildenden höheren Schule (AHS) mit einem Migrationsanteil in der Schülerschaft von 80 Prozent. Eine AHS entspricht dem deutschen Gymnasium. Zuvor war sie zwei Jahre mit dem Schulprojekt „Newcomer“ an Wiener Brennpunktschulen unterwegs.
  • Ihre 2016 erschienene Reportage „Generation haram“ im transkulturellen Magazin „biber“ wurde bei den Österreichischen Journalismustagen 2017 zur „Story des Jahres“ gekürt. 2018 und 2020 wurde sie als österreichische„Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet.
  • Melisa Erkurt ist seit 2019 Redaktionsmitglied der ORF-Sendung „Report“ und schreibt regelmäßig Kolumnen in der „taz“ sowie im „Falter“.