Antiziganismus : Mehrheit von Sinti und Roma berichten von Diskriminierung an Schulen

Sinti und Roma erleben noch immer erhebliche Benachteiligungen im Bildungssystem. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung von mehr als 600 Menschen.

Dieser Artikel erschien am 25.02.2021 in DER SPIEGEL
Armin Himmelrath
SchülerIn auf dem Schulweg
„In den Schulen, die ja für die Kinder eigentlich ein geschützter Raum sein sollten, ist Diskriminierung besonders erschreckend und schlimm“
©dpa

„Manche aus meiner Schule behandeln mich wie ein Ding“, sagt Nele. Die Neunjährige, die in Süddeutschland lebt, heißt in Wirklichkeit anders. Sie besucht die dritte Klasse einer Grundschule. Was bedeutet das? „Wenn ich ›Guten Morgen‹ wünsche, werde ich nicht zurückgegrüßt. Geburtstagseinladungen bekomme ich nur ein- bis zweimal im Jahr. Und immer wieder gibt es Beschimpfungen oder Versuche, mich zu verprügeln“, sagt Nele.

Prügel, verbale Attacken, Ausgrenzung: Erfahrungen, die in den Siebzigerjahren auch schon Neles Vater Hannes machen musste. Die Familie gehört zur nationalen Minderheit der Sinti. „Rassismuserfahrungen gehörten und gehören leider zu unserem Alltag“, so Hannes. Schon seine Tante habe ihm gesagt: „Wir haben gelernt, im Schatten zu leben.“

Die zeigt sich einer neuen Untersuchung zufolge auch bei der Bildungsbeteiligung von Sinti und Roma. Die RomnoKher-Studie 2021, für die im Auftrag der RomnoKher Gesellschaft mehr als 600 Interviews mit Sinti und Roma geführt wurden, zeigt, dass die Minderheit im deutschen Schul- und Ausbildungssystem „extreme Benachteiligung“ erfährt. Über 60 Prozent der Befragten berichten von Diskriminierung in der Schule; 50 Prozent haben demnach sogar Gewalt erlebt.

25 Prozent der Befragten sagten, dass sie von Lehrkräften und im Klassenzimmer diskriminiert worden seien. „Leider sind noch immer nicht genug Lehrerinnen und Lehrer für Diskriminierung in der Schule sensibilisiert“, so Albert Scherr, Soziologe der Pädagogischen Hochschule Freiburg und einer der Co-Autoren der RomnoKher-Studie.

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Die fehlende Bildungsbeteiligung von Sinti und Roma sei ein Problem, das von Politik und Schulsystem dringend angegangen werden müsse. „Das sind dramatische Zahlen auf dem Niveau der späten Sechzigerjahre“, sagt Scherr. Erst in den Siebzigerjahren sei der Schulbesuch von Roma und Sinti in Deutschland überhaupt zum Standard geworden – ohne allerdings auch zu einem adäquaten Anteil höherer Schul- und Bildungsabschlüssen zu führen. Unklar ist, in welchem Ausmaß Diskriminierungserlebnisse dazu beitrugen und welche Faktoren zudem eine Rolle spielten.

Der Studie jedenfalls hält fest:

  • Die Bildungssituation von Sinti und Roma hat sich in den Schulen in den vergangenen Jahren zwar verbessert. Trotzdem verfügen immer noch knapp 15 Prozent der 18- bis 25-jährigen Angehörigen der Minderheit über keinen Schulabschluss. In der Gesamtbevölkerung liegt der Wert nur bei rund zehn Prozent.
  • Noch deutlicher werden die Unterschiede beim Abitur: Das haben nur 17 Prozent der befragten Sinti und Roma zwischen 18 und 25 Jahren. Der Vergleichswert für Deutschland liegt dagegen bei über 50 Prozent.
  • Auch im Ausbildungsbereich erlebt die Minderheit Ausgrenzung: So verfügen 40 Prozent der 18- bis 50-jährigen Sinti und Roma über keine abgeschlossene Berufsausbildung.

„42 Prozent der Befragten berichteten, dass sie situativ ihre Identität als Angehörige einer Minderheit verheimlichen“, sagt Daniel Strauß, Vorsitzender des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg. Antiziganismus werde in der Gesellschaft viel zu oft als normal wahrgenommen. „Und in den Schulen, die ja für die Kinder eigentlich ein geschützter Raum sein sollten, ist das besonders erschreckend und schlimm.“

Bildungsforscher Scherr fordert von der Politik daher eine langfristige Förderstrategie im Einklang mit den Vorgaben der EU. „Wir brauchen klare Signale, dass Sinti und Roma bei Bildung und Teilhabe vom Staat unterstützt werden.“ Auf Seiten der Betroffenen, so die Studie, wird diese Forderung von 80 Prozent der Befragten unterstützt.

„Ich wünsche mir einfach, dass ich fair behandelt werde“, sagt Nele, „ohne Mobbing und Rassismus.“ Denn bisher hat die Drittklässlerin vor allem eins gelernt: „Mit der Lehrerin kann ich diese Sachen nicht mehr klären. Die sagt immer nur, ich sei zu sensibel oder die Böse.“