Holocaust-Gedenktag : Mehrheit ist für Pflichtbesuche von KZ-Gedenkstätten

Nur jeder zweite Deutsche hat sich mindestens einmal in einem ehemaligen KZ ein Bild von den Gräueltaten der Nationalsozialisten gemacht. Deswegen gibt es auch immer wieder Forderungen nach Pflichtbesuchen von Schülerinnen und Schülern in Gedenkstätten. Gerade junge Menschen sprechen sich in einer aktuellen Umfrage dafür aus.

27. Januar 2020 / 1 Kommentar
Schülerinnen einer 9. Klasse betrachten auf einem Rundgang einen historischen Reichsbahnwaggon, der symbolisch für den ehemaligen Lagerbahnhof des Konzentrationslagers Neuengamme steht.
Sollten Schülerinnen und Schüler zum Besuch einer KZ-Gedenkstätte verpflichtet werden? Anlässlich des Holocaust-Gedenktags wird diese Forderung wieder diskutiert.
©Markus Scholz/dpa

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen ist dafür, alle Schülerinnen und Schüler zum Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers der Nazis zu verpflichten. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sprachen sich 56 Prozent für solche Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten mindestens einmal während der Schulzeit aus. Nur 34 Prozent sind dagegen. 10 Prozent machten keine Angaben.
Die Umfrage mit mehr als 2000 Teilnehmern ist repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.

Vor allem die jungen Erwachsenen, die die Schulzeit noch nicht lange hinter sich haben, wünschen sich die Pflichtbesuche. Von den 18- bis 24-Jährigen sind fast zwei Drittel (64 Prozent) dafür. Aber auch in allen anderen Altersgruppen plädiert eine Mehrheit dafür.
Nur 55 Prozent der erwachsenen Deutschen haben der Umfrage zufolge mindestens einmal ein ehemaliges Konzentrationslager besucht. Interessant dabei: Je älter die Befragten, desto geringer ist der Anteil derjenigen, die schon einmal in einer KZ-Gedenkstätte waren. Von den 18- bis 24-jährigen sind es 67 Prozent, von den über 55- Jährigen nur 49 Prozent.

In Auschwitz war von allen Befragten bisher nur jeder Fünfte (21 Prozent). An diesem Montag jährt sich die Befreiung des größten Vernichtungslagers der Nazis durch die Rote Armee zum 75. Mal. Allein dort brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um. Der Holocaust kostete insgesamt rund sechs Millionen Juden das Leben. Sie wurden von den Deutschen erschossen und in Gaskammern ermordet oder starben an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung.

Forderung nach Pflichtbesuchen von KZ-Gedenkstätten ist nicht neu

Der Zentralrat der Juden hatte sich erstmals vor fünf Jahren für verpflichtende Besuche von Schülerinnen und Schülern in KZ-Gedenkstätten ausgesprochen. Danach hatte es immer wieder entsprechende Forderungen auch von Politikerinnen und Politikern unterschiedlicher Parteien gegeben. Im vergangenen Sommer plädierte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nach einer Israel-Reise dafür. „Ich bin davon überzeugt, dass der Besuch einer Gedenkstätte auf jedem Lehrplan stehen und sich jeder zumindest einmal in seinem Leben damit auseinandersetzen muss“, sagte sie damals der „Bild“-Zeitung.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sprach sich jetzt gegenüber der dpa ebenfalls dafür aus, dass alle Schülerinnen und Schüler mindestens einmal ein ehemaliges Konzentrationslager oder eine andere NS-Gedenkstätte besuchen sollten. Die CDU-Politikerin äußerte sich aber nicht zur Frage, ob ein solcher Besuch für Schülerinnen und Schüler verpflichtend sein sollte.

Einige Experten argumentieren, ein Zwang könnte pädagogisch kontraproduktiv sein. Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sprach sich gegen eine Besuchspflicht für Schülerinnen und Schüler aus. Den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte sie, der Besuch von Gedenkstätten sollte stattdessen Teil der Lehrerausbildung werden.

Die Länder handhaben Besuche von Gedenkstätten sehr unterschiedlich

Bayern hatte als erstes Land den Besuch einer NS-Gedenkstätte in den Lehrplänen von Gymnasien und später auch von Realschulen fest verankert. In anderen Bundesländern ist zwar der Besuch an einem oder mehreren Gedenkorten obligatorisch. Es muss sich dabei aber nicht um Orte aus der NS-Zeit handeln. Viele Schulen unternehmen die Fahrten allerdings freiwillig, in manchen Lehrplänen werden sie auch empfohlen. Nordrhein-Westfalen hat gerade im Haushalt 2020 die Förderung von Gedenkstättenfahrten von 250.000 Euro auf  eine Million Euro erhöht. Seit Beginn des Programms 2018 wurden hier 544 Exkursionen zu Erinnerungsorten im In- und Ausland gefördert.

Tendenziell gibt es in der Bevölkerung das Bedürfnis nach einer stärkeren Thematisierung des Völkermords an Millionen Juden in der Schule. Laut YouGov-Umfrage finden 36 Prozent der Deutschen, dass sie in ihrer Schulzeit zu wenig darüber gelernt haben. Dagegen finden nur 7 Prozent, das Thema habe zu großen Raum eingenommen. 47 Prozent sagen, sie seien im Schulunterricht ausreichend über den Holocaust informiert worden. 37 Prozent finden, das Thema sollte künftig einen größeren Raum in den Lehrplänen einnehmen. Nur 13 Prozent meinen dagegen, man sollte sich in der Schule weniger damit befassen.

dpa