30 Jahre Mauerfall : „Sie sind ja gar kein typischer Wessi“

Das Schulportal hatte in einem Aufruf nach Lehrkräften gesucht, die nach dem Mauerfall von Ost nach West oder umgekehrt wechselten. Wir haben zwei Lehrerinnen getroffen, die von ihren Erinnerungen an den Mauerfall und vom Wandel des Schulsystems erzählen. Hier lesen Sie, was die Lehrerin Claudia Remmert aus West-Berlin erlebte, als sie kurz nach der Wende an eine Schule in Brandenburg ging. Sie erzählt von einem spannenden Neuanfang, aber auch von der Skepsis, die ihr als „Wessi“ im Kollegium anfangs begegnete.

Annette Kuhn / 08. November 2019
Frau im Garten auf Bank
Vor fast 30 Jahren ist Claudia Remmert aus West-Berlin nach Brandenburg gezogen. Am liebsten ist sie hier in ihrem Garten.
©Annette Kuhn

Am Abend des 9. Novembers lag Claudia Remmert mit Grippe im Bett. Die Lehrerin aus Berlin-Neukölln hatte im Fernsehen verfolgt, wie die Menschen nur wenige Kilometer von ihr entfernt auf die bis dahin unüberwindbare Mauer kletterten und damit Geschichte schrieben. „Am liebsten wäre ich auch dort gewesen, es hat mich so gekribbelt, aber es ging einfach nicht“, erzählt sie 30 Jahre später beim Treffen mit dem Schulportal. Erst am Wochenende danach war sie wieder so fit, dass sie das Haus verlassen konnte.

Ab da machte sie sich häufig auf ins Umland. Sie war nach dem Mauerfall offen für Neues, begeistert von der Natur und überrascht von der Freundlichkeit, mit der ihr die Ostdeutschen begegneten. Bald hatte die Lehrerin für Französisch und Sozialkunde einen Traum: ein Garten im Grünen. Ihren Lieblingsplatz fand sie zwischen Schwielowsee und Templiner See nahe Potsdam. Dort kannte man bald die junge Frau aus dem Westen, die immer mit ihrem Hund unterwegs war. Und sie kannte bald die Leute vor Ort. Zum Beispiel den Fährmann von der „Tussi“, die noch heute auf der Havel verkehrt. Ihn hatte Claudia Remmert irgendwann gefragt: „Otto, wenn du einen Garten für mich hast, dann sag Bescheid.“

Meine Kollegen von der Neuköllner Schule haben mir einen Vogel gezeigt.

Otto hatte was. „Aber da ist auch ein Haus dran.“ Also zog sie 1990, als die Wiedervereinigung noch nicht einmal besiegelt war, von Berlin nach Brandenburg. Beruflich änderte sich für die damals 40-Jährige aber erst einmal nichts. Sie arbeitete weiter an der Hauptschule in Neukölln, nur der Schulweg war auf einmal 49 Kilometer lang. An guten Tagen brauchte sie dafür eine Stunde, an schlechten waren es zwei.

Irgendwann hatte sie genug davon. Sie stellte einen Antrag auf Versetzung nach Brandenburg. Potsdam war ihre erste Wahl, gelandet ist sie dann aber an einer Schule in einem kleinen Ort südwestlich von Potsdam. Die strukturierte sich gerade um, von einer Erweiterten Oberschule (EOS) zu einem Gymnasium. Als EOS wurden die weiterführenden Schulen im DDR-System genannt, deren Schülerinnen und Schüler das Abitur machten.

Ein roter Mazda zwischen beigen Trabis und Wartburgs

An der Schule suchten sie händeringend eine Französischlehrerin. Das gefiel Claudia Remmert. An ihrer Hauptschule in Neukölln hatte sie schon lange kein Französisch mehr unterrichten können, dabei hatte ihr das Fach immer Spaß gemacht. Also wechselte sie, auch wenn ihr der Abschied von der alten Schule schwerfiel. Ihren Entschluss nachvollziehen konnte dort niemand: „Meine Kollegen von der Neuköllner Schule haben mir einen Vogel gezeigt“, erzählt sie heute lachend.

Lehrerin im Treppenaufgang
Claudia Remmert in ihrer neuen Schule in Brandenburg Anfang der 90er-Jahre.
©privat

Ihre Aufregung am ersten Schultag nach den Sommerferien war groß, als sie ihren roten Mazda zwischen beigen, pastellblauen oder grauen Trabis und Wartburgs abstellte. Das fiel schon mal auf. „Dabei wollte ich genau das Gegenteil. Ich habe mir gesagt: Halt erst mal die Klappe und guck, wie das hier funktioniert.“ Im Lehrerzimmer spürte sie viele skeptische Blicke von der Seite, doch ihre Strategie ging offenbar auf. „Schon bald tauten die meisten auf und sagten mir: ,Sie sind ja gar kein typischer Wessi‘.“ Das hat sie als Kompliment verstanden.

Vor dem Mauerfall gab es einen Elternrat

Claudia Remmert konnte ja verstehen, dass sich viele Ostdeutsche nach dem Mauerfall überrannt und bevormundet fühlten, dass nach der ersten Begeisterung eine gewisse Ernüchterung folgte. Und sie erlebte auch, dass viele Westdeutsche in den Osten kamen und erst mal sagten, wo es langzugehen habe. Bei Lehrerfortbildungen sei der Tenor gewesen: „Wir haben euch noch viel beizubringen.“

Diese Überheblichkeit störte Claudia Remmert. Und sie fand auch: „Es gab einiges im Schulsystem der DDR, das man durchaus hätte erhalten können.“ Die Kolleginnen und Kollegen erzählten ihr zum Beispiel, dass es früher einen Lehrer- und einen Elternrat gegeben hatte, die für einen engeren Austausch im Kollegium und mit den Eltern sorgten als an westdeutschen Schulen üblich. Zum Beispiel hatten an der Schule früher auch regelmäßig Hausbesuche bei den Familien der Schülerinnen und Schüler stattgefunden.

Viele Lehrerinnen und Lehrer waren nach dem Mauerfall verunsichert

Schade fand Claudia Remmert, dass es das nun nicht mehr gab. „Es liegt doch in eurer Hand, das könnt ihr doch fortführen“, habe sie damals die Kolleginnen und Kollegen ermuntern wollen. Aber viele waren verunsichert und überfordert. Es fehlte vielleicht auch der Mut, sich mit eigenen Wünschen einzubringen und für das, was sich aus ihrer Sicht doch bewährt hatte, zu kämpfen.

Vielleicht ging manches auch einfach zu schnell, vielleicht kam zu viel Neues auf einmal, denkt Claudia Remmert heute. Die Fortbildungsmöglichkeiten, die von den Patenbundesländern herangetragen wurden, hätten möglicherweise auch mehr Zustimmung erfahren, wenn die Menschen mehr Zeit gehabt hätten, ist sie überzeugt. Die neuen Bundesländer hatten damals Patenbundesländer aus dem Westen, die die Umstrukturierungsprozesse in den Schulen begleiteten. Für Brandenburg war das Nordrhein-Westfalen und das Saarland.

Menschen vor Haus
Claudia Remmert (2.v.r.) mit Schülerinnen ihres ersten Pädagogik-Kurses auf Klassenfahrt.
©privat

So gab es an den Brandenburger Schulen zum Beispiel das Angebot, Pädagogik als Schulfach einzuführen, wie es das auch in Nordrhein-Westfalen gab. Interessierte Lehrkräfte konnten das Fach an der Universität Potsdam berufsbegleitend studieren und wurden dafür einen Tag in der Woche vom Unterricht freigestellt. Claudia Remmert meldete sich sofort ­– als einzige im Kollegium. „Ich hatte das Fach selbst in meiner Schulzeit und fand es toll.“ Der Schulleiter reagierte allerdings überrascht: „Wieso wollen Sie denn noch mal studieren? Sie kommen doch aus dem Westen.“

Gruppenarbeit oder Schülerreferate waren neu

Nicht nur beim Studium für das Schulfach Pädagogik, auch in der pädagogischen Praxis lagen die Vorstellungen anfangs auseinander. Frontalunterricht war damals noch üblich an der neuen Schule von Claudia Remmert. Formen wie Gruppenarbeit oder Schülerreferate, die sie in Berlin schon praktiziert hatte, waren hier neu. Allerdings sagt sie heute auch: „Da waren wir in der Schule in Neukölln recht weit, ich glaube auch nicht, dass das überall in West-Deutschland so war.“

Nicht alles, was damals schwierig schien, war immer ein Ost-West-Problem, glaubt sie 30 Jahre später. Und die Zusammenarbeit mit den meisten Kolleginnen und Kollegen lief im Alltag trotz manch unterschiedlicher Ansicht gut. Es war ja auch motivierend, gemeinsam neue Wege zu gehen. Zum Beispiel hat sie zusammen mit der Brandenburger Französischkollegin den ersten Austausch mit einer bretonischen Schule in die Wege geleitet. Das hat beide zusammengeschweißt. Von der anfänglichen Skepsis gegenüber der „Westfrau in dem Schweinchenrosa-Haus“ war jedenfalls bald nichts mehr zu spüren, sie fand im Kollegium neue Freunde.

Irgendwann wurden Ost-West-Fragen nicht mehr gestellt

Seit 2013 ist Claudia Remmert nun im Ruhestand. Als sie ging, wurden Ost-West-Fragen ohnehin nicht mehr gestellt. Einen genauen Zeitpunkt dafür, wann diese aufhörte, kann sie rückblickend nicht ausmachen. Aber schon Ende der 90er-Jahre waren immer mehr Schülerinnen und Schüler aus dem Westen gekommen, weil viele Familien aus der Stadt ins Grüne zogen. Und das Kollegium war irgendwann auch stärker durchmischt. Ein roter Mazda auf dem Parkplatz fiel bald gar nicht mehr auf.

Auf einen Blick

  • Jedes der fünf neuen Bundesländer hatte nach der Wende ein oder mehrere Patenländer aus dem Westen, die bei der Neuausrichtung in der Verwaltung und in den Schulen helfen sollten. Im Fachdeutsch hießen sie „westdeutsche Verwaltungshilfepartner“.
  • In Brandenburg bestand die Patenschaft mit Nordrhein-Westfalen und dem Saarland. In Mecklenburg-Vorpommern waren Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg mit im Boot. Thüringen ging eine Patenschaft mit Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern ein, Sachsen ebenfalls mit Bayern und Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt mit Niedersachsen.

Mehr zum Thema

  • Das Schulportal hat zwei Lehrerinnen getroffen, die über ihre persönlichen Wendeerfahrungen sprachen.
  • Elke Schütz arbeitete am Tag des Mauerfalls als Lehrerin in Ost-Berlin. Hier erzählt sie, wie sie die Wende an ihrer Schule erlebte, wie sie später an eine Schule in Berlin-Neukölln zwangsversetzt wurde und warum das für sie nach dem ersten Schock ein großes Glück war.
  • Der Erfurter Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher Marcel Helbig erklärt im Interview mit dem Schulportal, wie sich das Bildungssystem im Osten seit der Wende entwickelt hat und warum in vielen ostdeutschen Städten die soziale Spaltung an Schulen heute größer ist als im Westen.