30 Jahre Mauerfall : „In der Schule herrschte eine kreative Anarchie“

Das Schulportal hatte in einem Aufruf nach Lehrkräften gesucht, die nach dem Mauerfall von Ost nach West oder umgekehrt gewechselt sind. Wir haben zwei Lehrerinnen getroffen, die von ihren Erinnerungen an den Mauerfall und an den Wandel des Schulsystems erzählen. Hier lesen Sie, wie Elke Schütz die Wende an ihrer Schule in Ost-Berlin erlebte, wie sie später an eine Schule in Neukölln (West-Berlin) zwangsversetzt wurde und warum das für sie nach dem ersten Schock ein großes Glück war.

Florentine Anders / 07. November 2019
Elke Schütz steht in ihrem Garten
Die Lehrerin Elke Schütz wohnt in Treptow und arbeitet an einer Schule in Neukölln. Vor der Wende unterrichtete sie in der DDR an einer Polytechnischen Oberschule (POS).
©Florentine Anders
Elke Schütz sitzt vor der Wende am Lehrertisch ihres ehemaligen Klassenzimmers in Ost-Berlin.
In der DDR unterrichtete Elke Schütz an einer Polytechnischen Oberschule in Treptow. Am Tag nach dem Mauerfall fehlten viele Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer.
©privat

Natürlich erinnert sich Lehrerin Elke Schütz noch genau an jenen 9. November vor 30 Jahren: Es war ein Donnerstag, die Polytechnische Oberschule POS Paul Körner-Schrader in Treptow im Osten Berlins hatte die Schulgemeinschaft zu einem regulären Informationsabend in die Aula eingeladen. Plötzlich sprang ein Vater auf und rief „Die Mauer ist offen!“. „Damit war die Versammlung gesprengt“, erzählt die heute 60-Jährige.

Elke Schütz fuhr nach Hause zu ihrem Mann und zu ihrer damals sechsjährigen Tochter. Den ganzen Abend saßen sie vor dem Fernseher und konnten ihren Augen kaum trauen. Als sie am nächsten Morgen vor ihrer Klasse stand, fehlte die Hälfte der Schülerinnen und Schüler. An Unterricht nach Lehrplan war an diesem Tag nicht zu denken. „Wir redeten die ganze Zeit über das, was da gerade passierte und was es zu bedeuten hat“, sagt sie. Elke Schütz unterrichtet Deutsch und Geschichte. Die Geschichtsbücher konnten geschlossen bleiben, an diesem Tag wurde Geschichte gemacht – das wussten die Schülerinnen und Schüler genauso wie ihre Lehrerin.

Diskussionen mit den Schülerinnen und Schülern in der Wohnung

Schließlich hatte die Wende sich angebahnt. Erst wenige Monate zuvor war Elke Schütz mit Neunt- und Zehntklässlern auf einer Fahrt in Moskau. Im Zug stürzten sich alle auf die deutschsprachigen Hefte der Zeitschrift „Sputnik“, in denen von Perestroika und Glasnost die Rede war. Im Unterricht hatten die Jugendlichen oft über die Reformen von Michael Gorbatschow im „großen Bruderland“ gesprochen und auch darüber, was das für das eigene Land zu bedeuten hatte. Ein Jahr zuvor hatte sie mit ihrer Klasse den sowjetischen Film „…und morgen war Krieg“ einen Tag vor seiner Absetzung gesehen. Diskutiert wurde am nächsten Tag in ihrer Wohnung. Alle spürten, es würde Veränderungen geben.

Lehrerin Elke Schütz förderte den kritischen Geist der Jugendlichen. Sie benutzte Unterrichtsmaterialien, die oft eine andere Geschichte erzählten als die Lehrbücher, zum Beispiel zum Aufstand am 17. Juni 1953 in der DDR. „Ich hatte das Glück, dass ich damals schon an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam einen sehr kritischen Geschichtsprofessor hatte, der uns mit Material versorgte, das öffentlich so nicht zugänglich  war“, erzählt sie. Auf einer Reise mit Geschichtslehrerinnen und -lehrern im Oktober 1989 sprach sie mit einem Kollegen, der sich in der Bürgerrechtsbewegung „Neues Forum“ engagierte. Elke Schütz war neugierig und ging mit zu den Versammlungen. Sie trafen sich in Privatwohnungen und diskutierten über einen neuen Staat und darüber, wie die Schule der Zukunft aussehen sollte.

Neue Lehr- und Lernformen ausprobieren und den Lehrplan neu gestalten

Als die Mauer fiel, war die Euphorie groß. „Wir wollten neue Lehr- und Lernformen ausprobieren, den Lehrplan viel offener gestalten und in Projekten arbeiten“, sagt sie. In den folgenden Wochen herrschte an ihrer Schule eine kreative „Anarchie“. Elke Schütz experimentierte mit neuen Formaten, machte Filme und Hörspiele mit ihren Schülerinnen und Schülern. „Es gab aber auch Kolleginnen und Kollegen, die zutiefst verunsichert waren, einige so stark, dass sie krank wurden“, erinnert sie sich.

Als nach der Wiedervereinigung das Schulsystem West-Berlins eins zu eins auf Ost-Berlin übertragen wurde, war das zunächst eine große Enttäuschung für Elke Schütz. „Die Idee einer neuen Schule, die die Vorzüge beider Systeme vereint, war nicht mehr gefragt“, sagt sie. Die POS wurden nun Grund-, Haupt- und Realschulen oder Gymnasien, einige auch Gesamtschulen. Die Schulen im Osten bekamen neue Namen: Die Paul-Körner-Schrader-Schule wurde zur vierten Realschule in Treptow und bekam eine Realschule aus dem angrenzenden West-Bezirk Neukölln als Partnerschule zur Seite gestellt. „Es gab genau ein Treffen der beiden Kollegien, das so vergiftet war durch Vorurteile vor allem von den West-Kollegen gegenüber den Kompetenzen der Ost-Kollegen, dass es war wie auf eine Mauer zu stoßen.“ Damit hatte sich der Austausch erledigt.

Die Zwangsversetzung nach der Wende nach Neukölln war zunächst ein Schock

Um so größer war der Schock für Elke Schütz, als es 1995 hieß, dass sie an eine Schule nach Neukölln versetzt werde. Sie selbst hatte Vorurteile, glaubte, die Kolleginnen und Kollegen in Neukölln würden arrogant sein, ihre bisherigen Leistungen nicht anerkennen, und die Schülerschaft sei schwierig. Gleichzeitig hatte sie an ihrer Schule viele Veränderungen angestoßen – Kinder, Eltern und Kollegium protestierten gegen die Entscheidung. Doch im Osten gab es einen Überhang an Lehrkräften, Elke Schütz unterrichtete in Klassen mit nur noch 16 Schülerinnen und Schülern, schließlich konnten nun viel mehr Kinder als früher auf das Gymnasium wechseln. Bei der Entscheidung, wer gehen muss, zählte allein ein Punktesystem nach Kriterien wie Alter oder Anzahl der Kinder.

Im Nachhinein ist Elke Schütz froh, zu diesem Schritt nach West-Berlin gezwungen worden zu sein. Denn schließlich kam alles anders als erwartet. Heute bezeichnet sie die Versetzung von Treptow nach Neukölln beruflich als ein großes Glück. Manch einer Kollegin, manch einer Lehrkraft im Osten würde sie einen solchen Schritt heute noch wünschen, so hartnäckig, wie sich Vorurteile in einigen Köpfen halten.

Elke Schütz kam an die sieben Kilometer entfernte Clay-Schule, eine Gesamtschule in Neukölln. Hier freuten sich die Kolleginnen und Kollegen über die Verstärkung aus dem Osten, sie waren neugierig auf ihre Erfahrungen in der DDR und mit der Wende und zeigten von Anfang an große Wertschätzung. Vielleicht lag es daran, dass an den Gesamtschulen – einem Schulversuch, der 1969 gestartet war – vor allem Lehrkräfte arbeiteten, die ohnehin offen für Neues waren, vielleicht auch daran, dass der Mauerfall inzwischen schon einige Jahre zurücklag.

Konsequenz und klare Regeln kamen bei den Jugendlichen in Neukölln gut an

Auch mit den Schülerinnen und Schülern kam Elke Schütz besser zurecht als zuvor befürchtet. Aus dem Osten brachte sie eine Pädagogik der klaren Regeln und Konsequenzen mit. Das kam bei den Jugendlichen in Neukölln gut an. Die Kolleginnen und Kollegen konnten sich einiges abschauen – und umgekehrt traf das auf die Lehrerin aus dem Osten genauso zu.

Elke Schütz sog alle neuen offenen Lernformen, die hier ausprobiert wurden, neugierig auf. Als sie mit einem sogenannten GA-Kurs ein Zeitungsprojekt startete, schauten die anderen erst skeptisch zu. Mit den Jugendlichen auf Hauptschulniveau sei ein solch ambitioniertes Projekt nicht zu machen, meinten einige. Sie irrten. „Die Jugendlichen waren so stolz, dass ich ihnen unvoreingenommen so viel zutraute, dass sie extrem motiviert waren und das Projekt ein voller Erfolg wurde. Ihr Artikel wurde in der Berliner Zeitung abgedruckt“, erzählt sie.

Heute berät sie Schulen bei der Umsetzung offener Unterrichtsformen

Viele Kolleginnen und Kollegen waren beeindruckt, und Elke Schütz war gleichermaßen angetan davon, wie offen und kritisch im Kollegium dieser Schule diskutiert wurde. Teamarbeit unter den Lehrkräften gehörte zum Konzept der Gesamtschule. Sie tauschten Unterrichtsvorbereitungen und Wochenpläne für die Freiarbeit aus, planten gemeinsam Projekttage. Elke Schütz interessierte sich besonders für den kooperativen, offenen Unterricht, für das eigenverantwortliche und selbstständige Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler, belegte Fortbildungen und wurde schließlich selbst Fortbildnerin und Schulberaterin. Seit einigen Jahren leitet sie als verantwortliche Trainerin die Pädagogische Werkstatt „Lernen – individuell und gemeinsam“ der Deutschen Schulakademie in Berlin. Noch immer arbeitet sie an der Clay-Schule und sagt: „Der Wechsel von Treptow nach Neukölln war für mich letztendlich eine riesige Erweiterung des Horizontes und hat mir viele Möglichkeiten eröffnet.“

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