Corona und die Künste : Mathe im Museum

Die Kulturpolitik könnte die Corona-Krise kreativer nutzen, denn in diesem historischen Moment ist Großzügigkeit gefragt. Warum also nicht mal Geschichte im Theatersaal unterrichten?

Dieser Artikel erschien am 11.11.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Catrin Lorch
Theaterbühne
Das leere Opernhaus der Staatstheater Stuttgart während der Corona-Krise.
©dpa

Dass sich diese zweite Abriegelung des öffentlichen Lebens von der ersten im Frühjahr unterscheidet, darin sind sich vor allem Kulturschaffende einig: Während damals Geschäfte und Schulen genauso schließen mussten wie Museen und Theater, ist es diesmal der unter „Freizeiteinrichtungen“ subsumierte Kulturbetrieb, der zusperrt – während Kaufhäuser, Baumärkte und Boutiquen geöffnet bleiben.

Es war zu erwarten, dass die große Solidarität mit der Dauer der Krise bröckeln würde – aber die gegenwärtige Debatte, ob man über die Dauer des Sommers nicht ausgefeiltere Lösungen hätte finden können, beginnt gerade erst. Und nicht nur der Deutsche Museumsbund, sondern auch Theaterintendanten monieren, dass die aktuellen Maßnahmen nicht durch Vernunft, sondern politische Räson motiviert seien.

In diese Diskussion mischte sich in der vergangenen Woche Christina Végh, Kunsthallendirektorin aus Bielefeld. Unwillig, sich als Opfer der Maßnahmen zu begreifen, drehte sie die Kritik um: Wenn sich der Staat schon Opernhäuser, Museen und Theater als Bildungseinrichtungen leiste, solle er doch wenigstens die weitläufigen und klimatisierten Flächen öffnen.

Für Vermittlungsangebote oder – nötigenfalls – den Schulunterricht. „Ich würde den Schulen gerne zurufen dürfen: Wir sind da!“

Der Ruf ist nicht ungehört verhallt – jetzt sprach sich Bundesbildungsministerin Anja Karliczek dafür aus, die wegen der Hygienebedingungen von Raumnot geplagten Schulen doch auf andere Räume ausweichen zu lassen, infrage kämen „Pfarrzentren und Museen“, wobei natürlich „insgesamt viel Kreativität und auch Toleranz von allen Seiten gefragt“ sei.

Man kann den Vorstoß der Kunsthallendirektorin und der Politikerin zunächst als pragmatisch schätzen. Kulturpolitiker, die jetzt angespannt auf die Diskussion reagieren, wie die Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen Isabell Pfeiffer-Poensgen („Keine Extra-Wurst für die Kultur“), könnten aber mit vergleichbarer Kreativität über Programme nachdenken, die kreativer sind als die aktuellen Neiddebatten.

Der Maler Mark Rothko wurde genauso unterstützt wie Jackson Pollock

Statt sich ungerecht behandelt zu fühlen, geht es darum, wieder handlungsfähig zu werden. Ein historisches Vorbild wäre das Programm der „Works Progress Administration“, die in den USA während der Depression der Dreißigerjahre nicht nur Arbeitslose verpflichtete, Brücken und Staudämme zu bauen. Auch Künstler, Fotografen, Autoren und Musiker wurden unterstützt. Zu den mehr als 10 000 Kreativen, die im öffentlichen Auftrag arbeiteten, gehörten auch Orson Welles – der ein Theaterstück einstudierte – und Aaron Copland, der das Stück „Quiet City“ schrieb.

In dieser Zeit reisten Walker Evans und Dorothea Lange mit der Kamera durchs Hinterland und fotografierten die Verlierer der großen Krise, während Gordon Parks in Washington schwarze Arbeiter porträtierte. Der Maler Mark Rothko wurde genauso unterstützt wie Jackson Pollock, der sich mit Mundraub vor dem Verhungern rettete, bevor er überraschend den Auftrag für eine große Wandmalerei erhielt.

Die Ausstellung „1934: A New Deal for Artists“ des Smithsonian American Art Museums hat dieses einzigartige Programm für die Kunst historisch aufgearbeitet und festgestellt, dass – wie nebenbei – die USA in den dabei entstandenen Kunstwerken erstmals zu einem Ausdruck ihrer gemeinsamen Identität fanden. Zudem, so stellte die Historikerin Lauren Sklaroff fest, führte das Programm dazu, dass Kunst und Kultur erstmals in einer breiten Öffentlichkeit rezipiert wurden: „Die Idee dieses staatlichen Projekts war es eben auch, Kunst an die Massen zu vermitteln“, die gemeinsame Anstrengung führte zu einem ersten, gemeinsamen Kanon der Kultur.

Natürlich unterhält die Bundesrepublik Deutschland ein differenziertes und reiches Fördersystem. Dennoch: Es kann in dieser Krise nicht nur um Verteilungskämpfe gehen; darum, zu debattieren, wer zuerst öffnen darf, wer förderungswürdig ist und wer eingespart werden kann. Der Staat, der so viel Geld bereitstellt für Kunst, Kultur und Bildung – er darf auch etwas einfordern. Weil am Ende womöglich mehr zu gewinnen ist.

Allein die Vorstellung, Schulklassen würden monatelang in musealer Ruhe dem Mathematikunterricht folgen, Gesellschaftskunde vor Joseph Beuys erhalten und verteilt im Parkett eines – leicht abgedunkelten – Theatersaals über Geschichte diskutieren – was für ein unerhörter Gewinn. Die solidarische Geste der Kulturinstitutionen würde diesem historisch einzigartigen Moment gerecht werden. Und von der Politik einfordern, dass sie mit der gleichen Souveränität, Großzügigkeit und Kreativität regiert.