Programm für ukrainische Kinder : „Man spürt eine innere Unruhe“

Damit geflohene Kinder aus der Ukraine in München ein bisschen Normalität erleben, hat die Europäische Janusz Korczak Akademie mit Ehrenamtlichen ein pädagogisches Programm auf die Beine gestellt. Auch Schulen und andere Einrichtungen bieten Betreuung und Kurse an.

Dieser Artikel erschien am 22.03.2022 in der Süddeutschen Zeitung
Sophie Menner
Kinder im Unterricht
Spiele, Sprachkurse, Sport und Unterricht bietet das pädagogische Programm der Europäischen Janusz Korczak Akademie für ukrainische Flüchtlingskinder. (Symbolbild)
©iStock

Der „Green Saal“ der Europäischen Janusz Korczak Akademie (EJKA) in München heißt vermutlich so, weil die Wände des Seminarraumes grasgrün gestrichen sind. Doch in dieser schwierigen Zeit geben die grünen Wände nicht nur dem Raum einen Namen, sondern stehen für sich: grün wie die Hoffnung. „Wir geben den Kindern hier ein bisschen Normalität zurück“, sagt Elena Sidhu. Die Psychologin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) arbeitet an diesem Tag zum ersten Mal mit den geflüchteten ukrainischen Kindern, die aktuell von der EJKA betreut werden.

„Shalom Ukraine“ heißt das pädagogische Angebot, das die jüdische Bildungseinrichtung EJKA und die IKG in München gemeinsam auf die Beine gestellt haben. „Viele Menschen aus der jüdischen Gemeinde stammen selbst aus der Ukraine oder haben ukrainische Verwandte“, erklärt Olga Kotlytska. Die Leiterin des Projekts ist selbst in Charkiw geboren. „Als wir vom Krieg gehört haben, wussten wir sofort, dass wir etwas tun müssen.“ Kurze Zeit später stand das Programm. Montag bis Freitag von zehn bis dreizehn Uhr werden die ukrainischen Kinder im Alter von circa sechs bis dreizehn Jahren betreut.

Zunächst gibt es Workshops, dann Spiele, psychologische Betreuung, Sport, Sprachkurse oder Unterricht, zum Abschluss eine warme Mahlzeit. „Wir haben mittwochs angefangen. Freitag waren wir bereits voll“, sagt Kotlytska. An diesem Tag sind 20 Kinder gekommen. Die Eltern nehmen in der Zwischenzeit an einer Stadtführung teil. Noch immer rufen täglich zehn bis fünfzehn Personen auf der Suche nach einer Betreuung an.

Im „Green Saal“ sitzt ein kleines Mädchen mit blonden Locken auf einem überdimensionalen roten Holzschaukelstuhl und wippt. Ein anderes Mädchen mit Zöpfen und bunten Haargummis tanzt. Alle rufen durcheinander. Es ist laut und die Stimmung scheinbar unbeschwert. An einem kleinen Tisch flechtet Roman Senin, der in Sankt Petersburg studiert hat und gerade seinen Bundesfreiwilligendienst bei der EJKA leistet, mit einem Jungen ein Armband. Eigentlich gibt er Theaterworkshops. „Ich habe mich informiert. Es ist gut, wenn die Kinder sich auf etwas fokussieren und abgelenkt sind.“ Behutsam bindet er dem Jungen das fertig gebastelte, neonorange Armband um das dünne Handgelenk.

„Man spürt eine innere Unruhe“, sagt auch Psychologin Sidhu. Zusammen mit ihrem Kollegen Igor Kolesnikov spielt sie mit den Jüngeren ein Spiel. Auf bunten Karten ist ein Erdmännchen in verschiedenen Haltungen zu sehen – mal tanzend, mal traurig. „Die Karten symbolisieren die Stärken und Schwächen“, erklärt Sidhu. Die Kinder sollen Kärtchen aussuchen, die zu ihrem Charakter passen. Das funktioniert nur mäßig. Die Jungen und Mädchen sind abgelenkt, können nicht stillsitzen.

Im Nachbarraum ist es ruhiger. Die etwas älteren Kindern versuchen hier, spielerisch Deutsch zu lernen. „Heute ist Donnerstag“ steht auf der Tafel. Im Anschluss gilt es, das deutsche Schulsystem zu verstehen: Nach der Grundschule kommt eine weiterführende Schule. Für die Universität braucht man Abitur. Nicht ohne Grund stehen diese Themen auf dem Plan. Die Kinder sollen so schnell wie möglich am regulären Schulunterricht teilnehmen können, um Struktur im Alltag zu bekommen. Ohne vorherige Sprachkenntnisse ist das eine große Herausforderung.

„Grundsätzlich werden an zahlreichen Schulen aktuell pragmatisch erste geflüchtete Kinder und Jugendliche integriert. Dies geschieht abhängig von Sprachkenntnissen und Übersetzungsmöglichkeiten“, erklärt Andreas Haas, Sprecher des Referates für Bildung und Sport der Stadt München. „Zum Teil findet die Integration mit individuellen Angeboten statt, wie etwa in der vergangenen Woche am städtischen Luisengymnasium mit Malkursen.“ Die genaue Anzahl von Schülerinnen und Schülern, die bereits städtische Schulen besuchen, lasse sich aufgrund der dynamischen Entwicklung momentan noch nicht beziffern.

Neben der EJKA bietet auch das Kulturzentrum Gorod in München Unterricht für geflüchtete Kinder aus der Ukraine an. Der Schultag besteht aus Unterricht in Sprachen wie Deutsch und Englisch, Naturwissenschaften und kreativen Workshops. Eine Registrierung ist auf der Website möglich. Auch die Münchner Volkshochschule startet von diesem Montag an mit Deutschkursen für Geflüchtete. Kurse für Kinder seien ebenfalls geplant.

In den Räumen der EJKA ist es nun Zeit für Musik – und die macht Projektleiterin Olga Kotlytska selbst. Die Kinder und Betreuerinnen versammeln sich um das Klavier. Alle singen. Die Jungen und Mädchen tanzen. Die Sprache der Musik sprechen alle.