Buch-Tipp

Bildungsgerechtigkeit : „Die Lüge, dass es alle schaffen könnten“

Lisa Graf hat den Bildungsaufstieg geschafft. Sie ist selbst in zeitweise prekären Verhältnissen groß geworden und trotz vieler Widrigkeiten an die Uni gekommen. Heute ist sie Lehrerin und hat drei Jahre an einer Haupt- und Realschule in sozial benachteiligter Lage gearbeitet. Die Erfahrungen aus dieser Zeit hat sie in ihrem Buch „Abgehängt“ dargestellt. Darin erzählt sie, wie sie auf einmal ihrer eigenen Schulzeit wiederbegegnet ist und wie wenig sich beim Thema Bildungsgerechtigkeit verändert hat.

Annette Kuhn 06. Oktober 2022 Aktualisiert am 10. Oktober 2022

„Haben Sie Scheiße gebaut?“ Das hat Lisa Graf schon oft von ihren Schülerinnen und Schülern gehört. Sie konnten nicht glauben, dass ihre Lehrerin freiwillig an einer Haupt- und Realschule in herausfordernder Lage in Mannheim gearbeitet hat, obwohl sie doch auch an ein Gymnasium hätte gehen können. Schließlich ist sie dafür ausgebildet.

Für Lisa Graf waren diese drei Jahre, die sie jetzt in einem bemerkenswerten Buch beschrieben hat, ein Stück Begegnung mit ihrer eigenen Schulzeit. Sie erkannte sich und ihr damaliges Leben in den Jugendlichen, die jetzt vor ihr saßen, wieder. Sie kennt ihre Sprache, sie kennt ihre Lebensverhältnisse, sie kennt ihren Frust. Und vielleicht ist es genau das, was ihr Buch so glaubwürdig und berührend macht. Sie schreibt mit viel Sympathie für die Schülerinnen und Schüler an dieser Schule, auch wenn sie sie im Unterricht häufig an ihre Grenzen gebracht haben.

Statt Aufmerksamkeit gibt es einen Tadel

Lisa Graf weiß, wie schwer Bildungsaufstieg in Deutschland ist. Sie kommt aus einer Nicht-Akademiker-Familie. Als sie gerade in die zweite Klasse kommt, stirbt ihr Vater. Ihre Mutter ist mit den drei Kindern und Spätschichten als Altenpflegerin überfordert. Während Lisa Graf am Ende der ersten Klasse noch ein Zeugnis voll des Lobes bekommt, fallen die weiteren Zeugnisse zunehmend mahnender aus. Niemand in der Schule fragt aber, ob der Leistungsabfall vielleicht mit ihrer schwierigen familiären Situation zusammenhängt. Niemand fragt, ob sie statt immer neuer Tadel mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung braucht. Nach der vierten Klasse landet sie auf der Realschule, und nur weil sie nach der zehnten Klasse keinen Ausbildungsplatz findet, dafür aber einen Stiefvater hat, der glaubt, dass sie das Abitur schaffen kann, macht sie schließlich ihr Abitur auf einer Gesamtschule, absolviert ein Lehramtsstudium.

Die Ausnahme nicht zum Maßstab machen

Ihre eigenen Erinnerungen lässt sie im Buch immer wieder einfließen, wenn sie über ihren Alltag als Lehrerin an der Hauptschule erzählt. Sie sagt aber auch, dass ihre Ausgangslage besser gewesen sei als die ihrer Schülerinnen und Schüler: „Zum einen hatte ich keinen Migrationshintergrund, der mich zur Zielscheibe von Diskriminierung gemacht hätte. Zum anderen war der Realschulabschluss damals auf dem Arbeitsmarkt noch mehr wert.“ Heute wüssten Jugendliche oft noch weniger, für welche Perspektive sie sich eigentlich anstrengen sollten. Um so dringender ist ihr Appell, dass sich etwas, nein, dass sich viel ändern muss.

Es gibt harte Sätze in diesem Buch: „Die meisten, die unten starten, bleiben auch dort. Und wenn es doch einmal jemand nach oben schafft, wird sein Gesicht zum Aushängeschild für eine Lüge. Die Lüge, dass es alle schaffen könnten.“ Man könne diese Ausnahmen nicht zum Maßstab machen.

All diese Versuche, etwas zu ändern, sind jedoch lediglich Versuche, das marode System zu kitten oder im besten Falle stellenweise umzubauen.

In den knapp 20 Jahren zwischen ihrer eigenen Schulzeit und der ihrer heutigen Schülerinnen und Schüler habe es viele Reformen gegeben. Mehr Bildungsgerechtigkeit hätten sie nicht erreicht. „All diese Versuche, etwas zu ändern, sind jedoch lediglich Versuche, das marode System zu kitten oder im besten Falle stellenweise umzubauen.“ Das würde nicht reichen und dadurch würde sich auch nichts ändern. Sie fordert nichts weniger als „eine Kernsanierung, einen Abriss und Neuaufbau.“

Digitalisierung, um Kinder unabhängiger von der Unterstützung der Eltern zu machen

Sie nennt auch konkrete Ansätze: Eine längere gemeinsame Schulzeit und mehr Diversität, mehr Multiprofessionalität in den Lehrerzimmern, denn für Lisa Graf ist auch klar, dass Lehrkräfte allein nicht den Spagat zwischen Wissensvermittlung und Sozialarbeit leisten können.

Und mehr Tempo bei der Digitalisierung wünscht sie sich auch. Das entsprechende Kapitel zum Thema nennt sie „Digitaligäääähn“ und schreibt darin: „Die Empörung über die nicht anlaufende Digitalisierung der Schulen ist inzwischen fast so alt und miefig wie der Overheadprojektor, die Schulbücher und der Tafelschwamm selbst.“

Für sie geht es bei der Digitalisierung allerdings nicht einfach darum, Schulen und Unterricht moderner und zukunftsfähiger zu machen, sondern vor allem gerechter. Denn über digitale Plattformen könnten Schülerinnen und Schüler ihr Lernen selbstständiger und unabhängiger von der Unterstützung ihrer Eltern organisieren. Denn diese Unterstützung können die einen Eltern leisten, die anderen aber nicht, was von vornherein die Schere zwischen den Kindern weit öffnet.

Wenn Kinder nie ihre Schulbücher, ihre Arbeitszettel dabeihaben, weil ihnen keiner beim Packen des Schulranzens hilft, dann bekommen sie zwangsläufig irgendwann nichts mehr mit vom Unterricht und werden – abgehängt.

Auf einen Blick

  • Lisa Graf: „Abgehängt. Von Schule, Klassen und anderen Ungerechtigkeiten. Weckruf einer Lehrerin“, Heyne Verlag, 224 Seiten, 16 Euro.
  • In ihrem Blog „Meine Klasse“ schreibt Lisa Graf auch über ihre Erfahrungen als Lehrerin und über die Wege und Umwege ihrer Schülerinnen und Schüler.