Dieser Artikel erschien am 18.04.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Thomas Dudek

Polen : Lehrer streiken, Abitur in Gefahr

Seit über einer Woche streiken die polnischen Lehrer. Die Bevölkerung zeigt viel Solidarität - die älteren Schüler aber fürchten um ihre Abschlüsse.

Streikende Lehrer in Polen: Ohne Nebenjob kommt man kaum über die Runden
Streikende Lehrer in Polen: Ohne Nebenjob kommt man kaum über die Runden
©dpa

„Die Fremdsprachen-Prüfungen der Acht­klässler konnten statt­finden“ – was seltsam klingt, war in dieser Woche eine der wichtigsten innen­politischen Nachrichten in polnischen Medien. In Polen sind solche Schlag­zeilen zur Zeit nicht ungewöhnlich. Seit Montag vergangener Woche befinden sich viele Lehrer im Streik.

Der Arbeitskampf startete pünktlich zum Beginn der Prüfungs­zeit, die im polnischen Schul­system von enormer Bedeutung ist. Nach acht­jähriger Grund­schule entscheidet sich in diesen Wochen, ob Schüler auf Allgemein­bildende oder Technische Ober­schulen kommen, wo sie dann ihr Abitur ablegen oder auf mehr­jährigen Berufs­schulen ihre Schul­lauf­bahn beenden. Und für Abiturienten stehen im Moment die Vor­klausuren an.

Der seit Tagen andauernde Streik ist der bisher letzte Höhe­punkt eines seit Wochen andauernden Konflikts zwischen der polnischen Regierung und der Lehrer­gewerk­schaft ZNP sowie den im Gewerk­schafts­verband FZZ organisierten Pädagogen. Es geht ums Geld: Nach Angaben des polnischen Bildungs­ministeriums verdient ein diplomierter Lehrer, der höchste berufliche Aufstieg, den in Polen ein Pädagoge erreichen kann, durchschnittlich 3.784 Zloty (rund 880 Euro) – was nach Ansicht des Bildungs­ressorts ein gutes Gehalt ist.

Zweifel an Regierungs­angaben

Eine Meinung, mit der die Regierung jedoch ziemlich alleine dasteht. Nicht nur, weil die vom Bildungs­ministerium angegebenen 880 Euro mit über 100 Euro unter dem polnischen Durch­schnitts­gehalt liegen. Laut einem Bericht der Tages­zeitung „Rzeczpospolita“, die eine Umfrage unter Lehrern durch­führte, entspricht die vom Ministerium genannte Summe nicht der Realität.

Je nach Region verdient ein diplomierter Lehrer demnach, inklusive Zulagen, maximal 700 Euro. Mit noch weniger Geld im Monat müssen der Umfrage zufolge Referendare auskommen, die knapp 2.000 Zloty (470 Euro) verdienen. Der Unter­schied zwischen den Umfrage­ergebnissen und amtlichen Statistiken wird mit einem simplen Trick des Bildungs­ministeriums erklärt: Das rechnet in seine Gehalts­angaben für berufs­erfahrene Pädagogen auch alle möglichen Zahlungen wie Berufs­jubiläums­prämien und Ruhe­stands­boni mit ein.

„Um über die Runden zu kommen, versucht man nebenbei noch andere Jobs anzunehmen“, sagt Deutsch­lehrer Tomasz Urban dem SPIEGEL. „Viele Lehrer geben Nach­hilfe­stunden, ich arbeite zusätzlich als Sport­journalist. Sonst geht es nicht.“ Fußball­fans in Polen ist Urban als Bundes­liga-Experte bekannt, er betont aber: „Ich arbeite sehr gerne als Lehrer.“

Pädagogen gegen „lügen­hafte Darstellungen“

Im aktuellen Konflikt geht es jedoch nicht nur um höhere Löhne. „Die Lehrer sind nicht nur wegen ihrer geringen Gehälter, sondern auch wegen der lügenhaften Darstellung ihrer Arbeit in den regierungs­treuen Medien verzweifelt. Wir kämpfen nicht nur ums Geld. Wir kämpfen auch um unsere Würde und um das gesellschaftliche Ansehen“, sagt Urban. Tatsächlich werden seit Wochen in der regierungs­nahen Presse Lehrer als faule und geldgierige „politische Terroristen“ dargestellt, die „Kinder zu ihren Geiseln“ machten.

Zusätzliches Öl ins Feuer gießen führende Politiker der regierenden PiS. „Lehrer sind nicht verpflichtet, im Zölibat zu leben. Das Kinder­geld­programm 500+ wird allen polnischen Familien ausgezahlt. Es gilt auch für Lehrer“, so wies etwa Krzysztof Szczerski, Kabinetts­chef des polnischen Staats­präsidenten Andrzej Duda, die Klagen über zu geringe Gehälter zurück.

Senatsmarschall Stanislaw Karczewski wiederum appellierte an den Arbeits­ethos der Lehrer. „Ich habe aus Idealismus gearbeitet, ich arbeite aus Idealismus und ich werde aus Idealismus arbeiten. Und für Kinder sollte man es noch mehr tun“, sagte Karczewski, der als Präsident der zweit­höchsten polnischen Parlaments­kammer und Senats­abgeordneter durch­schnittlich 20.000 Zloty pro Monat bekommt.

Verhandlungen ohne Ergebnis

Die Wut ist so groß, dass kurz vor Ostern nach Angaben der Gewerk­schaften an über 70 Prozent der staatlichen Schulen und Kinder­gärten die Arbeit nieder­gelegt wurde. „Hier befinden sich alle Lehrer im Streik“, sagt Monika Adamowicz, Schul­direktorin einer Mittel­stufen­schule in Slubice, einer kleinen Ortschaft in der Woiwodschaft Masowien.

„Unsere Schüler und deren Eltern verstehen es“, sagt Adamowicz. Und diese Ortschaft ist kein Einzel­fall. Die Zustimmung der Polen zum Lehrer­streik ist zwar rück­läufig, wie aktuelle Umfragen zeigen, doch vor allem in den Groß­städten ist die Solidarität mit den Lehrern noch groß. In den letzten Tagen fanden unzählige Unter­stützungs­kund­gebungen statt.

Am Donnerstag gab es neue Verhandlungen zwischen der Regierung und den Lehrer­gewerk­schaften – ohne Ergebnis. Was für die Schüler, die in diesem Jahr ihr Abitur machen, unangenehme Folgen haben könnte: Wird der Streik fortgesetzt, können die Examens­prüfungen möglicher­weise nicht statt­finden.