Dieser Artikel erschien am 26.03.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Deike Uhtenwoldt

Unterrichten im Ausland : Lehrer ohne Grenzen

Warum denn immer in Deutschland unterrichten? Wer Abenteuer sucht, findet auch im Ausland jede Menge Schulen. Nur die Rückkehr wird oft holprig.

Schüler in Kalifornien
Lernen auf Kalifornisch: Schüler der German International School of Silicon Valley in Mountain View.
©dpa

Einfach mal alles loslassen, Haus­stand auflösen, Heimat verlassen und neu durch­starten. „Einmal komplett auf null setzen“, sagt Michael Koops und schmunzelt in Erinnerung an den Moment, als er von der Schule kam und die Wohn­zimmer­ein­richtung gerade ab­transportiert wurde. „Man muss sich schon darauf ein­lassen.“ Ein­gelassen hat sich der Hamburger Schul­leiter auf eine vergleich­bare Position in Kalifornien, auf den „Head of German Inter­national School of Silicon Valley“. Die von einem Verein engagierter Eltern und Unter­nehmer gegründete Privat­schule im Tal der Tüftler ist eine von 140 Deutschen Aus­lands­schulen, kurz DAS. Sie bietet ein in Deutschland anerkanntes inter­nationales Abitur, wird dabei beraten, finanziell unter­stützt und mit qualifizierten Lehr­kräften gefördert – die Zuwendungen übernimmt das Auswärtige Amt. Lehr­amts­studenten von heute dürfen also nicht nur von der Schule nebenan als möglichem Arbeit­geber träumen, sondern auch von viel ferneren Sehn­suchts­orten. Ein wenig Abenteuer­lust voraus­gesetzt.

Über die Zentralstelle für das Auslands­schul­wesen (ZfA) vermittelt und durch die Länder beurlaubt werden Fachleute wie Michael Koops: Mehr als zehn Jahre hat der Gymnasial­lehrer für Deutsch und Biologie eine bilinguale Schule geleitet und sich dabei unter anderem für eine moderne Medien­aus­stattung stark gemacht. „Den Neubau habe ich komplett mit W-Lan und Beamern aus­gestattet und die Lehrer mit i-Pads versorgt, damit sie kabel­frei kommunizieren konnten.“ Eine ideale Grund­lage für die Bewerbung als Aus­lands­lehrer ins Silicon Valley, wo selbst­fahrende Google-Autos, kreide­freie Klassen­räume oder Schul­konferenzen per Video­über­tragung längst Alltag sind. „Die Entwicklung ist rasant und viel schneller als unsere Planungs­prozesse in den Schulen“, sagt der dreifache Familien­vater.

„Das ist so gar nicht behörden­mäßig“

Dass Koops mal ins englisch­sprachige Ausland gehen wollte, stand seit seiner Tätig­keit als Fremd­sprachen­korrespondent in London fest. Aber das war am Ende seines Studiums, lange vor der Familien­gründung. Wann passt es? „Das muss man sich gut über­legen“, sagt er. Als seine Frau grünes Licht gab, brachte Koops seine Bewerbung auf den Weg. „Das ist ein mehr­stufiges Verfahren.“ Zunächst meldete er Interesse bei seinem Arbeit­geber, der Hamburger Schul­behörde, an, die seine Frei­stellung bewilligte. Die zweite Stufe endete mit einem Bewerbungs­gespräch bei der ZFA in Bonn, die dritte direkt im Silicon Valley: Zusammen mit zwei Mit­bewerbern durchlief Koops eine Art mehr­tägiges Assessment Center, bestand Rollen­spiele, stellte sich den Fragen aus dem Kollegium, der Eltern­schaft und dem Vorstand – zu 80 Prozent in englischer Sprache. Die Zusage bekam er erst ein paar Tage nach der Heimkehr per Mail. „Das ist so gar nicht behörden­mäßig.“

So viel Aufwand wird allerdings nicht immer betrieben. Ein Auswahl­gespräch per Video­konferenz ist durch­aus üblich, und als Orts­lehr­kraft kann man sich direkt bei Schulen auf der ganzen Welt bewerben – man muss dann aller­dings mit den orts­üblichen Bezügen vor­lieb­nehmen. Für einen bundes­deutschen Versorgungs­zuschlag auch für verbeamtete und beurlaubte Orts­lehr­kräfte macht sich zum Beispiel der Welt­verband Deutscher Auslands­schulen (WDA) stark, hinter dem die freien Schul­träger stehen. Zum WDA gehört das Stellen­portal „lehrer-weltweit.de“, auf dem Schulen ihre freien Stellen veröffentlichen und ein Test die Bewerber zu passenden Job­angeboten führt. Fast 3000 Nutzer haben dort ihr persönliches Profil angelegt, sagt WDA-Sprecher Glen Wernecke. Wie viele davon tatsächlich inzwischen im Ausland arbeiten, kann er nicht sagen: „Wir stellen nur die Platt­form zur Verfügung, Auswahl und Verträge kommen direkt zwischen Schulen und Kandidaten zustande.“

Schul­gebäude im Erdbeben­gebiet

Aber man ahnt auch so, dass es schwieriger ist, zum Beispiel die Stelle an der Deutschen Botschafts­schule in Addis Abeba zu besetzen als die im Silicon Valley. „Der Bedarf ist auf jeden Fall da, aber Nach­frage und Angebot passen nicht immer zusammen“, sagt Nelli Eisen, zuständig für die Personal­gewinnung bei der ZFA. Viele Bewerber melden sich bei der Referentin, und fast alle fragen nach den Chancen einer Kandidatur. „Das kann man aber nicht pauschal beantworten, die Anforderungen sind sehr unter­schiedlich“, sagt Eisen, die verbeamtete Lehrer mit mindestens zwei­jähriger Unterrichts­erfahrung vermittelt. Dabei seien Fachlehrer für Natur­wissen­schaften, Mathematik oder Sprachen besonders gefragt, Gymnasial­lehrer stärker als Grund­schul­lehrer oder Neueinsteiger.

„Es geht um die Sicherung und Qualität der deutschen Abschlüsse“, sagt Burghard Ahnfeldt. Der Referent für das Auslands­schul­wesen koordiniert im Sekretariat der Kultus­minister­konferenz (KMK) die Zusammen­arbeit zwischen Ländern und Bund. Die Lehrpläne und Curricula für das Ausland – scherzhaft das 17. Bundes­land genannt – sind ein Konglomerat von dem, was in den 16 heimischen Bundes­ländern gelehrt, gelernt und geprüft wird. Ein Lehrstück in Sachen Föderalismus, wie Ahnfeldt sagt: „Jedes Bundes­land ist für eine andere Region in einem Turnus von vier Jahren zuständig.“ So prüfen Fach­referenten aus Bayern gerade die Abitur­aufgaben für deutsche Schulen in der Türkei und auf der Arabischen Halbinsel, Bremen ist für Nord­amerika zuständig.

Hohe Anforderungen an die Bildung – auch im Ausland

Großer Aufwand, ambitionierte Ziele: Die Aus­lands­schulen in mehr als 70 Ländern sind längst nicht nur Anlauf­stellen für Deutsche, die im Ausland leben. Sie sind auch eine Art Vermittler in Sachen Globalisierung und für die deutsche Wirtschaft, die über sie Nachwuchs gewinnen möchte. „Aus Expat-Schulen sind Begegnungs­schulen geworden“, so KMK-Referent Ahnfeldt. „Einheimische schicken ihre Kinder dahin, weil die deutsche Bildung einen guten Ruf genießt.“ Michael Koops kann das bestätigen. Zumindest was das Qualitäts­management betrifft: „Da ziehen immerzu Teams durch die Klassen­zimmer, Peer-Reviews, Bund-Länder-Inspektoren oder Vertreter vom kalifornischen Privat­schul­verein. Die Schule ist ständig unter Beobachtung.“

Er selbst fand das Leben und Arbeiten in einem multikulturellen Welt­wirtschafts­raum mit Kindern, die schon an vielen Orten der Welt zu Hause waren, und in ständig wechselnden Zusammen­setzungen spannend. Baulich allerdings hatte die German International School of Silicon Valley Nach­hol­bedarf: „Das sah aus wie ein Container­dorf, da war nicht viel.“ Vor allem musste der neue Schul­leiter gleich in seinem ersten Jahr einen Stand­ort umquartieren. „Das Gebäude befand sich auf einer Erdbeben­falte. In den Unter­lagen stand, dass man gar nicht hätte einziehen dürfen, ohne es erdbeben­tüchtig zu machen.“ Koops war im Dauer­ein­satz, beschäftigte Gutachter und eine Rechts­anwältin – viel Neuland für ihn: „Ausland ist immer auch ein Abenteuer, mit dem man so gar nicht rechnet.“

Schlechte Karten für Besser­wisser

Aber auch sonst war richtig Stress angesagt: Der Familien­sprössling wurde nicht richtig heimisch, das Leben war so teuer, dass jeder Wochen­end­aus­flug wohl­über­legt sein musste. Und der Vorstand hielt nicht immer Distanz. „Spricht jetzt ein Eltern­teil oder ein Vorstand mit mir?“, fragte sich Koops bisweilen. Diese Gemengelage führte dazu, dass der Hamburger seinen Vertrag nach zwei Jahren auflöste und nach Nord­deutsch­land zurückkehrte. Auch wenn das ursprünglich anders geplant war. „Die durch­schnittliche Verweil­dauer von Schul­leitern im Ausland liegt bei 4,8 Jahren, normale Lehr­kräfte bleiben tendenziell noch länger vor Ort“, sagt Burghard Ahnfeldt. Aber nach sechs Jahren wäre bei Koops amerikanischem Visum sowieso Schluss gewesen. Und auch so findet der 53-Jährige, der jetzt wieder in Deutschland als Schul­leiter arbeitet, dass er genügend Erfahrung und Kontakte gesammelt hat. „Ich möchte die Zeit nicht missen, ich würde das wieder machen“, sagt er.

Mitgebracht hat Koops mehr als die vielzitierten inter­kulturellen Kompetenzen oder Erfahrungen im Unterricht mit hohen Sprach­förder­anteilen. Vielmehr ist er Impuls­geber für digitales Lernen, weil er erlebt hat, wie unter­schiedliche, von zu Hause mit­gebrachte Geräte den Unterricht entweder torpedieren oder die Kreativität beflügeln können. Einen „Entrepreneur-Club“ für Schüler – inklusive einer preis­gekrönten App für Schüler­fahr­gemein­schaften – oder den ersten Youtube-Kanal an einer deutschen Auslands­schule aufgebaut zu haben: Wie wird das nach einer Rückkehr auf­genommen? „Meine Behörde hat mich dazu nicht befragt“, sagt er.

Ahnfeldt, der in seiner Zeit als Hamburger Referats­leiter viele Lehrer auf ihrem Weg ins Ausland beraten hat, hat auch einen Tipp für die Rück­kehrer parat: „Gehen Sie defensiv mit ihren Erfahrungen um!“ Wer eine besser­wisserische Haltung einnehme und stets vorführe, was er wie im Ausland umgesetzt hat, stoße in den Lehrer­kollegien gerne mal auf Unverständnis. „Die Schulen und Lehr­kräfte im Inland entwickeln sich ja auch weiter.“ Das hofft auch Michael Koops und hat nur die Sorge, dass die Entwicklung alle Planungen über­rollen und Deutschland im Bildungs­bereich abhängen könnte. Seine persönliche Konsequenz: Er will mit einer Unter­nehmerin eine Pilot­schule für Künstliche Intelligenz anschieben. Die schwärmerische Hoffnung: „Das sollte ein Ort der Innovation, der Kreativität und Neu­gestaltung einer Gesellschaft sein.“