Dieser Artikel erschien am 19.08.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Christian Stöcker

Erziehung : Lasst eure Kinder frei!

Die Hälfte der deutschen Kinder ist noch nie auf einen Baum geklettert, und der "Economist" fordert kürzere Sommer­ferien. Da gibt es einen Zusammenhang.

Kinder balancieren über einen umgefallenen Baum.
Kinder, die sich an der frischen Luft aufhalten, sind zufriedener und fitter.
©Getty Images

„Sie kommen an einem schwülen August­abend von der Arbeit nach Hause. Ihr ungewaschener Teenager-Sohn sitzt auf dem Sofa und spielt Fortnite, so wie die voran­gegangenen acht Stunden auch. Ihre Tochter scrollt durch Instagram und reagiert auf ihre Ankunft nur mit einem mürrischen Knurren. Nicht zum ersten Mal fragen Sie sich: Warum sind die Sommer­ferien so unerträglich lang?“

Aus dem “Economist” vom 11. August 2018

Im Rückblick betrachtet, waren meine Eltern ver­antwortungs­lose Leute, jedenfalls, wenn man den heutigen Zeit­geist als Maß­stab anlegt. Warum? Weil sie meine Geschwister und mich allein zur Schule und nach Hause gehen ließen.

Ich habe an meinen Schul­weg als Kind sehr positive Erinnerungen. Auf dem Rück­weg blieben ein Freund und ich immer vor dem Schau­fenster des lokalen „Quelle“-Shops stehen und bewunderten die Digital­uhren im Schau­fenster. Bei einem Tante-Emma-Laden kauften wir im Sommer in Zeitungs­papier eingewickeltes Stangen­eis in Plastik­hülle, zehn Stück für eine Mark, und vernichteten sie, bis wir zu Hause ankamen. Wir balancierten auf Vor­garten­mäuerchen und pfiffen um die Wette. Angst hatten wir nie.

Unsere Welt wird immer ungefährlicher

Das alles durften wir, obwohl die Welt für Kinder damals viel gefährlicher war als heute. In den Siebzigern gab es noch 16 bis 18 Sexual­morde an Kindern pro Jahr, heute sind es zwei bis vier. 1980, als ich zu Fuß zur Schule und nach Hause ging, starben 1159 Kinder unter 15 im Straßen­verkehr. 2016 waren es 66.

Ich kenne Eltern, die es unverantwortlich finden, ein Grund­schul­kind in seinem eigenen Wohn­viertel eine beliebige Weg­strecke unbeaufsichtigt zurücklegen zu lassen. Vor der lokalen Grund­schule gibt es jeden Tag einen Stau, weil Eltern ihre Kinder die 800 Meter von zu Hause bis zum Unter­richt fahren, statt sie zu Fuß gehen zu lassen. Im gleichen Maß, in dem die Risiken für Kinder in der Realität ab­nehmen, wachsen offenbar die Ängste von Eltern.

Das hat, wie so oft, mit der Verfügbar­keits­heuristik zu tun: Weil über Entführungen und Kinds­morde heute so exzessiv berichtet wird, fällt es den Leuten leicht, sich an Gewalt­taten gegen Kinder zu erinnern. Und was leicht aus dem Gedächtnis abgerufen werden kann, wird als wahr­scheinlicher wahr­genommen.

Ermordete Kinder sind so effektiv emotional

Nicht allein journalistische Bericht­erstattung ist der Grund für die gefühlten Risiken. Meine Vermutung ist, dass es zwischen fiktionalen und realen Kinds­morden und -entführungen kaum Unter­schiede gibt, was die Wirkung der Verfügbar­keits­heuristik angeht.

Wenn Sie sich gelegentlich Filme oder Fern­seh­serien ansehen, ins­besondere Krimis, dann haben Sie in den vergangenen Jahren vermutlich zahl­reiche schauerliche Geschichten über entführte und ermordete Kinder durch­lebt. Da hat sich meiner Wahr­nehmung nach etwas verschoben: Früher wurden die entführten Kinder im Kino am Ende meist gerettet. Heute ist ein ermordetes Kind als maximal emotional­isierender Ausgangs­punkt einer TV-Serie ein gängiges Stil­mittel.

Viele dieser auf Elternhorror zielenden Produktionen sind handwerklich hervorragend. „Broadchurch“ zum Beispiel, eine Serie, in der das Leid der Familie eines ermordeten Jungen so plastisch und über­zeugend dargestellt wird, dass Zuschauer, die selbst Eltern sind, es kaum ertragen. Oder „The Killing“, das nach dem gleichen Muster funktioniert. Ich bin sicher, Ihnen fallen spontan noch mehr Beispiele ein.

Es kann das eigene Kind doch jederzeit treffen

In Spielfilmlänge ist Hollywood da bis heute oft gnädiger, aber an dem Narrativ, dass es das eigene Kind jeder­zeit treffen kann, arbeitet auch die klassische Film­branche tat­kräftig mit. Der Schau­spieler Liam Neeson zum Beispiel hat mittler­weile drei Filme mit dem Titel „Taken“ gedreht, in zweien davon wird seine Tochter entführt. Til Schweiger hat als „Tatort“ eine Art Remake davon produziert. Mittler­weile gibt es auch eine “Taken”-Fern­seh­serie. Das Geschäft läuft.

Ich glaube, dass die Unterhaltungs­branche hier von einer ähnlichen Motivation angetrieben wird wie der Journalismus, und ähnliche Mechanismen bedient wie soziale Medien, die Inhalte algo­rithmisch sortieren: Maximale emotionale Wucht verspricht maximale Auf­merk­samkeit. Und was könnte emotionalisierender sein als ein entführtes oder gar ermordetes Kind?

Diese Angstmachmaschine trägt offenbar dazu bei, dass Eltern heute bereit sind, ihren Kindern Freiheit und Unabhängig­keit zu nehmen, um vermeintliche Sicherheit her­zu­stellen. Im „Economist“ waren gerade ein Artikel und ein Meinungs­stück mit der These zu lesen, man solle die Sommer­ferien kürzen, weil die Kinder in all der freien Zeit sich doch ohne­hin nur langweilen und zudem noch ein Drittel dessen vergessen würden, was sie im voran­gegangenen Schul­jahr gelernt haben. Das obige Zitat stammt aus diesem Text.

Wer beim Ballett ist, wird nicht ermordet

Zum einen finde ich die darin vertretene Ökonomisierung von Kindheit und Jugend sehr uner­freulich. Zum anderen behaupte ich: Wenn Jugendliche nichts mit sich anzufangen wissen, dann hat das nicht zuletzt damit zu tun, dass man ihnen ihre gesamte Kind­heit über verwehrt hat, sich frei zu bewegen. Sich selbst eine Beschäftigung zu suchen, allein Freunde zu besuchen und so weiter.

Der durchreglementierte Alltag der Kinder von heute hat ja auch mit diesen Ängsten zu tun: Wer beim Töpfer­kurs oder beim Ballett ist, wird wenigstens nicht entführt. Nichts gegen Ballett­unter­richt oder Töpfer­kurse – aber könnten die Kleinen da nicht vielleicht mit dem Fahrrad hinfahren?

Kinder, die sich an der frischen Luft aufhalten, sind zufriedener, fitter, können sich besser konzentrieren, sind weniger anfällig für Allergien und so weiter. Trotzdem sind sehr viele deutsche Kinder in ihrem Leben noch nie allein auf einen Baum geklettert – 2015 war es knapp die Hälfte. Bei manchen liegt das sicher daran, dass sie in Groß­städten wohnen und es für sie schwierig ist, echte Natur auf eigene Faust zu erreichen. Bei anderen hat es wohl eher mit den Ängsten der Eltern zu tun.

Ich kann die moderne Angst ums Kind emotional gut verstehen. Es gibt kaum einen schrecklicheren Gedanken als den, dass dem eigenen Kind etwas passieren könnte. Es erfordert eine bewusste Anstrengung, diese Angst zu über­winden. Der durch­schnitt­liche Bewegungs­radius von Kindern hat sich seit den Sechzigern von mehreren Kilo­metern auf etwa 500 Meter reduziert, während die Risiken, denen sie tatsächlich aus­gesetzt sind, immer weiter abgenommen haben.

Es wird Zeit, die Kinder wieder freizulassen.

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