Holocaust-Gedenktag : „Ich wollte diesem Rechtsextremen die Stirn bieten“

Im Februar 2019 trifft eine Schülergruppe in der KZ-Gedenkstätte Dachau auf einen rechtsextremen Videoblogger. Er verharmlost vor den Jugendlichen den Holocaust. Der Fall landet vor Gericht. Die Zeugenaussagen der Jugendlichen führen zu seiner Verurteilung. Ein Beispiel für Zivilcourage. Anlässlich des „Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ hat das Schulportal mit zwei Jugendlichen gesprochen, die damals dabei waren.

Annette Kuhn / 27. Januar 2021
KZ-Gedenkstätte Dachau Davidstern
Der Davidstern in der jüdischen Gedenkstätte im ehemaligen KZ Dachau erinnert an das Leid, das Jüdinnen und Juden hier und in anderen Konzentrationslagern erlebt haben.
©Sven Hoppe/dpa

Man könnte einen Strich unter die ganze Sache ziehen. Schließlich liegt sie schon fast zwei Jahre zurück. Aber die Jugendlichen, die damals, im Februar 2019, in der KZ-Gedenkstätte Dachau waren, können und wollen keinen Strich darunter ziehen. Zu sehr wirkt noch immer nach, was sie erlebt haben. Beim Treffen mit Felina und Manuel ist das zu spüren. Selbst wenn dieses Treffen coronabedingt nur per Video stattfinden kann. Felina und Manuel heißen eigentlich anders. Sie möchten ihren wirklichen Namen nicht preisgeben, sie sind vorsichtig geworden infolge der Ereignisse. Aber sprechen wollen sie schon darüber, das ist ihnen wichtig.

Felina und Manuel sind 17 und 16 Jahre alt. Sie besuchen das Gymnasium Kirchseeon, östlich von München. Die Schule trägt den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Das Gymnasium will die Auszeichnung mit Leben füllen. Dazu gehört für die Schule auch eine intensive Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit dem Holocaust. Jedes Jahr machen die 9. Klassen der Schule daher eine dreitägige Studienfahrt in die KZ-Gedenkstätte Dachau. „Wer sich damit beschäftigt, zu welchen Verbrechen Antisemitismus im Nationalsozialismus geführt hat, wird sich in der Gegenwart und Zukunft für Demokratie und Toleranz starkmachen“, sagt einer der Lehrer, die die Jugendlichen vor zwei Jahren bei der Studienfahrt begleitet haben.

Die Jugendlichen merken gleich, dass etwas nicht stimmt

Anfang Februar 2019 fahren Felina, Manuel und die anderen Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs in die KZ-Gedenkstätte Dachau. Am ersten Tag werden die Klassen in kleinere Gruppen aufgeteilt. Eine Referentin der Gedenkstätte führt gerade die Gruppe mit Felina und Manuel über das Gelände, als sie dem rechtsextremen Videoblogger Nikolai Nerling begegnen. Er und ein Kameramann machen Filmaufnahmen – es soll ein Film „gegen den Schuldkult“ werden, so Nerlings eigene Worte. Die Referentin fordert ihn auf, die Dreharbeiten einzustellen. Und sie verlässt kurz die Gruppe, um die Gedenkstättenverwaltung zu informieren.

Während ihrer Abwesenheit spricht Nerling die Jugendlichen an. „Er sagte uns so Dinge wie: ,Ihr müsst nicht alles glauben, was euch hier erzählt wird‘“, erinnert sich Manuel, es sei alles nicht so schlimm gewesen. Felina hat vor allem noch einen Satz im Kopf: „,Rechts kommt von richtig‘ – das schockiert mich noch heute.“

KZ-Gedenkstätte Dachau Eingangstor
Das Tor zur KZ-Gedenkstätte Dachau - Nikolai Nerling schlägt es zu und ruft den Jugendlichen zu, sie seien nun eingesperrt.
©Sven Hoppe/dpa

Nerlings Äußerungen hätten sich an der Grenze des Erlaubten bewegt, er habe Anspielungen gemacht, „aber das Wort Holocaust hat er nicht in den Mund genommen“, so Manuel. Die Jugendlichen merken auch so, dass nicht stimmt, was dieser Mann ihnen sagt. Sie verstehen, dass Nerling die Verbrechen, die im KZ Dachau und in anderen Konzentrationslagern von den Nationalsozialisten verübt wurden, verharmlosen will. Sie verstehen – „aber wir waren erst mal sprachlos“, sagt Felina.

Dann geht Nerling zum Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“, schlägt das Tor zu und ruft den Jugendlichen zu, sie seien nun eingesperrt. Gelacht habe er dabei, „das war einfach schockierend“, erzählt Manuel. Es ist ein Moment, den er nicht vergessen kann. Als die Referentin kurz danach zurückkommt, gerät sie mit Nerling aneinander. Er verhöhnt sie, bis er schließlich von Mitarbeitern der Gedenkstätte des Grundstücks verwiesen wird.

Noch in der KZ-Gedenkstätte Dachau müssen die Jugendlichen Aussagen machen

Ein Lehrer der Schule, der mit einer anderen Gruppe unterwegs ist, sieht aus der Ferne, dass etwas nicht stimmt. Als er bei Felina und Manuel ist, sind Nerling und sein Kameramann schon verschwunden. Zeit, ihrem Lehrer zu erzählen, was passiert ist, bleibt aber nicht. Die Referentin und die Jugendlichen werden in die Verwaltung gerufen. Dort wartet schon die Polizei. Nicht etwa, um Zeugenaussagen gegen Nikolai Nerling aufzunehmen, sondern weil Nerling, umgekehrt, die Referentin wegen Beleidigung angezeigt hat.

Es ist für die Jugendlichen der zweite schockierende Moment an diesem Nachmittag. Wie kann jemand die Wahrheit so verdrehen? Aber jetzt sind Felina, Manuel und die anderen nicht mehr sprachlos: „Wir haben den Polizisten erzählt, wie es wirklich gewesen war.“

Am Abend, als alle Klassen im Max Mannheimer Studienzentrum Dachau zusammenkommen, sprechen die Lehrkräfte und Jugendlichen lange über den Vorfall. Der Austausch habe allen gutgetan. „Und wir haben erst einmal im Internet geschaut, wer Nikolai Nerling eigentlich ist“, erzählt Felina.

Nerling war einige Jahr Grundschullehrer in Berlin, wurde 2018 aber wegen seiner rechtsextremen Haltung aus dem Schuldienst entlassen. Über Videokanäle verbreitet er seine antisemitischen und rassistischen Ansichten. Sein Youtube-Kanal „Der Volkslehrer“ wurde mehrfach gesperrt.

Nikolai Nerling bei einer Demonstration
Der rechtsextreme Aktivist Nikolai Nerling wird bei einer Demonstration gegen Corona-Einschränkungen in Berlin im November 2020 von der Polizei abgeführt.
© Kay Nietfeld/dpa
Es ist nicht etwas, was nur mit der Vergangenheit zu tun hat. Es ist brandaktuell.
Manuel, Schüler eines bayerischen Gymnasiums

Der Besuch der KZ-Gedenkstätte hat bei den Jugendlichen lange nachgewirkt. Sicherlich auch ohne diese Begegnung – aber das Zusammentreffen mit Nikolai Nerling hat ihnen deutlich gemacht, in welchem Ausmaß es Antisemitismus noch immer gibt. „Es ist nicht etwas, was nur mit der Vergangenheit zu tun hat“, sagt Manuel, „es ist brandaktuell.“ Und die Jugendlichen haben eine klare Botschaft daraus gezogen. „Man muss etwas dagegen unternehmen – man darf nicht wegschauen und nicht weghören“, so formuliert es Felina.

An diesem Anspruch müssen sich die Jugendlichen aus Kirchseeon schon bald messen lassen. Wenige Wochen nach dem Vorfall in der Gedenkstätte bekommen sie nämlich Post von der Staatsanwaltschaft, mit der Aufforderung, ihre Aussagen vor Gericht zu wiederholen. Der Spieß wurde umgedreht. Nerlings Anzeige hat keinen Bestand gehabt, dafür wird er nun wegen Volksverhetzung angeklagt.

Vor zwei Gerichten müssen die Jugendlichen wegen des Vorfalls in der KZ-Gedenkstätte Dachau aussagen

Die Jugendlichen bekommen eine Vorladung, sie sollen als Zeuginnen und Zeugen vor Gericht aussagen. „Ich war im ersten Moment wirklich überrumpelt, als der Brief kam“, erinnert sich Felina, „ich habe nicht gedacht, dass das so große Kreise ziehen würde, dass der Fall vor Gericht landen würde.“ Aber sie sagt auch: „Mir war das wichtig, dass wir aussagen, um ihm eine Grenze zu setzen“, sagt Felina.

„Ich hatte vorher noch nie mit der Polizei und einem Gericht zu tun gehabt, das hat mich schon alles sehr eingeschüchtert“, erklärt Manuel. Aber ihm sei wichtig, für Gerechtigkeit einzutreten, und er lehne jede Form von Rassismus ab, also ist für ihn klar: „Ich wollte diesem Rechtsextremen die Stirn bieten.“

Neun Jugendliche sind es schließlich, die im Dezember 2020 noch einmal nach Dachau fahren. Diesmal zum Amtsgericht. Die Jugendlichen, die mittlerweile in der zehnten Klasse sind, treten als Zeuginnen und Zeugen neben der Referentin der Gedenkstätte auf. Aufwühlend sei es gewesen, Nikolai Nerling wiederzusehen, sagt Manuel. Ganz nah bei den Jugendlichen habe Nerling gesessen. Dieser Mann, dessen Haltung sie nicht verstehen können und zutiefst ablehnen. Der Gerichtssaal ist voller Menschen.

Die Jugendlichen müssen sich Kreuzverhören mit Nerlings Anwälten stellen, sie spüren die große Verantwortung, die auf ihnen lastet. Denn von ihren Aussagen hängt ja maßgeblich ab, wie das Urteil ausfällt. „Ich war schon sehr nervös“, gibt Manuel heute zu. Das Gericht spricht Nerling und seinen Kameramann schließlich wegen Volksverhetzung und Hausfriedensbruchs im Dezember 2019 schuldig.

Die Jugendlichen wünschen sich in der Schule eine stärkere Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus, Fake News

Aber der Rechtsextremist aus Berlin geht in Berufung. Ein knappes Jahr später findet daher die Berufungsverhandlung vor dem Landgericht München statt. Wieder sind die Jugendlichen als Zeuginnen und Zeugen geladen. Die Angeklagten sitzen diesmal weiter weg, hinter Plexiglasscheiben. Es ist November 2020, und die zweite Corona-Welle steuert auf ihren Höhepunkt zu. Die Befragung zieht sich. Erst nach zwei Verhandlungstagen verkündet der Richter das Urteil: schuldig. Die Staatsanwaltschaft hat eine sechsmonatige Haftstrafe gefordert, der Richter verhängt eine Geldstrafe von 6.000 Euro wegen Volksverhetzung. Die Verurteilung ist bislang noch nicht rechtskräftig. Nerling hat Revision eingelegt. Vorbei ist es also noch immer nicht.

Aber vorbei kann es für die Jugendlichen ohnehin nicht sein. Die Erlebnisse haben sie verändert. Manuel sagt, so heftig und oft überfordernd die Auseinandersetzung mit den Ereignissen in der Gedenkstätte gewesen sei, so viel habe er dabei doch gelernt – über Rassismus, Antisemitismus, Fake News, Zivilcourage. Felina sagt, dieses Thema sollte auch in der Schule eine größere Rolle spielen, in Projekten, in Debatten, in Workshops. „Hier wird meist Mobbing thematisiert – aber wie man sich verhält, wenn man auf der Straße eine rassistische Beleidigung hört, weiß man nicht. Da traut man sich dann nicht, etwas zu sagen.“

Aber dass Sprachlosigkeit nicht der Weg sein kann, um Rassismus zu begegnen, das wissen Felina und Manuel. Und das wird sie wohl niemals einen Schlussstrich unter das Thema setzen lassen.

Mehr zum Thema

  • Der 27. Januar wurde 2005 von den Vereinten Nationen als „Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“, kurz: „Holocaust-Gedenktag“, eingeführt. Bereits seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“.
  • Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus, befreit.
  • Schulprojekte und Praxisbeispiele zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gibt es auf dem Bildungsserver.
  • Auch die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem bietet Zeitzeugenfilme und Unterrichtsmaterialien für alle Schulstufen.
  • Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Kultusministerkonferenz haben im Dezember 2016 eine gemeinsame „Erklärung zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Kultur und Religion in der Schule“ verabschiedet. Es gibt auch eine Website für Lehrkräfte, die entsprechende, unmittelbar im Unterricht einsetzbare Materialien zu verschiedenen Themenbereichen bereithält.
  • Derzeit arbeiten der Zentralrat der Juden, die Konferenz der Antisemitismusbeauftragten und die Kultusministerkonferenz an einer Empfehlung zum Umgang mit Antisemitismus in der Schule.
  • 2021 ist auch das Jahr, in dem verschiedene Kultureinrichtungen 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feiern. Auf der Internetseite zum Festjahr sind viele Projekte und Veranstaltungen aufgeführt, die aus diesem Anlass in diesem Jahr in Deutschland stattfinden.