Buchtipp : Kita-Entwicklung rückt in den Fokus

In ihrer Publikation „Organisationsentwicklung in Kitas – Beispiele gelungener Praxis“ zeigen die Autorinnen, wie Kitas den vielfältigen Herausforderungen ihres Alltags mit guten Ideen und Pragmatismus begegnen. Ein Fundus für alle, die Kitas weiterentwickeln möchten. Was Kitas und Schulen in der Organisationsentwicklung voneinander lernen können, erklärt Co-Autorin Monika Buhl.

Sandra Hermes / 21. August 2019

Ein immer größerer Betreuungsbedarf, eine hohe Personalfluktuation, gestiegene Ansprüche der Eltern. Wie Kitaleitungen diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen können, darüber liegen – anders als im Bereich der Schulentwicklung – kaum systematische Erkenntnisse vor.  Die Autorinnen des Buches „Organisationsentwicklung in Kitas – Beispiele gelungener Praxis“ wollen Kitaleitungen dabei unterstützen, die Qualität ihrer Kitas systematischer weiterzuentwickeln.

Das Buch von Wissenschaftlerinnen der Universitäten Heidelberg und Hildesheim leistet dabei zweierlei: Es zeigt zum einen anhand zahlreicher, ausführlicher Fallstudien, mit welchen Konzepten Kitas auf die Gemengelage aus Eltern, die immer mehr Erziehung an die Kita delegieren, Kindern, die immer mehr Zeit in der Kita verbringen, und Fachkräftemangel, reagieren. Und zum anderen stellen sie ans Ende jedes Kapitels hilfreiche Reflexionsfragen, die sich aus den dargestellten Best-Practice-Beispielen ergeben.

Systematische Kita-Entwicklung wurde bisher wenig thematisiert

Machen sich Kitaleitungen und -träger an die Beantwortung der Reflexionsfragen, haben sie bereits eine umfassende Bestandsaufnahme ihrer Organisation vollzogen und können sich auf den Weg machen, ihre Problemfelder systematisch zu bearbeiten.

Gab es im Bereich der Schulentwicklung bereits eine ganze Reihe wissenschaftlich fundierter Analysen und Handlungsempfehlungen, sei dies für den Bereich Kita noch relativ neu, so Monika Buhl, Co-Autorin und Professorin für Schulpädagogik an der Universität Heidelberg. Angestoßen durch den Pisa-Schock habe zwar auch in den Kitas immer schon Organisationsentwicklung in den Themenbereichen Ausbau, Inklusion, Sprachförderung und Partizipation stattgefunden, jedoch habe sich das bislang wenig in der Fachliteratur niedergeschlagen, so die Hochschullehrerin. Eine Lücke, die Buhl und ihre Kolleginnen mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung nun schließen.

Ähnliche Herausforderungen in Kita und Schule beim Ausbau des Betreuungsangebots

Dabei gebe es einige Themenbereiche, die sowohl in der Kita als auch in der Schule eine Rolle spielen. Der flächendeckende Ausbau beispielsweise, um dem Anspruch auf einen Kitaplatz ab dem ersten Geburtstag gerecht zu werden, stelle eine ähnliche Herausforderung dar wie der Ausbau zu Ganztagsschulen. Die Frage, wie man die Partizipation von Eltern und Kindern als Ausdruck gelebter Demokratie ermöglichen kann, stelle sich in Kita- und Schulentwicklung gleichermaßen. Und auch der Umgang mit fehlenden Fachkräften und die Integration von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern sei ein Thema, das Schule und Kita betrifft.

Wie Kitas den Schulstart für Erstklässler erleichtern

Besonders an den Schnittstellen der Systeme sei es sinnvoll voneinander zu lernen und eng zusammenzuarbeiten. Sowohl Schule als auch Kita können zum Beispiel abgestimmte Strategien für den Schulstart entwickeln. Wichtig sei es, so Buhl, dass es schon vorher Kontakt zu den potenziellen Schulen gebe. Ein Schulbesuch der Kitagruppe und ein Besuchstag von Schulkindern in der Kita nehme Berührungsängste  und mache  die Zukunft für die Kinder greifbarer. „Ein emotionales Übergangsmanagement hat einen viel stärkeren Effekt als jedes Kinderbuch und kann auch schon einige Monate vor der Einschulung beginnen”, sagt Buhl.

Ein emotionales Übergangsmanagement hat einen viel stärkeren Effekt als jedes Kinderbuch und kann auch schon einige Monate vor der Einschulung beginnen
Monika Buhl, Bildungsforscherin der Universität Heidelberg

Der Start in die erste Klasse kann natürlich nur gelingen, wenn die Kita die notwendigen Kompetenzen  vermittelt. Die Etablierung einer gezielten Vorschularbeit ist daher ein wichtiger Schwerpunkt der Kita-Entwicklung. Dazu gehört die Sprachkompetenz ebenso wie Feinmotorik und Alltagskompetenzen. Letzteres habe in den vergangenen Jahren eine immer größere Bedeutung bekommen, so eine der befragten Kita-Leiterinnen, da Kinder, die lange in der Kita betreut werden, das Alltagsleben zu Hause (z.B. Einkaufen, Kochen etc.) kaum noch mitbekommen.

Was Schulen von Kitas lernen können

Kann die Schulentwicklung auch etwas vom Qualitätsmanagement in Kitas lernen? „Auf jeden Fall“, findet Buhl und nennt als Beispiel das Arbeiten in multiprofessionellen Teams, in denen Erzieherinnen und Erzieher mit Heil- oder studierten Elementarpädagoginnen und -pädagogen zusammenarbeiten. Da der Mangel an Erzieherinnen und Erziehern in Kitas schon lange ein Thema ist, wurde der Einsatz von Personal, das mit ganz unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten in eine Einrichtung kommt, häufig aus der Not geboren.

In ihrer Publikation zeigen die Autorinnen aber, wie einige Einrichtungen daraus eine Tugend machten, indem sie eigene Fachschulen aufbauten, die verstärkt Quereinsteigerinnen  und Quereinsteiger ausbilden oder einen Vertretungspool organisieren, der nicht nur ein Notnagel ist, sondern dem Personal dadurch regelmäßig die Chance gibt, eine andere Kita kennenzulernen.

„Wir stehen erst am Anfang!“ Mit diesem Satz beenden die Autorinnen ihr Buch und laden alle Leserinnen und Leser ein, weitere Beispiele für gute Kita-Entwicklung beizusteuern. Diese können auf der Internetseite veröffentlicht werden, auf der interessierte Pädagoginnen und Pädagogen auch weiteres Material für ihre praktische Arbeit finden.

Auf einen Blick

Mieth, Cindy (unter Mitarbeit von Jill Baier, Monika Buhl, Tanya Freytag, Carola Iller): Organisationsentwicklung in Kitas – Beispiele gelungener Praxis, Hildesheim: 2018.

In vier Bereichen werden Best Practice Beispiele aus elf Kitas vorgestellt:

  • Partizipation und Elternbeteiligung: Kinderrat, Elternbefragung und mehr
  • Leitung: Mehrfachrolle, Aufgabenprofile und Leitungsmodelle
  • Personal: Fachkräftebindung und Teamkultur
  • Wachstum: Von Umbau- und Ausbauprozessen

Hier geht’s zum kostenlosen Download.

Mehr zum Thema

Am 17. September 2019 findet die Fachkonferenz “Kita-Entwicklung braucht Vernetzung” in Berlin statt. Veranstaltet wird sie von den Herausgebern des Handbuchs – der Robert Bosch Stiftung und den Universitäten Heidelberg und Hildesheim. Noch bis 30. August können sich Interessierte dazu anmelden.