Vorlesemonitor : Kindern wird immer seltener vorgelesen

Nach einer aktuellen Studie wird knapp 40 Prozent der Kinder selten oder nie vorgelesen. Vor allem in bildungsfernen Familien spielen Bücher oft keine Rolle. Die Kinder sind deshalb von Anfang im Nachteil.

Dieser Artikel erschien am 07.11.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Mutter und Tochter lesen zusammen
Kinder, denen vorgelesen wird, haben es später leichter.
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39 Prozent der ein- bis achtjährigen Kinder wird selten oder nie vorgelesen. Das geht aus dem Vorlesemonitor der Stiftung Lesen in Zusammenarbeit mit der Deutsche Bahn Stiftung und der Zeit Stiftung hervor. Die Gründe für das rückläufige Vorlesen können fehlende Kinderbücher sein, vor allem aber sind die Eltern für die Häufigkeit des Vorlesens verantwortlich.

Offensichtlich lesen Eltern mit formal geringer Bildung ihren Kindern selten oder nie vor. Damit sind diese Kinder, die meist auch weniger Bücher zuhause haben, von vorneherein benachteiligt. Sie beginnen ihre Schulzeit schon mit einem Abstand zu Kindern, denen regelmäßig vorgelesen wird, der sich in der Schule eher noch vergrößert.

Jens Brandenburg (FDP), der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium und Mitglied im Kuratorium der Stiftung Lesen, sagte, Vorlesen leiste einen elementaren Beitrag dazu, dass Kinder ihre Bildungschancen voll ausschöpfen könnten. „Regelmäßiges Vorlesen ist nicht nur förderlich für die späteren Sprach- und Lesekompetenzen, sondern auch für die Phantasie und stärkt zudem die Eltern-Kind-Beziehung“, sagte Brandenburg.

Viele Eltern fangen erst spät mit dem Vorlesen an

Wie der Vorlesemonitor berichtet, fangen viele Eltern aber sehr spät mit dem Vorlesen an (mit oder nach dem zweiten Geburtstag der Kinder) und hören schon mit dem Schuleintritt wieder auf. Es sei wichtig, Eltern im Vorlesen zu bestärken und auch die Vorstellung vom Vorlesen weiter zu fassen – etwa durch das Erzählen und Betrachten von Bildern schon vom ersten Lebensjahr an, forderte die Stiftung Lesen.

Die Deutsche Bahn Stiftung hält eine Trendumkehr für dringend erforderlich. „Um die Abwärtsspirale der immer stärker abnehmenden Vorleseaktivitäten in Familien mit formal geringer Bildung der Eltern zu stoppen, müssen wir noch gezieltere Unterstützung leisten“, fordert die Stiftung. Denn Kinder, denen selbst vorgelesen wurde, werden auch ihren eigenen Kindern eher vorlesen.

Die Zeit Stiftung hält die bisherigen Fördermaßnahmen für unzureichend. Nur eine verbesserte Verfügbarkeit von Büchern und digitalen Vorlesematerialien könne dazu beitragen, dass Eltern ihren Kindern öfter vorlesen und durch das Selbstlesen die Kinder zum Lesen animieren. Für den Vorlesemonitor wurden 2022 in persönlichen Interviews 800 Eltern befragt. Durch einen jährlich vergleichbaren Fragenkatalog lassen sich Entwicklungen erkennen.