Kinderbücher zu Krieg und Flucht : „Dafür bist du noch zu klein” – oft ein Zeichen von Überforderung

Der Krieg in der Ukraine ist auch für Kinder allgegenwärtig. Und selbst wenn sie Krieg, Flucht und Gefahr nicht selbst erleben, erfahren sie über die Medien, Social Media oder über die Gespräche der Erwachsenen viel darüber. Daher ist es wichtig, diese Themen aufzugreifen und die Kinder nicht mit ihren Fantasien und Ängsten allein zu lassen. Wie können Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte Kinder in diesem Prozess begleiten? Und wie können Kinderbücher dabei helfen? Zum „Welttag des Buches“ hat das Deutsche Schulportal mit Carolin Hoolachan darüber gesprochen. Sie ist Dozentin an der „Pro Inklusio – Fachschule für Sozialpädagogik“ in Berlin und hat selbst ein Kinderbuch über Krieg und Flucht geschrieben. Dazu gibt es hier auch Buchempfehlungen für verschiedene Altersstufen.

Britta Klar 22. April 2022 Aktualisiert am 02. Mai 2022
Zwei Kinder lesen gemeinsam ein Buch Kinderbücher über Krieg
Gute Kinderbücher regen zum Dialog an und lassen Kindern Raum für Kreativität
©Andrew Ebrahim/Unsplash

Deutsches Schulportal: Es gibt Themen, die im Gespräch mit Kindern schwer in Worte zu fassen sind – vor allem in die richtigen. Das Thema Krieg gehört dazu. Aber gibt es überhaupt ein Alter bei Kindern, ab dem das Thema Krieg besprochen werden muss oder kann?
Carolin Hoolachan: Vielleicht ist es ein erster Schritt, wenn wir als Erwachsene nicht in den Kategorien „Richtig“ und „Falsch“ denken. Ich würde erst mal eher darüber nachdenken, welche Antworten für den Gedankenprozess des Kindes hilfreich sind und welche nicht. Und da ist man dann auch gleich bei der Frage des „richtigen Alters“: Meinen Studierenden empfehle ich immer, sich entwicklungsangemessen und nicht altersangemessen zu orientieren.

Wenn wir Kinder nach Alter kategorisieren, denken wir nicht inklusiv, weil wir davon ausgehen, dass alle Kinder im selben Alter die gleichen Kompetenzen entwickelt haben. Dem ist aber nicht so. Für mich als Mutter zweier Kinder gilt die Regel, dass ich Fragen zu bestimmten Themen immer dann beantworte, wenn sie mir gestellt werden. Ein „Dafür bist du noch zu klein“ ist aus meiner Sicht oft eher ein Zeichen von Überforderung der Erwachsenen.

Trotzdem gibt es gerade jetzt viele Fragen, die sehr herausfordernd sind. Wir haben nicht auf alles eine Antwort – manchmal müssen wir eingestehen, dass wir etwas nicht wissen, und es trotzdem so formulieren, dass ein Kind das verstehen kann.

Wie viel Ratlosigkeit, Trauer und Wut darf man als Erwachsener in einem Gespräch über den Krieg mit Kindern zeigen?
Das ist eine schwierige Frage. Grundsätzlich glaube ich, dass Kinder in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung eher gefördert werden, wenn wir unsere Gefühle wahrnehmen und benennen, darüber sprechen und zeigen, dass sie da sind.

Letzte Woche starb mein Patenkind. Es hatte viele schwere Behinderungsformen, und es war ein Wunder, dass er volljährig wurde. Als ich die Nachricht erhielt, brach ich in Tränen aus – vor meinen Kindern. Sie sehen mich selten weinen, aber was wäre die Alternative? Emotionen verstecken, überspielen und abends heimlich weinen, wenn die Kinder schlafen? Welche Botschaft transportiere ich mit solch einem Verhalten? Schließlich möchte ich, dass meine Kinder auch diese emotionalen Kompetenzen entwickeln dürfen. Wo sonst sollen sie dies lernen, wenn nicht im geschützten Rahmen der Familie? Im System Schule kommt dies aus meiner Sicht eher zu kurz.

Beziehungskompetenz stärken

Was die Frage aufwirft, inwieweit Eltern und Lehrerinnen und Lehrer vielleicht gerade jetzt auch gemeinsam agieren sollten, um Kinder mit ihren Ängsten und Fragen aufzufangen. Macht zum Beispiel eine wöchentliche Schulstunde Sinn, in der man mit den Kindern spricht?
Ja und nein. Eine wöchentliche Schulstunde zum Thema Gefühle oder soziales Miteinander würde ich sehr begrüßen – das Thema Krieg verpflichtend für alle Kinder zu integrieren fände ich aber eher schwierig.

Im neuseeländischen Curriculum ist die Schlüsselkompetenz „Zu anderen in Beziehung treten“ eine von fünf übergeordneten Kernkompetenzen. Zu anderen in Beziehung treten kann ich aber nur dann, wenn ich mit mir selbst in Beziehung bin. Also eigene Emotionen wahrnehme, formuliere und die Fähigkeit habe, meine Perspektive zu wechseln. So ist die Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen gleichwertig wie beispielsweise Sprache und symbolisches Denken.

In unserem Curriculum sehe ich viele abzuhandelnde Themen, die jedoch ohne konkrete Idee, warum diese eine Rolle spielen, abgehandelt werden müssen. Wie diese vermittelt werden, wo die Schwerpunkte zu setzen sind, obliegt der Lehrkraft.

Gute Kinderbücher laden zum Dialog ein, bieten einen Rahmen dafür, zu veranschaulichen, und sorgen gleichzeitig für eine gewisse Distanz.

Wie können Bücher den Lehrkräften helfen, schwere Themen wie Krieg oder Flucht zu vermitteln und die Kinder dabei unterstützen, eventuell vorhandene Ängste zu verarbeiten?
Ich glaube, Bücher haben – gerade wenn es um solch schwere Themen geht – den Vorteil, dass ich mich als Leserin oder Leser an Formulierungen oder Perspektiven halten kann, für die ich selbst keine guten Worte hätte. Zudem laden gute Kinderbücher zum Dialog ein, lassen Raum für das, was Kinder zu erzählen haben. Sie bieten einen Rahmen dafür, zu veranschaulichen, und sorgen gleichzeitig für eine gewisse Distanz.

Kinderbücher vorher selbst lesen

Aber wie sollten Lehrkräfte – oder auch Eltern – entsprechende Bücher auswählen? Worauf sollten sie bei der Auswahl achten?
Ich würde immer empfehlen, Kinderbücher vorher selbst zu lesen, Fragen zu antizipieren oder auch Forschungsfragen zu formulieren, die ich als Fachkraft stellen könnte. Im dialogischen Vorlesen sollte dann aber auch das aufgegriffen werden, was von den Kindern kommt. Kita-Kinder lieben es oft, Bücher direkt danach nochmals zu lesen, und noch mal und noch mal. Also kommt es vielleicht gar nicht so sehr darauf an, wie viele Bücher ich habe, sondern eher darauf, ob das Buch, das ich ausgewählt habe, mit einem hohen Maß an Raum und Zeit gelesen werden kann.

Und was macht so ein gutes Buch zum Thema aus?
Mit dieser Frage habe ich mich – auch im Rahmen meines Berufs als Dozentin – schon oft beschäftigt. Zusammen mit Studierenden sind im Laufe der Jahre viele Kriterien entstanden, die ich hier gern einmal teile:

  • Ein gutes Kinderbuch stellt alle Menschen individuell, gleichwertig und mit einer eigenen Persönlichkeit dar.
  • Ein gutes Kinderbuch schränkt Kinder nicht auf festgelegte Rollen ein.
  • Ein gutes Kinderbuch enthält keine Stereotypen und diskriminierende Abbildungen oder Inhalte.
  • Ein gutes Kinderbuch bietet Kindern mit unterschiedlichen Vorerfahrungen Identifikationspotenzial.
  • Ein gutes Kinderbuch regt Kinder an, ihren Horizont zu erweitern.
  • Ein gutes Kinderbuch motiviert Kinder zu einem erweiterten Handlungsspielraum .
  • Ein gutes Kinderbuch regt Kinder an, ihren Gefühlswortschatz zu erweitern.
  • Ein gutes Kinderbuch eröffnet Kindern einen Zugang zu einem empathischen Miteinander.
  • Ein gutes Kinderbuch bricht klassische Geschlechterrollen auf.

Es gibt sicherlich Bücher, die nicht alle dieser Kriterien für alle Kinder erfüllen. Dennoch bieten sie einen gewissen Orientierungsrahmen.

Bücher über Krieg und Flucht in der Gruppe lesen

Können Kinder die Bücher zu den schweren Themen allein lesen, oder sollte das Lesen immer mit den Eltern oder im Klassenverband stattfinden?
Bücher zu schweren Themen wie Krieg, Tod und Trauer würde ich eher in kleinen Gruppen lesen. So kann die pädagogische Fachkraft die Bereitschaft zum Gespräch signalisieren. Selbst im Klassenverband wäre aus meiner Sicht darauf zu achten, wie die Gruppe zusammengestellt ist. Es gibt in Berlin so viele Klassen, in denen nicht betroffene Kinder neben Kindern sitzen, die geflüchtet sind oder um ihre Familie in den Kriegsgebieten besorgt sind. Das ist bei Klassenstärken von mehr als 20 Kindern auf eine Fachkraft schwierig zu leisten.

Wenn es um Buchbetrachtungen geht, würde ich den Aspekt der Freiwilligkeit recht hoch setzen: also anbieten statt zum Zuhören verpflichten. Das Lesen und Vorlesen sollte eher eine Einladung an die Kinder sein.

Es gibt nichts Ungerechteres, als alle Kinder gleich zu behandeln.

Zumal man als Lehrerin oder Lehrer, als Erzieherin oder Erzieher auch nicht immer weiß, auf welchem Stand die Kinder einer Klasse sind. Manche wollen reden, andere nicht – wie geht man damit um?
Mit der Bereitschaft, zu zeigen, dass jeder Umgang damit okay ist. Wir gehen alle unterschiedlich mit unseren Emotionen um – das muss auch okay sein. Wenn Fachkräfte es also schaffen, den Kindern, die Fragen haben und reden wollen, den Rahmen zu bieten, und gleichzeitig auch erkennen, dass andere Kinder davon überfordert sind, und dann Alternativen bieten, ist schon ganz viel getan. Einheitliche Lösungen halte ich dabei für wenig hilfreich. In unserem Kindergarten gab es die Debatte zweier Elterngruppen. Die einen argumentierten mit „Die Kinder sind zu klein, sollen geschützt werden, und deshalb soll das Thema nicht bearbeitet werden“, die anderen argumentierten mit „Das ist eben da draußen los, und wir können das doch nicht verheimlichen oder zensieren“.

Wenn am Ende die Kinder entscheiden – wenn sie also mit ihren Fragen willkommen sind und das ebenso akzeptiert wird wie das Nichts-davon-wissen-Wollen, dann wäre das aus meiner Sicht eine gute Lösung. Es gibt nichts Ungerechteres, als alle Kinder gleich zu behandeln.

Zur Person

  • Carolin Hoolachan hat Erziehungswissenschaften und Psychologie studiert und ist Dozentin und Jahrgangskoordinatorin an der „Pro Inklusio – Fachschule für Sozialpädagogik“ in Berlin.
  • Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin hat Carolin Hoolachan zunächst zehn Jahre in der pädagogischen Praxis gearbeitet, erst im Kita-Bereich, später mit Jugendlichen mit Fluchthintergrund.
  • Carolin Hoolachan hat im Jahr 2016 mit einem Crowdfunding-Projekt das Kinderbuch „Nora und Beshir“ geschrieben, ein Buch über Krieg, Flucht und Neuanfänge.
Carolin Hoolachan
©privat

Buchempfehlungen zum Thema

Die Altersangaben zu den Büchern sind nur Richtwerte und vor dem Hintergrund der individuellen Situation und des Informationsstands eines Kindes oder eines/einer Jugendlichen zu betrachten.